Ein kleines Tier im Meer

Leben im Schreiben Den kubanische Schriftsteller Jorge Luis Arzola hat die Literatur vor einem gescheiterten Leben bewahrt

Jorge Luis Arzola wurde 1966 in Jatibonico, Kuba geboren. Er gehört zu einer neuen Schriftstellergeneration, den sogenannten "novisimos", die die kubanischen Verhältnisse der "periodo especial" in offener, kritischer Auseinandersetzung thematisiert. Arzola publizierte die Erzählbände El Pajaro sin cabeza (1991) und Prisionero in el Circulo del Horizonte (1994). 2000 erhielt er den iberoamerikanischen Preis "Alejo Carpentier" für sein Buch La Bandada infinita - Die unendliche Schar. Arzola lebt und arbeitet zur Zeit als Gast des DAAD in Berlin.

FREITAG: Herr Arzola, wann und wie sind Sie Schriftsteller geworden?
JORGE LUIS ARZOLA: Ich wurde Schriftsteller, weil es für mich in den siebziger Jahren die einzige Form war, mein Menschsein zu bewahren. Ich komme aus einem kleinen Ort in der Provinz mit 15.000 Einwohnern und war immer ein introvertiertes, einsames Kind, das am liebsten auf die Jagd ging. Ich hatte eine sehr glückliche Kindheit, weil ich eine ganz direkte Beziehung zum kubanischen Wald hatte, zu meinem Vater allerdings eine ziemlich schwierige. Mitte der siebziger Jahre musste ich wie alle Schüler in Kuba bei der "escuela al campo" mitmachen, der Kampagne "Schule aufs Land". Bei dieser Form der Arbeitserziehung sind die Schüler praktisch kaserniert, vormittags hatten wir Unterricht, nachmittags waren wir auf dem Feld, und das viele Wochen lang, fern der Familie, immer nur mit den anderen Schülern zusammen. Und natürlich gefiel mir diese Art von Schule überhaupt nicht, weil ich sehr schüchtern war. Dort setzen sich nämlich immer die Stärkeren durch. Ich war vielleicht ein mutiges, aber physisch schwaches Kind. So wurde ich zum Problemkind. Irgendwann war ich kurz davor, mich aufzugeben und ein graues Wesen zu werden. Die Schulleitung beschwerte sich ständig bei meinen Eltern. Die sträubten sich lange, mussten dann aber akzeptieren, dass ich die Schule verlasse, noch vor dem Abschluss, in der neunten Klasse. Zu Hause und in der Nachbarschaft wurde ich als asozial angesehen. Die eigene Familie schämte sich für so ein Kind.

Und wann kam die Literatur?
Nach diesem Rausschmiss wurde ich so etwas wie ein Rebell und aufsässig gegen meinen Vater. Meine Form des Protestes war, dass ich den ganzen Tag schlief. Ich traute mich auch nicht mehr aus dem Haus. Nachts bin ich dann aufgestanden und habe gelesen. So ging das ein ganzes Jahr lang. Die Nachbarn fragten, wo ich überhaupt stecke. Meine Mutter sagte dann immer: Der ist zu Hause. Zu dieser Zeit beschloss ich, Schriftsteller zu werden. Genauer gesagt: ein großer Schriftsteller zu werden. Ich wollte von dem Ort fliehen, wo ich lebte, aus dieser geistigen Enge. Dazu musste ich viel lesen. Das war die Zeit, wo ich die großen Klassiker der Literatur gelesen habe und selber zu schreiben anfing. Mit 18 bekam ich dann Schwierigkeiten mit der Polizei, weil man in Kuba mit 18 eine Arbeit aufnehmen muss. Da ich aber so ein komischer Kauz war, der immer zu Hause blieb und las, drückte selbst die Polizei ein Auge zu, zumal mein Vater ein angesehener Mann war.

Irgendwann wollte ich aus meiner persönlichen Isolierung heraus und ging zur Bibliothek in Sancti Spiritus in der Nachbarprovinz. Dort bin ich durch Zufall in einen "taller literario" hineingeraten, eine "Literaturwerkstatt". An diesem Tag war Senel Paz eingeladen, der Drehbuchautor des Films "Erdbeer und Schokolade", einer Tragikkomödie, die 1993 sehr bekannt wurde. Paz habe ich eine Geschichte von mir gezeigt. Sie gefiel ihm, und von diesem Moment an habe ich am literarischen Leben der siebziger Jahre teilgenommen. Ich fing an in einigen nationalen Zeitungen zu publizieren. 1990 habe ich mein erstes Buch "Vögel ohne Kopf" veröffentlicht, das von der Kritik überhaupt nicht wahrgenommen wurde. 1994 kam mein zweites Buch "Im Kreis des Horizonts". Zu dieser Zeit erschienen erste Geschichten von mir in Anthologien, auch in Europa und den USA. Meine Lage verbesserte sich. 2000 erhielt ich den wichtigsten Literaturpreis in Kuba. Die Literatur hat mich also davor bewahrt, im Leben zu scheitern.

