Ein Lager neuen Typs

Kultur der Gewalt Zwei Bücher über Unterdrückung, Gewalt und Terror in der Sowjetunion

Wir werden unsere Gegner zu Hunderten töten, ohne Gnade und ohne Erbarmen. Mögen es Tausende sein, mögen sie in ihrem eigenem Blut ersaufen!" Diese Devise des Kampfes der Bolschewiki gegen ihre echten und vermeintlichen Gegner konnte man im Jahr 1918 im offiziellen Organ der Roten Armee lesen. Nicht ganz ein Jahr nach der Machtergreifung durch die Bolschewiki hatte deren Führer Lenin im Kampf um die Macht eine Politik des Roten Terrors installiert, mit dem Konterrevolutionäre, "Volksfeinde" und die sogenannten "Ehemaligen", Angehörige der einstigen Elite, überzogen wurden. Vollstreckt wurde der Rote Terror gegen die als "menschlicher Abfall" stigmatisierten Gegner von der "Allrussischen Außerordentlichen Kommission zur Bekämpfung von Konterrevolution und Sabotage", der Tscheka, aus der später der Geheimdienst hervorging.

Wie der Kampf gegen die vorgeblichen Feinde geführt wurde, formulierte der Stellvertreter des "Eisernen Felix", des Tscheka-Chefs Felix Dzerzinskij: "Wir führen nicht Krieg gegen einzelne. Wir vernichten die Bourgeoisie als Klasse. Während der Untersuchung suchen wir nicht nach Beweisen, daß der Beschuldigte in Worten und Taten gegen die Sowjetmacht gehandelt hat." Jeder, der irgendwie in Verdacht stand, zu den Feinden zu gehören, konnte willkürlich und ohne viel Aufhebens zu Freiheitsentzug, Zwangsarbeit oder zum Tode verurteilt werden.

Unberechenbare Gewalt und Grausamkeit gegen die Feinde des neuen Systems waren von Anbeginn an Wesensmerkmal der Sowjetunion. In seinem Buch Der rote Terror. Die Geschichte des Stalinismus geht der ausgewiesene Kenner der Materie Jörg Baberowski, Professor für Osteuropäische Geschichte an der Berliner Humboldt-Universität, der Frage nach, wie es möglich war, dass ein System im fast 30-jährigen Ausnahmezustand Krieg gegen die eigene Bevölkerung führte. Er zeigt, dass die Ursprünge des Stalinismus bereits in der Rhetorik und Politik Lenins liegen, es einen "Stalinismus vor dem Stalinismus" gab und sieht den Bürgerkrieg nach dem "bolschewistischen Oktobercoup" als eine "Generalprobe für den Stalinismus", durch den die "Bolschewiki ihre Wahnvorstellung von einer sozial ›gereinigten‹ Welt zur Verwirklichung bringen wollten." Lenin und seine Gefolgsleute, so Baberowksi, bedienten sich der Rhetorik der Gewalt gegen vorgebliche Regimegegner, um das Volk auf ihre Seite zu ziehen: "Wo der Sozialismus dem Volk nichts galt, siegte, wer den revolutionären Furor mit Gewalt anreicherte." Während die erste Garde der Bolschewiki als Intellektuelle jedoch ein abstraktes Verhältnis zur Gewalt hatte und von den Gewaltexzessen, die sie entfesselte, keine Vorstellung hatte, entstammten Stalin und seine Funktionäre jener Gewaltkultur des Volkes mit einem geradezu körperlichen Verhältnis zur Macht.

Die Gesinnungsbrüder des stalinistischen Männerbundes kamen von unten und begannen, nachdem sie im Machtkampf nach Lenins Tod im Januar 1924 obsiegt hatten, einen "Feldzug gegen das Fremde", der alles vermeintlich Andere eliminieren sollte, sich aber auch gegen das bäuerliche Milieu, dem sie selbst entstammten, richtete. Zunächst wurde die Parteiführung gesäubert, und Stalin stieg im Kreise seiner Anhänger, die er in die frei gewordenen Posten eingesetzt hatte, zum "Übervater" auf; Abweichler der von ihm verordneten Lehre wurden mit Ausschluss aus der Gemeinschaft bestraft. Seit 1921 noch unter Lenins Führung der Beschluss gefasst worden war, oppositionelle Strömungen innerhalb der Partei nicht mehr zu dulden, ritualisierte sich der Diskurs innerhalb der Parteiführung, was zu stetigem Misstrauen untereinander führte. Hierin sieht Baberowski eine der Ursachen "für die groteske Spionagemanie und den Verfolgungswahn" der dreißiger Jahre, welche letztlich in den stalinistischen Massenterror führten.

