Andreas Huckele
Ausgabe 0417 | 30.01.2017 | 06:00 10

Ein Kätzchen, kein Tiger

Missbrauch Eine nationale Kommission hört am Dienstag erstmals Betroffene an. Aber was kann sie bewirken? Ein Opfer sexueller Gewalt ist skeptisch

Große unabhängige Aufklärungen sexualisierter Gewalt haben in den USA, in Irland und Großbritannien stattgefunden. Man wollte herausfinden, wie weit Gesellschaft und Politik verstrickt sind – etwa in die ungeheuerlichen Taten des BBC-Moderators Jimmy Savile. Rundfunk, Polizei und Kinderheime wurden dafür unter die Lupe genommen. Nach diesem Vorbild beschloss der Bundestag die Einrichtung einer Aufarbeitungs-Kommission in Deutschland, am Dienstag werden zum ersten Mal Opfer angehört werden.

In den angelsächsischen Ländern haben ganze Gesellschaftszweige gewackelt, als die Kommissionen die Aufarbeitung durchsetzten – gegen den Widerstand der Täternetzwerke. Beim deutschen Modell handelt es sich um eine Aufarbeitungskommission light. Die Mitglieder arbeiten ehrenamtlich, die Kommission hat kein Mandat, sie empfiehlt. Aufarbeitung als Feierabendjob. Wie geht das?

Dass man ihnen endlich zuhört, dass man ihnen endlich glaubt – für viele Betroffene sexualisierter Gewalt ist das eine wichtige Erfahrung. Täter haben die Schamgrenze von Kindern mit dem Missbrauch extrem überschritten, aber hinterher hat das den Kindern niemand geglaubt – oder man sie sogar zum Schweigen gebracht. Nun stellt also der Staat das Angebot des Zuhörens und Glaubens bereit. Eigentlich müsste im Hintergrund die Deutschlandflagge aufgehängt werden.

Die „Aufarbeitungskommission“, berufen von Johannes-Wilhelm Rörig, dem Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, soll also „aufarbeiten“. Was die Mitglieder seit 2016 im Wesentlichen machen, ist: Sie hören zu. So berichteten es mir Menschen, die dieses Angebot angenommen haben. „Aufarbeitung ist auf Zeugenschaft angewiesen“, sagt die Vorsitzende der Kommission, die Frankfurter Erziehungswissenschaftlerin Sabine Andresen. „Dafür sind Anhörungen mit Betroffenen zentral. Aufarbeitung zielt auf vertiefte Erkenntnisse, auf Anerkennung erlittenen Unrechts, auf Prävention und auf politische Schlussfolgerungen. Diese richten sich an Verantwortungsträger in der Politik.“ Das stimmt. Aber das allein ist eben nicht Aufarbeiten, nicht Aufklären und schon gar nicht Aufdecken. Das Entscheidende ist der Sprung, nicht der Anlauf.

Blick durchs Mikroskop

Die Kommission hat keine Möglichkeiten, Verantwortliche aus Institutionen einzubestellen, in denen Übergriffe stattgefunden haben. Sie kann auch nicht die Tatorte aufsuchen, bei denen sexualisierte Gewalt an Kindern gemeldet wird, um dort aufzudecken und aufzuklären. Das wären Momente, in denen es noch Kinder zu retten gibt und nicht nur die Daten der Vergangenheit eingesammelt werden. Die deutsche Kommission verhält sich zu den ausländischen Vorbildern etwa wie die Hauskatze zum Tiger: Beide gehören zur Gruppe der Katzen.

Am 31. Januar findet nun die erste öffentliche Anhörung von Betroffenen aus dem familiären Umfeld statt. Bei der Anhörung wird das Kind, das diese Erwachsenen einmal waren, gesehen und mit seinen Verletzungen wahrgenommen. Der Erwachsene hat das Gefühl, einen Beitrag zum Schutz der nächsten Generation zu leisten, indem er die eigene Biografie der Wissenschaft zur Verfügung stellt.

