Ein Lob des reichen Bonzen

Sozialneid ist nicht emanzipatorisch Unternehmer und Minister sollten so viel verdienen, wie sie möchten

Wenn mittlerweile sogar ein Regierungsmitglied, nämlich Verbraucherschutzministerin Renate Künast, öffentlich bekundet, dass "Millionenbezüge und Abfindungen in Vorstandsetagen unmoralisch" seien und Brigitte Zypries, Künasts Kollegin aus dem Justizressort, sogar an gesetzliche Regelungen für Managergehälter denkt, scheint ja in diesem Land wirklich was los zu sein.

Einem Blatt, das es wirklich wissen muss, der Financial Times Deutschland, war neulich dies zu entnehmen: "Die Einigung um die Managergehälter bei Bosch erhöht den Druck auf DaimlerChrysler. Auch VW plant nun Einschnitte bei den Managerbezügen." Und ein Blatt, das so etwas entfachen kann, die Bild-Zeitung, hatte jüngst Gehältertabellen abgedruckt, "damit gierige Bosse mal sehen, was ganz normale Menschen verdienen".

Eine tiefe Aufregung herrscht also im deutschen Volk über raffgierige Manager und über sich selbst bedienende Politiker. Der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Norbert Walter, bei dessen Analysen man sich fragt, wie so einer wohl zu so einem Job gekommen ist, beklagt gar eine tief sitzende "sozialistische Mentalität" der Deutschen, und der Bundeskanzler, bei dem man leider weiß, wie er zu seinem Job kam, glaubt ernsthaft, eine "Volksfront" von PDS und CDU habe sich formiert.

Wenn gegenwärtig derart heftig an den Systemfesten gerüttelt wird, wer möchte da schon abseits stehen? Vielleicht diejenigen, die darauf beharren, dass eine linke, der gesellschaftlichen Emanzipation verpflichtete Position mit neidischem Motzen über Managergehälter und Politikerdiäten nichts zu tun haben sollte, ja, dass es durchaus wünschenswert ist, wenn die Gehälter dieser Personengruppen möglichst ungekürzt in den Millionensphären bleiben.

Was zu anderen Zeiten vielleicht mit einem kurzen Hinweis auf die Urheber der vermeintlich sozialrevolutionären Erhebung gegen die Bonzen und Raffzähne, die Bild-Zeitung nämlich, auskäme, bedarf gegenwärtig vermutlich einer ausführlicheren Begründung.

Wohlan: Eine Kürzung von Managergehältern und Politikerdiäten stellt ja keine Verkleinerung der Mehrwertspanne, also des Anteils am Arbeitslohn, der nicht in Geld ausgezahlt wird, dar. Die zehn Prozent Jahresgehalt, auf die DaimlerChrysler-Chef Jürgen Schrempp verzichtet, gehen ja weder in die Lohnmasse der Daimler-Arbeiter ein, noch führen sie zu Neueinstellungen. Da ist es nicht gerade einleuchtend, wenn ein ansonsten sehr geschätzter Autor wie Hans-Dieter Schütt im Neuen Deutschland kommentiert, Daimler-Arbeiter hätten Schrempps Gehaltsverzicht erzwungen, "die Konzernspitze hat sich gerettet".

Es ist eine merkwürdige Vorstellung, die eher an Familien- oder Wohngemeinschaftskassen erinnert, dass Arbeitslöhne quasi ein hoffentlich gerechter Anteil am erwirtschafteten Ertrag seien. "Westeuropas Unternehmen melden Rekordgewinne", meldete jüngst - wie eigentlich jedes Jahr - das Handelsblatt und verkündete daraufhin die scheinbar verblüffende Erkenntnis, dass es "immer mehr Unternehmen inzwischen gleichgültig" sei, "ob es Europa gut oder schlecht geht."

Daher also sind die immensen Unternehmensgewinne der letzten Jahrzehnte - die Nettogewinne der deutschen Kapitalgesellschaften, nur so als Beispiel, stiegen in den letzten vier Jahren um 124,2 Prozent - nicht an die Lohnentwicklung angekoppelt, und die Anstrengungen der Gewerkschaften, eine solche Ankopplung wenigstens ansatzweise zu erreichen, müssen als gescheitert gelten. Es gelingt ja nicht einmal mehr, die Inflationsrate ausgezahlt zu kriegen.

Da führt ein Schimpfen auf hohe oder gar zu hohe Gehälter von Managern nicht nur nicht weiter, sondern wirkt kontraproduktiv. Nicht nur, weil die Kürzung von anderer Leute Gehältern nie der eigenen Lohnsteigerung dient. Auch nicht, weil der vollmundige Verzicht des Vorstandsvorsitzenden eines Weltkonzerns auf eine weitere Million pro Jahr nicht ihm persönlich schadet, sehr wohl aber zur Legitimation von Kürzungen der übrigen Löhne und Gehälter dient. Nicht wesentlich anders verhält es sich auch mit der Forderung nach Kopplung der Managergehälter an Unternehmenserfolge, auch sie dient bloß als Legitimationsressource für weitere Flexibilisierung und Ausdifferenzierung von Tarifgehältern. Wie übrigens auch die Meldung über Kürzung von Abgeordnetendiäten und Ministerpensionen traditionell der Meldung über Streichung von Sozialhilfe und Arbeitslosengeld nur zeitlich vorausläuft, ja den Abbau des Sozialstaats legitimatorisch begleitet.

