Ein Mann ohne Verwendung

Mord Berichte aus dem Dunklen: Max will seinem verkorksten ­Leben ein Ende setzen. Dann sieht er Silvia. Und alle ­Kränkungen sind wieder da. Teil drei der Freitag-Serie

Max fährt mit seinem Auto durch eine hessische Kleinstadt. Es ist früher Vormittag. Er hat die letzte Nacht, wie Dutzende Nächte davor, in seinem Wagen verbracht. Es ist Mitte April und die Nächte sind recht kühl. Ihn fröstelt und seine Glieder sind steif vom unbequemen Liegen auf dem Rücksitz. Er will sich in einem Supermarkt eine Flasche Sekt kaufen. Dann wird er in den Wald hinauffahren und sich an einem seiner Lieblingsorte, mit dem sich viele Erinnerungen verknüpfen, das Leben nehmen. Die Pistole ist geladen und liegt im Handschuhfach. Mit Waffen kennt Max sich aus. Eine stattliche Waffensammlung hatte er beisammen, ganz seltene und wertvolle Stücke waren darunter, ehe sein Schwager sie hinter seinem Rücken verkauft hat. Das war zu der Zeit, als Max in die Psychiatrie eingewiesen war und nichts dagegen unternehmen konnte. Als er zurückkam, waren die Waffen weg. Jetzt hat er nur noch das halb verrostete Ding, das er vor ein paar Wochen günstig erworben und aufbereitet hat. Für das, was er vorhat, wird die Waffe reichen. Beim Probeschießen im Wald hat sie funktioniert.

Seit seine Freundin ihn vor einigen Wochen vor die Tür gesetzt hat, schläft Max im Auto. Freunde, die er um Quartier bitten könnte, hat er nicht. Seine Mutter mag er nicht fragen, weil er sich schämt, ihr gegenüber einzugestehen, dass die Freundin ihn hinausgeworfen hat. Den Triumph gönnt er ihr nicht. Sie hatte diese Beziehung stets missbilligt und ihn vor Silvia gewarnt. Seit der Scheidung der Eltern vor rund zehn Jahren hat Max bei der Mutter gewohnt. Dann zog er plötzlich mit „dieser Person“ zusammen, wie die Mutter sich ausdrückte. Silvia war ihrem Sohn in der psychiatrischen Klinik begegnet. Sie war dort Patientin gewesen und taugte in den Augen der Mutter schon deswegen nicht zur Freundin ihres Sohnes. Dass ihr Sohn ebenfalls dort eingewiesen war, steht auf einem anderen Blatt. Das war die Folge einer Intrige, ein Missverständnis, der gehörte da nicht hin. Ihr Sohn ist doch nicht verrückt! Der mütterlichen Warnung ist von Anfang an eine Prise Eifersucht beigemischt. Sie ist der Meinung, andere Frauen würden ihren Sohn ins Unglück stürzen. Besser, er bliebe bei ihr. Sie ist die einzige, die ihn versteht. Er ist alles, was ihr geblieben ist.

Heute vor einem Jahr wurde Max nach 18-jähriger Betriebszugehörigkeit von seiner Firma entlassen. Sein alter Chef hatte ihn geschätzt und ihn für seinen besten Mann gehalten, der er wohl auch gewesen ist. Mit dem neuen Chef, einem jungen Schnösel, kam Max von Anfang an nicht zurecht. Er habe einer Sekretärin der Firma nachgestellt und sie und ihren Freund belästigt, hatte der neue Chef behauptet und ihn gefeuert. Nach 18 Jahren, in denen er sich für die Firma eingesetzt und aufgeopfert hatte. Was hat er schon außer der Arbeit vom Leben gehabt?

