Lina Kokaly
27.06.2010 | 09:00

Ein Lichtspiel geht auf

Projekt Im Norden der Westbank bauen Freiwillige ein Kino wieder auf und geben der Stadt Jenin damit eine Bühne für mehr Kultur

Irgendwann wird es Platzeck zu bunt. Er will nicht länger diskutieren, steigt aus seinem gepanzerten Diplomatenfahrzeug, das den israelischen Checkpoint nicht passieren darf, und tritt zu Fuß über die Grenze von Israel zum Westjordanland. Matthias Platzecks Fahrzeug scheitert am Checkpoint Dschalame, der in den letzten Jahren ausgebaut wurde. Soldaten mit Maschinengewehren, Lautsprechern und Kameras sind hier postiert.

Der Brandenburger Ministerpräsident ist auf dem Weg nach Jenin, denn die Stadt im Norden der palästinensischen Westbank bekommt ein Kino. Er ist einer von vielen Unterstützern des „Cinema-Jenin“-Projekts. Pink Floyd-Gründer Roger Waters spendete eine große Summe, Frank-Walter Steinmeier rührte die Werbetrommel und Platzeck vermittelte von einem Brandenburger Unternehmen eine Solaranlage für das Kino.

Die Stadt Jenin mit angrenzendem Flüchtlingslager hat eine eigene Affinität zum Film. Die Dokumentation Jenin, Jenin von 2002 zeigt Augenzeugen brutaler Militäreinsätze vor zerbombten Häusern. So umstritten der Film, so sicher ist: Es liegt nahe, sich dem Thema emotional zu nähern.

Jenin ist sehr arm, die Arbeitslosenquote liegt bei 80 Prozent. Seit 1953 wächst nahe der Stadt ein riesiges UN-Flüchtlingslager für die Vertriebenen aus dem heutigen Israel. Die Gassen sind eng und staubig, überall sind Einschusslöcher zu sehen. Die Bewohner wurden mehrfach kollektiv dafür bestraft, dass Selbstmordattentäter von hier stammen. Während Jenin, Jenin für Ohnmacht steht, weckt ein mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichneter Dokumentarfilm des deutschen Regisseurs Marcus Vetter Hoffnung: Das Herz von Jenin erzählt die Geschichte des ehemaligen Widerstandskämpfers Ismael Khatib. Sein Sohn, der damals zwölfjährige Ahmed, starb 2005 durch die Schüsse eines israelischen Soldaten, der dessen Spielzeugwaffe für eine echte hielt. Khatib spendete die Organe seines Sohnes an Todkranke und rettete damit auch israelischen Kindern das Leben. Khatibs Geste ging um die Welt und verdeutlichte, dass selbst dort, wo Schüsse alltäglich sind, Menschlichkeit nicht verloren gehen muss.

Drehort bekommt Kino

In Jenin, dem Ort des Geschehens, konnte der Film nicht gezeigt werden: Das Kino aus den Achtzigern war erst zu einem Pornokino verkommen, wurde dann zerstört und diente schließlich nur noch als Schutthalde. Überhaupt gibt es kaum Kulturangebote in Jenin. Vetter, den die Stadt auch nach Filmabschluss nicht los gelassen hat, baute deshalb kein Krankenhaus und auch keine Schule; er suchte Freiwillige vor Ort und in Deutschland, die mit ihm zusammen eine Kulturstätte aufbauen. Im bunt gemischten Team arbeiten seit 2008 Palästinenser und internationale Helfer gemeinsam am Aufbau von „Cinema Jenin“, an der Planung von Festivals und allem, was ein großes Projekt eben ausmacht.

Aus Berlin reiste auch Matthäus von Schlippe nach Jenin. Der Tontechnikstudent kam ohne konkrete Erwartungen: „Ich wusste weder, wo Jenin genau liegt, noch, worauf ich mich da einlasse.“ Doch Schlippe ließ sich gerne und leicht begeistern. Neben dem Studium arbeitet der Mitte-Zwanzigjährige bereits freiberuflich als Toningenieur. Sein Fachwissen ist nun in Jenin dringend nötig. Er kümmert sich hier um die Technik und sorgt für die richtige Akustik. Das ist auch wichtig für die Filmproduktionen, die im Haus entstehen, damit etwa palästinensische Jugendliche selbst Filme drehen können.

