Ein "Kolonialheld" und seine Geschichte

Preußens Elend In einem seiner letzten Essays beschäftigte sich der verstorbene Dokumentarfilmer und Autor Karl Gass mit der Revolution 1919. Der Freitag veröffentlicht einen Auszug

Ich beginne meine Ausführungen mit dem Lebenslauf einer kaiserlich-preußischen, kriegerischen Gestalt, deren Weg aus der Kaiserzeit bis in die BRD reicht. Der Mann, um den es geht, hat eine Blutspur durch die Geschichte gezogen: als Kolonialoffizier in Ostafrika durch seinen Durchhaltekrieg bis 1918, der einigen hunderttausend Afrikanern, darunter Frauen und Kindern, das Leben kostete. Die unter seinem Befehl stehenden deutschen Truppen ermordeten Gefangene, vergewaltigten Frauen, plünderten Dörfer und zerstörten Felder und Vorräte. Die schwarzen Soldaten nannten ihn den „Herren, der unser Leichentuch schneidert“.

Zurück in Deutschland befehligte er in den Auseinandersetzungen 1919 Einheiten in Hamburg, die Zivilisten niederschossen, 1920 beteiligte er sich als Kommandeur in Schwerin am Kapp-Putsch gegen die Weimarer Republik. Das Scheitern des Putsches bedeutete ihm das Ende seiner militärischen Karriere.

Fortan betätigte er sich für den Stahlhelm, trat für den deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund als Redner auf und saß für die Deutschnationalen im Reichstag. 1932 war er Mitglied der SA, im NS-Kriegerbund und im NS-Kolonialbund. Die Nazis beriefen ihn zum Bremischen Staatsrat und setzten oft als Redner auf ihn. Nationalsozialistische Kommunalpolitiker widmeten dem „Löwen von Afrika“ in wenigstens 26 Städten Straßen und Wege. Hitler benannte Kasernen nach ihm, weil er der einzig erfolgreiche deutsche Feldherr des Ersten Weltkrieges war.

In diesem Ruhm sonnt sich noch immer die Bundeswehr, die von der Wehrmacht die nach ihm benannten Kasernen in Bremen, Leer und Hamburg übernahm. Die vierte Kaserne mit seinem Namen wurde 1962 in Bad Segeberg in Betrieb genommen. Die Bundeswehr begrub den Massenmörder 1964 mit allen militärischen Ehren. Die Traueransprache hielt der damaligen Verteidigungsminister Kai-Uwe von Hassel (CDU), in der er betonte, dass der Verstorbene „wahrlich im Felde unbesiegt“ geblieben sei.

Der Name dieses „Kolonialhelden“ für Kaiser und Führer ist Paul von Lettow-Vorbeck. Zwei Kasernen der Bundeswehr und Straßen in dreizehn Städten Deutschlands sind nach ihm benannt. Kommunalpolitiker in Wuppertal und Fürstenfeldbruck haben es 2006 abgelehnt, sich vom kaiserlichen Straßenpatron zu distanzieren. Auch die meisten Soldaten der Lettow-Vorbeck-Kaserne in Leer/Niedersachsen stimmten vor vier Jahren für den Namensgeber, den Historiker vom militärgeschichtlichen Forschungsamt der Bundeswehr in Potsdam als Gefühlsmonarchisten und Vernunftrepublikaner verteidigten.

Die kriegerische kaiserlich-preußische Tradition ist ungebrochen.


Im Frühjahr 2008, anlässlich des Kinostarts des letzten Films von Winfried Junges Langzeitbeobachtung über "Die Kinder von Golzow", die Karl Gass 1961 angeregt hatte, führte der Freitag Gespräche mit Gass und dem Dokumentarfilmer Andres Veiel.

Die Urfassung des Texts datiert vom Frühjahr 2007. Die Kasernen in Hamburg und Bad Segeberg sind mittlerweile geschlossen.

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00:45 05.02.2009

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