Das Geschimpfe und die Nörgelei auf die Bonzen, die sich alles nähmen, während das Volk leiden müsse, trägt ja auch in sich die völlig ungeprüfte Zustimmung zur These, dass es der Wirtschaft schlecht gehe, weil wir alle über unsere Verhältnisse gelebt hätten. Wir säßen, so lautet die These ins noch Populärere übersetzt, alle im gleichen Boot, und damit wir da alle weiterhin Platz hätten, müssten wir uns unseren jeweiligen Gürtel enger schnallen.

Dabei sind ja die Eingriffe in den sozialen Besitzstand, egal ob sie als Hartz IV daherkommen, sich Nullrunde in den Tarifverhandlungen nennen oder ob sie als Einführung der 40- oder 50-Stundenwoche auftreten, was ja nichts anderes heißt, als dass zu den bislang gearbeiteten Zeiten noch etliche Stunden unbezahlter Mehrarbeit kommen, immer von Übel und immer zu bekämpfen. Lohnraub und anderes ist doch nicht dann zu tolerieren, wenn er von einem künftig zwei oder zwanzig Prozent weniger verdienenden Minister oder Vorstandsvorsitzenden befürwortet und durchgesetzt wird.

Diese Argumentation, so ist zu vermuten, leuchtet ein, doch gleichwohl finden die oft als Sozialneid abgetanen Diskurse ja real statt und erreichen sogar die Gewerkschaften, die es eigentlich besser wissen müssten. "Wir müssen uns überlegen, intern deutlicher die Stimme zu erheben", eiert Berthold Huber von der IG Metall rum, wenn es um die gewerkschaftliche Haltung zu Managergehältern geht.

Das diesen Diskursen zugrunde liegende Motiv, die da oben sollten gefälligst weniger verdienen, hat keine ökonomische oder rationale Begründung, denn das eingesparte Geld landet ja nicht bei denen da unten. Es ist im Kern ein moralisches Motiv, das die Zornesader schwillen lässt: Der verdient mehr als ich, mehr als ich jemals ausgeben könnte, und mir geht es schlecht.

Moral als Antrieb politischen Handelns mag kein Fehler sein, und die Forderung nach der Assoziation der Freien und Gleichen, vulgo Kommunismus und noch vulgärer gerechte Gesellschaft genannt, ist vermutlich letztlich eine moralische. Aber mit der Bestimmung des Arbeitslohns, sowohl des eigenen als auch desjenigen des Chefs, hat Moral nichts zu tun.

Wenn es das hätte, dann müsste ein aus dem reichen Deutschland kommender Facharbeiter, der sich hier zu Recht gegen Lohnraub wehrt, sich bei seinem gerade noch geleisteten Jahresurlaub in einem Dritteweltland verständnisvoll gegenüber einem Straßenräuber verhalten, für den er, der deutsche Pauschaltourist, eine beneidenswerte, weil ein vielfaches des landesüblichen Monatseinkommens verdienende Person ist.

Oder, wenn es mit Moral zu tun hätte, dann müsste sich auch Empörung über die Verdienste von beliebten Filmschauspielern, über die Gagen von populären Musikern oder die Gehälter von Spitzensportlern breit machen. Ja, eigentlich müsste auch der Bundeskanzler von einer von Mitleid getragenen Solidaritätswelle in höhere Gehaltssphären getragen werden, denn verglichen mit Thomas Gottschalk, Herbert Grönemeyer oder Jürgen Klinsmann verdient Gerhard Schröder erstaunlich wenig.

Aber es ist ja der Markt, der über diese und andere Einnahmen entscheidet, und die Moral kommt in diesem Diskurs auf dem gleichen Ticket dahergeritten, wie die Vorstellung, wenn sich mein Chef das Geld nicht selbst einstriche, stünde es mir zur Verfügung.

Die Moralisierung entsteht durch Personalisierung. Der zu viel verdienende Manager, der womöglich noch feist grinst und ein Victory-Zeichen macht, wie der Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann im Mannesmann-Prozess, ist die nur kaum verändert ins 21. Jahrhundert gerettete Figur des fetten, Zigarre rauchenden Kapitalisten.

Marx´ Kritik der politischen Ökonomie, es wurde schon von Einigen darauf hingewiesen, heißt ja nicht durch Zufall nicht "Die Kapitalisten" und an nicht wenigen Stellen findet sich bei ihm die strikte Ablehnung des Moralischen zugunsten des Hinweises, dass beide Seiten, Kapital und Arbeit, ja ihre berechtigten, wenn man so will: objektiven Interessen vertreten.

Gegen die moralische Empörung über Managergehälter genügte eigentlich schon der Hinweis, dass sie folgenlos bliebe. Aber darüber hinaus zeigen sich leider antikapitalistische Impulse an exakt der falschen Stelle. Statt der richtigen und berechtigten Forderung nach Partizipation aller am produzierten gesellschaftlichen Reichtum wird die Mär von den leeren Taschen und dem engen Gürtel affirmiert und auf Manager und Politiker projiziert: Wir alle müssen sparen, also ihr gefälligst auch.

Nein, nein, wenn es nach einer aufgeklärten Linken ginge, blieben Managergehälter und Politikerdiäten unangetastet.


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00:00 20.08.2004

Ausgabe 39/2020

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