Florian Schmid
19.05.2010 | 10:50 6

Ein linkes Manifest als Bestseller

Revoltengeist "Früher oder später wird der Zusammenbruch eintreten": Warum das anonym verfasste Werk „The Coming Insurrection“ ein internationaler Erfolg wurde

Nicht zuletzt durch den Alarmismus eines Berliner Polizeipräsidenten und eines Hamburger Verfassungsschutzpräsidenten, die jüngst eine steigende Gewaltbereitschaft der radikalen Linken beobachtet haben wollen, ist die Szene zurück in den Schlagzeilen. Das schwarze Gespenst geht wieder um. Überwiegend wird dabei die außerparlamentarische linke Bewegung von selbsternannten Experten als uniformer, Hasskappen tragender, extremistischer Block beschrieben. Inhaltliche und organisatorische Ausdifferenzierungen werden kaum reflektiert.

Wie sich also dem Selbstverständnis, den politischen Zielsetzungen und den historischen Entwicklungslinien einer mittlerweile globalisierten linksradikalen Bewegung annähern? Hilfreich könnte ein Buch sein, das seit einiger Zeit weltweit Furore macht und auch hierzulande immer mehr Leser findet: The Coming Insurrection. Im Original ist das gut 100 Seiten umfassende Manifest bereits 2007 in Frankreich erschienen. Auf Deutsch gibt es den Text bisher noch nicht vollständig, die englische Version ist seit vergangenem August im hiesigen Buchhandel erhältlich und auf verschiedenen Seiten im Netz online verfügbar.

Proteste in Frankreich

„Es ist nicht mehr die Zeit den Zusammenbruch vorherzusehen oder seine erfreuliche Möglichkeit zu erläutern. Früher oder später wird er eintreten; es gilt, sich darauf vorzubereiten. Es geht nicht darum, das Schema dafür zu entwerfen, was ein Aufstand sein sollte, sondern darum, die Möglichkeit des Aufruhrs auf das zurückzuführen, was er nie hätte aufhören sollen zu sein: der lebendige Schwung der Jugend ebenso sehr wie die populäre Weisheit. Unter der Bedingung, dass man sich zu bewegen weiß, ist das Fehlen eines Schemas kein Hindernis, sondern eine Chance. Für die Aufständischen ist dies der einzige Raum, der ihnen das Wichtigste garantieren kann: die Initiative zu behalten.“

Entstanden ist The Coming Insurrection unter dem Eindruck der sozialen und politischen Proteste in Frankreich, die ihren Anfang im Herbst 2005 in den Banlieues nahmen und 2006 die Innenstädte und das akademische Milieu im Zuge der Aktionen gegen das sogenannte Erstanstellungsgesetz erreichten. Als Verfasser firmiert ein anonymes Autorenkollektiv namens „The Invisible Committee“, „Das Unsichtbare Komitee“. Vermutet wird dahinter, unter anderem von der französischen Staatsanwaltschaft, eine Gruppe um den heute 36-jährigen, aus Bordeaux stammenden Julian Coupat, der bereits als zentrale Figur eines Autorenkollektivs mit zahlreichen Veröffentlichungen unter dem Pseudonym Tiqqun in Erscheinung getreten ist. In einem stark von Giorgio Agamben beeinflussten Tiqqun-Text (Einführung in den Bürgerkrieg) findet „Das Unsichtbare Komitee“ eine erste Erwähnung als revolutionärer Pol einer Imaginären Partei.

Linksradikaler Populismus?

Faszinierend an The Coming Insurrection ist sein Sound. Einerseits ein linker Theo­rietext, der eher schwergängigen Frage­stellungen wie aktuellen Subjekt­konstitu­ierungs­prozessen, einer kybernetischen Hypothese und biopolitischen Akkumulationsprozessen nachgeht, liest sich dieses postsituationistische Manifest andererseits wie ein aufrührerisches Stück Hip-Hop, das die kreisenden Hubschrauber der Polizei ebenso wie die Riots am Boden in starke sprachliche Bilder umsetzt.

