Ein liebenswerter Junge

Lebensweg In Sierra Leone Kindersoldat, in Deutschland Jugendhaft. Noch keine 30, und Joe hat schon Missbrauch, Mord und Bürgerkrieg erlebt

Joe* kommt 1980 in Sierra Leone, in der Hauptstadt Freetown zur Welt. Noch vor seinem ersten Geburtstag gibt seine Mutter ihn an seine Oma väterlicherseits ab. Als er sechs Jahre alt ist, entschließt sich die Großmutter, nach London zu Verwandten zu ziehen. Joe muss zurück zu seiner Mutter, zu der er keinen guten Kontakt hat. Er fürchtet sich vor ihrer gewalttätigen Abneigung, immer wieder sagt die Mutter: „Es tut mir leid, dass du aus meinem Leib herausgekommen bist.“

Die Beziehung zwischen Mutter und Vater ist nicht gut. Der Vater ist Seemann und selten zu Hause. Er hat in jedem Hafen eine Geliebte und ist ein ziemlicher Hallodri. Wenn er da ist, gibt es ständig Streit, der gelegentlich in offene Gewalt mündet. 1986 geht der Vater nach Deutschland, weil er dort eine Frau kennen gelernt hat, die er heiratet. Der Vater schickt Geschenke, die Joe nie bekommt. Die Mutter reicht das ihm zugedachte Spielzeug an Verwandte weiter, sie sagt, Joe sei zu jung dafür, er mache es nur kaputt. Die deutsche Frau des Vaters wird später der Wärmepol in Joes Leben, er nennt sie „Mama“ oder „meine Mudder“.

Joe lebt auf der Straße. Er begibt er sich oft auf den großen Fischmarkt beim Hafen aus Sehnsucht nach dem Vater, dem Seemann. Auf dem Markt trifft er Leute, die ihm ab und zu Arbeit verschaffen, so verdient Joe ein wenig Geld.

Eines Tages begegnet er auf dem Fischmarkt einem Mann, der ihm Arbeit verspricht. Der Mann führt Joe in ein Gebüsch, dort zwingt er das Kind, die Hosen ausziehen und sich mit dem Bauch auf den Boden zu legen. Er vergewaltigt Joe. Der Junge fühlt enorme Schmerzen, später merkt er, dass er blutet. Darüber kann Joe mit niemandem reden, die Polizei zu alarmieren und Anzeige zu erstatten, erscheint ihm sinnlos.

Mit 12 Jahren gerät Joe in die Wirren des Bürgerkriegs, in den Sierra Leone ab 1992 für zehn Jahre versinkt. Auf der Straße sieht Joe Gleichaltrige, die ihre Namen auf Listen schreiben. Es sind Wartelisten für Arbeit in der Region Korno, einem Diamantengebiet nahe der liberianischen Grenze. Joe findet das verlockend und unterschreibt ebenfalls. Der Lastwagen, auf dessen Ladefläche die Kinder und Jugendlichen zusammengepfercht werden, ist überfüllt.

Die Fahrt nach Korno dauert zweieinhalb Tage. Die älteren Jugendlichen, die die Kinder in Korno in Empfang nehmen, entpuppen sich als Rebellen der RUF, der Revolutionary United Front, einer von Charles Taylor unterstützten Rebellenorganisation, die gegen die wechselnden Regierungen des immer instabiler werden Landes kämpften.

Der Kindersoldat wird vom Vater nach Deutschland geholt

Davon hat Joe keine Ahnung. Die Kämpfer sind mit Kalaschnikows bewaffnet, haben Frauen, mit denen sie sich alles erlauben. Die Kinder bekommen zu essen, werden mit Maschinengewehren ausgerüstet und sollen lernen, Befehle ohne Widerstand aus­zu­führen. Am Tag nach der Ankunft werden sie in Begleitung einiger erwachsener Rebellen in ein nahe gelegenes Dorf gefahren, um Nachschub an Nahrungsmitteln zu organisieren.

In dem Dorf leben nur Kinder und Frauen, die ihre Vorräte verborgen oder in der Erde vergraben haben und die Verstecke nicht verraten wollen. Joe erhält den Befehl, einer der Frauen die Füße unterhalb der Knie mit einer Machete abzuhacken. Es bleibt ihm nicht anderes übrig, als den Befehl auszuführen. Im Lager zurück will Joe allein sein. Die Rebellen geben ihm Valium, um ihn zu beruhigen und am Weglaufen zu hindern.

