Kobi Ben-Simhon
01.08.2010 | 12:00 4

Ein Mann für alle Fälle

Israel Raphi Walden ist Leibarzt von Präsident Peres. Er behandelt afrikanische Flüchtlinge – und könnte dafür mit ­Gefängnis bestraft werden

An einem drückend heißen Nachmittag warten in einer Seitenstraße von Jaffa mehrere Dutzend Menschen schweigend vor dem verschlossenen Eisentor einer Klinik der Organisation Physicians for Human Rights. Punkt 16 Uhr erreicht Professor Raphi Walden die trostlose Straße, die mit einer Reihe hochgewachsener Zypressen endet. Er trägt weiße Hosen, weiße Schuhe, aus seiner linken Hosentasche lugt ein Stethoskop hervor. Bis zum Nachmittag arbeitet er als Vizedirektor am Sheba Medical Center Tel HaShomer, anschließend hier. Als sich die Tore öffnen, betritt er gemeinsam mit der ärmlichen Schar die spärlich möblierte Lobby. „Eine Menge Patienten heute“, bemerkt Walden mit kurzen Lächeln.

Drinnen füllen Flüchtlinge und Gastarbeiter ohne Aufenthaltsgenehmigung die Plastikstühle – schnauzbärtige junge Eritreer, ein chinesischer Arbeiter, der nicht aufhören kann zu blinzeln, eine schwangere Sudanesin, drei Fillipinas und zwei Inder im zerknitterten Hemd. Sie alle warten auf Erlösung. „Hier sammeln sich Menschen, die am Rande der israelischen Gesellschaft leben, da es für sie keine andere Alternative gibt“, meint Walden, der diese Klinik seit mehr als 20 Jahren betreibt. „Früher hätte man hier eher Palästinenser getroffen, aber inzwischen ist die Situation eine andere. Wir behandeln fast nur noch Gastarbeiter, jeden Monat über 500 Patienten. 200 davon sind Neuaufnahmen.“

Walden zeichnet mit sanfter Stimme ein Bild der Hölle. Er erzählt, wie die Klinik zu den schlimmsten Zeiten Flüchtlinge behandelte, die seit Tagen nichts gegessen hatten. Entkräftete Menschen, die sich den Kiefer ausrenkten, wenn sie ein Glas Wasser hinunter stürzten. „Es gibt welche, die Stunden nachdem sie die Grenze überquert haben, mit frischen Schusswunden zu uns taumeln. Vor kurzem habe ich einen Mann aus Darfur behandelt, der in der Wüste Sinai von ägyptischen Soldaten angeschossen wurde. Er kam mit einer zertrümmerten Hand herein und musste dringend operiert werden, sollte die Hand gerettet werden. Bis dahin gab es für ihn keinerlei Hilfe. Er lief einfach mit seiner durchschossenen Hand herum. Leider sind wir gegenüber solchem Leid gleichgültig geworden. Ein Fall wie dieser signalisiert mir, wie hartherzig wir geworden sind.“

Als seien sie unsichtbar

Mit den Jahren ist aus Walden – Leibarzt des israelischen Präsidenten Shimon Peres und Leiter der Gefäßchirurgie am Sheba Medical Center – ein Aktivist geworden, der Flüchtlingen helfen will. „Ich habe mich Physicians for Human Rights aus Respekt gegenüber den Menschen und ihrer Würde angeschlossen“, sagt er ohne Spur von Selbstgefälligkeit. „Anfang der neunziger Jahre war das. Die Zeiten gaben wegen der Oslo-Verträge Anlass zum Optimismus. Man fühlte sich angeregt, mehr für die Palästinenser zu tun. Ich habe schließlich mit meinem Ärztegelöbnis geschworen, Menschen zu helfen. Es kostet nicht viel, dies bei denen zu tun, die der gleichen sozialen Gruppe angehören wie man selbst und in die Privatpraxis kommen. Aber was ist mit denen, die sich nicht einmal grundlegende medizinische Rechte verschaffen können? Flüchtlinge und Leiharbeiter erledigen die Arbeiten, die wir selbst nicht machen möchten, aber diese Menschen werden behandelt, als seien sie unsichtbar. Die israelische Gesellschaft möchte nichts hören und nichts wissen. Aber sie sind hier – sie säubern unsere Höfe, waschen unsere Teller, von denen wir im Restaurant essen, kümmern sich um unsere Alten.“