Der Staat stellt die Mittel zur Verfügung, damit diese Anhörungen stattfinden können. So können die Betroffenen einen Genesungsschritt machen. Das ist bemerkenswert, weil der gleiche Staat genau den gleichen Betroffenen die Gelder verweigert, um eine psychotraumatologische Behandlung durchzuführen. Das gilt für die von den Krankenkassen nur unzureichend erstattete Anzahl der Therapiestunden genauso wie für die über das Opferentschädigungsgesetz (OEG) bereitgestellten Mittel oder die Hilfeleistungen aus dem Fonds Sexueller Missbrauch, dessen Bearbeitungszeit derzeit bei 1,5 Jahren liegt. Was wird hier gespielt?

Wird hier öffentlichkeitswirksam und kostengünstig etwas für die öffentliche Wahrnehmung getan? So dass der Eindruck entsteht, hier würde Betroffenen sexualisierter Gewalt geholfen?

Was hier passiert, ist, dass den inneren Kindern in den Erwachsenen von heute einmalig eine Chance zur Neuverhandlung der traumatischen Erfahrung ermöglicht wird (indem ihnen zugehört und geglaubt wird). Aber weder wird den Erwachsenen von heute ein langfristiges Hilfsangebot gemacht – noch wird den Kindern geholfen, die jetzt in diesem Moment von sexualisierter Gewalt betroffen sind. Das ist eine Groteske!

Die Aufarbeitungskommission hat 1,4 Millionen Euro zur Verfügung und kann damit laut ihrer Vorsitzenden Andresen fünfhundert Anhörungen durchführen. Eine Anhörung kostet so viel wie 34 Therapiesitzungen. Ist das ein guter Deal für die Betroffenen?

Die zweite Begründung für die Anhörung stimmt umso nachdenklicher. Es sollen Erkenntnisse gewonnen werden, „die eine zentrale Grundlage für einen verbesserten Schutz vor sexuellem Missbrauch bilden“. So ist es in der Einladung zur öffentlichen Anhörung zu lesen. Das würde bedeuten, dass die gegenwärtigen Erkenntnisse zum Schutz der Kinder und Jugendlichen vor sexualisierter Gewalt nicht ausreichen würden, um strukturelle Veränderungen herbeizuführen. Das gilt spätestens seit 2010 nicht mehr, dem Jahr, in dem die Debatte über sexualisierte Gewalt gegen Kinder die breite Öffentlichkeit erreichte. Was hier passiert, ist ein Mechanismus, der im Kontext sexualisierte Gewalt bereits bekannt ist: Der Blick richtet sich in die Vergangenheit, das heißt, es wird in diesem Fall den Opfern von gestern exemplarisch in einer quantitativ überschaubaren Zahl die Möglichkeit gegeben, sich gesehen und gehört zu fühlen. Und der Blick richtet sich in die Zukunft, die Erkenntnisse der Vergangenheit sollen die Kindergeneration der Zukunft besser vor Gewalt schützen.

Zeichen von Integrität

Die Zahlen der Gegenwart aber sprechen eine brutale Sprache. Die Anzahl der misshandelten Kinder nimmt nicht ab. Kindern wird immer noch oft nicht geglaubt. Die Strukturen in pädagogischen Einrichtungen haben sich praktisch nicht verändert. Kein Beschwerdemanagement, keine entsprechende Ausbildung für Prävention und Intervention bei sexualisierter Gewalt der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Und schon gar nicht ein Interventionsteam, das bei Fällen von sexualisierter Gewalt die Übergriffe beendet. Bei den Familien ist hier das Jugendamt zuständig. Die Erfahrungen sind unbefriedigend.

Es ist heute leichter, über sexualisierte Gewalt zu sprechen. Für die Erwachsenen. Nicht mehr und nicht weniger. Das ist der Erfolg der gebündelten Anstrengungen seit 2010. Es war anstrengend. Ich war dabei.

Dann sind sie wieder da, diese Ohnmacht, dieser Zorn und wieder dieses dumpfe Gefühl, das alles immer so weitergeht.

