Ein Kinderweinen um die Hoffnung

Im Gespräch Günter Gaus mit dem Schriftsteller und Filmregisseur Egon Günther über ein Ende der DDR, das vor ihrem Anfang lag - über ein Leben zwischen Welten und Stühlen, über nicht gelesene Stasi-Akten

GÜNTER GAUS: Ihre geistige Entwicklung ist in den entscheidenden Jahren von der DDR geprägt worden. Gibt es etwas an Ihrer Weltsicht oder Ihrem Wertesystem, von dem Sie sagen, das verdanke ich der DDR?
EGON GÜNTHER: Vermutlich ist man geprägt, aber genau weiß man es nicht. Ich war auf irgendeine Weise bewusstlos. Zu meiner aktiven Erinnerung gehört aber die ganz entscheidende Erfahrung, studieren zu dürfen. Also, durch den sogenannten Bruch des Bildungsprivilegs mit Hilfe einer Aufnahmeprüfung an die Universität zu kommen. Ich erinnere mich auch an das Eintreffen von Ernst Bloch in Leipzig und das wahnsinnige Glück, bei ihm hören zu dürfen. Prägung reduziert sich für mich immer wieder auf diesen Namen.

Was hat er Ihnen vermittelt?
Ich glaube, es war das, was er immer selbst gern - sehr verkürzt - Prinzip Hoffnung genannt hat. Er hat das ja viel komplizierter formuliert, indem er davon sprach, dass sich Utopie im Zustand erfüllter Hoffnung langsam herausprozessiert aus der Geschichte, und es immer zum Guten oder zum Bösen führt - oder ins Nichts. Bloch hat stets hinzu gesetzt: Und es endete im Faschismus. Das Prinzip bedeutet also durchaus nicht, wenn du nur hoffst, wird alles gut - es kann auch schief gehen.

Über Ihren Roman "Der Pirat", in dem Sie an Klaus Störtebecker legendenhaft die Utopie des Sozialismus abhandeln, hieß es im Mai 1989 in der "Frankfurter Allgemeinen", durch das Buch hallt gewissermaßen ein Kinderweinen um die Hoffnung. Sind Sie über Bloch auf die Hoffnung gekommen?
Ich glaube ja.

Bereitet Ihnen die untergegangene Utopie unverändert Kummer?
Unvermindert Kummer bereitet des Scheitern der sozialen Utopie in diesem speziellen Fall. Es war ein Scheitern, das in der Sowjetunion schon angelegt war und dann die DDR ereilte. Ich glaube, dass es insofern stimmt mit diesem Kinderweinen, das durchhallt.

Sie sind 1978 aus der DDR in die Bundesrepublik gegangen. Wenn Sie zurückblicken, worin hat Sie der Westen überrascht, wenn er Sie überrascht hat? Wo war er so, wie Sie ihn erwartet hatten - wo war er ganz anders?
Überrascht ist schon das richtige Wort. Zunächst gab es immer noch einen Rest an Illusion, dass dort für die Kunst das Reich der Freiheit sei. Die Einsicht, dass aber das Reich der Freiheit nirgends anbricht, war schon eine Überraschung. Es gab die Illusion, die ich mit fast allen DDR-Bürgern teilte, dass es drüben das bessere Land gäbe und die größere Menschlichkeit. Dass dies nicht so war, gehörte zu den negativen Überraschungen.

Womit sind Sie angeeckt, als Sie im Westen beruflich Fuß zu fassen suchten?
Vielleicht mit dem für mich am wenigsten lösbaren Problem, ich musste einsehen - ich sage das aber mit großer Vorsicht, weil ich mir immer noch nicht im Klaren darüber bin -, dass ich unter Umständen in der DDR, so merkwürdig das klingt, einen größeren Bewegungsraum hatte, als ich annahm.

Das heißt, Sie haben ihn nicht ganz ausprobiert?
Ich habe ihn nicht ganz ausprobiert, und ich habe ihn nicht begriffen. Gelitten habe ich unter allen möglichen Formen von Bevormundung, auch unter Filmverboten, aber es gab einen großen Respekt gegenüber den Filmemachern, der einen aufrecht hielt. Es gab die Sicherheit, wenn ein Film misslingt oder aus politischen Gründen scheitert, dass der nächste Film wieder möglich ist.

Eine Kapitelüberschrift in dem erwähnten Roman "Der Pirat" lautet: "Der Preis der Gleichheit ist die Freiheit". Ist damit das Problem benannt, das Ihren Konflikten mit dem real existierenden Sozialismus zugrunde lag?
Ich glaube schon.

Können Sie heute definieren, was für Sie Freiheit ist?
Ich kann es natürlich nicht. Wenn Sie mir erlauben, noch einmal auf Ernst Bloch zurück zu kommen, der immer sagte, Freiheit von allen Dingen, das geht ja nicht, aber Freiheit zu etwas, wenn man das produktiv macht, darin definiert sich Freiheit vielleicht.

