Ekkehard Knörer
Ausgabe 2314 | 04.06.2014 | 17:00

Ein Lebenswerk

Film In der fiktiven Langzeitbeobachtung „Boyhood“ erzählt Richard Linklater herzzerreißend und undramatisch über Wege aus der Kindheit

Richard Linklater hat das Filmemachen nicht auf der Filmhochschule, sondern am Community College gelernt. Er wollte nie wissen, wie man Sachen perfekt oder auch nur richtig macht. Jahrelang drehte er in den 80ern auf Super 8, probierte, experimentierte, lebte das Hippiemotto der Stadt, in die er aus dem größeren, uninspirierenden Houston gezogen war: Keep Austin weird. Und, das kann man ergänzen: Do it yourself. Diesen Spirit des „Könnte man nicht“ oder „Man sollte doch mal“ hat Richard Linklater auf seinem einzigartigen Zickzackkurs zwischen Hollywood und Austin, zwischen für den Mainstream und aus Freude am Möglichen gemachten Projekten, niemals verloren.

Neben der Before-Trilogie, die das Leben eines Paars (gespielt von Ethan Hawke und Julie Delpy) im Abstand von jeweils neun Jahren verfolgt, ist Boyhood der beste Beweis. Hier wie da wird die Zeit zum Protagonisten und zum Hauptgegenstand. Aber nicht als abstrakte Idee, sondern als sehr konkrete Beobachtung von Lebenszeit. Könnte man nicht, so die Boyhood-Prämisse, das Aufwachsen eines Jungen in Realzeit beobachten? Und zwar nicht als Dokumentarfilm, sondern in einer Fiktion, die der Realzeit Halt in einem gestaltbaren Möglichkeitsraum gibt? Klar kann man. Im Lauf von zwölf Jahren hat Linklater mit einem zunächst sechsjährigen Jungen namens Ellar Coltrane immer wieder einzelne Szenen gedreht, so etwa im Jahresabstand. Im fertigen Film, der nun vorliegt, wächst Mason (so der Rollenname) also vom Jungen zum Mann. Mit Schwester (die von Linklaters Tochter Lorelei gespielt wird), Mutter (Patricia Arquette) und Vater (Ethan Hawke).

Die Mutter, bei der Mason lebt, hat sich aus sehr nachvollziehbaren Gründen vom Vater getrennt, einem nicht unsympathischen Loser und Tunichtgut. Leider beweist sie dann ein sagenhaftes Händchen für noch schlimmere Männer. Sie studiert, wird Lehrerin, kämpft sich durch, zieht mehrfach um. Mason erlebt dabei ganz gewöhnliche Dinge. Es geht Linklater ums Ganze, aber dieses Ganze ist zeitlich, geografisch und kulturell genau situiert: nämlich in den Nullerjahren in der texanischen Provinz. Man sieht Mason beim Blättern durch Dessouskataloge, beim Streit mit der Schwester, in der Schule, mit der ersten Freundin, beim Computerspielen, beim Erwachen eines Sinns für die Künste; glücklich, unglücklich, unsicher, hoffnungsvoll, enttäuscht.

Das Erzählen ist aber nicht viel mehr als das Medium für die Zeit. Die Fiktion schreibt sich ein in die Körper, sie wird sichtbar im Wandel der Musik, der technischen Gadgets, in dem, was den Hintergrund dessen ausmacht, was wir für die eigentlichen Ereignisse halten.

Man hat Boyhood vorgeworfen, zu weiß, zu männlich, zu hetero zu sein und zu sehr auf die untere Mittelschicht fixiert, in der er spielt. Das stimmt, aber Linklater meint seine Figuren nicht exemplarisch, sondern zugleich spezifisch und generisch. Könnte man nicht Tausende deutlich andere Versionen solcher Jahre des Heranwachsens erzählen, an anderen Orten, in anderen Schichten, zu anderen Zeiten? Man könnte nicht nur, man sollte sogar. Was nichts daran ändert, dass mit Boyhood eine denkbar hin- und herzzerreißende Umsetzung schon mal vorliegt.

Boyhood Richard Linklater USA 2014, 163 Minuten. Ab 5. Juni im Kino

 

 

 

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Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 23/14.