Die Jungen haben die Aufgabe, Autos an so genannten Checkpoints zu kontrollieren. Sie stellen sich mitten auf die Straße und halten die Autos an. Die Wagen werden ausgeraubt, die Insassen misshandelt und häufig getötet. Wer nicht den richtigen Dialekt spricht, wer zu wohlhabend oder wohlgenährt aussieht, wird erschossen, geköpft oder mit Benzin übergossen und angezündet.

Joe gehört einer Gruppe an, die ein Krankenhaus überfällt, um Valium und andere Medikamente zu erbeuten. Als sich ihm Krankenschwestern in den Weg stellen, erhält Joe den Befehl, auf sie zu schießen. Joe erinnert sich nicht, wie viele Krankenschwestern er getötet. Die Gruppe findet die gesuchten Medikamente in einem Container hinter dem Krankenhaus und verschwindet.

Insgesamt verbringt Joe zwei Jahre als Kindersoldat im Bürgerkrieg in Korno. Eines Tages hält er mit einer Rebellengruppe an einem der Checkpoints einen dunkelgrünen Jeep an, in dem zwei weiße Männer und eine schwarze Frau sitzen. Die Männer sind Diamantenhändler, die Edelsteine haben sie in einem dicken Kugelschreiber versteckt. Ihre Dolmetscherin wird festgenommen und abgeführt; die anderen aus der Gruppe verschwinden mit ihr.

Joe bleibt allein mit den zwei Männern zurück, er hat den Auftrag, sie zu erschießen. Die gefesselt am Boden liegenden Männer reden auf ihn ein und Joe erfährt, dass sie Deutsche sind. Er beschließt, die Männer am Leben zu lassen und sich ihrer als Boten zu bedienen. Er steckt ihnen ein Foto des Vaters zu, das er stets mit sich führt. Auf der Rückseite steht die Adresse des Vaters in Deutschland, Joe bittet die Männer, nach ihrer Rückkehr Kontakt zu ihm aufzunehmen und ihm von seinem Schicksal zu berichten. Joe schießt ein paar Mal in die Luft und lässt die Männer laufen.

In einer Kampfpause geht Joe, inzwischen 14 Jahre alt, zurück zu seiner Oma. Nachdem die Verwandten erfahren, dass er Kindersoldat gewesen ist, wollen sie nichts mehr mit ihm zu tun haben, er wird bei Bekannten untergebracht. Inzwischen hat der Vater von Joes Schicksal erfahren; die beiden nach Deutschland zurückgekehrten Männern haben sich tatsächlich bei ihm gemeldet. Der Vater wendet sich an die Kirche in seinem Wohnort, mit deren Unterstützung es gelingt, ein Visum für Joe und Geld für das Flugticket zu besorgen. Ein Jahr später darf der inzwischen 16-Jährige nach Deutschland einreisen. Er erhält eine Aufenthaltsgenehmigung, die jedes zweite Jahr verlängert werden muss. Seine jüngere Schwester ist schon vorher vom Vater nach Deutschland geholt worden und besitzt bereits die deutsche Staatsangehörigkeit. Sie absolviert die Schule und wird später Arzthelferin.

Joes Stiefmutter stammt aus der DDR, in den achtziger Jahren ist sie nach Westdeutschland gekommen. Nach einem Fluchtversuch war sie zu einer Haftstrafe verurteilt worden, auch die beiden Kinder hatte man ihr weggenommen. Später erhielt sie eine Ausreisegenehmigung und landete in einem Aufnahmelager in Mittelhessen. Von dort zog sie wenig später in eine Wohnung um, die in einem so genannten sozialen Brennpunkt liegt. Den Vater von Joe lernte sie kennen, als der einen Freund besuchte, der mit einer Bekannten von ihr zusammen war.

Beim Vater angekommen, besucht Joe zuerst einen Deutschkurs und absolviert danach zwei Berufsvorbereitungsjahre in einer Berufsschule. Er will Maurer werden. Dazu kommt es nicht; denn Joe lebt in einer Umgebung, in der Normen herrschen, die Gesetzesübertretungen nicht missbilligen. In einem Jugendclub wird Joe in eine Schlägerei verwickelt. Einer der beteiligten Jugendlichen geht zu Boden und erleidet eine Gehirnerschütterung. Joe ist, als die Polizei kommt, in der Nähe und wird festgenommen. Wegen Körperverletzung wird er zur Ableistung von 45 Arbeitsstunden verurteilt.

Das dritte Mal steht Joe wegen Einbruch vor Gericht

Joe beginnt ein Praktikum in einem Baumarkt. Er arbeitet gern und seine Kollegen mögen ihn, weil er ein netter und lustiger Kerl ist, beinahe noch ein Kind.