Sind Sie heute freier, weil Sie älter sind - sind Sie freier in dem jetzigen System? Oder sind Sie weniger frei als Sie sich früher gefühlt haben?
Ich bin, vermute ich, weniger frei. Weil dieser Beruf, mit dem man versucht, etwas aus sich herauszustellen und den Leuten etwas anzubieten - zum Zwecke der Unterhaltung vielleicht -, weil dieser Beruf dazu führt, dass man Einschränkungen spürt, die man nicht überwindet. Die Unsicherheit, ob man den nächsten Film dreht oder ein nächstes Buch schreibt, ist relativ größer, als ich es je erlebt habe.

Sie haben einmal im Rückblick gesagt: wir waren die glückhafte Generation der DDR - wir, die wir am Anfang jung waren. Erläutern Sie das bitte.
Wie immer, wenn man solche Dinge schreibt und beschreibt, übertreibt man auch. Aber dieses Glück bestand darin, eine ungeheuer einleuchtende, gegen alles Militärische gerichtete Erziehung zu erfahren. Sie führte dazu, dass man sich für friedliebend, für friedensfähig hielt.

Aber dann kam die Nationale Volksarmee genauso wie die Bundeswehr im Westen ...
Genau, und da beginnen auch meine großen Vorbehalte, die aus dieser tiefsitzenden Erziehung zum Pazifismus kommen, der für mich heute eines der Leitbilder ist.

Sie wurden nach 1945 zunächst Neulehrer. Der Westen hat - das ist meine eigene Erinnerung an diese Zeit - mehrheitlich keinerlei Verständnis für das Bemühen gehabt, in der Sowjetischen Besatzungszone Lehrer aus der NS-Zeit abzulösen. Hat es Sie damals geschmerzt, dass diese Alternative des Ostens vom Westen nie verstanden worden ist?
Es hat mich nicht geschmerzt, sondern gewundert. Dass um diese Zeit das Bildungsprivileg gebrochen wurde und nicht nur Kinder aus begüterten Haushalten ans Gymnasium kamen, das sind Dinge, die mich damals beeindruckt haben.

Haben Sie an den Neuen Menschen geglaubt, als Sie sich 1946 in der SED engagierten?
Die Herausbildung eines friedensfähigen, friedensbereiten Menschen, das hat mich schon fasziniert.

Waren Sie im Grunde naiv?
Wenn Sie erlauben, naiv im Schillerschen Sinne, nicht vom Verstand gesteuert, sondern sehr, sehr angewiesen auf emotionale Entscheidungen.

Aber manche sagen Ihnen nach, Sie seien zuweilen beim Argumentieren, vor allem, wenn es um Ihre Filme geht, überklug. Das andere Extrem?
Das gehört vielleicht zu einer Art Verteidigungsstrategie, weil die Anwürfe, denen man ausgesetzt war, ja politischer oder intellektueller Natur waren. Wie sollte man darauf reagieren?

Haben Sie diese Naivität je bereut?
Nein, ich bin heute noch so.

Der Preis war nicht zu hoch?
Er war immer hoch, aber er war nicht zu hoch.

Ich zitiere Egon Günther, der sagt: "Der Film hätte in der DDR ein starker und nervöser Reflex auf das sein können, was an neuer Gesellschaft zu formieren versucht wird, bei Strafe dessen, dass der Film konstatiert hätte, es wird so nicht gehen". Dies belegt, dass sie durchaus willens waren, sich in den Dienst der Utopie des Sozialismus zu stellen. Warum ist es nicht gegangen mit den Freiräumen der Kunst, der neuen Gesellschaft überhaupt?
Natürlich wollte ich, dass man mit einem so wundervollen Spielzeug wie Film, das ja teuer ist, vielleicht einen der ganz kleinen Schritte in Richtung größerer Menschlichkeit oder - wenn Sie so wollen - Liebesfähigkeit gehen könnte. Es ist aber eine Illusion zu glauben, dass Kunst dazu in der Lage sein kann. Auch wenn man einen derart hohen Anspruch formuliert - das Scheitern eines solchen Programms ist von vornherein angelegt.

Was hat Sie schließlich 1978 nach vielen Zensurmaßnahmen gegen Ihre Filme bewogen, die DDR zu verlassen, wenn auch privilegiert mit einem mehrfachen Ein- und Ausreisevisum. Warum gingen Sie?
Eine Tatsache, die ich lange weggespült, unterdrückt habe. Es gab einen plötzlichen Anflug von großer Angst, nicht so sehr meine Person betreffend. Es war die große Erschütterung, als ich die Nachricht erhielt, mein Sohn sei verhaftet.