Man fragte sich, warum das Gesundheitswesen, in dem Raphi Walden selbst eine hohe Position innehat, nicht Flagge zeigt. Die Verantwortung kann nicht allein bei einzelnen Hospitälern liegen, denen es oft am Budget fehlt. Die erforderlichen Mittel müsste der Staat bereitstellen. „Ich halte es für ein ernstzunehmendes Problem“, so Walden, „wenn eine solche humanitäre Frage einer kleinen Gruppe von Leuten überlassen bleibt und keine Angelegenheit aller ist. Es war für mich ein ungeheuerlicher Vorgang, als Minister Eli Yishai über die Flüchtlinge sagte, sie würden Infektionskrankheiten verbreiten – ein entsetzlicher Moment. Ich hätte nie gedacht, dass unsere Gesellschaft einen solchen Tiefpunkt erreichen kann.“

Als 2005 laut UN-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) die ersten 450 Asylbewerber aus dem Sudan nach Israel kommen, greift der Staat auf rigide Maßnahmen zurück. Anfang 2006 drängen die Behörden darauf, das Anti-Infiltrationsgesetz von 1952 wieder anzuwenden und Migranten in Haft zu nehmen. Anders als das Einreisegesetz bieten dessen Paragraphen keinen Raum für richterliches Ermessen. Wer auf Grundlage dieses Gesetzes inhaftiert wird, bleibt für lange Zeit im Gefängnis. Als 2007 rund 5.700 Asylsuchende israelischen Boden betreten, entscheidet die Regierung, alle sofort auszuweisen. Wer an der Grenze aufgegriffen wird, muss umgehend nach Ägypten zurück.

Im gleichen Jahr entscheidet die Regierung, einer limitierten Anzahl von Flüchtlingen aus Darfur Asyl zu gewähren, zugleich erhalten die Streitkräfte Order, 48 Asylsuchende mittels „Hot-Return-Verfahren“ auszuweisen. Es gilt für Flüchtlinge, die seit weniger als 24 Stunden im Land sind, und trifft auch 18 Kinder, von denen viele in Darfur Massaker überlebt haben.

Die Tür zugeschlagen

Als 2008 7.700 Asylsuchende nach Israel kommen, wird eine siebentägige Blitzaktion gestartet, bei der 300 Asylsuchende pro Tag verhaftet werden. Der Strafvollzug wird angewiesen, sich auf die Festgenommenen vorzubereiten, und das Außenministerium soll Vorkehrungen treffen, sie in Länder auszuweisen, die keinen diplomatischen Kontakt mit Israel unterhalten, darunter der Sudan. Der UN-Flüchtlingskommissar protestiert, doch die Regierung sagte: Abschieben ohne Wenn und Aber.

„Diese bizarren Entschlüsse belegen doch, dass wir dem Prinzip folgen, das Leid der Anderen, die ‚keine von uns‘ sind, zu ignorieren“, sagt Walden. „Damit verletzen wir nicht nur ihre Rechte, sondern entscheiden uns auch für eine barbarische Form der Ablehnung. Das Traurige ist, dass wir als Juden jahrhundertelang selbst erfahren haben, was es heißt, auf der Flucht zu sein. Mehr als einmal haben auch wir an Türen anderer Länder geklopft, die uns hätten helfen können. Aber weil wir anders waren, haben sie uns weggeschickt. Und wir haben den Gojim vorgeworfen, gefühllos und grausam zu sein. Mich schmerzt es, wenn ich sehe, dass wir nun, da wir selbst in einer Machtposition sind – mit einem souveränen Staat in einer wohlhabenden Gesellschaft –, ebenfalls Menschen im Stich lassen, die entsetzliches Leid erfahren haben. Ein solches Verhalten ist eine Schande für das jüdische Volk. Niemand sagt, dass sie den gleichen Service wie Einwohner des Reichen-Viertels Ramat Aviv Gimmel bekommen sollen. Ich spreche nur über die Versorgung schwangerer Frauen, Impfungen für Kinder, nötige Untersuchungen.“

Um ganz zu verstehen, weshalb dies den Arzt derart aufwühlt, muss man seine Familiengeschichte kennen. Walden wurde in Frankreich als Sohn einer jüdischen Familie aus der Mittelschicht geboren. Seine Mutter Rina war Ärztin, sein Vater Josef Agrarwissenschaftler. Beide Eltern kamen aus Warschau und emigrierten nach Frankreich, als in den dreißiger Jahren an polnischen Universitäten die Anzahl der Juden, die studieren durften, begrenzt wurde.

