Ein Jahr mit Folgen

A-Z 1982 Sie dachten, 2011 war ereignisreich? Mag sein, aber es war nichts im Vergleich zu 1982: Retortenbaby, C64, Misstrauensvotum, Computerviren, Emoticons und Pop-Zitate

Attentate

Ein Mordanschlag, der höchstwahrscheinlich gar keiner war. Als Paul Eßling sich am Mittag des 31. Dezember 1982 in seinen Lada setzte, war er außer sich. Seine Freundin hatte gerade mit ihm Schluss gemacht. Außerdem war er, ein Ofensetzer, tief frustriert, weil er den DDR-Bonzen in Wandlitz Kamine und Öfen einbaute und sah, in welchem Luxus sie lebten. Er raste also über die Landstraße und traf auf den Konvoi des Staatsratsvorsitzenden Honecker. Er wurde abgedrängt, später zum Stehen gebracht. Dann fielen Schüsse. Ein Sicherheitsbeamter wurde getroffen, Eßling richtete sich selbst. Ein tragischer Zufall, wohl nicht mehr – Untersuchungen in den neunziger Jahren deuten darauf hin. Der Attentatsversuch auf den Papst im Mai desselben Jahres, unternommen von einem Priester, hingegen war wirklich so gemeint. Johannes Paul II. war dem Attentäter zu progressiv. Das mag man kaum glauben, aus heutiger Sicht. Mark Stöhr

Bowie

1982 war das Pop-Jahr, das Jahr, als Pop das Zitat entdeckte. Das Jahr von David Bowie war es aber nicht, es erschien bloß ein Best-of-Album. Das Bowie-Jahr sollte 20 Jahre später kommen. 2002 erschien Heathen. „Down in space it‘s always 1982“, singt Bowie da in „Slip Away“. Mit seinem sphärischen Sound erinnert der Song aber eher an die Siebziger, kein Wunder, wurde er doch von Tony Visconti produziert, der die wichtigsten Bowie-Alben jener Dekade produzierte. Eigentlich erinnert der Song aber verflixt an „Space Oddity“ von 1969 – das einzige Stück des gleichnamigen Albums, das Visconti nicht in Form gebracht hat. Ist ja alles auch nur ein Witz: „Down in space it‘s always 1982/The joke we always knew.“ Michael Angele


1982 war das Jahr meines ersten toten Generalsekretärs: Leonid Bresch­new. Ich erinnere mich gut, in der Schule mussten am Tag nach seinem Ableben die Streiche anlässlich des 11. 11. ausfallen. Wir fanden das doof, hatten aber jenes Verständnis, dass Kinder in solchen Fällen aufbringen können. Für Kreml-As­trologie interessierten wir uns damals so wenig, wie wir ahnten, dass der KPdSU-Mann aus Kamenskoje einmal als hässliche Ikone des Realsozialismus überdauern würde: Allein dieser Kuss mit Honecker! Ob seine Nachfolger Andropow und Tschernenko ähnlich mit Bruderliebe bedacht wurden? Vielleicht war dafür die Zeit zu kurz. Beide starben für uns, die wir ewige Generalsekretäre gewohnt waren, allzu rasch. Tom Strohschneider

C 64

In Zeiten, in denen man smarte Telefone mit Gigahertz-Prozessoren in der Hosentasche trägt, fällt es gar nicht leicht, sich daran zu erinnern, was der Siegeszug des Commodore 64 bedeutete. Der liebevoll bis spöttisch „Brotkasten“ genannte Rechner mit 64 Kilobyte Arbeitsspeicher (siehe Foto) wurde 1982 erstmals verkauft. Er befreite die PCs aus den Büros und machte den „Heimcomputer“ wohnzimmerfähig. Sein Bildschirm leuchtete blau, der Cursor blinkte aufmunternd. Man tippte Befehle wie „Run“, „List“ oder „Copy“ ein, damit sich etwas tat. Es war rudimentär, die Möglichkeiten überschaubar. Und diese Überschaubarkeit war extrem beruhigend. Jan Pfaff