Worum geht es in Ihrer Literatur?
Jede meiner Geschichten könnte in einem beliebigen Land der Welt spielen. Aber für jemand, der Kuba kennt, wird trotzdem deutlich, dass ich von Kuba spreche. In meiner Literatur schreibe ich mein eigenes Drama. Es sind Figuren, die zum Teil ein antiquiertes Ideal haben, das Ideal der Literatur, das Ideal der Rettung oder der Erlösung im metaphysischen Sinn. Aber diese Gestalten stehen in einem Kampf mit ihrer Umwelt. Diese Umwelt erdrückt das Individuum und versucht, es auf ein Dasein als Tier zurückzuführen.

Haben Sie Vorbilder im Schreiben?
Ich habe so viele, dass es mir schwer fällt, einzelne hervorzuheben. Das reicht von Tolstoj bis Dostojewski und Kafka. Natürlich ist Borges ein großes Vorbild. Seine Literatur ist das Abenteuer, der spanischsprachigen Literatur eine sprachliche Präzision gegeben zu haben, wie sie die englischsprachige besitzt. Auch Rilke hat mich beeinflusst, Rudyard Kipling, einige Autoren aus den fünfziger Jahren wie William Kennedy.

Was sind Ihre Beziehungen zur deutschen Literatur? Haben Sie Lieblingsautoren?
E.T.A. Hoffmann. Ich schätze seine Art von Humor. Aber ich würde auch Franz Werfel erwähnen wollen, einen nicht mehr so häufig genannten Autor.

Was halten Sie von dem Konzept der politischen Literatur?
Das ist etwas, was ich persönlich nicht gern machen würde. George Orwell beispielsweise, das ist natürlich eine gute, wertvolle Literatur. Vor allem, weil sie eine Parodie der Politik gibt. Ich schätze es auch, wenn ein Schriftsteller so etwas wie Zeugnisliteratur schreibt; vor allem, wenn es ein wirklich tiefes Zeugnis ist. Ich selbst fühle mich zwar als Linker. Aber um es mit Selbstironie zu sagen: Ich bin kein Schriftsteller, der gern Politik machen würde. Mich interessiert gute Literatur.

Ist Literatur denn politisch?
Sie muss es nicht, aber sie kann politisch sein. Wenn auch sicher nur mittelbar. Letztendlich ist Literatur aber immer politisch.

Können Schriftsteller in Kuba schreiben, was sie wollen?
Im Prinzip kann jeder kubanische Schriftsteller schreiben, was er möchte. Mit einer kleinen Einschränkung vielleicht: Wenn ich nun, was ich persönlich nicht gern tue, ein politisches Pamphlet schreiben würde, dann könnte ich dieses Pamphlet zum Lob der Regierung und gegen den Imperialismus jeder Zeit schreiben. Aber ich könnte nie etwas gegen die Regierung schreiben. Da ich persönlich nie ein Pamphlet für oder gegen etwas schreiben wollte, habe ich also nie Probleme mit der Zensur gehabt. Ich zumindest konnte das schreiben, was ich schreiben wollte.

In Kuba sind jetzt im Frühjahr 75 Dissidenten verhaftet worden. Sind auch Schriftsteller darunter?
Ich weiß zumindest von zwei Schriftstellern. Mein guter Freund Manuel Vazquez Portal wurde inhaftiert. Der zweite ist ein exzellenter Dichter, Raul Rivero.

Rivero wird übereinstimmend als einer der großen Lyriker des Landes bezeichnet. Wer ist dieser Mann?
Auch von den offiziellen Medien in Kuba wurde immer anerkannt, dass er ein großer Dichter ist. Vor kurzem hat selbst ein hoher kubanischer Funktionär gesagt, dass Raul Rivero wirklich ein Dichter ist. Diese Anerkennung finde ich sehr lobenswert. Das ist aber auch eine Tatsache, die man nicht negieren kann. Rivero war früher eine der Führungspersönlichkeiten der UNEAC, des kubanischen Künstler- und Schriftstellerverbandes. Er war auch Schüler und Protegé von Nikolas Guillén. Ich kenne Rivero persönlich. In den letzten zehn Jahren habe ich ihn zwar nicht mehr gesehen. Aber ich kenne ihn als einen integren, ehrlichen Menschen. Wenn ich sage: Er ist ein ehrenwerter Mann, dann meine ich damit nicht sein Verhältnis zur Revolution, sondern seine Persönlichkeit. Ich glaube auch, dass er ein Linker ist wie ich. Er ist ein Mensch, der von Veränderungen im Sinne der kubanischen Revolution geträumt hat. Zumindest war das in den neunziger Jahren so.

