Ein Kreuz auf der Stirn

UGANDA Der Fall Christine L. - die Kindersoldaten der »Lord's Resistance Army« werden wie Leibeigene behandelt. Wer flieht, hat sein Leben verwirkt

Präsident Yoweri Museveni steht seit seiner Machtübernahme 1986 in einem latenten Bürgerkrieg mit Rebellenformationen im Norden des Landes. Es war dabei von Anfang an keine Ausnahme, wenn die Guerilla der Lord's Resistance Army (LRA) ihre Formationen immer wieder mit Kindersoldaten auffüllte. Die Zwangsrekrutierungen im Norden Ugandas treffen Jungen und Mädchen gleichermaßen. LRA-Commandante Joseph Kony vertritt die Philosophie, bei entsprechender Führung und Disziplin seien Minderjährige zuverlässige Kämpfer, es lohne sich, sie in den Krieg zu schicken - es lohne sich auch, sie an den Strafaktionen der LRA zu beteiligen. Wer von den Kindersoldaten diesem Joch zu entkommen sucht und flieht, muss mit dem Schlimmsten rechnen - zur Abschreckung für die anderen.

Derzeit hält die LRA schätzungsweise zwischen 4.000 und 6.000 Kinder im Alter von zehn bis sechzehn Jahren unter Waffen. Caroline Lamwaka, Journalistin bei der in Kampala erscheinenden Zeitung New Vision, hat mit ihren Artikeln häufig deren Schicksal beschrieben. Der folgende Text widmet sich der Odyssee der Christine L., die etwa vor einem Jahr aus dem Internat des »St. Mary's College« in Lacor (Nord uganda), entführt wurde.

Es war gegen zehn Uhr abends«, erinnert sich Christine, »wir hatten noch spät zusammen gelernt und waren dann in unsere Schlafräume gegangen. Kaum dass wir das Licht ausgeschaltet hatten, hörten wir von draußen das Geräusch von Gummistiefeln. Fäuste schlugen gegen die Türen, Glas splitterte, als sie die Fensterscheiben einschlugen. Kurz darauf leuchteten Bewaffnete mit ihren Taschenlampen unser Zimmer ab. Wir wussten, was das bedeutete, und begannen vor Angst zu weinen. Sie richteten die Mündungen ihrer Maschinenpistolen auf uns und schrieen - manche in Acholi, andere in Luo (*) -: ›Macht, dass ihr raus kommt. Raus mit euch! Wenn ihr euch nicht beeilt, werfen wir eine Granate ...‹ - Wir stürzten hinaus und mussten uns flach auf die Erde legen. Ich glaubte einen Augenblick, gleich werden sie uns erschießen ...«

Christine L. ist zum Zeitpunkt ihrer Entführung 16 Jahre alt und besucht die III. Klasse des »St. Mary's College« in Lacor, sieben Meilen westlich von Gulu, der Hauptstadt des gleichnamigen Distrikts. Mit ihr geraten 22 Mädchen in die Gewalt eines Kommandos der LRA-Guerilla. Die Entführten werden zunächst in ein Camp gebracht, das auch Mitgliedern des Oberkommandos der LRA als Domizil dient, darunter Rebellenführer Joseph Kony. Die Gefangenen müssen sich waschen, bevor die Verhöre beginnen. »Wer von euch ist krank?«, wird gleich zu Anfang gefragt. Einige Mädchen behaupten, Epileptikerinnen zu sein, außerdem unter Infektionskrankheiten zu leiden. Doch das hinterlässt keinen Eindruck: »Wenn ihr uns sagt, dass ihr krank seid, werden wir euch alle hier behalten«, bekommen sie zu hören. »Hier werdet ihr behandelt, bis es euch besser geht. Nur die Gesunden lassen wir frei, denn wir sind die ›Ärzte der Ärzte‹ und die ›Armee aller Armeen‹ - das wisst ihr doch.«

Manche haben sich auf dem Marsch ins Camp aus Angst vor einer Vergewaltigung durch LRA-Soldaten Sand ins Gesicht gerieben, um hässlicher auszusehen, doch Joseph Kony nimmt davon nicht im Geringsten Notiz, er wählt drei der Gefangenen aus, die ihn in den Südsudan, ein sicheres Refugium für taktische Rückzüge der LRA, »begleiten« dürfen. Dann hören die Mädchen, neun von ihnen könnten am nächsten Morgen ins Internat zurückkehren, Christine gehört zu denen, die im Lager aushalten müssen.