Friedensbewegung

Die deutsch-deutschen Peace-Aktivisten hatten 1982 ihre große Stunde. Auf beiden Seiten. Als im Juni der damalige US-Präsident Reagan zum Nato-Gipfel in Bonn eintraf, wurde er von 400.000 Demonstranten empfangen. Sie protestierten gegen die Stationierung von Pershing-II-Raketen in Deutschland und forderten eine „atomwaffenfreie Zone in Mitteleuropa“. Auf der anderen Seite der Grenze hatten der Pfarrer Rainer Eppelmann und der Chemiker Robert Havemann den „Berliner Appell – Frieden schaffen ohne Waffen“ initiiert, als Pendant zum Krefelder Appell. 35 DDR-Bürger unterzeichneten den Berliner Appell – er wurde im Westen veröffentlicht und im Februar in der Dresdner Kreuzkirche vorgetragen. Ein feindlicher Angriff für Mielke Co.: Pastor Eppelmann wurde verhaftet. Der aus der Bibel stammende Slogan „Schwerter zu Pflugscharen“ wurde erst im Osten, dann im Westen zum Friedenssymbol. Maxi Leinkauf


Gäbe es das Jahr 1982 nicht, müsste man es dringend erfinden. Es ist schließlich Bestandteil der Sozialkunde-Abiturprüfung: 1982 war erstmals in der Bundesrepublik ein konstruktives Misstrauensvotum erfolgreich. Helmut Kohl gewann damals die Abstimmung gegen Helmut Schmidt. Er wurde Bundeskanzler, hüllte sich in den Mantel der Geschichte, wurde Landschaftsgärtner und brach ehrbarerweise sein Wort nicht.

Ansonsten passierte 16 Jahre lang überhaupt nichts, bis sich sein Nachfolger Gerhard Schröder in einen Mantel von Brioni hüllte und Hartz IV erfinden ließ. Helmut Schmidt ist nach wie vor in eine Rauchwolke gehüllt, ein paar Konstanten braucht man einfach. Klaus Raab


Wenn in diesen Tagen der US-amerikanische Moderator David Letterman sein 30-jähriges Late-Night-Jubiläum feiert, ist das schon insofern erwähnenswert, als er auch hierzulande stil- und formatbildend wirkte und wirkt. In den USA gibt es heute, nach dem Tod von Lettermans Vorbild Johnny Carson, diverse Shows, in die sich die Late Show with Letterman, die Anfang 1982 erstmals ausgestrahlt wurde, nur einreiht. Für die deutsche Late-Night – und die ist eng mit Harald Schmidt verbunden, da weder Anke Engelkes noch Thomas Gottschalks oder Thomas Koschwitz’ Versuche nachhaltig relevant waren – war Letterman anfangs die Referenzgröße. Wollte man die Geschichte der Late Night mit den Figuren der Playmobil-Burg nachspielen, wäre Carson also der Zauberer im Turm. Aber Letterman der mit der Krone. raa

Literatur

„Für eine Poesie, die mit der Wirkung einer Naturkraft Schicksal und Träume eines Kontinents lebendig macht“, lautete 1982 die Begründung für die Verleihung des Literaturnobelpreises an den Kolumbianer Gabriel Garcia Márquez. Indirekt wurden mit der Verleihung auch Márquez’ schriftstellerische Qualitäten auf nicht-fiktionaler Ebene geehrt. 1955 begann er als Korrespondent für das liberale Blatt El Espectador zu arbeiten. Es folgten zahlreiche Reisen in den Ostblock, eine umstrittene Freundschaft mit Fidel Castro und eine Fülle politischer Artikel und Interviews. Sein Widerstand gegen den Putsch Pinochets 1973 äußerte sich in dem Entschluss, bis zum Sturz des Diktators keine Zeile Literatur mehr verfassen zu wollen. Diesen Vorsatz brach er aber 1981. Das Preisgeld des Nobelpreises investierte Márquez in die Gründung einer neuen kolumbianischen Tageszeitung mit dem Namen El Otro. Juliane Löffler

Musik

Wenn man auf 1982 musikalisch zurückblickt, weiß man gar nicht, wo man anfangen soll (➝Bowie). Michael Jacksons Album Thriller erschien (bis heute das meistverkaufte Album der Musikgeschichte), Culture Club wurden zu den Gallionsfiguren der New Romatic („Do you really want to hurt me?“), während Human League mit ihrem Song „Don‘t you want me?“ den Synthie-Pop massenkompatibel machten. In Deutschland trieb ➝Trio den Dadaismus der Neuen Deutschen Welle mit „Da, da, da“ auf die Spitze. Die Ärzte und die Toten Hosen gründeten sich und definierten Deutsch-Punk, während der Österreicher Falco mit dem „Kommissar“ die internationalen Charts eroberte. Alberne, Jahrzehnte überdauernde Gröl-und Schunkel-Hits schufen die Spider Murphy Gang („Skandal im Sperrbezirk“) und Gottlieb Wendehals („Polonäse Blankenese“) während die sanfte Nicole mit „Ein bisschen Frieden“ den Grand Prix gewann.