Aber was machen eigentlich die Gestalter der Gegenwart, die Gesetzgeber, die Politik? Die haben das unangenehme, brennende Thema sexualisierter Gewalt einfach an den Unabhängigen Beauftragten ausgelagert, eine Arbeitsstelle ohne Mandat und politische Kraft. Etwas mehr als zwanzig hauptamtliche Mitarbeiter sind in Johannes-Wilhelm Rörigs Team. Auch ein Fachbeirat liefert Expertise. Ehrenamtlich. Und der Betroffenenrat stellt seine Erfahrungen zur Verfügung. Ehrenamtlich. Abschätziger könnte die Politik die Leistungen der hier Beteiligten kaum würdigen.

Albert Einstein hat die Politik die Unterhaltungsabteilung des militärisch-industriellen Komplexes genannt. Wenn Rörig und sein Team mehr sein wollen als die Spaßabteilung des regierenden Berlins, dann müssen sie das genau sagen – und für ein Mandat der Regierung einstehen. Das würde ich als ein Zeichen von Integrität werten. Und das ist es, was uns Betroffenen als Kindern so oft gefehlt hat. Integrität. In Wahrheit findet eine Akkumulation von viel Ehre ohne Entscheidungskompetenz statt. Empfehlungen an die Politik sollen gemacht werden. Und was macht die Politik mit den Empfehlungen? Richtig, die pfeift drauf.

Mir würde es viel besser gefallen, wenn anstelle der Kommissionsmitglieder der Bundesjustizminister die Anhörungen der Betroffenen durchführen würde. Und zwar so lange, bis er vor Albträumen nicht mehr schlafen kann und die Verjährungsfristen abschafft – und vor allem die überfällige Reform des Opferentschädigungsgesetz endlich durchsetzt. Die Sozialminister der Länder sollen sich so lange die Berichte von vergewaltigten Heimbewohnerinnen und Heimbewohnern anhören, bis sie die Heime neu strukturieren. Nur so könnten sie ihre teils völlig wehrlosen, weil schwer behinderten Bewohner und Bewohnerinnen schützen. Und die Kultusminister sollen sich die Berichte der missbrauchten Schülerinnen und Schüler anhören, bis sie das Thema sexualisierte Gewalt in die Ausbildung von Lehrkräften aufnehmen und Schutzkonzepte für die Schulen entwickeln. Nur so lassen sich Übergriffe frühzeitig erkennen, und Profis können fachgerecht intervenieren.

Wäre ich Täter, ich würde mich über den gegenwärtigen Diskurs und die politische Ignoranz beim Thema sexualisierte Gewalt an Kindern kaputtlachen. Und das, nachdem ich 2010 richtig Angst hatte, dass es mir an den Kragen geht. Aber das ist ja zum Glück vorbei.

Aber ich bin kein Täter. Und das bedeutet, hilflos zusehen zu müssen, wie die jetzige Kindergeneration Ähnliches erleben muss wie ich. Obwohl wir heute wissen, wie es anders gehen könnte.

Andreas Huckele hat 1998 begonnen, den systematischen Missbrauch an der Odenwaldschule anzuklagen. Erst 2010 glaubte man ihm und über 100 anderen Betroffenen. andreas-huckele.de

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 04/17.

Kommentare (10)

ergo-oetken 30.01.2017 | 19:52

Ich habe das harte Ringen um die Fortsetzung des Amtes des Unabhängigen Beauftragten und die Berufung der Unabhängigen Aufarbeitungskommission aus der Nähe verfolgt und freue mich, dass beides überhaupt existiert. Warum es Gesellschaften schwer fällt, sich mit ihren Missbrauchsrealitäten zu befassen, ist eine wichtige und schwierig zu beantwortende Frage. Das Thema würde ich gern „spannend“ nennen, wenn es nicht um Kinder ginge, die mit einer der widerwärtigsten Erscheinungen der menschlichen Existenz überzogen werden.