Die »Novizen« werden zunächst »gesalbt«, wie es heißt. Denn Konys aggressive Naturphilosophie besagt, die Verschmelzung mit den Kräften der Natur mache jeden seiner Kämpfer frei und unverwundbar. Christine: »Wir mussten, nachdem wir gebadet hatten, unsere Oberkörper frei machen. Dann wurde mehrere Minuten lang für uns gebetet, danach aus einer kleinen Plastikkanne heiliges Wasser auf unsere Köpfe gegossen, schließlich mit Öl ein Kreuzzeichen auf der Stirn gezeichnet.«

Zum Schluss der Zeremonie muss sich jedes der Mädchen fotografieren lassen, um es der LRA zu erleichtern, im Falle einer Flucht die Ausgebrochene wiederzufinden.

Um 20 Uhr, noch am gleichen Tag, ist im Camp die Entscheidung gefallen, den Ort und Versorgungsposten Pabo anzugreifen. Damit beginnt Christines Weg durch den Krieg. »In der ersten Ansiedlung, die wir erreichten, brannten sie die Hütten nieder. Wir Mädchen blieben zunächst im Hintergrund. Als wir näher herankamen, sahen wir, wie sie Männer aus der Siedlung ermordeten. Sie stachen mit Bajonetten auf ihre Opfer ein. Wir kreuzten die Hauptstraße von Pabo und fanden weitere zehn Männer gefesselt und in einer Reihe am Straßenrand stehend. Voller Entsetzen mussten wir mit ansehen, wie auch sie getötet wurden. Wir zogen die Straße weiter, während hinter unserem Rücken verbrannt, entführt und getötet wurde. Aber wir waren nicht mehr allein - jede von uns hatte jetzt einem zwölf- oder dreizehnjährigen Jungen mit Gewehr als Bewacher neben sich.«

Beim Überfall auf Pabo handelt es sich um eine Vergeltungsaktion, denn aus dem Ort sollen der Museveni-Armee Informationen darüber zugespielt worden sein, wo die LRA in der Gegend ihre Minen verlegt hat. Christine: »Einem der Mädchen aus dem ›St. Mary's College‹ wurde befohlen, Gefangene mit einem Holzpfosten zu erschlagen. Es tötet einen und brach erschöpft zusammen ...«

Nach diesem Massaker zieht sich der LRA-Trupp über die Grenze in den Sudan zurück. »Unterwegs trafen wir auf einen Jungen, dem es offenbar gelungen war, von der LRA zu fliehen. Er wurde ein zweites Mal entführt. Seine Hände waren auf den Rücken gefesselt. Am folgenden Tag wurde der Junge ermordet. Sie erstachen ihn mit einem Bajonett.«

Die Mädchen, die mit Christine aus der Schule entführt worden sind, sollen im allgemeinen nicht kämpfen, es sei denn, es gibt einen Überraschungsangriff der Armee. Nur jüngere Mädchen, die man direkt aus den Dörfern geholt hat, bekommen auch Waffen. Die College-Schülerinnen aus Lacor sollen die Kämpfer lediglich anfeuern, wenn die im Gefecht stehen.

Christine: »Es war uns verboten, miteinander zu reden. Eines Tages, es muss so Anfang des Jahres gewesen sein, wurden wir geschlagen und übel zugerichtet. Das Ganze hatte damit begonnen, dass die Regierungssoldaten unseren Trupp aufgespürt hatten und vor sich her trieben. Wir mussten uns zurückziehen. Ich lief zusammen mit einem Mädchen, das immer wieder schrie, völlig erschöpft zu sein und nicht mehr laufen zu können. Ich sagte ihr: ›Du weißt, was geschieht, wenn du zurück bleibst - sie erschießen dich.‹ Wir lagen unter Beschuss, aber je mehr wir rannten und versuchten, in Deckung zu kommen, desto mehr setzten wir uns auch wieder dem Verdacht aus, fliehen zu wollen. Es gibt eine Regel bei der LRA: Wenn sich die Rebellen zum Gefecht aufstellen, müssen die jungen Kämpfer in der ersten Reihe antreten und werden von den hinter ihnen postierten Führern ins Gefecht getrieben. Wer zu zeitig versucht, in Deckung zu gehen, läuft Gefahr, von den Nachrückenden verprügelt oder sofort getötet zu werden. Das wussten wir und deshalb mussten wir jeden Anschein einer Flucht vermeiden.«