Ach ja – Abba trennten sich auch 1982. Aber zu Hits wie „Tainted Love“, „Under Pressure“ oder „Kids in America“ tanzend, konnte man sich darüber relativ schnell hinwegtrösten. Sophia Hoffmann

Retortenbaby

Die künstliche Befruchtung kam 1982 nach Deutschland. Mit Oliver Wimmelbacher wird am 16. April das erste deutsche Retortenbaby geboren – vier Jahre nach dem allersten in vitro gezeugten Menschen, Louise Joy Brown aus Oldham in Großbritannien. Per Kaiserschnitt im Uni-Klinikum Erlangen geboren, war Oliver eine medizinische Sensation und Hoffnungsbringer für kinderlose Familien. Heute ist die In-vitro-Fertilisation eine Routinemaßnahme. Laut deutschem IVF-Register wurden 2010 in Deutschland rund 76.000 Behandlungen vorgenommen; 1982 waren es 742 Eingriffe. Bereits als Oliver Wimmelbacher seinen 18. Geburtstag feierte, mied er den Medienrummel um seine Person. Seinen 30. wird er wohl ebenfalls eher ruhig begehen. Tobias Prüwer

Trio

Kaum einer Band tut man so sehr Unrecht damit, sie auf ihren größten Hit zu reduzieren, wie Trio. „Da, da, da“ von 1982 hat zwei der drei Musiker zwar reich und berühmt gemacht, aber gleichzeitig auch dafür gesorgt, dass das Einzigartige dieser Band von den meisten verkannt wurde. Es gibt wenige Gruppen, die so gut zusammen funktioniert haben wie die drei aus Großenkneten. Mit ihrer Mischung aus radikaler Reduktion, anarchischem Furor, genialen deutsch-englischen Texten, Wut, Lakonie und stilistischer Vielseitigkeit ist Trios erstes Album auch nach 30 Jahren noch so erfrischend rotzig und energiegeladen, wie viele Punkbands es nie waren: „Immer nur besoffen, um das alles zu ertragen und dann fliegen endlich Steine und du fragst immer noch wieso. Ja, ja, ja!“ Holger Hutt

Virus

1982 ist auch ein Einschnitt, weil sich in diesem Jahr das erste Computervirus verbreitet. Mit Elk Cloner betritt ein sich selbstkopierendes Schadprogramm die digitale Weltbühne. Vom 15-jährigen Schüler Rich Skrenta in Pittsburgh geschrieben, fand der Virus über Disketten Verbreitung: Er nistete sich im Speicher ein und schrieb sich auf andere Disketten, die neu ins Laufwerk geschoben wurden. Bei jeder 50. Programmausführung erschien ein im Stolperreim verfasstes Gedicht. Schaden richtete Cloner nicht an, es war nur ein kleiner Scherz. Spitzeln, sabotieren, zerstören – das blieb späteren Virengenerationen vorbehalten. TP


Am 19. September 1982 schlug der Informatiker und spätere Uni-Professor Scott E. Fahlmann in einem Onlineforum der Carnegie Mellon University in Pennsylvania vor, aus Doppelpunkt, Bindestrich und Klammer das Signet eines seitwärts nachgebildeten Lachens zu bilden, um in der Schriftsprache Scherze zu kennzeichnen. Über die Jahre bekam der Smiley unzählige Geschwister, die sogenannten Emoticons, die heute ein so fester Bestandteil unserer virtuellen Kommunikation sind, dass wir sie oft schon unbewusst verwenden. Außer wohl jene Emoticon-Hasser, die die Gefühlslage-Indikatoren nur kindisch und unseriös finden. Irgendwie auch zu Recht, aber das ist ja gerade das Schöne daran :-) SH

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12:00 30.01.2011

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