Rivero gilt als exemplarischer Fall, weil er die Literatur mit dem unabhängigen Journalismus vertauscht hat. Gewöhnlich ist es genau umgekehrt. Was hat es damit auf sich?
Er hat sich damals entschieden, einen sehr schwierigen Weg zu gehen - im Sinne der Revolution, die man weiterentwickeln muss. Ich kann nicht sagen, ob es der richtige oder der falsche Weg ist. Aber das hat ihn zum Journalismus gebracht. Rivero hat lange zum offiziellen Kulturestablishment gehört. Ich glaube nicht, dass er sich bei seiner Entscheidung, aus dem Apparat herauszugehen, vom Geld hat leiten lassen. Denn er hat sehr gut gelebt, solange er zum offiziellen Kulturleben gehörte. Danach hat er kein so bequemes Leben mehr geführt wie zu Zeiten, in denen er Funktionär war. Wenn jemand so einen schwerwiegenden Seitenwechsel wagt, steht eine moralische Haltung dahinter. Und davor habe ich großen Respekt.

Wissen Sie, wie es ihm jetzt geht?
So weit ich weiß, ist er in Einzelhaft. Wenn ich Rauls Foto vor mir sehe und daran denke, dass er in meiner Heimatstadt im Gefängnis sitzt, nur 100 Meter von meiner Wohnung entfernt, dann macht mich das sehr traurig.

Unterstützen Sie die Forderung internationaler Hilfsorganisationen Pen, Rivero freizulassen?
Selbstverständlich unterstütze ich diese Forderung. Wie könnte ich wollen, dass er weiterhin in Haft ist? Ich möchte aber auch gern von Manuel Vazquez Portal sprechen, von dem nur selten die Rede ist. Er ist ein wirklicher Dichter, mein Freund. Er sitzt auch im Gefängnis. Ich muss jeden Tag an ihn denken.

Von den anderen Inhaftierten sagen viele Leute, auch hier in Europa, sie seien nicht viel mehr als Agenten des CIA gewesen.
Es ist sehr schwierig, da die Wahrheit herauszufinden. Beide Seiten beschuldigen sich, Agenten der einen oder anderen Seite zu sein. Ich kann nur von den beiden sprechen, die ich kenne. Sie sind keine US-Agenten, sondern kubanische Patrioten.

Ihr Schriftsteller-Kollege Rolando Sanchez Mejias spricht von einer Re-Nationalisierung der kubanischen Literatur. Sehen Sie diese Gefahr auch, dass sich die Kultur auf der Insel unter dem Druck der politischen Verhältnisse geistig isoliert?
Leider sind die Nachrichten, die aus Kuba kommen, alles andere als gut. Und immer mehr europäische Intellektuelle, auch von der Linken, wollen nicht mehr nach Kuba fahren. Das ist sehr traurig, weil uns die frische Luft aus Europa fehlt. Auch die institutionellen Beziehungen haben Schaden genommen. Ich bedauere es auch sehr, dass Deutschland entschieden hat, nicht zur Buchmesse nach Havanna zu kommen. Das ist keine glückliche Entscheidung. Kuba braucht die kulturellen Beziehungen zum Ausland sehr, unabhängig von der jeweiligen diplomatischen Situation.

Und die Renationalisierung?
Ich setze auf unseren Kulturminister, Abel Prieto. Ich glaube, er kann Einfluss nehmen, dass die Welt der kubanischen Literatur die bescheidenen Räume der Öffnung bewahren und erweitern kann - zum Wohle der kubanischen Kultur und Kubas. Ich nehme beunruhigende Symptome wahr. Aber ich glaube, dass die schlimmsten Prophezeiungen sich nicht erfüllen werden.

Wie kann man den Prozess der Öffnung unterstützen?
Das Beste ist, sich nicht gegen Kuba zu verschließen. Die Zusammenarbeit muss fortgeführt werden. Denn der Austausch kommt vor allem den kubanischen Künstlern zu gute. Aber ich bin Künstler. Und deshalb weiß ich nicht, wie ich diese Frage als Politiker beantworten würde.

