Cedric Rehman
Ausgabe 1717 | 10.05.2017 | 06:00 1

Ein Land stirbt

Südsudan UN-Helfer warnen, dass nur noch wenige Wochen bleiben, um ein Massensterben in diesem Bürgerkriegsland zu verhindern

Am Himmel über der Stadt Wau ziehen die Raubvögel unter dunklen Wolken ihre Kreise. Ihre Schwärme wirken wie eine Drohung. Noch wirbelt heißer Wind den Staub zwischen den Hütten auf, doch in zwei, drei Wochen schon wird der Regen für eine Schlammlandschaft sorgen. Wo jetzt noch Trucks mit Lebensmitteln aus Kenia oder Uganda rollen, werden die Pisten im Morast versinken. Die Stadt Wau wird dann einer Insel gleichen, auf dem Landweg nicht mehr erreichbar und auf die Hilfsflüge der Vereinten Nationen angewiesen sein. Aber auch das ist nicht sicher, wegen möglicher Unwetter. Rebellengruppen könnten die Regenzeit für eine Offensive nutzen, wenn die Panzer der Regierungsarmee stecken bleiben. Das alles wird Menschen in Mitleidenschaft ziehen, die seit einem Jahr nicht mehr regelmäßig versorgt werden können. Die Bauern in der Umgebung von Wau fahren kaum noch Ernten ein. Entlang ihrer Felder lauern marodierende Kämpfer und der Tod. Die Aasgeier am Himmel über Wau müssen nur noch warten, bis die Regenzeit vorbei ist.

Achol Amman wiegt ihren dreijährigen Sohn Majok auf dem Schoß, als sie vor dem Eingang des Saint Mary’s Hospital unweit von Wau auf einer Mauer sitzt. In einer Hütte einige Kilometer entfernt sind Majoks Geschwister mit leeren Bäuchen zurückgeblieben. Ammans Mann ist in irgendeinem Gefecht dieses endlosen Bürgerkrieges ums Leben gekommen. Seither verkauft Amman Brennholz, um ihren Kindern wenigstens etwas Hirse geben zu können, aber wirklich gereicht hat es nie. Majoks Kopf wirkt riesig im Vergleich zum kläglichen Rest seines Körpers. Die Augen treten aus dem eingefallenen Gesicht hervor, von den Haaren sind nur Büschel geblieben. Was wird die Mutter tun, wenn sie den nach Erdnussbutter schmeckenden Kalorienkuchen aus dem UN-Depot erhält? Die Ärzte werden verlangen, dass sie die Kalorienmedizin Majok gibt, da der Junge zu verhungern droht. Dann wären die Geschwister weiter auf Hirse angewiesen. Auf Dauer zu wenig, um zu überleben. Teilt sie den Kuchen unter ihren Kindern auf, wird es Majok nicht besser gehen. Die Mutter muss sich entscheiden.

Ackerland erobern

Achol Amman gehört zum Volk der Dinka, dem größten Stamm im Südsudan, der von der Viehhaltung lebt und noch nie in seiner Geschichte einen Pflug über ein Feld gezogen hat. Bis zum Kriegsausbruch erwarben die Dinka-Frauen aus dem nördlichen Umland von Wau ihre Lebensmittel von Bauern, die aus anderen Stämmen kamen. Als im Juli 2016 in der Hauptstadt Juba erneut Kämpfe ausbrachen, zogen Dinka-Männer plündernd durch Bauerndörfer und vertrieben, wen sie nicht töteten. Sie sahen in den heftig aufgeflammten Kämpfen eine Chance, Ackerland zu erobern, auf das sie ihre Kühe treiben konnten. Diejenigen, die sie bisher mit Hirse und Gemüse versorgt hatten, flüchteten nach Wau und suchten auf dem Gelände der Kathedrale und an anderen Orten Schutz. Denn in Wau waren UN-Soldaten stationiert. Dann fraßen die Kühe der Dinka, was noch auf den verlassenen Feldern wuchs. Auf die Frage, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn die Dinka-Kämpfer den Bauern ihre Felder gelassen hätten, fällt den Dinka-Frauen vor dem Saint Mary’s Hospital keine Antwort ein. Nach einer Weile meint eine, dass der Krieg eine Angelegenheit der Männer sei. Sache der Frauen scheint es zu sein, das Leid ihrer Kinder zu ertragen – wenn möglich zu lindern.

