Ein König, der keiner ist

Liebesverlangen Seinen Roman "Das Beben" schreibt Martin Mosebach in einer fast höfischen Galanterie

Unter Stilisierung versteht man die schrittweise abstrahierende Reduktion einer detaillierten oder naturgetreuen Vorlage ... hin zu einem einfachen Muster mit hohem Wiedererkennungswert und einfacher Reproduzierbarkeit", schreibt unser aller Wikipedia. Ein gedritteltes Buch, dessen Teile Manon, Der König und Die Lösung heißen, verspricht eigentlich nichts, sondern greift von vornherein zu sehr altertümlichen Mitteln einer Stilisierung des Romangeschehens: Die vermeintlichen Hauptpersonen werden beim Namen genannt, und dass sie miteinander verzwickt sind, wird durch das Wort "Lösung" unterstellt. Die Hauptfigur, nämlich der flanierende, plänkelnde, ironisch grinsende Erzähler bleibt außen vor - der erste Kunstgriff des vor zwei Jahren erschienenen Romans Das Beben von Martin Mosebach.

Der 1951 geborene Autor war damals 54 Jahre alt, ein Alter, in dem die midlife crisis zuschlägt. Dem Manne wird nicht selten ein Klimakterium unterstellt, das er mit Hilfe sehr viel jüngerer Frauen aus seinem Blickfeld drängt. So tat es auch der alte Gran, der Seniorpartner des Architekturbüros Kross Gran, dessen sehr viel jüngere Frau dafür gesorgt hat, dass er später Vater wurde- von Manon, die er angeblich wie den eigenen Augapfel liebt und behütet. Der Erzähler, Mitarbeiter der Sozietät, wird zum Tee bei Gran eingeladen und lernt dort Manon kennen, eine naive, schöne, ihrer eingesetzten Balz-Mittel sehr sichere junge Frau, die sich nicht vollends zu erkennen gibt, aber dem Erzähler bedeutet, er könne bedeutsam werden für sie. Der nimmt das begierig an und auf.

In einem der ersten Gespräche behauptet Manon, dass ein von der Dachterrasse ihres Elternhauses einsehbares meteorologisches Institut "auf einer Ader" stünde, "die es mit allen Erdbeben der Welt verbindet", was der Erzähler sogleich als Unmöglichkeit verneint. Das leidenschaftslose, gleichsam beruhigende Beharren Manons bringt ihn schließlich dazu, versöhnlich in den Unsinn einzustimmen - der zweite Kunstgriff: Jegliche Wahrheit existiert gleichberechtigt neben ihrem Gegenteil, im Kleinen wie im Großen. Mehr noch: Das Gegenteil der Wahrheit ist nicht etwa Lüge, sondern eine andere Wahrheit. Die Dinge sehen von ihrer Rückseite anders aus als von vorn. Auch Manon sieht von hinten anders aus als von vorn und mit Kleidern anders als ohne.

Der Erzähler gerät nun - zufällig? - an ein Foto von ihr und "dem Meister", (eine herrliche Hundertwasser-Parodie), schneidet die nackte Geliebte frei und weidet sich an deren Bild. Der Meister scheint sie am Gängelband zu führen, das sie aber endlich, scheint´s, zerreißen kann, als sie und der Erzähler sich näher kommen. Dies allerdings nicht für lange: Manon ruft ihn eines Tages zärtlich gestimmt an, um ihn von einer Krankheit zu informieren, die sie gepackt und um deretwillen sie beschlossen habe, im Bett zu bleiben. Am nächsten Morgen schlendert der Erzähler über den Flughafen in Erwartung eines Besuchers aus Kopenhagen, als er plötzlich Manon sieht in einem Pulk Menschen, die mit einer Maschine aus Wien eintreffen. Sie trägt das Haar hochgesteckt, wie sie es nach einer Liebesnacht immer tut, wenn sie es anders nicht mehr bändigen kann. Die beiden sehen einander, der Erzähler läuft davon, zur Bahn, und Manon kommt hinzu und erreicht sie beim Abfahren: "Sie lief noch ein Stück mit. In ihrem Gesicht mischten sich wilder Eifer und Verzweiflung."