Stalinismus ist für Baberowski das Synonym für Terror. Der Große Terror der Jahre 1937 und 1938, der mit willkürlichen Verhaftungen, Erschießungen und Deportation von Millionen in Zwangsarbeiterlager zum Signum des Stalinismus wurde, war laut Baberowski logische Folge des kommunistischen Terrors, der aus "mehreren, anfangs nicht miteinander verbundenen Repressionsstrategien" hervorbrach. "Der Terror bewegte sich in konzentrischen Kreisen vom inneren Kreis der Macht nach außen. Niemand konnte sich dieser Gewalt entziehen, die sich durch alle Schichten fraß." Durch eine Rhetorik der Entmenschlichung stigmatisierte Angehörige sozialer oder ethnischer Gruppen, Volksfeinde, die die sozialistische Gesellschaft vorgeblich zu zersetzen drohten, wurden ohne Chance auf Rehabilitierung auf immer aus der Gesellschaft ausgeschlossen oder vernichtet.

Die historische Analyse des Stalinismus ist seit jeher geprägt von unterschiedlichen Deutungsansätzen, von denen aus die Geschichte seiner Verbrechen beschrieben wird. Baberowski führt in seiner Geschichte des Stalinismus die unterschiedlichen Hypothesen zusammen, wobei er sich auf die in den Archiven gewonnenen Erkenntnisse stützen kann. Zunächst einmal stellt er fest, dass Gewalt und Terror nicht per se in der Struktur kommunistischer Herrschaft liege, wie es das umstrittene Schwarzbuch des Kommunismus 1997 nahe legte. Baberowski zeigt, dass der dem Totalitarismuskonzept entstammende und der sogenannte "revisionistische" Ansatz der Stalinismusforschung durchaus miteinander vereinbar sind. Er lässt keinen Zweifel an der Verantwortung Stalins für die begangenen Verbrechen, die seit einigen Jahren belegt ist durch Archivfunde wie die von Stalin eigenhändig unterschriebenen Todeslisten und Terrorbefehle, aufgrund derer Abertausende in Tod und Verderben geschickt wurden.

Wichtiger als die unterschiedlichen Theoreme über den Stalinismus ist für Baberowski aber die Überzeugung, dass der Stalinismus nur verstehbar sei "in den Milieus, aus denen er kam und in denen er sich entfaltete." Die männerbündische Kultur der Gewalt, der Stalin und seine Schergen entstammten, machten die Mafia zum Modell der stalinistischen Herrschaft. Diese Gewaltkultur, vereint mit einer quasi-religiösen "Teleologie der Erlösung", dem unbedingten Willen, den Sozialismus und den neuen Menschen zu erschaffen, führte unweigerlich in die stalinistische Gewalt. In dem kommunistischen Gesellschaftsentwurf mit Heilsanspruch, Baberowski nennt es "manichäisches Weltbild", war für Ambivalenzen kein Platz.

"Wenn wir von einer neuen Verhaftung hörten, fragten wir nie: ›Wofür ist er verhaftet worden?‹", beschreibt Nadeschda Mandelstam in ihren Erinnerungen die Atmosphäre der Jahre des Großen Terrors. Sie ist die Witwe des Dichters Ossip Mandelstam, der jener Generation der "vergeudeten Dichter" angehört, die von der nach irrwitzigen Methoden arbeitenden Maschinerie des Terrors in den Tod getrieben wurden. So absurd die "Verbrechen", derer man beschuldigt werden konnte, so surreal die Verfahren, nach denen man abgeurteilt wurde, auch waren, die Konsequenzen des kommunistischen Repressionssystems waren überaus real. Abertausende unschuldig Verurteilter fanden sich in den Zwangsarbeiterlagern wieder, die sich in der Stalin-Zeit auf dem Territorium der Sowjetunion ausbreiteten.

