Ein Leben mit Stromausfall

Klimawandel Es macht keinen Spaß, so zu denken – doch die ökologische Krise ist da. Was wir lernen müssen, um in einem radikal anderen Alltag zu leben
Ein Leben mit Stromausfall

Illustration: Juliane Noll für der Freitag

Werden wir nach dem Gipfel von Glasgow realistisch: Nichts deutet darauf hin, dass die CO2-Ziele, die erreicht werden müssten, um den Klimawandel erträglich zu halten, global eingehalten werden können. Es ist an der Zeit, sich einmal zu fragen, wie man sich auf den realen Klimawandel einstellen könnte.

Der Klimawandel beginnt damit, dass Extremwetterereignisse, Starkregen, Stürme und damit einhergehende Überschwemmungen, häufiger werden, so häufig, dass die Folgen des einen Unwetters noch nicht beseitigt sind, bevor das nächste hereinbricht.

Einige Extremwetter der vergangenen Jahre haben gezeigt, dass es oft Monate dauert, bis das normale Leben wieder funktioniert. In ein paar Jahrzehnten schon könnte es so weit sein, dass Infrastrukturen wie Stromleitungen, Kommunikations- und andere Versorgungssysteme, Bahntrassen, Brücken und Autobahnen, die heute schon kaum nachhaltig gewartet werden können, so marode sind, dass eine überregionale sichere Versorgung mit Strom, Wasser, Internet und Lebensmitteln nicht mehr stabil möglich ist.

Dazu kommt, dass sich die Digitalisierung, das große Mantra der Gegenwart, unter solchen Bedingungen als Falle entpuppen wird. Wo alle Pläne und Daten nur noch digital vorliegen, gibt es keine Daten und keine Pläne mehr, sobald der Strom über längere Zeit und flächendeckend ausfällt und den Notstromaggregaten der Diesel ausgeht. Wo Kommunikation nur noch über das Internet möglich ist, herrscht Funkstille, sobald die Rechenzentren und Netzknoten heruntergefahren werden.

Das, was uns in den nächsten Jahrzehnten konkret bevorstehen könnte, ist eigentlich unvorstellbar: kein Internet und keine stabile Stromversorgung mehr. Alle Segnungen der Digitalisierung, vom E-Book über E-Mail und Messenger bis zur Verfügbarkeit von Straßenkarten, Bauplänen und Bevölkerungsdaten, fallen aus. Alles, was Strom braucht, steht nicht mehr zuverlässig zur Verfügung. Die konkrete Frage, die sich daraus für diejenigen ergibt, die heute jung sind, lautet: Bin ich in der Lage, in einer solchen Welt zurechtzukommen? Und für alle diejenigen, die älter sind, lautet die Frage: Gibt es irgendwas, das ich noch weiß oder beherrsche, das in einer solchen Welt hilfreich sein kann, das ich meinen Kindern und Enkeln beibringen könnte?

Ein Leben ohne stabile Stromversorgung etwa ist für uns heute kaum vorstellbar und hätte gravierende Konsequenzen nicht nur für den Alltag, sondern natürlich auch für das Gesundheitssystem und alle Infrastrukturen. Dennoch ist es noch vor wenigen Jahrzehnten auch hierzulande Alltag gewesen, und in vielen Gegenden der Welt ist es auch heute Alltag. Es ist also möglich. Die Frage ist eher: Sind wir hier in Mitteleuropa in der Lage, unter solchen Bedingungen immer häufiger und für immer längere Zeit zu leben? Woran wäre dafür zu denken, was müsste man dafür können?

Die gute Nachricht ist: Wir haben noch ein bisschen Zeit. Wir müssen nicht schon morgen aus trockenem Holz ohne Feuerzeug ein Feuer entfachen, um uns eine Kohlsuppe zu kochen. Aber jetzt ist der richtige Moment, sich die Abhängigkeit von all dem einzugestehen, was in der Zeit des Klimawandels immer häufiger nicht funktionieren wird – und einmal ganz entspannt auszuprobieren, wie man dann zurechtkommen würde. Camping mal ohne Stromanschluss – das kann lustig werden. Und abends Geschichten erzählen oder Bücher vorlesen. Vielleicht auch mal wieder das Erste-Hilfe-Können auffrischen.

Von Jörg Phil Friedrich erschien 2019 das E-Book Was kommt nach dem Klimawandel?

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06:00 22.11.2021

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