Beim Lesen Ihres Artikels Herr Huckele, fielen mir drei Dinge besonders ins Auge:

1. Die Grundfrage, wieviel sexuelle Alltagskultur im Kindesmissbrauch steckt, bzw. was Missbrauch und Sexualität verbindet, sollte unbedingt näher erörtert werden. Sie begleitet die Debatte so lange wie diese geführt wird. Dass sie bis jetzt nicht geklärt wurde, bewirkt leider, dass die Sexualpädagogik und der Kinderschutz nicht so eng zusammen arbeiten, wie es letzterem dienlich wäre

2. Die Unabhängige Aufarbeitungskommission wirbt mit dem Slogan „Geschichten, die zählen“. Den empfinde nicht nur ich mehr als unglücklich. Betroffene und Mitbetroffene bieten an, zentrale, wesentliche und sehr schmerzhafte Lebenserfahrungen mit anderen zu teilen, damit viele daraus lernen und wir alle daran wachsen können. Das sind keine „Geschichten“, sondern harte und für eine Gesellschaft, die für sich gern beansprucht, zivilisiert und kultiviert zu sein, außerordentlich entlarvende und beschämende Realitäten. Zusammen mit MitstreiterInnen, wozu Opfer, Mitbetroffenen und Menschen mit Doppelexpertise zählen, habe ich Ende letzten Jahres dazu eine Stellungnahme verfassst https://www.missbrauchsopfer-josephinum-redemptoristen.de/was-wir-als-missbrauchsopfer-mitzuteilen-haben/

3. „Opfern-nicht-glauben“: Betroffene erleben häufig, dass dem, was sie berichten gegenüber Unglauben geäußert wird. Nur ist „Unglauben-zeigen“ nicht gleichbedeutend mit „nicht-glauben-können“. Es haben in den vergangenen Jahrzehnten schon sehr viele Menschen darüber berichtet, was ihnen widerfahren ist und wie ihre Umgebung darauf reagierte. Und auch in den Anträgen, die beim Fonds Sexueller Missbrauch eingegangen sind, bestätigt sich, was die Mehrzahl derer wahrnimmt, die sich intensiv mit der Materie beschäftigen: es ist die absolute Ausnahme, wenn Dritte vom Missbrauchsgeschehen nichts mitbekommen. Genauso wie es sehr selten ist, dass jemand den kindlichen Opfern hilft. Was Betroffene oft nicht ohne therapeutische Unterstützung hinbekommen ist, darauf aus einer erwachsenen Perspektive heraus zu gucken und das mit einer reifen Haltung zu bewerten. Wer sich solche komplex traumatisierenden Erfahrungen als „inneres Kind“ ansieht, bleibt bedürftig und wird vermutlich leiden, weil er niemanden findet, der einem Erwachsenen kindgemäße emotionale Anliegen erfüllt. Minderjährige dagegen haben ein Recht darauf, von Erwachsenen beschützt zu werden. Es gehört zum Erwachsenwerden dazu, damit umgehen zu lernen, dass Menschen sehr viele Schwächen und Fehler haben. Gleichzeitg müssen sich erwachsene Betroffene auch nichts vormachen lassen, nur weil so viele Menschen Probleme haben, mit all den negativen Erscheinungsformen umzugehen, die Sexualität neben vielen positiven auch hat.

Es gibt noch viel zu tun. Ich bin gespannt darauf, was das Öffentliche Hearing morgen neues zu Tage fördern wird.

Viele Grüße von

Angelika Oetken, Berlin-Köpenick

CS Spuhr 31.01.2017 | 09:45

Der Vorschlag mit dem Bundesjustizminister finde ich ehr gut. Das würde ich sofort unterschreiben.