Das Verdienst von Baberowkis in fesselndem Stil verfasster, obgleich sprachlich bisweilen etwas plakativer Studie ist die ideologischen Ansätze der Erforschung dieser "Zivilisation des Hasses" durch die Einführung kultur- und sozialhistorischer Deutungsansätze zu überwinden und einen neuen Interpretationsansatz des Stalinismus als Systembegriff zu präsentieren.


Während Baberowski in seiner Publikation vor allem eine Antwort auf die Frage sucht, was das terroristische System des Stalinismus möglich machte, legt Anne Applebaum ihr Augenmerk vor allem auf das Leiden der Opfer. Nach Alexander Solschenizyns in den siebziger Jahren verfasstem Archipel Gulag, der bislang umfangreichsten Darstellung des sowjetischen Lagersystems, hat die langjährige Osteuropa-Korrespondentin des Economist nun die als Sensation des vergangenen Bücherherbstes bejubelte erste Gesamtdarstellung des Zwangsarbeitssystems der Sowjetunion vorgelegt. Im Gegensatz zu Solschenizyn, der es, wie er selbst schreibt, noch nicht wagen konnte, eine Geschichte des Gulag zu schreiben, da ihm der Zugang zu den offiziellen Dokumenten verwehrt war, kann sich Applebaum bei ihrer Schilderung des Lebens und Arbeitens in den Lagern, der der Hauptteil ihres über 700 Seiten umfassenden Werkes gewidmet ist, auf Material aus den Archiven stützen.

Die Autorin bezieht sich des weiteren auf biographische Aufzeichnungen und Interviews, die Einblicke in ein barbarisches System der Unterdrückung und Grausamkeit geben und berichtet von Verhaftung, Verhör und Transport in die Lager, vermittelt einen Einblick in das tägliche Überleben in den Lagern, erzählt von Rebellion, Flucht und Selbstmord. Auch wenn Applebaum in ihrer eher kompilativen Darstellung dem mit dem Thema vertrauten Leser nicht viel Neues zu berichten hat, ist ihre Geschichte des Gulag ein lobenswerter Versuch, die Verbrechen des vermeintlich besseren Systems ins Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit zu bringen.

Wie Baberowski weist auch Applebaum auf die Ursprünge der Gewalt hin. Im Kampf um die Durchsetzung der Macht hatte schon Trotzki im Juni 1918 die Unterbringung von Regimegegnern in Konzentrationslagern gefordert, und auch Lenin verwendete wenig später eben diese Vokabel. Das erste Sonderlager für politische Gefangene wurde im Sommer 1923 in einem ehemaligen Kloster auf einer Inselgruppe im Weißen Meer installiert, nur knapp 200 Kilometer vom Polarkreis entfernt. Das Internierungslager Solowki wird zum Lager neuen Typs.

Mit dem Inkrafttreten des ersten Fünfjahresplans im Jahr 1928, dem Jahr des "großen Umhiebs", mit dem auch die Industrialisierung des Landes eingeläutet wurde, beginnt der Archipel Gulag "Metastasen abzusondern". Es entstehen zahllose neue Lager, die seit 1930 offiziell Besserungsarbeitslager genannt werden, in denen nach vorgegebenen Quoten Internierte an der großen Aufgabe der Verwandlung des rückständigen Agrarlandes in einen modernen Industriestaat mitzuarbeiten gezwungen werden. Dem Geheimdienst unterstellt, sind die Lager nun nicht mehr nur Repressionsinstrument für die vermeintlichen und wirklichen Gegner der neuen Ordnung, sondern wichtiger Faktor der sowjetischen Wirtschaft. Die Arbeitskräfte werden vom Staatssicherheitsdienst "rekrutiert". Größenwahnsinnige Unternehmen wie der Bau des Weißmeer-Ostsee-Kanals, die nach außen und innen die Überlegenheit des neuen Systems signalisieren sollen, werden ebenso wie der Abbau von Bodenschätzen unter schwersten klimatischen Bedingungen von Zwangsarbeitern geleistet. Doch obwohl sich die Lager schon bald als ökonomisch unrentabel herausstellten, wurde das Zwangsarbeitsystem bis zu Stalins Tod beibehalten. Erst nach Chruschtschows berühmter Rede auf dem XX. Parteitag der KPdSU im Februar 1956, mit der er die Periode des Tauwetters nach der stalinistischen Unzeit einleitete, sollten Millionen Menschen aus den Lagern und der Verbannung heimkehren. Zwangsarbeit spielte in der sowjetischen Wirtschaft fortan keine entscheidende Rolle mehr. Gleichwohl blieben die Lager als Instrument der Unterdrückung des Dissidententums weiter bestehen, und erst Gorbatschow verabschiedete Ende 1986 eine Generalamnestie für alle politischen Gefangenen in der Sowjetunion, die gleichbedeutend mit dem Ende eines Lagersystems war, das Millionen von Menschen die Freiheit und das Leben geraubt hat.