Wieder kommt etwas dazwischen. Ein Freund schuldet einem Dritten Geld. Die beiden geraten aneinander, Joe will vermitteln. Er schlägt vor, dass der Freund die Schulden in monatlichen Raten zurückbezahlen soll, die er, Joe, dem Gläubiger übergeben werde. Nachdem die Schulden beglichen sind, hört der Gläubiger nicht auf, Geld zu fordern. Joes Freund plündert sein Sparbuch, die Eltern bekommen Wind davon und erstatten Anzeige. Joe kommt mit seiner Version der Geschichte nicht durch und wird wegen räuberischer Erpressung verurteilt: sechs Monate Jugendhaft zur Bewährung. Das ist das zweite Mal.

Das dritte Mal steht Joe wegen Einbruch und Diebstahl vor Gericht. Er lernt über seine Kumpels das Kiffen kennen und findet Gefallen daran. Da regelmäßiger Haschischkonsum für einen Baumarkt-Praktikanten nicht finanzierbar ist, verfallen Joe und ein Freund auf die Idee, eine größere Menge Marihuana aus der Wohnung eines Bekannten zu klauen, der damit dealt. Das Verbrechen scheint perfekt: Der Beklaute kann ja schwerlich zur Polizei gehen und den Diebstahl anzeigen.

Der Beklaute geht trotzdem zur Polizei. Er verschweigt, dass Drogen geklaut wurden, sondern gibt an, 500 Euro zu vermissen. Als Joes Mittäterschaft ans Licht kommt, denkt er, er komme besser davon, wenn er gesteht, Geld geklaut zu haben statt Marihuana. Ein Irrtum, Joe wird zu einem Jahr und drei Monaten Jugendhaft verurteilt. Der Richter will dem jungen Mann nicht alles verbauen und setzt die Strafe noch einmal zur Bewährung aus.

Zwei Wochen vor Ablauf der Bewährungszeit bittet ein Freund Joe, einen Scheck über 42.000 Euro für ihn einzulösen. Es handelt sich um Schwarzgeld, das Joe sich auf sein Konto gutschreiben lassen soll, um es auf diese Weise zu „waschen“. Da ihm die Sache nicht geheuer ist, gibt er den Scheck an einen Bekannten weiter, der ihn einlösen und das Geld an ihn, Joe, weiter geben soll. Die Freundin dieses Mannes lässt sich den Betrag gutschreiben und hebt das Geld von ihrem Konto ab. Sie erhält einen Teil als Belohnung, mit dem Rest des Geldes setzt sich ihr Freund ins Ausland ab. Er meldet sich nicht bei Joe. Der fürchtet die unangenehmen Fragen und die Rache des Mannes, dem das Geld gehört. Joe hält sich an die Frau, die leugnet, etwas mit der Sache zu tun zu haben. Von einem Bekannten erfährt Joe, dass ihr Freund beim Einkaufen in der Stadt gesehen worden sein soll. Die Zeit drängt, und Joe gerät in Panik. Zusammen mit einem Kumpel sucht er den Zeugen auf, der den Mann gesehen haben will. Sie setzen ihn unter Druck, halten ihn gegen seinen Willen fest, bedrohen und schlagen ihn, um zu erfahren, wo der Mann mit dem Geld sich aufhält. Schließlich lassen sie von ihm ab, ohne etwas erfahren zu haben. Der Überfallene erstattet Anzeige. Joe wird zu einer siebenjährigen Freiheitsstrafe verurteilt.

Inzwischen ist Joe auf Bewährung aus der Haft entlassen. Die Strafvollstreckungskammer hatte einem Gutachter die Frage gestellt: Besteht die in den Taten von Joe zu Tage getretene Gefährlichkeit fort? Der Gutachter verneinte. Joe hat einen Asylantrag gestellt, der einstweilen die ­drohende Abschiebung nach Sierra Leone verhindert. Er wird zunächst bei seiner Stief­mutter wohnen. Der Vater hat sich wieder aus dem Staub gemacht, Joe hat keinen Kontakt zu ihm, weiß nicht, wo er lebt.

Joe möchte auf der Abendschule einen Hauptschulabschluss nachholen und einen Beruf erlernen. Er ist inzwischen ein muskelbepackter Mann von fast 30 Jahren; in vielerlei Hinsicht aber noch immer ein kleiner, liebenswerter, gefährdet-gefährlicher Junge.

* Name von der Redaktion geändert

Götz Eisenberg arbeitet als Gefängnispsychologe beim psychologischen Dienst der hessischen Justizvollzugsanstalt Butzbach

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17:05 11.12.2009

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