Die Berliner Freiwilligen, etwa der leitende Architekt Johannes Hucke, wurden von ihren Freunden gewarnt: „Alle meinten: ,Fahr da bloß nicht hin!‘ Ich hatte damals von der politischen Situation höchstens eine oberflächliche Ahnung aus den Nachrichten. Aber ich wollte sie selber einordnen können.“ Als Hucke von dem Projekt in Jenin erfährt, kündigt er seinen Job in einem Berliner Architekturbüro: „Auf ein solches soziales Projekt im Ausland, hatte ich immer gewartet.“ Er muss über sich selbst lachen, wenn er an die gemischten Gefühle kurz vor dem Abflug denkt.

Zum Tag der offenen Tür im Mai kamen rund 400 Jeniner, hauptsächlich Mütter mit ihren Kindern, die sonst eher von öffentlichem Leben ausgeschlossen sind. Nach der Eröffnung Anfang August soll das Kino noch eine Weile von Europa aus begleitet und dann schließlich selbstständig von den Palästinensern betrieben werden. So entstehen nach und nach Arbeitsplätze, bereits jetzt wird vor Ort auch ausgebildet. Palästinenser, die vorher noch nie einen Film auf einer Kinoleinwand gesehen haben, können nun den Beruf des Filmvorführers erlernen. Allein die Kinosessel beschäftigen drei Jeniner Handwerker: Ein Schlosser, ein Schreiner und ein Polsterer entwickelten zusammen den Prototypen. Bis zur Eröffnung müssen allerdings noch mehr Stuhlpatenschaften über das Internet geschlossen werden, um alle Sessel zu finanzieren.

Das Projekt wird durch Spendengelder ermöglicht, die ungewöhnlich gut fließen. Der Film Das Herz von Jenin ist dafür offenbar Zugpferd; die Liste der Förderer ist beachtlich. Unterstützer sind unter anderem das Deutsche Auswärtige Amt, das Goethe-Institut, Arte und die Defa-Stiftung. Vetter und den anderen Machern von „Cinema Jenin“ ist wichtig, dass das Geld in Jenin bleibt. Importiert wird nur, was wirklich nicht direkt vor Ort hergestellt werden kann – das ist vor allem Technik. Das High Equipment hat es an den Checkpoints schwer, auch auf Baustoffe muss teils lange gewartet werden. „Alltägliches und der Erfolg von Geschäftsleuten sind hier abhängig von den Launen der Israelis. Sie entscheiden, was rein und was raus geht“, so Architekt Hucke. „Gehen die Baustoffe oder die Spendengelder aus, kommt es kurz zum Baustopp. Sobald neue Mittel da sind, geht es weiter.“

Als Schlippe einmal abends auf einem Balkon fragt, wohin die große Straße dort hinten führe, wird er freundlich aufgeklärt: Das sei keine Straße, sondern die Grenzmauer zu Israel. Doch die Befürchtung, Jenin sei nicht sicher, überwanden Schlippe wie Hucke nach ihrer Ankunft schnell. Die Warnungen des Auswärtigen Amts und auch der Israelis, denen Schlippe von seinem Aufenthalt in der Westbank berichtete, kann er nicht verstehen: „Die denken, da könne man nicht hinfahren, ohne gleich entführt, erschossen oder beides zu werden. Das ist Unsinn.“ Schlippe schwärmt von der herzlichen Offenheit, welche die Araber ihm entgegenbringen: „Ich habe mich sofort sicher gefühlt. Durch die engen Kontakte in Jenin habe ich meine Berührungsängste schnell verloren“.