Die Erinnerungen der Überlebenden der sowjetischen Lager lassen unwillkürlich an die Berichte der Verfolgten des nationalsozialistischen Regimes denken. Ebenso wie Baberowski weist auch Applebaum auf die "gleiche geistige und historische Tradition" hin, in der der Gulag und Auschwitz stehen. Beide Systeme schufen "Kategorien von ›Feinden‹ und ›Untermenschen‹, die sie massenweise verfolgten und vernichteten", Menschen wurden nicht dafür verhaftet, was sie getan hatten, sondern dafür, was sie waren. Das Sonderlager Solowki "begrüßte" die Ankömmlinge mit Spruchbändern wie "Mit eiserner Hand führen wir die Menschheit ins Glück!" und "Freiheit durch Arbeit!", doch genauso wenig wie in Auschwitz machte die Arbeit dort frei. Im Gegensatz zum Nationalsozialismus jedoch war der Begriff des Feindes in der Sowjetunion weniger kategorisch. In der Sowjetunion konnten Täter zu Opfern werden und Opfer zu Tätern, die in der Hierarchie der Lagerverwaltung aufstiegen. Niemand war in der Sowjetunion allein durch die Angehörigkeit zu einer stigmatisierten Gruppe dem Tode unabwendbar ausgeliefert, die Häftlinge in den sowjetischen Lagern starben in der Regel nicht "an der Effizienz ihrer Peiniger, sondern eher an Ineffizienz und Vernachlässigung".

"Staatlich organisierte Deportationen und Massentötungen stigmatisierter Menschengruppen sind ein Phänomen des 20. Jahrhunderts", schreibt Baberowski an anderer Stelle. Während jedoch die Shoah fest in der allgemeinen Gedächtniskultur verankert ist, gerät in Vergessenheit, dass sich an anderer Stelle in Europa fast zur gleichen Zeit eine ähnlich unvorstellbare Gewaltorgie vollzog. Die Opfer des Gulag sind in der öffentlichen Erinnerung Russlands und des Westens kaum präsent, niemand hat ihnen ein Denkmal gesetzt.

Wohlgemerkt: Es kann nicht darum gehen, den industrialisierten Völkermord der Nazis mit den Untaten des Stalinismus gleichzusetzen, das eine Menschheitsverbrechen mit dem Hinweis auf ein anderes relativieren zu wollen, wie dies oft genug geschehen ist, zuletzt bei der Eröffnung der Leipziger Buchmesse. Wurde in den Zeiten des Kalten Krieges im Westen der Verweis auf den kommunistischen Terror gerne als ideologisches Kampfmittel eingesetzt, wird das Thema der sowjetischen Vergangenheit heute geradezu tot geschwiegen. Im hochoffiziellen Russlandjahr ist die Chance verpasst worden, sich der russischen Zeitgeschichte endlich einmal ohne weltanschauliche Scheuklappen anzunähern. Die Bücher von Jörg Baberowski und Anne Applebaum sind hier die rühmliche Ausnahme.

Jörg Baberowski: Der rote Terror. Die Geschichte des Stalinismus. DVA, München 2003, 290 S., 24,90 EUR

Anne Applebaum: Der Gulag. Aus dem Englischen von Frank Wolf. Siedler, Berlin 2003, 736 S., 32,00 EUR


00:00 23.04.2004

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