Ein König geht

Nachruf Zum Tod von Benno Besson (1922-2006)

Der Regisseur Benno Besson verließ 1979 jenen Teil Deutschlands, dessen Theater er entscheidend verändert hatte. In jenem Jahr gab er die Intendanz der Volksbühne auf, eine Intendanz, die man ihm nur widerwillig übergeben hatte, überlassen musste, und verließ das Land. Der äußere Anlass war ein Akt der vorgesetzten Behörde. Zum wiederholten Male hatte man ihm einen vorgelegten neuen Spielplan als inakzeptabel zurückgegeben. "Wenn der Spielplan eines Intendanten nicht akzeptiert wird, dann ist man nicht mehr Intendant", beantwortete er kurz und bündig meine Frage nach den Gründen.

Der Übermut der Ämter hatte ihn ermüdet. Der stinkende Atem der Provinz, wie Brecht einmal nach einer Vorladung vor die Stadtregierung die Begegnung mit vier Worten protokollierte, begann auch ihm den Atem zu nehmen. Nun wollte er ins Freie, und ich erlebte nach allen Kämpfen nun einen befreiten Besson. Ihn drängte es in die Heimat, in die Schweiz und nach Frankreich, und mehr noch in die französische Sprache. Das Verlassen seines Sprachraums, seiner eigentlichen Heimat, empfand er mit den Jahren immer heftiger als schmerzlichen Verlust. Er hatte, von Brecht dazu verführt, dem deutschen Theater lange genug Entwicklungshilfe geleistet. Er hatte gewiss keinen Dank erwartet, aber doch Aufmerksamkeit und produktive Aufnahme seiner Arbeiten. Die wurde ihm zwar von seinem Publikum und seinen Mitarbeitern reichlich zuteil, nicht aber von den allgewaltigen Bestimmern über das Theater des Landes.

Als er ging, verließ einer der für die zweite Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts wichtigsten und folgenreichsten Theatermenschen das Land. 1949 hatte Bert Brecht den jungen Besson, der in der französischen Schweiz geboren war und inzwischen in Frankreich inszenierte, an sein Berliner Ensemble geholt. Als einen Schüler Brechts verstand Besson sich nie, dazu war er zu eigenständig und kam zudem aus einer anderen, der französischen Tradition. Für einen Brecht-Schüler sei er nicht intellektuell genug, bemerkte er dazu lediglich. Er konnte und wollte sich nicht einfügen. Bezeichnend dafür ist ein Vorfall von anekdotischer Lächerlichkeit: Der junge Besson verlor Proben-Notate von Brecht, eine Gotteslästerung von einzigartigem Ausmaß. Die Proben-Notate waren unter den Brecht-Schülern der Heiligen Schrift gleichgeordnet. Besson dagegen achtete sie gering, las sie ungern und verlor sie leichthin.

Brecht schätzte und schützte ihn, doch nach seinem Tod war der Bruch mit dem Berliner Ensemble unvermeidlich geworden. Seine Arbeiten wurden nun vom eigenen Haus misstrauisch beargwöhnt. In der Parteileitung des Hauses urteilte man über ihn und seine Inszenierungen als sei er der leibhaftig gewordene Klassenfeind. In einem Papier jener Jahre wird auch ein anderer Grund für die Missliebigkeit sichtbar, nämlich der Neid. "Besson", heißt es in einem Schreiben der Parteileitung aus dem Jahre 1959, "ist mit Brecht eine bestimmte Arbeitsweise gewöhnt gewesen, die ihm schon damals die Möglichkeit gab, nicht im Kollektiv, sondern nur mit Brecht zu arbeiten."

Wieviel gekränkte Eifersucht spricht aus diesen zwei Zeilen, eine Eifersucht, die sich mit der revolutionären Tünche des Zeitgeists maskiert.

Schließlich stellte man ihn vor die Alternative, sich in das Kollektiv einzufügen oder das Haus zu verlassen. Er bekam ein Schreiben der Leitung des Hauses, unter dem nicht eine Unterschrift der damals wichtigsten und entscheidenden Kollegen der Theaterleitung fehlte. Als Besson vor drei Jahren 80 Jahre alt wurde und ich ihn in Paris besuchte, fragte ich ihn nach diesem Schreiben, von dem er mir vor Jahrzehnten erzählt hatte. Er musste nach dem Brief nicht suchen, er hatte ihn sofort in der Hand, was ich mit einem leichten Erschrecken zur Kenntnis nahm. Dass er ein Papier, mit dem ihm vor 45 Jahren von der Leitung des Berliner Ensembles der Rausschmiss mitgeteilt wurde, mir sofort zeigen konnte, verwies auf den großen Schmerz und den Verlust, den er damals erlitt.