Nach dem Gefecht scheint zunächst alles entspannt. Die Kämpfer ruhen sich aus, sitzen herum oder kochen. Dann aber werden Christine und ihre Gefährtin zum Kommandeur gerufen. »Mir war klar, jeder Fehler konnte tödlich sein. Wenn er sagt, du sollst sterben, wirst du getötet. Wir wurden ausgefragt, ob wir in den vergangenen Stunden versucht hätten zu fliehen. Wir beteuerten, uns nur so wie die anderen verhalten zu haben. Der Kommandeur befahl daraufhin einigen seiner Soldaten, nach Stöcken zu suchen. Wir wurden von vier Leuten geschlagen, dann wieder verhört und wieder geschlagen. Das ging soweit, dass sie uns die Hände auf den Rücken banden und wir nebeneinander gestellt wurden. Ich hatte jetzt keinen Zweifel mehr, sie würden uns umbringen. Wir waren so furchtbar geschlagen worden und hatten solche Schmerzen - da schien der Tod eine Erlösung. Die Jungen hatten sich schon in einer Reihe aufgestellt, wie ein Erschießungskommando. Doch dann schritt der Kommandant ein und sagte, es sei genug. Uns beiden wurde befohlen, nicht mehr mit den anderen zu reden, nicht mehr mit ihnen zu marschieren oder zum Brunnen zu gehen. Wir blieben isoliert.«

Christines Gruppe marschiert bald darauf zurück nach Uganda. Anfang des Monats ergibt sich endlich eine Gelegenheit zur Flucht. Die Truppe muss dringend für Nachschub an Lebensmitteln sorgen. Etwa 40 Kilometer nördlich von Gulu wird befohlen, die Maisschläge abzuernten. Während der Feldarbeit kann sich Christine unbemerkt von ihrem zwölfjährigen Bewacher absetzen. »Es war gegen elf Uhr mittags, und ich begann zu laufen, stoppte kurz, um zu sehen, ob ich verfolgt würde. Bald war ich wieder in Pabo, hetzte aber weiter, traf auf ein verlassenes Lager der Regierungstruppen und auf Spuren gepanzerter Fahrzeuge ...«

Sie zieht nun aus, was nach Rebellenkleidung aussieht, lebt tagelang von Früchten, Baumrinde, Kräutern - immer Ausschau haltend nach marodierenden LRA-Kommandos. Dann erreicht sie ein Dorf, in dessen Umfeld die Einwohner alles Gebüsch abgebrannt haben, um jederzeit kontrollieren zu können, wer sich ihrer Siedlung nähert. »Das ließ meine Hoffnungen wachsen. Denn wenn ein Dorf sich auf diese Weise schützt, fürchten die Rebellen einen Angriff ...«

Die Kindersoldaten sehen es meist als zu gefährlich an, sich direkt den Regierungstruppen zu stellen. Die Soldaten sind nur an den Waffen der Kinder interessiert und außerdem von der Angst getrieben, in einen Hinterhalt gelockt zu werden. Das heißt, sie sind entsprechend reseviert bis feindlich. Es gibt eine Reihe von Klagen, dass Kinder im Gewahrsam der Armee nicht ausreichend medizinisch versorgt oder unnötig lange festgehalten werden. Für Christine geht die Odyssee durch den Krieg schließlich zu Ende wie in hundert anderen Fällen auch: Vorsichtig durchquert sie ein Dorf - als sie die ersten Leute sieht, kommen ihr Zweifel, ob es sich vielleicht doch um Rebellen handelt oder deren Zuträger, dann aber sieht sie, es müssen Zivilisten sein - keiner trägt Gummistiefel. Sie geht entschlossen weiter und stellt sich einigen Frauen. »Die beruhigten mich und sagten, ich solle mir keine Sorgen machen. Ich würde der Regierung übergeben und später ins World Vision-Zentrum kommen, wo man sich um mich kümmern werde ...« Christine wird zwei Tage lang von der Armee verhört. Am dritten Tag kann sie mit einem Armee-Konvoi nach Gulu fahren. Dort bleibt sie zunächst in der Kaserne und eine Woche bei World Vision, bis sie von ihrem Vater abgeholt und nach Kampala gebracht wird - ihre Jugend ist vorbei.

Robby Muhumuza - Pressesprecher von World Vision, in deren Zentren viele der geflohenen oder von der Armee befreiten LRA-Kinder und -Jugendlichen betreut werden - erzählt über die Gespräche mit vielen der einstigen Kindersoldaten: »Sie sind für ihr Leben gezeichnet. Die Art der Entführung ist brutal. Sie werden ihren Eltern mit Gewalt entrissen, geschlagen, gefoltert. Manchmal sind sie dabei Zeugen, wie ihre eigenen Verwandten ermordet und zerstückelt werden. Ein Erlebnis, das sie für ihr ganzes Leben traumatisiert.«

(*) Dialekte in Norduganda

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00:00 25.08.2000

Ausgabe 38/2021

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