Das war nach dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staaten in die Tschechoslowakei 1968.
Ja, mein Sohn verschwand von der Bildfläche, und ich konnte ihn ein Jahr lang nicht wiedersehen. Ich war immer der Meinung, es muss ein Irrtum sein, aber es war die sich immer schlimmer gebärdende Staatsmacht. Diese Angst, die ich lange, lange ignoriert hatte, die führte zu dem Punkt, der mir den Absprung erlaubte.

Sie haben aber eigentlich zwischen den Welten leben wollen ...
Ich glaube, dass es sich zwischen den Stühlen wirklich leben lässt. Ich habe das Band zur alten Heimat DDR nicht zerrissen und immer den DDR-Pass behalten.

Haben Sie jemals eine gewisse Verlegenheit empfunden wegen dieses Privilegs?
Die war von Anfang an da und das starke Bewusstsein, privilegiert zu sein. Wenn Sie so wollen, eine gewisse Bonzenfreiheit, das hat mich schon bewegt. Ich bin sehr oft in die DDR zurück und war oft sehr unglücklich. Aber ich will es nicht übertreiben: Ich war auch glücklich, wieder raus zu können. Und ich habe auch die nächtlichen Alpträume nicht vergessen, der Pass sei weg oder die Grenze geschlossen.

Manche Anhänger der kommunistischen Idee sagen, man habe mit der proletarischen Revolution als Fortsetzung der bürgerlichen zu früh Schluss gemacht und mittels des Gulasch-Kommunismus einen faulen Kompromiss zu schließen versucht. Haben Sie Verständnis für eine solche Geschichtsauffassung, auch wenn Sie die nicht teilen?
Ich teile sie schon - und ich weiß, wann mir das klar war, dass eine proletarische Revolution nur in Maßen stattgefunden hat. Ich denke, die Russen haben spätestens ihre Unschuld verloren, als die Kulaken vernichtet wurden.

Die Unschuld verloren wegen der Gewalt?
Ja, deshalb und weil - wie Bloch sagte - der Zweck die Mittel niemals heiligt. Es muss auf jeder Etappe das Ziel vorhanden sein. Und wenn man sagt, wir machen das erst einmal mit Gewalt und am Ende wird sich die Glückseligkeit schon ergeben, da gerät Gewalt an einen Punkt, von dem es kein Zurück mehr gibt. Da ist die Revolution beendet, wenn es überhaupt eine war ...

Aber Sie haben vom Gulasch-Kommunismus profitiert ...
Ja, aber als die DDR begann, daran glaube ich fest, war es schon nicht mehr möglich, dass daraus etwas wurde.

Stößt der Kapitalismus mit seiner Art von Globalisierung an das Ende seiner Erträglichkeit?
Eindeutig.

Ist es mit ihm im Grunde so zu Ende, wie es mit dem real existierenden Sozialismus zu Ende war?
Ich vermute es, die Bilder werden sich aber nicht gleichen. In der Geschichte wiederholten sich die Dinge immer sehr gern in verwandelter Form, doch es wird nicht gut gehen.

Was wird folgen?
Auf alle Fälle wird eine Erkenntnis folgen, dass weder Kommunismus noch Kapitalismus und Globalisierung das Ende der Geschichte sind. Was kommt, wird sich herauskristallisieren, auf alle Fälle wird man daraus wieder neue Hoffnung schöpfen. Aber dass diese Globalisierung an ihre Grenze stößt und sich selbst zerstört, ist meine feste Überzeugung.

Und diese neue Hoffnung, ist die für Egon Günther irgendwo wieder an der sozialistischen Utopie festgemacht?
Diese neue Hoffnung wird nicht frei sein von diesen sozialen Utopien.

Worin sehen Sie den tiefsten Beweggrund vieler Menschen, sich dem Sozialismus zu widersetzen, wenn er aus dem Ideal in eine reale Existenz tritt, liegt es an der Eigentumsfrage?
Vermutlich sind es die uralten Gebrechen, die schon in der Bibel beschrieben sind, der Tanz um das Goldene Kalb, das Eigentum höher zu stellen als die Gesundung der Seele.

Sind Sie am Ende des Lebens bitter?
Überhaupt nicht.

Auch um die Menschen nicht?
Überhaupt nicht.

Sie haben keine Einsicht in Ihre Stasi-Akten nehmen wollen. Warum nicht?
Mittelbar hing es sicher mit der Angst zusammen, sein Leben von Leuten mittels Spitzelberichten noch einmal erzählt zu bekommen, und zwar falsch erzählt. Das klingt vielleicht beinahe literarisch, aber es gibt eine Unlust, das lesen zu wollen. Das Andere ist: Die Zeit vergeht zu schnell. Vorbei ist vorbei, und es ist gewesen. Ich will niemand bestrafen oder Unrecht tun, also lese ich es nicht. Es geht wie vieles, vieles den Bach runter.

Die vollständige Fassung des Interview wurde am 13. Februar in der Sendereihe Zur Person vom ORB ausgestrahlt.

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00:00 15.02.2002

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