Ein Mann, eine Idee und das liebe Helfervieh

Ausblick Wikileaks muss sich entscheiden: Will es organisch wachsen oder nur die Coups inszenieren? ­Julian ­Assange hat schon eine Meinung

Mit spektakulären Bildern aus dem Irak und brisanten Tagebüchern aus Afghanistan hat die Webplattform wikileaks.org in kurzer Zeit einen Bekanntheitsgrad erreicht, der weit über das Internet hinausgeht. Was die Seite an geheimen Dokumenten veröffentlicht, beschäftigt heute etablierte Medien ebenso wie Geheimdienste. Viele Netzbürger, aber auch Offline-Beobachter hoffen darauf, dass die Wikileaks-Macher ihren Wahlspruch „We open Governments“ verwirklichen und eine neue Epoche der Transparenz im Handeln von Regierungen einläuten. Der nächste Coup ist schon für den 18. Oktober angekündigt: unter anderem wollen die Aktivisten ein Dossier mit Material aus dem Irak veröffentlichen.

Bisher leidet Wikileaks jedoch noch unter den Folgeeffekten seiner bisherigen Veröffentlichungen. Der Abgang prominenter Aktivisten, der ständige Umzug von Server zu Server und der Machtanspruch des Wikileaks-Sprechers Julian Assange führen dazu, dass öffentlich wie auch im Kreis der Aktivisten selbst die Perspektive von Wikileaks diskutiert wird.

„Gütiger Diktator“

Als die Plattform das Video „Collateral Murder“ veröffentlichte und mit dem geschickt geschnittenen Material um Spenden und Unterstützung warb, meldeten sich angeblich mehr als 800 Programmierer aus aller Welt, die am Projekt mitarbeiten wollten. Ihre Anfragen sollten von ein oder zwei Personen der sehr überschaubaren Gemeinschaft von Wikileaks-Aktivisten beantwortet werden, die bald völlig überfordert waren. So blieben viele Hilfsangebote unbeantwortet, weil Wikileaks nicht die Strukturen hatte, mit dieser Form der Hilfsbereitschaft umzugehen. Anders als das Sammeln von Spenden, die sich nach „Collateral Murder“ zur Millionenhöhe auf den Konten addierten, müssen Freiwillige auf ihre Fähigkeiten, Motivationen und Hintergründe überprüft werden. Ihre Integration in eine kleine, gut abgesicherte Gemeinschaft, die bislang nach dem Prinzip des „Web of Trust“ (ich kenne da jemanden...) wuchs, war völlig ungeklärt. Für Infiltrationen aller Art war dies ein guter Nährboden, für eine Plattform, die das geheime Wissen der Welt enttarnen möchte, aber keine gute Situation.

Die Wirkung, die Wikileaks mit der Veröffentlichung des Videos erzielte, wiederholte sich mit einem Konvolut von Dokumenten aus Afghanistan. Diesmal war die internationale Presse beteiligt; die New York Times, der Guardian und der Spiegel hatten die Dokumente vorab gesichtet. Dennoch gab es Kritik an Wikileaks, weil Namen von Informanten in Afghanistan nicht aus den Dokumenten entfernt worden waren. Mitte Oktober sollen nun auch mehr als 15.000 weitere Afghanistan-Dokumente durch Wikileaks veröffentlicht werden und eine neue Welle der Aufmerksamkeit erzeugen. Ob die Dokumente ausreichend geprüft sind und keine Namen enthalten, die Menschenleben in Afghanistan gefährden können, ist bislang ungeklärt.

Soll Wikileaks von Coup zu Coup eilen, einen Großskandal nach dem anderen veröffentlichen oder soll das Whistleblower-Projekt langsam wachsen und eine Struktur bekommen, die das enorme Feedback verarbeiten kann? Was wird aus den vielen Einsendungen von Dokumenten, die nicht die große Aufmerksamkeit erzeugen können? Diese Fragen wurden auch bei Wikileaks intern diskutiert. Allerdings wurde die Debatte nicht inhaltlich geführt, wie ein Artikel des Magazins Wired zu belegen scheint, in dem Textausschnitte aus einem Chat veröffentlicht wurden. Darin inszeniert sich Julian Assange in der Rolle eines „gütigen Diktators“, der entscheidet, wer dazugehört und was veröffentlicht wird. Offenbar ist die strategische Entscheidung für das ganz große Theater also schon gefallen. Die Entscheidung würde zumindest mit Aussagen von Assange korrespondieren, in denen er als Motivation für sein Handeln angibt, dass er den Mächtigen der Welt ein Schnippchen schlagen will. Auch die Wau-Holland-Stiftung, die mehr als 700.000 Spenden-Euro für Wikileaks verwaltet, bestätigte der Freitag-Bloggerin Cassandra, dass inzwischen „im Zweifel“ Julian Assange bestimmt, ob eine von Aktivisten eingereichte Rechnung bezahlt wird oder nicht.