Dies ist das letzte Mal, dass er sie sieht, ehe er flieht, nach Indien, ins Königreich Sanchor, dessen "Herrscher" ein Hotel aus einem seiner weitläufigen, verfallenden Besitztümer in Radjastan machen möchte. Das Indien der Maharadjas gibt es nicht mehr, ihnen kommen allenfalls repräsentative Funktionen im Staatsgefüge zu, aber unter der Hand, unter der staatlichen Wahrnehmungsschwelle, herrschen sie weiter über die sich ihnen herkömmlich freiwillig ergebenden und von ihnen ausgehaltenen Adivasi.

Ein König, der eigentlich keiner ist, aber als ein solcher wahrgenommen wird und sich dazu stilisiert, macht nun den Erzähler zum flanierenden Beplänkler einer der Rückseiten der europäischen Kultur. Dass sie miteinander zu tun haben, machen nicht nur Alexanders des Großen Heer- und Feldzüge oder das Vorhandensein einer indogermanischen Sprachfamilie sichtbar, aber dass sie sich sehr unterschiedlich entwickelten, steht außer Frage. So ist des Königs herausragendeste Feststellung die einer Unterlegenheit der westlich geprägten Demokratie gegenüber der Kastenordnung in Indien.

Dies wirkt dümmlich, ist es aber nicht so ohne weiteres. Vielmehr wird der Leser durch den Erzähler, der all das aufnimmt und wiedergibt wie die größte ihm begegnete Selbstverständlichkeit, erheblich verunsichert und beginnt, an der Überlegenheit der Demokratie tatsächlich zu zweifeln, wenn - ja, wenn er sich einlässt auf das Erzählte, was er ohne weiteres tun kann, aber nicht muss.

Mosebachs - oder des Erzählers? - dritter gegenüber dem zweiten Kunstgriff: Er steigert ihn allmählich zu einem Vexierspiel der Wahrheiten. Die eine schimmert durch die andere hindurch und ist im nächsten Augenblick nicht mehr als solche zu erkennen, auch wenn man sie eben noch deutlich und geradezu vor Augen sah. Schließlich kündigt sich, telefonisch, Manon und damit die Lösung für etwas an, wovon man wider Erwarten bislang nicht weiß, was es sein könnte. Des Erzählers Liebesverlangen, das er floh? Oh nein. Manon kommt und erobert mit der gleichen naiven Sicherheit im Einsatz der Balz-Mittel wie nebenbei den bislang nahezu geschlechtslosen König, der sie ehelichen will. Die Ereignisse überstürzen sich, der Leser wird endlich vor den Kopf gestoßen mit der Geste einer großen Lächerlichkeit: Manon wird vom Herrn Tofet, dem Untergebenen des Meisters, abgeholt, und der König erleidet einen Schlaganfall. Aus. Vorbei. Ein Beben hat stattgefunden, dass eine Scheinbeziehung in einer Scheinwelt zum Einsturz brachte und deshalb auch nur ein Scheinbeben ist. Eine Lösung? Für nichts. Die Beben-Ader, die das meteorologische Institut im deutschen Frankfurt am Main mit Radjastan verbindet, gibt es. Nicht. Je nachdem ...

Mosebachs Sprache erhöht sich selbst, steht auf dem Piedestal einer beinahe höfisch zu nennenden Galanterie. Unterm Portikus legt er ein Plastron des poetischen Provinzialismus um den Hals und durchschreitet ihn. Mit Schirm, Stock und Melone, möchte man meinen. Ein ungeheures Vergnügen ist zu spüren: Am Altertümeln, am Französischen. Für Ironie unverzichtbar: Der Autor lässt sich hie und da blinzelnd blicken, um im nächsten Augenblick wieder mit übergroßem Ernst seine Plänkelarbeit fortzusetzen. So groß wird der Ernst, dass er sich schließlich selbst entleibt an der Verblüffung über den Unernst, der dahinter sichtbar wird. Man legt den Roman aus der Hand und ist so hingerissen vom Nichts, vom Kunstgriffeln, vom Artifiziellen, dass man dem Autor fast schon wieder dankbar ist für diesen Verriss eines "relevanten Realismus".

Martin Mosebach: Das Beben. Roman. Hanser, München 2005, 416 S., 24,90 EUR


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