Ein konsequenter Niedergang

FASZINIERT VOM STILLSTAND Wilfried Ohms Roman "Kaltenberg" wirkt wie von einem Zuchtmeister diktiert

Die Figur des Handlungsreisenden funktioniert beinahe wie ein Klischee; fast automatisch denkt man an Erfolglosigkeit, Einsamkeit, Unbehaustsein, Verlorenheit, Entfremdung. Wilfried Ohms, der 1960 in Graz geboren wurde und inzwischen in Wien lebt, hat in seinem zweiten Roman solch einen Handlungsreisenden, Kaltenberg, ins heutige Polen geschickt. Das Buch ist als Ich-Erzählung, als Brief Kaltenbergs an seine Schwester Elisabeth angelegt: er will ihr erklären, warum es mit ihm bergab ging. Das läuft im Roman so ab: Kaltenberg, Jahrgang 1963, will nicht in der Kanzlei des Vaters arbeiten. Er wird Vertreter für schwer verkäufliche Trevirastoffe in Polen, aber schon der Beginn dieser Karriere ist desaströs; Er vernachlässigt sich, trinkt, verbummelt Termine, wird aus dubiosen Gründen kurzfristig verhaftet und macht weiter wie gehabt. Seine Beziehung zu dem Barmädchen Olga ist rein sexuell, im übrigen stehen sich die beiden fast feindselig gegenüber. Als Kaltenberg die Nachricht vom Tod des Vaters erreicht, fährt er nach Hause, nach Wien, zu Mutter und Schwester. Dort lässt er sich derartig volllaufen, dass er die Beerdigung verpasst. Daraufhin stellen die beiden Frauen ihm seinen Koffer vor die Tür. Zurück in Polen stellt Kaltenberg fest, dass Olga verschwunden ist und seine Firma ihm gekündigt hat. Er trifft seinen früheren Zellengenossen, Piotr, wieder, und auf dessen Vorschlag hin gründen sie eine Scheinfirma, die "deutsche Weltarbeitshilfe AG": Sie werben gutgläubige Dörfler an, streichen deren Geld als Vorauszahlung für die "Arbeitsbewilligung" ein und verschwinden wieder. Das geht eine Weile gut, obwohl Kaltenbergs Alkoholmissbrauch den reibungslosen Ablauf der Veranstaltungen oft gefährdet. Nach einem Autounfall flüchtet Piotr, der verletzte Kaltenberg wird festgenommen und zu drei Jahren Haft verurteilt. Im Knast erfährt er lähmende Langeweile und gnadenlose Gewalt; später wird er dort als Übersetzer an Herrn Orlewski vermittelt. Als man ihn vorzeitig entlässt, wohnt und arbeitet Kaltenberg auf bescheidenstem Niveau bei diesem Mann. Zurück nach Wien will er nicht, seine Angehörigen würden ihm Fragen stellen, auf die er selbst keine Antworten weiß. Er lebt ohne Reisepass, ohne Krankenversicherung, sein Geld reicht gerade aus, Schnaps und eine Prostituierte zu bezahlen. Gegen Ende heißt es: "Doch ich beklage mich nicht. Andere leben schlechter."

Das Buch hinterlässt einen ambivalenten Eindruck. Einerseits ist es erfreulich, dass ein Autor dieser Generation einmal nicht locker-flockig über die neuesten Trends im Berlin der Zwanzig- bis Vierzigjährigen erzählt, sondern sich fortbegibt, in das von Hoffnungslosigkeit und Armut geschwächte Polen. Andererseits schreibt hier ein Autor aus einer derart abgelegenen Position, derart zeit- und alterslos, dass man doch stutzt. Kaltenbergs Vater etwa wird so beschrieben: "Seinen Kindern mehr Zuchtmeister und Vorgesetzter als Kamerad oder Freund." Dieses Buch könnte, ohne dass man die Story stark verändern müsste, wahrscheinlich auch in den USA der zwanziger Jahre spielen. Na gut. Aber es könnte, seinem Tonfall nach, auch von einem Siebzigjährigen stammen. Spricht das gegen den Roman? Wahrscheinlich nicht: konsequent weitergedacht, müsste man dann fordern, Junge sollen "jung" schreiben, Alte "gesetzt", Männer männlich, Frauen weiblich... Darum kann es aber doch nicht gehen.

Ohms hat einen Roman über einen willenlosen Verlierertypen geschrieben, ein Buch wie aus einem Guss. Man kann die unerbittliche Strenge und Lakonie dieses Textes loben - aber mit dem gleichen Recht kann man dessen Eintönigkeit und Starrheit kritisieren: hier fließt nichts, hier soll offenbar auch nichts fließen. Dass es sich um einen Abstieg handelt, nimmt man nach wenigen Seiten wahr; streng gesagt, danach kommt nichts mehr. Aber muss das ein Einwand gegen den Roman sein? Wilfried Ohms ist offensichtlich fasziniert vom Stillstand - dieser Ausdruck hat seine Berechtigung, auch wenn es mit dem Helden ja immer noch weiter bergab gehen kann. Der Text ist voller Wiederholungen des Immergleichen, und das wird kaum eine Flüchtigkeit des Autors oder des Lektorats gewesen sein. Wie oft steht Kaltenberg an Fenstern und sieht hinaus. Wie oft duckt er sich weg, um heimlich zu trinken. Wie oft beschreibt er an einer Frau nur die ihm schon von anderen Frauen vertrauten Attribute, "strähnig-aschblondes Haar, welke Brüste". Ohms psychologisiert nicht, sein Roman verharrt an der Oberfläche, bei nackten Tatsachen. Der Autor zeigt verschiedene Situationen und Stationen, er zeigt Kaltenberg als Vertreter, als Häftling, als Betrüger, er zeigt ihn in Polen und Wien - aber der Text kreist hoffnungslos in sich selbst, er will festsitzen. Kaltenberg selbst schreibt der Schwester, das logische Ende seiner Reise habe bereits in ihrem Aufbruch gelegen. Er fügt sich seinem Schicksal. Eine Kategorie wie "Freiheit" spielt in diesem Roman und für diesen Helden keine Rolle. Wilfried Ohms hat sein Programm resolut und konsequent durchgezogen. Als sei das Buch diktiert von einem Zuchtmeister. Die Sichtweise: ein Starren auf eine Erstarrung. Ein Roman als Gefängnis.

Wilfried Ohms: Kaltenberg. Ein Abstieg. Roman C.H. Beck-Verlag, 175 Seiten, 34,- DM

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00:00 14.01.2000

Ausgabe 41/2021

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