Plattform als PR-Agentur

In ein auf maximale Außenwirkung abgestimmtes Konzept von Wikileaks als PR-Agentur passen keine Aktionen von Whistleblowern, die eine nationale, gar regionale oder nur kommunale Bedeutung haben. Gerade weil bei Wikileaks vergleichsweise wenige Aktivisten mit einem hohen Maß an Selbstverantwortung arbeiten, müssen sie ihre Kräfte bündeln und das ignorieren, was nicht auf den ersten Blick als spektakulärer Fall erkennbar ist. Dabei können Einsendungen auf der Strecke bleiben, die nur mit großem Arbeitsaufwand zur Veröffentlichung taugen.

Ein Beispiel sind die Dokumente zu den deutschen Maut-Verträgen, die Wikileaks 2009 veröffentlichte, ein wüstes Konvolut hastig gescannter Vorlagen, recht willkürlich in PDF-Dateien zusammengefasst. Mehrere Monate lang sortierten Fachleute die Puzzleteile, bis ein annähernd vollständiges Bild entstehen konnte. Die Nachricht, dass Wikileaks die Maut-Verträge veröffentlicht, sorgte nur für wenige Schlagzeilen in Deutschland und interessierte auf europäischer Ebene nur die direkten Nachbarn Polen und die Niederlande, deren LKW deutsche Autobahnen nutzen. Spenden wurden auf diese Weise kaum generiert.

Dezentrale Alternativen

Wer über die Zukunft des „Leakstivismus“ nachdenkt, muss sich um die Frage kümmern, wie Whistleblowing via Internet mit denselben Editions-Mechanismen wie Wikileaks, aber mit größerer organisatorischer Transparenz abgesichert werden kann. Der Aufbau vieler Wikileaks-Angebote sollte softwaretechnisch kein Problem sein und kann sogar von der Vorarbeit von „Wikileaks 1.0“ profitieren. Auch die Medien könnten in diesem Szenario profitieren, etwa indem sie mit entsprechenden Buttons auf die Angebote für die Dokumentenablage verlinken und umgekehrt die Dokumente vorab bekommen, die über ihren Link in das System eingespeist wurden.

Eine dezentrale Organisation vieler kleiner Wikileaks ist durchaus im Sinne des Netzgedankens und nicht einmal neu: Erinnert sei an die Tatsache, dass vor dem Auftritt von Wikileaks geheime Dokumente über das Netz in die Öffentlichkeit gelangten. Es war der von Wau Holland mitgegründete Chaos Computer Club, der einige Dokumente „befreite“, unter anderem im Jahre 2006 ein Gutachten zur elektronischen Gesundheitskarte, das die wahren Kosten (und den Nutzen) der medizinischen Telematik dokumentierte. Zum Schluss sei noch daran erinnert, dass auch der gute alte Journalismus mit seinem Informantenschutz nicht ausgedient hat und im Web 2.0 Wikileaks-Funktionen übernehmen kann. Als aktuelles Beispiel seien die streng vertraulichen Garantien genannt, die Deutschland für die Olympischen Spiele in München 2018 geben muss, veröffentlicht vom Sportjournalisten Jens Weinreich – mit regen Kommentaren und Hinweisen in seinem Blog jensweinreich.de.

Detlef Borchers beschäftigt sich als freier Journalist vor allem mit technischen Neuerungen, die eine gesellschaftliche Bedeutung haben. Er veröffentlichte in Zusammenarbeit mit Wikileaks eine Artikelreihe über die Toll-Collect-Verträge

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10:45 14.10.2010

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