„Eine revolutionäre Bewegung breitet sich nicht durch Ansteckung aus, sondern durch Resonanz. Etwas, das an dieser Stelle entsteht, hallt wider in der Druckwelle dessen, was an jener Stelle entstanden ist. Ein Körper, der von etwas widerhallt, tut dies auf seine eigene Art und Weise. Ein Aufstand ist nicht vergleichbar mit der Ausbreitung einer Pest oder eines Waldbrandes – einem linearen Prozess, der nach einem initialen Funken von einem Ort zum nächsten überspringt. Es handelt sich vielmehr um etwas, das wie eine Musik Gestalt annimmt. Den Brandherden eines Aufstands, seien sie auch verstreut in Zeit und Raum, gelingt es, den Rhythmus ihrer eigenen Schwingung durchzusetzen und immer weiter auszubauen – bis jegliche Rückkehr zur Normalität nicht mehr wünschenswert oder gar denkbar ist.“

An einigen Stellen wird der Text dann auch sehr konkret und bezieht sich auf die jüngsten Ereignisse in Frankreich. Waren die Aufstände in den Banlieues ein Konflikt derer, die nichts besitzen? Von wegen, sie waren Ausdruck einer kompletten Verfügungsgewalt der Aufständischen über ein urbanes Territorium. Populistisch? Vielleicht, aber auch sehr geschickt in Szene gesetzte Theorie und mitreißend in der Lektüre. Dieser schriftstellerisch durchaus anspruchsvolle Revoltengeist blieb nicht ohne Reaktion.

Im November 2008 nahm die französische Polizei in dem französischen Dorf Tarnac Coupat und acht weitere Personen fest, die angeblich Hakenkrallenanschläge auf TGV-Oberleitungen verübt haben sollen. Darüber hinaus wurde ihnen vorgeworfen, The Coming Insurrection verfasst zu haben. Die französische Innenministerin Michèle Alliot-Marie sprach von einer „anarcho-autonomen Kommune“. Zu Zeugenvorladungen kam es in diesem Zusammenhang außerdem in Berlin und Hamburg.

Was Züge eines Einschüchterungsversuches trägt, wurde ungewollt zu einer regelrechten Werbekampagne für das Büchlein, das andernfalls kaum solche Beachtung gefunden hätte und womöglich im linken Infoladen verstaubt wäre. Julian Coupat, der mit dem Philosophen Giorgio Agamben befreundet ist, erhielt nach seiner Verhaftung von seinem Freund hochkarätige Unterstützung durch einen offenen Brief in der Tageszeitung Libération.

Neben Julian Coupat wurde dessen Lebensgefährtin Yldune Levy inhaftiert, die Tochter eines bekannten Akteurs der 68’er Bewegung, der mit Daniel Cohn-Bendit befreundet ist. Coupat und Levy, von den französischen Boulevardmedien zum Terroristenpaar hochstilisiert, saßen mehrere Monate in Untersuchungshaft, wurden aber schließlich unter Auflagen freigelassen. Als weitere Prominente wurde auf dem Biobauernhof in Tarnac Aria Thomas festgesetzt, Star einer Fernsehsoap, in der sie die rebellische Tochter von Lolita Morena spielte, der Ex-Frau von Lothar Matthäus.

Schließlich setzte im Sommer 2009 Glen Beck, Kommentator des US-amerikanischen Fernsehsenders Fox, anlässlich der Veröffentlichung von The Coming Insurrection in den USA noch einen drauf. Er warnte vor einem Werk, das seiner Meinung nach ein Ende der westlichen Zivilisation herbeiführen will. Unterlegt wurden Becks Beschwörungen mit Bildern von griechischen Straßenschlachten und Demonstrationen der kommunistischen Partei Japans. Hierzulande zitieren linksradikale Akademiker ab einem bestimmten Alkoholpegel gerne mal unter fröhlichem Gelächter aus dieser biblisch anmutenden Warnung, die auf Youtube mittlerweile zehntausende Male angeklickt wurde.