Nach dem Studium in Nancy zogen die Eltern nach Paris, kehrten der Stadt aber bald wieder den Rücken. Josef erkannte nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs klugerweise, dass es besser sei, auf eine Farm in der Dordogne auszuweichen. Man erwarb einen Bauernhof in einem Dorf, das nur aus 18 Häusern bestand, weit weg von Industrierevieren oder Zugtrassen lag. Walden: „Wir lebten den ganzen Krieg hindurch auf diesem Hof, es mangelte uns an nichts. Meine zierlichen, bourgeoisen Eltern krempelten die Hemdsärmel hoch und wurden echte Bauern. Sie züchteten Rinder und Hühner, pflügten und pflanzten. An diesem Ort wurde ich geboren und ich lebte dort bis zu meinem dritten Lebensjahr.“

"Bis die Gefahr vorüber war"

Trotz der relativen Ruhe dieses Bauernlebens, musste die Familie einen Teil ihrer Identität verbergen. „Als Juden lebten wir mit falschen Papieren unter französischen Namen. Mein Großvater, der als Pole einen sehr starken Akzent hatte, wenn er Französisch sprach, besaß einen Ausweis, in dem stand, er sei taubstumm. Meine Eltern waren unter den Bauern in der Gegend sehr beliebt, da sich meine Mutter als Ärztin kostenlos der Kranken annahm, und mein Vater als Agrarwissenschaftler jedem Rat gab, der ihn darum bat.“ Eines Tages sei ihre Idylle gestört worden. Ein Nachbar kam in Panik, um ihnen zu sagen, dass sich eine deutsche Patrouille dem Dorf nähere. „Da kapierten wir, dass alle um uns herum wussten, dass wir Juden waren. Es war ein offenes Geheimnis. Die gleiche Szene sollte sich noch einige Male wiederholen. Wir verließen dann das Haus, versteckten uns im Wald – bis die Gefahr vorüber war.“

1945 kehrt die Familie nach Paris zurück. Waldens Vater schreibt dort als Korrespondent für das israelische Blatt Davar – Jahre später stirbt er bei einem Flugzeugabsturz Dass Walden aus einer Familie kommt, die am eigenen Leib erfahren hat, was es bedeutet, auf der Flucht gerettet zu werden, weil eine Gemeinde ihre schützende Hand über sie hält, hat Raphi Walden geprägt. „Uns wurde von Menschen geholfen, die uns gegenüber keinerlei Verpflichtung hatten. Alles, was die Leute in der Dordogne über das Judentum wussten, waren vermutlich ein paar unvorteilhafte Dinge aus dem Neuen Testament. Doch das konnte sie nicht aufhalten. Sie fühlten, dass es richtig war, uns zu helfen.“

Während in Jaffa der Abend hereinbricht, erzählt Walden weiter, wie er 1951, im Alter von neun Jahren, endgültig nach Tel Aviv übersiedelt. Als Teenager arbeitet er ehrenamtlich für die Organisation Noar L-noar (Jugend für Jugend), die verarmte Viertel betreut. Nach dem Abitur studiert Raphi an der Universität von Jerusalem Medizin – und wird als erster Israeli zum Vorsitzenden der International Federation of Medical Students’ Association (IFMSA) gewählt.

Ohne viel Lärm

Nach dem Studium geht Raphi Walden zur Armee und dient als Arzt in einer Fallschirmbrigade. Etwa um die gleiche Zeit heiratet er die Linguistin Tzavia Peres, die Tochter des heutigen Präsidenten Shimon Peres. Der damalige Verkehrsminister macht seinen Schwiegersohn umgehend zu seinem Leibarzt.

