Ein Land am Tropf der Kohle

Energie In Südafrika zerstören Minen das Grundwasser und den Boden. Die Anwohner wehren sich, Gewerkschafter fordern die Regierung heraus
Eva Mahnke | Ausgabe 22/2015

Woher der Wind auch weht, es riecht nach Kohle rund um Witbank. Die südafrikanische Stadt in der Provinz Mpumalanga im Nordosten des Landes ist umzingelt von staubenden Minen, qualmenden Kraftwerken und rauchenden Stahlhütten. Allgegenwärtig auch die Kohlelaster, die mit ihrer schwarzen Fracht von Sonnenaufgang bis spät in die Nacht über die Straßen poltern. Südafrika ist der siebtgrößte Kohleproduzent der Welt, ein Drittel seines schwarzes Goldes lagert rund um Witbank. Seit 2006 trägt die Stadt einen neuen Namen: eMalahleni, Ort der Kohle.

Steinkohle aus Südafrika geht auch nach Deutschland; im vergangenen Jahr waren es fünf Millionen Tonnen, etwa ein Zehntel des gesamtdeutschen Imports. Damit steht Südafrika hinter Russland, den USA, Kolumbien und Australien an fünfter Stelle. Praktisch alle großen deutschen Energiekonzerne – von Vattenfall über Eon, RWE, EnBW bis zur Steag – verbrennen für ihre Kunden südafrikanische Kohle.

Die Menschen in Mpumalanga zahlen dafür einen hohen Preis. Direkt an der Hütte von Andris dröhnen im Zehnminuten-takt die Kohlelaster vorbei. Der alte Mann, dessen grauer Bart sich scharf gegen die dunkle Haut abzeichnet, lebt seit 30 Jahren in einer an die Slater-Mine angrenzenden Siedlung. Solche informal settlements aus einfachen Hütten gibt es viele rund um eMalahleni. Irgendwann sind Menschen aus den angrenzenden Provinzen hierher gekommen, haben Gras und Buschwerk ausgerissen und sich ihre Hütten aus Ziegeln, Holz und Wellblech direkt neben die Mine gebaut. Andris ist nur einer von Zehntausenden, die auf Arbeit in den Minen hoffen. Die Hoffnungen sind größer als die Zahl der Jobs: Die Arbeitslosigkeit in der Region liegt bei 42 Prozent.

Husten und waschen

Unter den Auswirkungen des Kohlebergbaus, der neben zahlreichen Großkraftwerken mehrere Stahlwerke und andere Industrien hat entstehen lassen, leiden fast alle hier. Je nach Wohnlage atmet jeder seinen individuellen Cocktail aus Schwefeldioxid, Feinstaub und anderen Schadstoffen ein. „Ich habe immer Husten, gegen den die Ärzte nie etwas unternehmen können“, erzählt Andris. „Der Staub kommt überall hinein. Das Einzige, was man dagegen tun kann, ist ständig die Wäsche zu waschen.“ Die Menschen rund um eMalahleni leiden auffällig oft unter Asthma, Nasennebenhöhlenentzündungen, Lungenkrankheiten. Die kleinen Kohleöfen in den Hütten tragen ihren Teil dazu bei. Der Geruch ist stechend in Andris‘ Behausung, aber Strom oder andere Heizmöglichkeiten gibt es in der Gegend, in der man stets ein Kohlekraftwerk am Horizont sieht, für die Ärmsten nicht.

Von Andris’ Haus sind es nur noch ein paar Schritte bis zur nächsten Mine. „Was wollen Sie?“, ruft ein Mann in staubig-grauen Jeans, der sich als Besitzer der Anlage vorstellt. Ob er denn eine Genehmigung für die Mine habe? „Ich habe keine Mine, ich wasche nur Kohle“, erwidert er. Natürlich habe er eine Genehmigung. Der Mann nennt sich John Smith; in Deutschland hätte er einfach Schmidt oder Meier gesagt. Über eine rechtmäßige Lizenz verfügt „Smith“ mit Sicherheit nicht. Denn die würde ihn verpflichten, in Andris’ Siedlung eine Station zur Feinstaubmessung aufzustellen. So etwas gibt es dort aber nicht. Trotzdem muss „Smith“ wohl nicht damit rechnen, dass jemand seine Anlage schließt oder ihn zwingt, das staubige Gelände in regelmäßigen Abständen mit Wasser zu besprühen, um die Emissionen zu senken.

„Die südafrikanischen Gesetze sind gut, aber ihre Durchsetzung und Kontrolle sehr schlecht“, sagt Pinky Langa, Umweltaktivistin beim South African Green Revolutionary Council – und das, obwohl die südafrikanische Regierung Mpumalanga bereits 2007 zur „national pollution priority area“, zur Region mit dringendem Handlungsbedürfnis, erklärt habe. Das Umweltministerium verweist auf die fehlenden personellen Kapazitäten, um die Einhaltung der Gesetze effektiv kontrollieren zu können – und darauf, dass man bei der Umsetzung der Emissionsstandards „flexibel“ sein müsse. 90 Prozent Kohlestrom, 88.000 direkte Arbeitsplätze in der Kohleindustrie samt den davon abhängigen Familien: Südafrika hängt am Tropf der Kohle. Gleichzeitig zerstören die Minen fruchtbares Ackerland und damit langfristig eine wichtige alternative Erwerbsquelle.