Seine größte Motivation ist die Teamarbeit. In höchsten Tönen schwärmt er von den Menschen und der „tollen Kultur“, in der er sich „wie zu Hause“ fühle. In Jenin ist es etwa üblich, dass die arabischen Familien die Neuankömmlinge gastfreundlich in ihre Wohnungen einladen und mit einheimischen Speisen bewirten. So kommt man schnell ins Gespräch. Auch Hucke überwältigte die echte Herzlichkeit: „Das bin ich aus Europa nicht gewöhnt. Mein Freund Assam, der Besitzer des Kiosks im Kino, nennt mich großer Bruder und hatte bei meiner Ankunft zurück in Jenin nach ein paar Wochen Berlin Tränen vor Freude in den Augen.“

Obwohl Hucke selbst kaum Arabisch spricht, bezeichnet er die Araber, mit denen er jeden Morgen in einem kleinen, einfachen Café frühstückt als seine „Jungs“: „Wir sitzen noch müde und verschlafen beieinander, klopfen Sprüche und ein älterer Mann singt ab und zu einen improvisierten Text über das Kino und uns.“

Mit Motivation anstecken

Anfangs lag das Projekt in deutscher Hand. „Das Know-how kommt zwar aus Deutschland“, räumt Schlippe ein, „aber im Laufe des letzten Jahres konnten immer mehr ehrenamtliche Mitarbeiter vor Ort motiviert werden. Jetzt ist das Team ausgewogen. Zeigt man den Leuten, dass man selbst nichts an dem Projekt verdient, steckt die Motivation auch an.“ Reda Tubasi ist einer der Araber, die am Bau beteiligt sind. Der Bruder eines Selbstmordattentäters begegnete den Deutschen zunächst sehr schüchtern. Als Architekt Hucke mit anpackt, die gleichen Arbeiten wie die anderen verrichtet, taut Tubasi nach und nach auf. Mittlerweile übernimmt er einen Großteil der Arbeiten im Kino und ist ein Freund von Hucke geworden.

Fragt man Hucke nach eventuellen Problemen beim Projekt, nennt er erstmal weder die Besatzung noch den Krieg. Darauf spricht er von der mangelnden Ausbildung der Arbeiter und Ingenieure und davon, dass die Gesellschaft in der abgeriegelten Stadt auch untereinander zerrissen sei. Die Jeniner seien sehr religiös. Die christliche Minderheit vertrage sich nicht mit den Muslimen, einige Familien seien zerstritten und anfangs mussten die Projektleiter den Arabern beweisen, dass sie es mit dem Kino tatsächlich ernst meinen. Zu viele andere Projekte davor versprachen viel und verliefen doch im Sand.

Darüber hinaus sei es schade, dass man zu den einheimischen Frauen kaum Kontakt aufbauen könne: „Da schlagen zwei Herzen in einer Brust. Man versteht sich mit den Männern dort sehr gut, aber kann nicht verstehen, wie sie ihre Frauen so konservativ behandeln können.“ Trotzdem zieht Hucke ein positives Resümee: „Doch auch bei allem was ich nicht teile, ist eines klar: Wir haben aus unseren Medien ein völlig verzerrtes Bild und sollten unsere Vorurteile unbedingt in Frage stellen. Wir haben es hier mit herzlichen Menschen zu tun und nicht mit einer Gefahr.“

Das Kino will mehr sein, als nur ein Ort für Filme. Die Bühne steht auch für Lesungen, Theater und Jugendprojekte bereit. Die Jugendlichen haben bereits eine kleine Dokumentation gedreht – durch das Kulturzentrum hat Jenin endlich wieder die Möglichkeit, selbst Kultur zu schaffen.

Der Eintritt wird für jeden bezahlbar sein und ein Gremium unterschiedlichster Interessenvertreter gemeinsam über das Programm entscheiden. Hucke stellt sich „anspruchsvolle Filme im weitesten Sinne“ vor, weiß aber: „Man muss die Leute abholen.“ Die Jugendlichen erzählen, dass sie gerne Avatar sehen möchten. Gerade wird die Fußball-WM open-air übertragen, der Andrang ist groß. Und es geht das Gerücht um, Leonardo DiCaprio wolle zur Eröffnung des Kinos im August kommen …

Lina Kokaly ist Literaturwissenschaftlerin und schreibt als freie Autorin über Literatur und Kultur aus dem Nahen Osten