Ein Jesus

Live 8 Bob Geldof kämpft vor allem gegen die Zeit

Seit dem Live 8-Samstag ist klar: der Kreis der absoluten Gutmenschen hat Zuwachs erhalten: in der englischen Sonntagspresse wird das ehemalige Boomtown Rats One-Hit-Wonder (I don´t like Mondays) Bob Geldof in einem Atemzug mit Gandhi, Jesus und Nelson Mandela genannt. Zur Erinnerung: Gandhi befreite Indien, Jesus heilte Lahme und Kranke, Mandela schaffte die Apartheid ab und Geldof den Hunger.

So weit so gut. Leider ist in einer linken Zeitung kein Platz für Schönschwärmereien über Rockkonzerte, die mehr als Zwei-Drittel der Menschheit in Wohlfühlstimmung versetzen. Vor 20 Jahren, als Live Aid zum ersten Mal über die Bühne ging, wäre es von linken Kulturzeitschriften einfach ignoriert, ja totgeschwiegen worden. Auch Die Zeit widmete dem Ereignis damals nur eine Zwergen-Meldung, die im Nachhinein aber vielleicht als Richtungswechsel der deutschen Bildungseliten im Verhältnis zur Rockmusik in die Geschichte eingehen muss. Noch etwas ungläubig fragte man sich, ob "die Süchtigen und Verruchten das neue Gewissen der Welt" seien. Bald zweifelte auch das deutsche Feuilleton nicht mehr an den hehren Idealen des Pop. Ein Imagewandel, der sich ohne das Afrika-Engagement von "Saint Geldof" nicht vollzogen hätte.

Leider schreibt sich Bob aber noch ganz andere Verdienste auf seine Kappe. Zum Beispiel, dass Hunderttausende Äthiopier, ihm, dem "heiligen Geldof", ihr Leben zu verdanken hätten. So wie Brihan Woldu, die der Meister vor dem Auftritt Madonnas in neokolonialer Manier wie einen gerade errungenen Skalp präsentierte. Selbstlos erklärte er der Weltbevölkerung, dass das Leben der jungen Studentin ohne Live Aid 1985 viel kürzer verlaufen wäre.

Augenscheinlich ist Geldof nicht über die achtziger Jahre hinweggekommen. Während seine Garde von Rocksauriern ihre exzentrischen Frisuren dem Zeitgeist angepasst haben, hat Bob Geldof sich nicht verändert: langhaarig, mit verknautschter Schiebermütze und weißen Leinenanzug protestierte er nicht nur gegen den Hunger in Afrika, sondern auch gegen den Vollzug der Zeit. In diesem Sinn war es nur folgerichtig, dass der Meister in der Vorbereitungsphase zum Live 8-Konzert sein altes Telefonbuch aus den achtziger Jahren wieder hervorgekramt haben muss und deshalb 2005 die gleichen Unterhaltungskünstler präsentierte, mit denen er damals den Weihnachtsschlager Do you know it´s Christmas Time einspielte. Trotz einiger jüngerer Alibi-Popstars, mit denen Live 8 die Jugend anlockte, errechnete der Guardian ein stolzes Durchschnittsalter von 41,2 Jahren.

Da man in den achtziger Jahren, als Bob seine missionarischen Afrika-Reisen unternahm, in Äthiopien wahrscheinlich noch telefonlos war, vergaß es Geldof auch 20 Jahre später, afrikanische Künstler zum Popgipfel einzuladen. Es gab also keine afrikanischen Stars zu sehen, dafür aber einen großen "schwarzen" Backgroundchor, der den "Weißen" gesangstechnisch unter die Arme griff.

Die Verkomplizierung der Welt ist an Bob Geldof spurlos vorübergegangen. Von postkolonialen Diskursen in Kunst und Kultur hat er nichts mitbekommen. Afrika ist in Geldofs Welt ein Kontinent geblieben, dessen Eigenheit sich im Bild hungernder Kinder erschöpft und dessen Schicksal von der Gnade der Acht abhängt, die während der Auftritte der Künstler über die riesigen Leinwände flimmerten. Auch Gerhard Schröder war da zu sehen. Tony Blair oder einfach Tony, wie Geldof ihn nennt, kam das Live 8 Spektakel besonders zugute. Seit Wochen schon versucht der Premierminister mit seinem zweifelhaften Schuldenerlass-Deal den Imageschaden wieder auszubügeln, den ihm seine Irak-Kriegslügen eintrugen. Sein Initialerlebnis, so berichtete er der Presse, sei - wie soll es anders sein- das erste Live Aid Konzert gewesen. Und auch die Musikindustrie, die gerade Zwölfjährige wegen illegaler Downloads in England verklagt, kann sich ein paar Tage lang im Charity-Feeling sonnen.

Und dennoch: Jenseits aller moralischen Größenwahnsinnigkeit, zu der die ehemaligen "Süchtigen und Verruchten" neigen und "linke" Wadenbeißreflexe geradezu herausfordern, war Live 8 die tollste Nostalgiemaschine, die die Welt bis dahin gesehen hatte. Von London bis Johannesburg liefen der zuschauenden Zwei Drittel- Menschheit im Viertelstundentakt wohlige Schauer über den Rücken als U2, Paul McCartney, Sting, The Who und Pink Floyd ihre alten Hits zum Besten gaben: Bob Geldof hatte uns alle für ein paar Stunden in seine übersichtliche Welt der achtziger Jahre entführt. Es sei ihm dafür gedankt.


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