Nihlistische Grundhaltung

The Coming Insurrection ist weder eine Anleitung für Straßenschlachten noch ein umfassendes politisches Grundsatzpapier. Es ist vielmehr der Versuch, linke bzw. postmarxistische Theorie mit sehr deutlichen anarchistischen Anklängen einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Die Frage ist, inwieweit das wirklich gelingt. Auf dem Schulhof ließe sich das Büchlein kaum sinnvoll verteilen, dafür ist es zu theorielastig. Für das kulturwissenschaftliche Doktorandenkolloquium ist es aber auch nicht geeignet. Dieser Hybridstatus markiert sowohl Stärke als auch Schwäche des Textes: so lesbar er ist, so beliebig ist er in seiner nihilistischen Grundhaltung.

Inhaltlich schlägt The Coming Insurrection einen weiten Bogen. Es geht um die Machbarkeit von Revolten oder Aufständen in historischer Perspektive bis hin zu Strategien gegen kapitalistische Entfremdung. Der zentrale Begriff dabei ist Selbstorganisation. Fast schon beschwörend wird vor Institutionen wie Parteien, Gewerkschaften, aber auch Vollversammlungen gewarnt. Einzig die „commune“ könne verhindern, dass die Revolte durch den Kapitalismus assimiliert und neutralisiert wird.

„Wenn wir vom Empire sprechen, benennen wir die Dispositive der Macht, die präventiv, chirurgisch, jegliches revolutionäre Werden einer Situation ausschalten. Diesbezüglich ist das Empire kein Feind, der uns gegenübersteht. Es ist ein Rhythmus, der sich aufdrängt, eine Art und Weise, die Realität ablaufen und vergehen zu lassen. Es handelt sich also weniger um eine Ordnung der Welt, als um deren traurigen, drückenden und militärischen Lauf.“

Es wundert nicht, dass die „commune“ nicht genau gefasst wird. Um möglichst autonom zu leben, wird unter anderem empfohlen, nicht arbeiten zu gehen, die medizinische Selbstversorgung zu organisieren und wenn möglich Lebensmittel selbst anzubauen. Dabei sollte die „commune“ in erster Linie als Prinzip sozialer Beziehungen verstanden werden, nur sehr bedingt als Organisationsform. Man mag dabei unwillkürlich an Hakim Beys Autonome Temporäre Zone denken. Als historische Referenzpunkte dienen dem „Unsichtbaren Komitee“ die Selbstorganisation in New Orleans nach dem Hurrikan Katrina 2005 oder die Aufstände in Algerien 2001 und im mexikanischen Oaxaca 2006.

Skeptisch muss man die Durchschlagskraft des Manifests in der deutschen Szene bewerten. Während die nihilistische und anarchistische Grundhaltung des Textes mit der linken Bewegung hierzulande dann doch nur begrenzt kompatibel scheint, hat The Coming Insurrection in den USA im Zuge des New Anarchism eine breite Rezeption erfahren. Die strikte Ablehnung gängiger politischer Organisationsformen und die Vorstellung von einer dezentralen, spontanen, nicht steuerbaren Aufeinanderfolge von Revolten, mögen für hiesige Verhältnisse exotisch wirken, andernorts treffen sie scheinbar einen Nerv.

The Coming Insurrection The Invisible Committee, Semiotext(e) Intervention, Mit Press, 136 S., 9,20

Kommentare (6)

j-ap 20.05.2010 | 17:56

Hervorragend! Danke für den Hinweis, ich werde mir dieses Opus baldmöglich zu Gemüte führen.

Das großflächige Unbehagen im Umgang damit kann ich Ihnen aber schon freihändig erklärlich machen:

Den Rechten behagt es nicht, weil 'Anarchismus' darin vorkommt, den Linken paßt es nicht, weil ihnen insgeheim dämmert, daß 'Selbstorganisation' nichts anderes als lupenreine Marktökonomie ist, also etwas, was die Anarchokapitalisten schon seit etwa einem halben Jahrhundert im Bauchladen mit sich herumtragen.