Die Dinka bildeten in den Zeiten des Unabhängigkeitskrieges der südsudanesischen Christen gegen den muslimischen Nordsudan das Rückgrat der Unabhängigkeitsbewegung SPLM. George Bush reiste 2011 als US-Präsident nach Juba, um die Gründung des jüngsten Staates der Welt zu feiern und dem SPLM-Anführer Salva Kiir einen Cowboyhut zu schenken, den der noch heute trägt. Inzwischen aber sieht Kiir in den USA einen Feind. Die Amerikaner wollten im Herbst ein Waffenembargo gegen den Südsudan im UN-Sicherheitsrat durchsetzen und scheiterten am Veto Chinas. Kiir vergab an Peking nach der Unabhängigkeit die Konzession für südsudanesisches Öl. Ein herber Schlag für die USA, hatten sie doch die SPLM gegen die Muslime des Nordens unterstützt.

Die zerbrach endgültig im Dezember 2013. Der Dinka Salva Kiir setzte Vizepräsident Riek Machar aus dem zweitgrößten Stamm der Nuer nach einem Streit über die Kontrolle der ölreichen Gebiete ab. Der daraufhin ausbrechende Bürgerkrieg verwüstete die nördlichen Regionen mit ihren Ölquellen. Der Rest des Landes ächzte unter der Last Zehntausender Binnenflüchtlinge. Die Regierung von Salva Kiir überließ aus Gleichgültigkeit und Geldmangel die Versorgung der Bevölkerung der UNO und ausländischen Helfern. Ethnischer Hass verstörte die Gemüter, keinen Stamm verschonte die Metzelei. Seit dem Sommer 2016 erfassen den Südsudan etliche lokale Aufstände gegen die Dinka-Führung in Juba. Die Fronten lösen sich auf und weichen einem einzigen Schlachtfeld. Vertriebene berichten, in vielen Regionen würden ganze Gemeinden von den Dinka ausgelöscht, das Grauen im Busch spiele sich ohne Zeugen ab. Ein hochrangiger Diplomat nimmt das Wort „Genozid“ in den Mund.

Alte und Kranke siechen als Erste dahin. Unter einer Zeltplane im Flüchtlingscamp rund um die Kathedrale von Wau wandern Fliegen über ihre Gesichter und Arme. Eine ältere und eine jüngere Frau liegen auf Matten und winden sich in Krämpfen. Die Tiere fliegen davon wie Marionetten an unsichtbaren Fäden, sobald die Körper sich aufbäumen. Ein Junge nestelt am Hemd der jungen Frau herum. Es ist offenbar seine Mutter, denn das Kind greift nach ihrer Brust.

Helfer der Malteser schauen betreten auf die Szene des Grauens. Eigentlich wollten sie den Gästen aus dem Ausland zeigen, wie sie in ihrem Camp Flüchtlingen Hilfe leisten. Manchmal kommt diese aber zu spät. Einer erklärt, mit Unterstützung des Nothilfebündnisses „Aktion Deutschland Hilft“ habe man Latrinen gebaut und verteile Seife für die Hygiene im Lager. Mehr als eine medizinische Grundversorgung könne es aber nicht geben. „Unsere Mittel sind begrenzt.“

Krankenschwesternschule

Wenn die indische Schwester Grace Alpträume hat, dann weiß sie, dass es Bilder aus der Vergangenheit sind, die sie plagen. Sie rührt in ihrem Tee und erzählt, als sie Ende der 90er Jahre nach Wau kam, hungerte das Regime in Khartoum die aufständischen Dinka aus. Der Sudan ließ damals keine Hilfsorganisation in den rebellierenden Süden. Nur die Kirche blieb in dieser Region des damals noch einheitlichen Staates und baute unter anderem eine Krankenschwesternschule auf. „Gott sei Dank ist das heute anders“, so Grace. Von den Maltesern bis zu den Johannitern gäbe es augenblicklich in Wau mehrere kirchliche und private Hilfsorganisationen, doch hätten die alle mit dem Dilemma zu kämpfen, dass Geld nur einmal ausgegeben werden könne und Hilfe an Grenzen stoße. Die Ärzte und Schwestern ihrer Mary Help Association würden sich vielleicht gerade um ein Kind kümmern, das an Ruhr leidet, während ein anderes an anderer Stelle an Typhus stirbt. Und die vorhandenen Lebensmittel reichten nie, um alle Unterernährten zu erreichen. „In einem Land, in dem bald über Monate hinweg alle Straßen überschwemmt sein werden, verschlingt allein der Transport von Hilfsgütern Unsummen“, sagt Grace. „Es darf jetzt keine Zeit mehr verloren gehen. Bevor die Regenzeit richtig begonnen hat, muss genug Essen im Südsudan sein, und zwar mindestens für ein Drittel der zwölf Millionen Einwohner.“ Aber außer der Hungersnot hier gebe es ja noch die Dürre am Horn von Afrika, dazu die kriegsbedingte Not im Jemen und in der Sahelzone.