Meiner Meinung nach sollte nicht nur die Bewährung abgeschafft werden sondern auch das Strafmaß überdacht werden. Denn Strafmaß sollte sich meiner Meinung nach nicht primär danach richten, was der Täter getan hat, sondern, ob er/sie es wieder tun würde. Und Tatsache ist ja leider, wer eine Bank ausraubt und danach geschnappt wird, der tut dies sicher so schnell nichrt noch einmal. Sexuelle Gewalt ist jedoch (auch durch die gesellschaftliche Akzeptanz, bzw. das Tabu darüber zu reden) etwas was ein Grundpfeiler der patriarchalen Gesellschaft ist, so wie wir sie zur Zeit haben. Täter sehen sich im Recht, da die gesellschaftlichen Strukturen ihnen auch Recht geben. Oftmals haben sie gar kein Unrechtsbewusstsein. Da helfen dann 2 Jahre auf Bewährung nicht. Da muss dringend nachgebessert werden.

ergo-oetken 31.01.2017 | 12:19

Zum OEG: geplant ist eine Neuregelung des Opferentschädiungsgesetzes, im Sinne eines "Neuen Sozialen Entschädigungsrechts". An der Sache wird schon lange gearbeitet, zuständig ist das BMAS, also das Ministerium, dem Frau Nahles vorsteht. Im Jahre 2014 gab es ein so genanntes Werkstattgespräch, an dem Fachleute verschiedener Professionen und ErfahrungsexpertInnen (Betroffene) teilnahmen. Die vorgegebenen Fristen, die der Leiter der beauftragten Abteilung hier in seinem Vortrag erwähnt, können alle nicht mehr eingehalten werden http://www.bmas.de/SharedDocs/Downloads/DE/PDF-Publikationen-DinA4/werkstattgespraech-schmachtenberg-rede.pdf?__blob=publicationFile

NGOs, darunter Opferinitiativen, der Betroffenenrat des UBSKM und der Betroffenenbeirat des Fonds Sexueller Missbrauch haben praktische Vorschläge für die Neuregelungen in Bezug auf Missbrauchsopfer gemacht. Dem nach zu urteilen, was bisher durchgesickert ist, sieht der neue Entwurf so aus, dass Akutopfer, auch Kinder, besser gestellt werden. Sich die Bedingungen für Opfer, bei denen die Taten länger zurück liegen, dagegen verschlechtern werden.

Es wäre hilfeich, wenn sich möglichst viele Betroffene und Mitbetroffene an das BMAS wenden und schildern, wie opferfeindlich das jetztige OEG gestaltet ist und wie dringend Hilfen, die über die sonstigen gesetzlichen hinaus gehen benötigt werden.

Lethe 31.01.2017 | 12:22

Nun stellt also der Staat das Angebot des Zuhörens und Glaubens bereit. ... Nun stellt also der Staat das Angebot des Zuhörens und Glaubens bereit. ... So können die Betroffenen einen Genesungsschritt machen.

In der Tat, überlebende und erwachsen gewordene Opfer sind in aller Regel nicht so naiv, auf sowas hereinzufallen. Selbsthilfe-Gruppen sind ein weitaus geeigneteres Mittel, um Gehör und auch Hilfe zu finden.

Es gibt keine ernstzunehmende Hilfe seitens Staat. Gesetzesverschärfungen dienen hauptsächlich dem öffentlichen Strafbedürfnis nach bekanntgewordener Tat, nicht den Opfern, denen es in vielen Fällen primär um etwas ganz anderes geht, nämlich um die Sicherheit, dass ihnen niemals wieder Vergleichbares angetan werden kann. Und schon gar nicht dienen sie der Prävention.

Frieda Baum 01.02.2017 | 07:54

Es istunglaublich wie unsere System gestrickt ist: jahrhundertelang wurden (vorwiegend) Frauen gedemütigt und unterworfen und noch immer sind die Mächtigen nicht in der Lage zu sehen, welches Unrecht sie da fortsetzen, wenn sie ihnen keinen bedingungslosen Rückhalt und Hilfe geben.

Die Kassenpsychotherapieleistung 80 Therapiesitzungen reicht bei einer komplex traumatisierten Patientin nie und nimmer. Was dann? Wurscht,

Hauptsache das 20.000te Kernspinbild eines Knies von Hinz und Kunz wird bezahlt (etwa 500Euro).....ohne, dass es irgendwas bringt. Kein Radiologe muss dafür einen Antrag schreiben, er macht es einfach und kriegt alles bezahlt von der Kasse.

Wir alle zahlen diese katastrophalen Fehlsteuerungen mit......