Eva Mahnke arbeitet als Redakteurin bei klimaretter.info und als freie Journalistin. In Südafrika hat sie Ende April recherchiert

Neben den vielen kleinen mehr oder weniger legalen Minen haben sich die großen multinationalen Rohstoffkonzerne ihre Pfründe im Land gesichert. Sie bemühen sich um ein sauberes Image. Wenn es unter Mühen gelingt, bei einem der großen in Mpumalanga aktiven Player einen Besichtigungstermin zu bekommen, findet man sich am ehesten in einer Vorzeige-mine wie „Wonderfontein“ wieder, deren Erzeugnisse vollständig in den Export gehen: Hell getünchte Gebäude, gepflasterte Wege, Blumenrabatten – Glencore-Xstrata und die südafrikanische Holding Shanduka Coal präsentieren im Eingangsbereich ein freundliches Ambiente. Gerade zwölf Monate ist die Mine alt, die Kraterlandschaft ist dementsprechend noch von überschaubarer Größe. Vorschriftsmäßig fahren die Sprühwagen, die Arbeiter tragen Schutzkleidung.

Was nicht zu sehen ist: Chemische Reaktionen im aufgebrochenen Gestein lassen eindringendes Wasser mit der Zeit versauern. Zwar betonen die Minenbetreiber, dass alles Wasser während der Betriebsdauer der Mine in ein Rückhaltebecken gepumpt werde und das Gelände nicht verlasse. Das Problem aber sind die langfristigen Auswirkungen auf den Wasserhaushalt, die die Umweltbilanz der Minen so verheerend machen.

„Während der Betriebszeit wird die Verschmutzung in der Regel kontrolliert und sorgfältig überwacht“, weiß Terence McCarthy, Geologe an der Universität Witwatersrand in Johannesburg. „Die Probleme kommen erst etwa zehn Jahre später, wenn die Mine geschlossen wurde und das Gelände wieder mit dem Umgebungswasser in Berührung kommt. Zu diesem Zeitpunkt lässt sich in der Regel nicht mehr kontrollieren, was mit dem verschmutzten Sickerwasser geschieht.“ In der Zwischenzeit hat Glencore-Xstrata wie viele andere Minengesellschaften auch den umliegenden Gemeinden zwar vorschriftsmäßig das eine oder andere Schulgebäude oder Rechenzentrum gesponsert und noch manches freiwillige Projekt mehr. Grundwasser und Flüsse aber versauern auf Jahrzehnte und verseuchen die Lebensgrundlage der Menschen. Schon jetzt ist das Grundwasser in Mpumalanga, auch durch die Tausenden aufgegebenen Minen, oft nicht mehr nutzbar. Dass die Fonds zur Bekämpfung der langfristigen Folgen, die die Minenbetreiber heute vorweisen müssen, ausreichen werden, bezweifeln Umweltaktivisten.

BHP Billiton, Anglo American und Glencore-Xstrata: Diesen Namen begegnet man überall, wenn es um die negativen Folgen des Kohleabbaus geht. Die Verquickungen zwischen den Konzernen und dem regierenden African National Congress (ANC) sind eng. Immer wieder kursieren Vorwürfe, dass gewisse ANC-Politiker finanziell von den Minen profitieren. Gerade in den ärmsten Gemeinden und bei den Gewerkschaften verliert der ANC so gerade massiv an Rückhalt. „Wir haben den ANC immer unterstützt“, sagt etwa Sam Lekhulena, der bei der Gewerkschaft der Metallarbeiter NUMSA die Themen Sicherheit und Gesundheit betreut und den in vielen Minen unzureichenden Gesundheitsschutz der Arbeiter und die niedrigen Löhne scharf kritisiert. „Jetzt wollen wir eine neue Partei gründen, denn der ANC hört uns nicht zu und tut nichts.“ Gemeint ist die United Front, ein Bündnis aus Gewerkschaftern und Vertretern aus den Gemeinden, dem Beobachter die Bildung eines echten Gegengewichts zum ANC zutrauen. Noch dominiert die einstige Befreiungsbewegung das Parlament, auch wenn sie 2014 knapp ihre Zweidrittelmehrheit verloren hat.

Für Mpumalanga liegen den Behörden derzeit rund 5.000 Anträge auf neue Minen vor; die meisten werden positiv beschieden werden. Die deutschen Energiekonzerne versichern, sich bei ihren Lieferanten für die Einhaltung von Umwelt- und Arbeitsstandards einsetzen zu wollen, nennen diese aber aus „wettbewerblichen und vertraglichen Gründen“ nie beim Namen.

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06:00 10.06.2015

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