„Ich bin nun seit 37 Jahren sein Arzt. Es gab niemals eine formale Ernennung, und ich bin froh, dass ich sagen kann, ziemlich beschäftigungslos zu sein, denn unser Präsident ist ein ausgesprochen gesunder Mann. Meine Aufgabe besteht eher darin, ihn auf seinen Reisen ins Ausland zu begleiten.“

Hat Walden nicht manchmal das Gefühl, dass sich der Präsident in der Flüchtlingsfrage zu wenig Gehör verschafft? Könnte er etwas dafür tun, die verschlossenen Herzen zu öffnen? „Ich kann nur sagen, er setzt sich diesem Problem auseinander, ohne viel Lärm zu machen. Aber humanitäre Fragen – die beschäftigen ihn sehr.“

Raphi Walden selbst ist in letzter Zeit besonders durch das Anti-Infiltrationsgesetz in Anspruch genommen. Eine Gesetzesvorlage, die nach dem israelischen Vize-Verteidigungsminister Matan Vilnai auch „Vilnai-Gesetz“ genannt wird, sieht für jeden, der Israels Grenzen illegal übertritt, eine Haftstrafe von fünf bis sieben Monaten vor. Auch wird jedem, der einem illegalen Einwanderer hilft, mit einer Gefängnisstrafe von fünf Jahren gedroht. „Dieser Paragraph würde mich zu einem Gefängnis-Anwärter machen, wenn ich einen Flüchtling mit einer zertrümmerten Hand behandle. Das ist verheerend. Ein Arzt, der eine Person in Not medizinisch versorgt, wird zum Kriminellen gemacht. Was mich dabei am meisten enttäuscht – dass dieser Gesetzesvorschlag von der Arbeitspartei stammt. Ausgerechnet jene, die von sich behaupten, sie seien Sozialisten und sensibel gegenüber Menschenrechtsfragen, stürzen mit in den allgemeinen moralischen Abgrund.“

Verzerrte Prioritäten

Was wird am Ende geschehen? „Vielleicht werden trotz der verzerrten Prioritäten, die in diesem Land herrschen, doch noch Mittel gefunden, um ein grundlegendes menschliche Problem zu lösen.“ Glaubt Raphi Walden wirklich daran? „Ich bin nicht allzu optimistisch.“

Im November 2009 wird er für seine Arbeit für Physicians for Human Rights zum Offizier der französischen Ehrenlegion ernannt. Außenminister Kouchner fliegt selbst nach Tel Aviv, um die Auszeichnung zu überreichen. „Normalerweise ist das eine Sache des Botschafters, doch als Minister Kouchner hörte, dass ich diese Ehrung bekäme, wollte er sie persönlich vornehmen“, erzählt Walden mit Stolz. „Ich glaube, Kouchner fühlte sich meiner Arbeit verbunden, da er zu den Gründern von Ärzte ohne Grenzen gehört, die ganz ähnlich arbeiten wie wir.“

Kobi Ben-Simhon ist Reporterder israelischen Zeitung Haaretz

Übersetzung: Christine Käppeler

Kommentare (4)

Fritz Teich 04.08.2010 | 20:28

Meinst Du das wirklich?

Es geht um den Begriff der Hilfe. Wenn einer Ulrike Meinhoff fuer eine Nacht eine Unterkunft gegeben hat, damit sie ihre vom Regen nassen Haare trocknen konnte, und vielleicht ein Butterbrot, dann hat der auch nicht den Terrorismus unterstuetzt.

Du musst darauf achten, was jeweils das Thema ist. Hier gings darum, menschliche Selbstverstaendlichkeiten von weitergehenderen Unterstuetzungshandlungen zu unterscheiden und insoweit sind verletzte Taliban und verletzte Fluechlings- oder Einwandererkinder in der Tat gleich. Weils eben um allgemeine Menschlichkeit geht. Da macht es keinen Unterschied, um wen es geht. Extremes Beispiel um das ganz deutlich zu machen.

Der Fall der Iraner, die die Taliban unterstuetzt haben sollen, indem sie sich um deren Verwundete kuemmerten, stand in dieser sagenhaft tollen Wikileaks Datei ganz oben. Die Amis sind eben auch schraeg drauf. Zum Fell der nassen Haare oder was auch immer gibts meines Wissens nur Literatur, angeklagt hat sowas in Deutschland wohl keiner.