Frieda Baum 01.02.2017 | 07:54

Es istunglaublich wie unsere System gestrickt ist: jahrhundertelang wurden (vorwiegend) Frauen gedemütigt und unterworfen und noch immer sind die Mächtigen nicht in der Lage zu sehen, welches Unrecht sie da fortsetzen, wenn sie ihnen keinen bedingungslosen Rückhalt und Hilfe geben.

Die Kassenpsychotherapieleistung 80 Therapiesitzungen reicht bei einer komplex traumatisierten Patientin nie und nimmer. Was dann? Wurscht,

Hauptsache das 20.000te Kernspinbild eines Knies von Hinz und Kunz wird bezahlt (etwa 500Euro).....ohne, dass es irgendwas bringt. Kein Radiologe muss dafür einen Antrag schreiben, er macht es einfach und kriegt alles bezahlt von der Kasse.

Wir alle zahlen diese katastrophalen Fehlsteuerungen mit......

Martha Schalleck 06.02.2017 | 11:56

Ich hatte anfangs keinerlei Erwartung an diese Aufarbeitungskommission. Reines Polittheater, dachte ich.

Aber dass wir derart rückständig sind im Vergleich mit anderen Ländern sind, hätte ich nicht gedacht.

Naja, andererseits: Wen wundert´s? Bei uns ist Missbrauch ja ganz oft nur "eingebildet". Sagt jedenfalls unser oberstes Gericht.

Was kann die Kommission trotzdem erreichen?

Immerhin brachten die Tagesthemen zum Hearing der Kommission am 31.01. erstmals (etwas beklommen) die scheinbar neue Erkenntnis, dass doch auch in Familien der sexuelle Missbrauch eine "Volkskrankheit" ist.

Also, vielleicht kann die Kommission doch irgendwie helfen, ein bisschen jedenfalls? Nein? ... ich denke nämlich dass die Mitglieder der Kommission das wirklich wollen, die meisten in jedem Fall.

Hach. Schade, dass solche Artikel nicht in ZEIT und SPIEGEL erscheinen können, weil..., weil..., ja: warum eigentlich nicht?

ergo-oetken 07.02.2017 | 21:09

Liebe Martha,

es stimmt: andere Länder statteten ihre Kommissionen mit formalem und juristischem Durchgriff und einem angemessenen Budget aus. Allerdings waren die mit der Untersuchung ganz bestimmter Kontexte und nicht mit der Aufklärung zum Phänomen allgemein beauftragt. Dass Missbrauch der in Familien oder dem familiären Umfeld statt findet, Gegenstand der Aufklärung und Aufarbeitung ist, macht die UKASK einzigartig. Auf dem Hearing „Aufarbeitung“ zu dem der UBSKM 2013 die Öffentlichkeit einlud, erläuterte Richter Sean Ryan, der Vorsitzende der Irischen Aufarbeitungskommission, welche Herausforderungen in dem sich über 12 Jahre hinziehenden Projekt zu bewältigen waren. Und dabei ging es in Irland „nur“ um Kinder, die in Einrichtungen missbraucht worden waren. Welche sich in Irland bis vor gar nicht all zu langer Zeit unter Trägerschaft der Katholischen Kirche befanden https://beauftragter-missbrauch.de/der-beauftragte/dialog-kindesmissbrauch/

Vielleicht ist es der umfassende Ansatz mit dem besonderen Fokus auf den familiären und familiennahen Tatort, der bewirkt, dass die deutsche Kommission so schlecht ausgestattet wurde. Je näher einem das irritierende Thema auf den Pelz rückt, desto energischer wehrt man es ab.

LG

Angelika

hans owes 01.03.2017 | 08:28

Was mir so zu dem Artikel einfiel.

Opfer werden schon seit längerem angehört. Bloß nicht in einem solchen Rahmen.

