Ein Loch in Europa

Gedankenprosa In seinem neuen Buch "Das Land Null" spannt Bora Cosic den Bogen von der weltrevolutionären Familie zum bombardierten Puppenheim

Cosic, allein zu Haus, sinniert. Das Haus am Meer ist sein Land, seine "persönliche Republik", die er dem Land gegenüber stellt, aus dem er kommt, dem "Land Null". Von dem er anderweitig, in einem Interview, sagt, dass es, seit der Reformpolitiker Djindjic mit einem politischen Auftragsmord beseitigt wurde, den Weg zu einer Spielart des Faschismus eingeschlagen hat. Hier sagt der 1982 in Zagreb geborene Autor nichts Explizites dazu, jedoch die Gedanken über seinen Rückzug in sein "Schloss", in die Einsamkeit des Exilanten, sind von einer Entschiedenheit, die nichts offen lässt. Serbien zu verlassen war "die rettende Idee ... Wie es jeder in diesem Land tun sollte und nicht nur manche. Dann müsste dieses Land sich fragen, was es tun soll." Zugleich wird das Haus "il borgo", der Ort, wo er die Bewegungen seines Lebens aufnimmt: Zurückspulen zum kurzen Film der Jugend.

Das Kino ist sein zweites Metier, mit seiner Großmutter hat er sich immer die Nachtfilme angesehen. Alles am Drehort wird abgesperrt, dort gibt es kein normales Sein. Cosic präsentiert eine Szene vor dem Eintreffen des Filmpersonals. Die freudlose Straße. Damals liefen die Menschen, so scheint ihm, auch immer betrübt herum. Er könnte durch Fenster spähen, ganze Geschichten über Leute schreiben, wozu? Geschichten von lange nicht mehr geputzten Fensterscheiben, hinter aufgezogenen Vorhängen steht ein Mann mitten im Zimmer, eine Frau sitzt in der Ecke und schaut zur Seite, die Straße steht unter Wasser, es ist ein fischiges Schweigen im Zimmer, Zettel werden ausgetauscht: Kommunikationsprobleme. Die Zeit wie eine Flut, in der Erinnerung kehrt der Mensch an Orte, die überschwemmt sind. "Ich denke, dass die Leute rings um diese Mauern, die mein Leben überwachen, auch den erdacht haben, dass ich in meinen Kellern das ganze Volk aus meiner Vergangenheit verstecke und alle Bewohner meiner ehemaligen Straße, über die ich berichte."

Hier taucht sie wieder auf, die Familie von einst, die ihre "Rolle in der Weltrevolution" spielte, deren Personen er jegliche Mitwirkung ersparen will, denn sie haben schlimm gelitten seither. Damals, "als wir alle eine Familie waren, von Personen, die in ein Dasein und in die Staatsbürgerschaft des Landes Null eingesperrt waren. Dessen Regeln niemand richtig verstanden hat. Nur irgendwie vage, dass man geduldig sein muss, bis eine andere Zeit kommt, voller Erleichterungen. Und dass man in der Zwischenzeit viel Duldsamkeit und Versöhnlichkeit gegenüber allem an den Tag legt. Dann kann der unglückliche Alte in der Mitte der Bühne auch ganz leise über sein Elend sprechen, weil die ganze Bühne im Halbdunkel liegt, so dass seine Figur kaum auszumachen ist. Und je finsterer es auf der Bühne ist und je leiser er sich erklärt, desto größer die Aufmerksamkeit im Publikum."

Das nächste große Bild sind Schlange stehende Massen, Menschen, die sich um einen Job anstellen, von einer Annonce aufgefordert, sich zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort einzufinden. Nun sammeln sie sich auf einem Platz, vor einer Tür, über ihr Schicksal wird der Demiurg einer Filmgesellschaft entscheiden, ob sie eine Statistenrolle bekommen oder nicht. Das Stehen auf der Stelle, oder das Mitgeschoben werden zu einem unbekannten Ziel: Metaphern für das Leben. "Es ist das Schicksal, vor einer Tür zu stehen, die womöglich die zum Paradies ist. Hinter dieser Tür befindet sich ›alles‹, was der Mensch erhofft und erwartet, während es davor nur Menschen ohne alles gibt. Wenn der Mensch in einer solchen Schlange steht, muß er einen Hauch von Ewigkeit spüren, zumindest im kleinen."