Dieser Brief an ihn ist im feinsten Stalin-Deutsch geschrieben und mit der Herzlichkeit eines Staatsanwaltes, der sich auf Landesverrat spezialisiert hat. Angesichts seiner letzten Inszenierungen, so teilt man ihm mit, sorge man sich um ihn und seinen künftigen Weg, und diese Sorge wird so dringlich vorgetragen, dass man als Leser des Briefes nicht überrascht wäre, wenn die Theaterleitung abschließend eine vorsorgliche Verhaftung Bessons zu seinem eigenen Nutzen vorgeschlagen hätte. Man teilte ihm seine Fehler mit, verlangt eine Anerkennung gewisser Prinzipien und die Unterordnung unter ein Kollektiv, anderenfalls sei die Trennung vom Berliner Ensemble unvermeidlich. Besson antwortete unverblümt und selbstbewusst. Zu dem Kollektiv, dass ihn kontrollieren soll, bemerkt er nur kühl, "das hat keine rechtliche Grundlage. Ein Kollektiv, das könnte auch eine Bande sein". Eine kühne Gleichsetzung in jenen Jahren, und ich könnte mir vorstellen, dass die Parteileitung des Theaters ihn allein für diese Unverschämtheit gern einer anderen Behörde übergeben hätte.

Und auf den Vorwurf, nicht mehr auf dem Wege Brechts zu sein, entgegnete er: "Ich gehe meinen eigenen Weg weiter. Jetzt gibt es den Weg Besson."

Er beugte sich nicht dem Diktat des Berliner Ensembles, sondern inszenierte nun im In- und Ausland. Der große, der ganz große Erfolg kam für ihn am Deutschen Theater mit seinen Inszenierungen des Friedens von Aristophanes in der Bearbeitung von Hacks, mit dem Drachen von Jewgeni Schwarz, dem Ödipus Tyrann von Sophokles. Es waren legendäre Inszenierungen, die am Beginn einer Arbeit standen, die das Theater der Stadt Berlin prägte und das Theater in Deutschland nachhaltig beeinflusste.

Mit Besson kam das Südliche, das Romanische über jene Grenze, die wir in Deutschland die Main-Linie nennen, die in Europa den bunten, bilderreichen Katholizismus vom strengen, puritanischen Protestantismus trennt. Diese Differenz erklärt die Bedeutung Bessons für das deutsche Theater. Er kam in eine Theaterlandschaft, die zunehmend von Bert Brecht und mehr noch von den Brecht-Schülern dominiert wurde, und in der ein Besson eine belebende, aber auch störende und verstörende Provokation durch Spiellust und Spielfreude war.

Auf andere Art, zu einer anderen Zeit zeigte sich diese Differenz, als Heiner Müller Besson beschuldigte, mit der Erfolgsinszenierung des Drachen das Ende des politischen Theaters eingeleitet zu haben. Nun gab es in der DDR alles Mögliche und Unmögliche, aber ein unpolitisches Theater, das war undenkbar: die Augen und Ohren der Zuschauer politisierten jede noch so unschuldige Bemerkung und notfalls wurde sogar der Farbe der Eintrittskarte eine politische Bedeutung gegeben. Die Inszenierung des Drachen durch Besson war eminent politisch, aber nicht auf die protestantische Art, nach der - wie Marx sagte - ein Luther den Christenmenschen aus dem römischen Joch nur befreite, um sein Herz in Ketten zu legen. Besson liebte die Komik, die eine ernste Grundierung hat, einen existenziellen Hintergrund; die deutsche und europäische Hochkultur aber war ihm suspekt. Er bevorzugte die niedere, die plebejische Tradition der Komik und Komödie, das Theater eines Shakespeare, eines Molière, eines Aristophanes.

Vor fast vier Jahren gastierte Benno Besson mit seiner französischen Inszenierung des Kaukasischen Kreidekreis im Berliner Ensemble. Die Aufführung wurde mit Beifall überschüttet, der Regisseur, der mit diesem Stück nach mehr als fünfzig Jahren an das Theater seines Anfangs zurückkehrte, emphatisch gefeiert.

Als ich mit dem 80-Jährigen vor drei Jahren in Paris zu Mittag aß, sprach er von seinen Plänen. Drei weitere Inszenierungen in Frankreich waren bereits fest vereinbart, von mir ließ er sich ein neues Stück geben.

"Was sollte ich denn sonst tun?", sagte er zu mir, "Nicht-arbeiten, das ist mir zu langweilig."


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00:00 03.03.2006

Ausgabe 39/2020

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