Wenigsten gesteht man den Mitgliedern zu, dass sie arbeiten! Ehrenamtlich zwar und ohne Mandat, quasi als Ferienjob, aber sie arbeiten. Hier wäre mir wichtig, wenigstens einmal zu hören, dass diese Menschen versuchen sich - mit sehr viel Engagement für „unsere“Sache - einzubringen. Das fehlt mir zu oft, wenn man von dieser Kommission spricht. Wenn hier tatsächlich eine „Aufarbeitungskommission light“ eingerichtet wurde, sozusagen als „Feigenblatt“, dann war das ein cleverer Schachzug. Denn nun arbeiten sich die Kritiker an einer scheinbar sinnlosen Kommission ab, statt ihre Forderungen direkt an die zu stellen, die Verändern müssten. An die politisch Verantwortlichen. Die Verantwortlichen, die die Kommission so ausstatteten, wie sie nun dasteht.

Ich halte das Zuhören und das Gehör finden immer noch für einen sehr zentralen (den zentralen) Punkt, für jeden Menschen, mit einer Biographie, in der es sexualisierte Gewalt gab. Ohne Zeugen gibt es keinen „Prozess“! Zeugenschaft ist wichtig! Das es noch um anderes geht, weiß auch Frau Andresen, sie weiß, dass das allein nicht Aufarbeiten, nicht Aufklären und schon gar nicht Aufdecken ist.

Im Wesentlichen hören sie zu. Das ist vielleicht wenig, aber es ist wesentlich! Ja, der Sprung ist entscheidend, noch „springen sie nicht“ sollen sie den Anlauf jetzt abbrechen?

Und ja, der Vergleich von der Hauskatze zum Tiger mag stimmen, ich bin dennoch froh, ich staune fast ungläubig, dass es nach so vielen Jahren eine Hauskatze auf unserer Seite gibt. Hauskatze und Tiger waren Jahrzehnte auf der anderen Seite und man hatte beide zu fürchten.

In wie weit ein von sexualisierter Gewalt betroffener Mensch, mit dem Erzählen seiner eigenen Geschichte das Gefühl bekommt, einen Beitrag zum Schutz der nächsten Generation zu leisten, kann ich nicht beurteilen und für manch‘ einen Erzählenden ist es vielleicht sogar erst einmal wichtig, sich mit seiner Geschichte auseinanderzusetzen, um dann in einem späteren Schritt erst zu erkennen, wo und wie er in ganz individueller Weise, einer nächsten Generation diesbezüglich helfen kann.

Es sind die politisch Verantwortlichen, die Veränderungen vornehmen müssen, um psychotraumatologische Behandlung problemlos zu gewährleisten, die Hilfeleistungen aus dem Fonds Sexueller Missbrauch zu verbessern, das Opferentschädigungsgesetz zu reformieren u.a.m.. Die Kommission sieht unter anderem diese Punkte als verbesserungswürdig. Ihr fehlt die Handhabe, dennoch versuchen sie zu Verändern.

Wenn hier etwas öffentlichkeitswirksam und kostengünstig für die öffentliche Wahrnehmung getan wird, dann hat das nicht die Kommission zu verantworten. Im Gegenteil, sie versucht weiter auf die Missstände hinzuweisen.

„Abschätziger könnte die Politik die Leistungen der hier Beteiligten kaum würdigen.“ Das ist war, doch in dem Artikel wird immer wieder suggeriert, es wäre die Kommission, die abschätzig würdigt.

Das spaltet die Opfer, denn viele sind froh, dass es diese Kommission gibt, auch wenn sie um deren „Hauskatzencharakter“ wissen. Viele Betroffene haben eben nicht mehr das Gefühl, dass alles so weitergeht.

Ja, das Thema sexualisierte Gewalt wurde von der Politik ausgelagert. Mich entbindet es nicht von der Pflicht, denen Menschen gegenüber, die sich mit hohem persönlichen Einsatz für diese Sache zu engagieren, Empathie entgegenzubringen, so wie ich Jahrzehnte auf Empathie gehofft habe. Lange genug vergebens.

hans owes 01.03.2017 | 08:33

Was mir so zu dem Artikel einfiel.

Opfer werden schon seit längerem angehört. Bloß nicht in einem solchen Rahmen.