Exilanten sitzen viel in Zügen, fahren kreuz und quer durch Europa, kommen immer nur vorläufig an und tragen das ganze Inventar der Heimat in sich. Das könnte auch der Zug der Zeit sein, der Zug der erlesenen Romanfiguren durch die Zeit, von Tolstois Anna Karenina über Rilkes Malte Laurids Brigge und Ibsens Nora, oder ein Agitationszug aus der russischen Revolution, schön ausgestattet, aber völlig leer, um zu erklären, was in der Geschichte passiert. Auch sein Haus könnte ein Wagon dieses Zuges sein, er selbst hatte in seiner Jugend bei der Belgrader Weltrevolution als Familienrolle die Agitation über. Sein Land ist zu jener Zeit ebenfalls ein Wagon, "ein Fahrzeug der nullten Art, wie seine ganze damalige Situation eine solche ist, eine nullte. In der man nicht richtig versteht, was passiert, und solange das nicht geklärt ist, warten die Leute lieber in den Ecken ihrer Zimmer." Aber niemand nutzt den Wagon, nur sein Begleiter.

Haus, Straße, Jugend, Erinnerung, Schlange stehende Massen, Bewegung, Land fügen sich zu einem Schlussbild, wiederum an eine Filmsequenz angelehnt, eine Erinnerung an einen ungarischen Film, in dem berittene Soldaten eine Menschenmenge aufspalten, auseinander jagen, niedermachen, vermutlich massakrieren. Die Szene erinnert ihn an Die freudlose Gasse, daran, dass das ein "Lehrfilm" war, was auf sie zukommen könnte, was dem nullten Land noch alles zustoßen könnte. Cosic ist kein absoluter Schwarzzeichner. Er lässt für die Filmregie eine Möglichkeit zu, dass die ganze Szene zwischen Soldaten und Volk ins Stocken gerät. "Als dächte der Operator, es wäre kein Film mehr im Apparat, und wollte einen neuen einlegen. Und dann fühlen sich die Mitwirkenden an dieser Szene irgendwie befreit, zumindest für einen Augenblick. Vielleicht würden sich im Laufe der Zeit die Mitwirkenden in diesem kleinen Drama so aneinander gewöhnen, als wären sie eine große Familie, die nach vielen Jahren Trennung endlich wieder vereint ist." Aber das Puppenheim Balkanien wurde durch eine Bombe halbiert, die "Liliputanernation" ist in Bedrücktheit und Erstarrung verfallen, und die Menschen bewegen sich wie "Wachsfiguren" in einer "Strafkolonie". Der Film ist noch nicht zu Ende. "Null" ist allerdings eine unabsehbare Zahl, eine Unzahl. Dennoch, in einem Gespräch sagte Cosic: "Ich bin kein Mensch ohne Hoffnung. Nichts ist ewig. Man braucht nur viel Geduld."

Schon in seinem letzten Buch Die Zollerklärung sagte Cosic: "Ich lege jetzt meine persönliche Geschichte vor, als wäre ich mein eigener Historiker." Persönliche Geschichte bedeutet bei dem 72-Jährigen, der 1992 Belgrad verlassen musste und seither in Berlin und Rovinj/Kroatien lebt, freilich nie nur Privates; es bedeutet einen anarchischen Kosmos, in dem sich drehbuchähnliche Skizzen mit philosophischen Aphorismen, Zitate der Weltliteratur von Proust über Rilke bis Kafka und Kinozitate mit schnell hingestrickten Gedanken von ironisch-skeptischer Takelage und nihilistischem Tiefgang, politische Andeutung mit der Liebe zur Schilderung der unscheinbaren Dinge (die dann oft weggeräumt werden) vermengen. Handlung? Ist schlicht und nicht erregend unauffindbar. Oder, anders gesagt: alles handelt im Kopf des Autors, und dort geht es, gelinde, kompliziert ab, es ist Gedankenprosa vom Besten.

Das Land Null ist also kein Buch, das sich rasch hinunterschütten lässt wie ein Stamperl Borovicka. Cosic ist gelernter Mitteleuropäer, der das unternimmt, was die große Literatur dieser geistigen Region schon immer unternommen hat: Fäden aus dem Gewebe des Unaussprechlichen herausziehen.

Bora Cosic: Das Land Null. Aus dem Serbokroatischen von Katharina Wolf-Grießhaber. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2004, 308 S., 24,80 EUR


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00:00 08.10.2004

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