"Nuestra America-Unser Amerika" lautet der Titel eines Essays des kubanischen Volkshelden und Schriftstellers, José Marti aus dem Jahr 1891. Sehen Sie überhaupt noch eine Chance für ein Kuba, ein Amerika, das zu einem eigenen demokratischen Weg ohne Repression durch die USA findet?
Lateinamerika - das war immer der große Traum. Doch alle Revolutionen, die ihn verwirklichen wollten, sind gescheitert. Bolívar träumte von einem vereinten Lateinamerika. José Marti ist ihm gefolgt. Aber sie haben das nie geschafft. Trotzdem träumen wir weiter von dem vereinten Lateinamerika. Präsident Lula in Brasilien, Präsident Kirchner in Argentinien und Lagos in Chile haben sich dafür ausgesprochen, das Mercosur-Projekt zu vertiefen. Das ist das Einzige, was man im Moment unternehmen kann. Mit diesem Projekt lebt dieser Traum vielleicht weiter. Von den USA dagegen kann man nicht viel erwarten. Sie haben Lateinamerika während des ganzen 20. Jahrhunderts eigentlich nur im Terrorismus unterstützt. Sie haben Militärdiktaturen unterstützt, Regime gestürzt, sie haben militärisch interveniert. Sie haben Lateinamerika immer als ihren Hinterhof betrachtet. Nach ihrem militärischen Vorgehen im Irak wäre es naiv zu glauben, sie hätten ihr Wesen verändert. Die Vereinigten Staaten haben Lateinamerika in Richtung Totalitarismus und Nationalismus gestoßen.

Die Zukunft Kubas heißt also mehr Integration in Lateinamerika?
Lateinamerika ist unser natürliches Umfeld. Auch wenn es für einen Europäer schwer ist, einen Unterschied zwischen einem Kubaner, Dominikaner, Venezolaner oder Puertoricaner zu finden, gibt es lateinamerikanische Völker, die sehr viel anders sind, die Peruaner beispielsweise. Auf der anderen Seite ist es für einen Kubaner etwas unendlich Schönes, bei allen Unterschieden die Gemeinsamkeiten zu erleben. Trotz der unterschiedlichen Sprache gibt es nämlich kaum etwas Ähnlicheres als Brasilianer und Kubaner. Ich persönlich glaube nicht, dass es zwischen zwei lateinamerikanischen Ländern größere Unterscheide gibt als zwischen Preußen und Bayern.

Ihr berühmter kubanischer Schriftsteller-Kollege Alejo Carpentier hat sich in seinem Buch "Mein Havanna" einmal als "Betrachter der eigenen Heimat" bezeichnet. Sie leben zur Zeit in Berlin. Wie sehen Sie Ihr Land von außen?
Carpentier hat fast sein ganzes Leben in Paris zugebracht. Das hat seinen Blick für das eigene Land geschärft. Es gibt ein kubanisches Sprichwort: Wenn du im Wald lebst, siehst du die Bäume nicht mehr.

Und was sehen Sie jetzt?
Kuba kommt mir vor wie ein kleines Tier, das auf dem Meer dahin treibt und auf dessen Rücken sich ein Ameisenhaufen geflüchtet hat

Welches Buch lesen Sie gerade?
Ich lese immer mehrere Bücher gleichzeitig. Zur Zeit lese ich "Lolita" von Vladimir Nabokov und "Kathedrale" von Raymond Carver. Daneben lese ich ein Buch des mexikanischen Autors David Toscana. Es heißt "Duell für Miguel Pruneda". Das klingt dramatisch. Aber es ist eigentlich ein Roman über das Alltagsleben eines Mannes, der keinen Sinn im Leben findet. Doch unter der Oberfläche der scheinbaren Sinnlosigkeit schimmert dieser wunderbare Horror des alltäglichen Lebens - der Horror Kafkas.

Das Gespräch führte Ingo Arend
Aus dem kubanischen Spanisch übersetzt von Klaus Laabs

Jorge Luis Arzola liest im Rahmen des Internationalen Literaturfestivals in Berlin am 12. September um 20 Uhr im Literaturforum im Brecht-Haus zusammen mit dem nigerianischen Autor Elias Dunu. Am 20. September um 14 Uhr unterhält sich Walter Haubrich in den Berliner Sophiensälen mit dem kubanischen Ex-Comandante Huber Matos über Kuba. Und um 18 Uhr mit dem kubanisch-mexikanischen Autor José Manuel Prieto und dem Kubaner Iván de la Nuez über das Thema: "Kuba, das Ende einer Illusion?"

00:00 12.09.2003

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