Wenigsten gesteht man den Mitgliedern zu, dass sie arbeiten! Ehrenamtlich zwar und ohne Mandat, quasi als Ferienjob, aber sie arbeiten. Hier wäre mir wichtig, wenigstens einmal zu hören, dass diese Menschen versuchen sich - mit sehr viel Engagement für „unsere“Sache - einzubringen. Das fehlt mir zu oft, wenn man von dieser Kommission spricht. Wenn hier tatsächlich eine „Aufarbeitungskommission light“ eingerichtet wurde, sozusagen als „Feigenblatt“, dann war das ein cleverer Schachzug. Denn nun arbeiten sich die Kritiker an einer scheinbar sinnlosen Kommission ab, statt ihre Forderungen direkt an die zu stellen, die Verändern müssten. An die politisch Verantwortlichen. Die Verantwortlichen, die die Kommission so ausstatteten, wie sie nun dasteht.

Ich halte das Zuhören und das Gehör finden immer noch für einen sehr zentralen (den zentralen) Punkt, für jeden Menschen, mit einer Biographie, in der es sexualisierte Gewalt gab. Ohne Zeugen gibt es keinen „Prozess“! Zeugenschaft ist wichtig! Das es noch um anderes geht, weiß auch Frau Andresen, sie weiß, dass das allein nicht Aufarbeiten, nicht Aufklären und schon gar nicht Aufdecken ist.

Im Wesentlichen hören sie zu. Das ist vielleicht wenig, aber es ist wesentlich! Ja, der Sprung ist entscheidend, noch „springen sie nicht“ sollen sie den Anlauf jetzt abbrechen?

Und ja, der Vergleich von der Hauskatze zum Tiger mag stimmen, ich bin dennoch froh, ich staune fast ungläubig, dass es nach so vielen Jahren eine Hauskatze auf unserer Seite gibt. Hauskatze und Tiger waren Jahrzehnte auf der anderen Seite und man hatte beide zu fürchten.

In wie weit ein von sexualisierter Gewalt betroffener Mensch, mit dem Erzählen seiner eigenen Geschichte das Gefühl bekommt, einen Beitrag zum Schutz der nächsten Generation zu leisten, kann ich nicht beurteilen und für manch‘ einen Erzählenden ist es vielleicht sogar erst einmal wichtig, sich mit seiner Geschichte auseinanderzusetzen, um dann in einem späteren Schritt erst zu erkennen, wo und wie er in ganz individueller Weise, einer nächsten Generation diesbezüglich helfen kann.

Es sind die politisch Verantwortlichen, die Veränderungen vornehmen müssen, um psychotraumatologische Behandlung problemlos zu gewährleisten, die Hilfeleistungen aus dem Fonds Sexueller Missbrauch zu verbessern, das Opferentschädigungsgesetz zu reformieren u.a.m.. Die Kommission sieht unter anderem diese Punkte als verbesserungswürdig. Ihr fehlt die Handhabe, dennoch versuchen sie zu Verändern.

Wenn hier etwas öffentlichkeitswirksam und kostengünstig für die öffentliche Wahrnehmung getan wird, dann hat das nicht die Kommission zu verantworten. Im Gegenteil, sie versucht weiter auf die Missstände hinzuweisen.

„Abschätziger könnte die Politik die Leistungen der hier Beteiligten kaum würdigen.“ Das ist war, doch in dem Artikel wird immer wieder suggeriert, es wäre die Kommission, die abschätzig würdigt.

Das spaltet die Opfer, denn viele sind froh, dass es diese Kommission gibt, auch wenn sie um deren „Hauskatzencharakter“ wissen. Viele Betroffene haben eben nicht mehr das Gefühl, dass alles so weitergeht.

Ja, das Thema sexualisierte Gewalt wurde von der Politik ausgelagert. Mich entbindet es nicht von der Pflicht, denen Menschen gegenüber, die sich mit hohem persönlichen Einsatz für diese Sache engagieren, Empathie entgegenzubringen, so wie ich Jahrzehnte auf Empathie gehofft habe. Lange genug vergebens.