Beste Grüße soweit,
J. A.-P.

Thimo 20.05.2010 | 20:37

Den letzten Satz des Artikels kann ich so nicht unkommentiert stehen lassen.
Ich möchte kurz eine Parallele zum Bildungsstreik im letzten Winter ziehen:
Anfangs wurde das Audimax der Uni Wien besetzt, worauf ein Besetzungs-Welle in Österreich los getreten wurde. Nach kurzer Zeit waren in ganz Deutschland Hörsäle besetzt. In vielen Ländern Europas - und teilweise in den USA - wurde vereinzelt protestiert.
Eine "dezentrale, spontane, nicht steuerbare Aufeinanderfolge von Revolten" ist in Deutschland wohl bekannt und nicht exotisch.

nosferatu 20.05.2010 | 23:35

Widerspruch!

'Selbstorganisation' mit Marktökonomie gleichzusetzten und damit in die Nähe kapitalistischer Vergesellschaftung zu stellen ist aus meiner Sicht falsch. Als Beleg dafür ausgerechnet den sog. Anarchokapitalismus heranzuziehen - was auch ab und an in der Literatur über Neoliberalismus passiert - spricht für sich. Anarchismus meint die Hervorhebung individueller Freiheit ohne die Freiheit anderer einzuschränken ('ich bin nur so frei wie mein_e nächste_r') und Kapitalismus meint die Dominanz individueller Interessen (die sich letztlich wieder auf die strukturellen Zwänge zurückführen lassen.). Anarchokapitalismus ist somit quasi ein schwarzer Schimmel....

Wenn denn tatsächlich Marktwirtschaft mit kapitalistischer Vergesellschaftung gleichgesetzt wird, bleibt zunächst festzuhalten, dass sich letzteres nicht in ersterem erschöpft. Das heißt, nur weil ein Markt existiert und dieser womöglich noch dezentral organisiert ist, kann man noch nicht von einer kapitalistischen Vergesellschaftung sprechen. Dazu bedarf es - so die gängige Ansicht aus linker Perspektive - eine_n 'doppelt freien Arbeiter_in' und die Dominanz individuellen Nutzenrechnung.

Apfelbuchtel 18.03.2016 | 21:59

Ich würde gerne etwas ansprechen, was im ersten Moment etwas merkwürdig klingen mag. Ein Aspekt fällt mir auf, der in der Diskussion über das Buch überhaupt nicht stattfand, aber wie ich finde ein essentieller ist. Die Form, wie das unsichtbare Kollektiv Kommunikation beschreibt, scheint mir entscheidend für das Verständnis des Buches. Es scheint fast eine gewisse, wenn vielleicht auch nicht gewollte, Nähe zu Habermas zu bestehen. Vor allem im Folgetext "An unsere Freunde" wird das noch deutlicher. Das Kollektiv fragt, wie sich Aufstände organisieren und kommt zu der Antwort, dass die Beziehungen der Menschen untereinander bereits die Organisation ist. Vor allem der Kommunikation über das Internet kommt ein großer Stellenwert zu. In einer Doku des Fensehsenders Arte kommt das sehr gut raus, dort werden die Unruhen, die nach der Ermordung von Alexis ausgebrochen waren darüber dargestellt, dass die Menschen in hohem Tempo, vorrangig digital, sich ausgetauscht haben und für einen Trauermarsch verabredeten. In der Organisation moderner Aufstände zeigt sich in welch hohem Maße Menschen ihr soziales Handeln an der Kommunikation mit anderen Menschen ausrichten. Und der zweite Aspekt der mir viel interessanter scheint ist, dass diese Form der Organisation auch für den "laufenden Aufstand" gelten sollte. Deshalb die erwähnte Ablehnung der Vollversammlungen. Kommunikation als Ordnungsprinzip scheint eine hierarchielose Ordnung möglich zu machen.