Tatsächlich sprechen die UN von der schwersten humanitären Krise seit 1945 mit fünf Epizentren. Der Südsudan könne sich frühestens 2018 zum Teil wieder aus eigenen Kräften versorgen. Doch wird das nur gelingen, wenn dann die Waffen schweigen und die Bauern wieder auf ihre Felder können. Ansonsten sind Ernten so gut wie ausgeschlossen.

Graue Wolken hängen auch über der zwei Flugstunden südlich von Wau gelegenen Hauptstadt Juba, die mit der bevorstehenden Regenzeit ebenfalls mehr, als das ohnehin schon der Fall ist, in einen Sog von Angst und Hunger gerät. In den Schulen müssen Lehrer zusehen, wie aus ihren Klassen täglich Schüler verschwinden. Wer hält schon Schultage ohne Frühstück aus? Wer versucht nicht, auf der Straße etwas Geld zu bekommen? Ein Mädchen, kaum älter als zehn, schäkert im Zentrum mit einer Wache, die vor dem Gebäude einer internationalen Organisation postiert ist. Als der Soldat merkt, dass er beobachtet wird, jagt er das Kind davon. Wenige Meter entfernt liegt ein Mann entkräftet auf der Straße und leckt wie ein Hund Wasser aus einer Pfütze.

An einer Hotelbar im Zentrum der Stadt trinkt Simon Wul* ein Bier nach dem anderen. Eigentlich besteht er darauf, dass sein wirklicher Name in der ausländischen Presse erscheint. Aber er redet sich um Kopf und Kragen. Was mit ihm geschehe, sei egal, meint er. „Mein Land stirbt.“ Nach der Unabhängigkeit, die im Juli 2011 proklamiert wurde, leitete Wul eine große Tageszeitung. Auf dem Papier war die Presse nun frei. Wul wurde bekannt, doch gab ihm die Regierung nach einigen kritischen Artikeln den freundlichen Rat, er möge in den Ruhestand gehen. Geblieben sind Wul eine Rente, die täglich an Wert verliert, und das Entsetzen darüber, was aus dem Südsudan nach der Unabhängigkeit wurde. Er sieht den Westen in der Verantwortung für die Selbstzerstörung, der das Land verfallen sei. „Ihr habt uns in die Unabhängigkeit getrieben, weil ihr Probleme mit den Muslimen habt. Da wolltet ihr etwas christliche Solidarität zeigen, und jetzt seid ihr erstaunt, was aus dem Südsudan geworden ist: ein verdorbenes Kind des Westens“, stöhnt Wul. Ein Mann, der selbst noch mit dem legendären Rebellenchef John Garang, dem Führer der Sudanesischen Volksbefreiungsarmee (SPLA), im Busch gekämpft hat, wünscht sich heute, es würde keinen christlichen Staat auf dem Boden des Sudan geben. Erst nach einer langen Phase des Übergangs hätte über eine Unabhängigkeit entschieden werden sollen. Frieden, meint Wul, werde es erst geben, wenn sich ein Stamm gegen alle anderen durchgesetzt hat. „Und das heißt, wenn die anderen alle tot sind.“

Cedric Rehman ist freier Autor und konnte mit Unterstützung der „Aktion Deutschland Hilft“ durch den Südsudan rei

* Name geändert

sen

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 17/17.

Kommentare (1)

gilmalik 14.05.2017 | 07:46

Wie, wollen sie uns sagen, dass da jetzt noch mehr Wirtschaftsflüchtlinge kommen? Was können wir denn dafür, dass DIE ihre Länder nicht in Ordnung halten können. Dass mit den Schwarzen da kenn wir doch: Dauernd müßen sie kämpfen und meine Steuergelder geben DIE andauernd für Waffen aus. Ne, mein leckeres Frühstücksbrötchen lasse ich mir durch so einen Quatscht nicht vermiesen.
Besinnlichen Frauentag!