King Kong und die weiße Frau

Die Sekretärin war hübsch und hatte ihm gefallen und er hatte ihr auf seine Weise den Hof gemacht. Dazu gehörten auch ein paar unbeholfene und missverständliche Aktionen und sicher hat er hier und da die Grenzen des guten Geschmacks überschritten. Das gibt Max zu. Aber muss man ihn deswegen hinauswerfen, anzeigen und vor Gericht stellen? Ein Jahr auf Bewährung wegen Beleidigung und Bedrohung hat er dafür bekommen. Und als Bewährungsauflage musste er sich „zur Behandlung seiner Persönlichkeitsproblematik und seines Stalking-Verhaltens“ – wie es in dem Beschluss hieß – in die Psychiatrie begeben. Grässlich und entwürdigend war diese Zeit, ein regelrechter Schock und ein Trauma. Man stelle sich vor: Er auf der Akutstation mit all diesen verwirrten und schreienden Menschen, all diesen wirklich Verrückten!

Er hatte das hinter sich gebracht. Immerhin hat er Silvia dort kennengelernt. Sie nahm ihn nach seiner Entlassung bei sich auf. Eigentlich war sie viel zu hübsch für ihn, der nun wahrlich kein Adonis ist. Grob und unbeholfen kam er sich ihr gegenüber vor. Und viel zu dick. Er musste an King Kong und die weiße Frau denken.

Er liebte sie, aber sie liebte ihn nicht. Das tat weh, aber Hauptsache, er durfte in ihrer Nähe sein. Dafür nahm er Demütigungen und sogar Schläge in Kauf. Ja, gelegentlich schlug sie ihn, richtig fest, mit der flachen Hand ins Gesicht. Er ließ alles über sich ergehen, solange er nur nicht fortgejagt wurde. Er diente ihr, und dieses Dienen war sein einziges Glück, sein Lebensinhalt. Sie machte sich über ihn lustig und quälte ihn mit Erzählungen von ihrem letzten Freund, einem Deutschrussen, der „ein richtiger Mann“ gewesen sei. Immer wieder spricht sie von „Hermanns Schwanz“, der „30 cm lang“ gewesen sei. Ob er sich das vorstellen könne? Er will sich das gar nicht vorstellen. Zwischen Silvia und Max läuft sexuell nichts. Mit einem wie ihm wird sie nicht schlafen, dafür ist er zu dick und zu abstoßend. Einmal, während eines Kurzurlaubs in St. Petersburg haben sie gemeinsam ein Doppelzimmer bewohnt und das Bett geteilt, aber auch da war außer ein bisschen Kuscheln nichts. Es ist überhaupt noch nie etwas gewesen zwischen ihm und Frauen. Einmal, da war er 25 Jahre alt, ist er über längere Zeit mit einer 63-jährigen Frau zusammengewesen. Daran erinnert er sich als eine schöne, vielleicht seine schönste Zeit. Aber auch das blieb rein platonisch und ohne Sexualität.

Alles außer Sex

Heute vor einem Jahr haben sie ihn rausgeworfen. Er hat das nicht vergessen. Er vergisst so etwas generell nicht. Wie könnte er auch? Alle Kränkungen sind in seinem Gedächtnis eingelagert wie in einer Tiefkühltruhe. Die fristlose Kündigung war eine öffentliche Demütigung, hat ihn aus der Bahn geworfen und sein Leben ruiniert. Er ist Anfang 40, hat keinen Beruf gelernt. Der Arbeitsmarkt wird für einen wie ihn keine Verwendung mehr haben. Er ist ein Überflüssiger.

Heute wird er es ihnen zeigen. Sie sollen ruhig sehen, was sie angerichtet und zerstört haben. Wie Tom Sawyer, der sich von seiner Tante Polly zu Unrecht gescholten und bestraft fühlt, sich vorstellt, wie es wäre, wenn er stürbe und auf seiner Beerdigung alle um ihn weinten, so stellt auch er sich nun vor, dass sein Selbstmord allen die Augen öffnen wird: Silvia, dem Chef, der Sekretärin, ihrem Freund, der Mutter, überhaupt allen, die ihn verkannt und im Stich gelassen haben. Die Mutter tut ihm ein bisschen leid. Sie hat gerade einen schweren Unfall hinter sich, und er fragt sich, wer sich nach seinem Tod um sie kümmern wird. Egal, jetzt bloß nicht an so was denken. Er muss das jetzt durchziehen und zu Ende bringen. Er hat, was eigentlich schon länger nicht mehr auszuhalten war, noch eine ganze Weile ertragen. Irgendwann ist Schluss. Und dieser Punkt ist nun erreicht.

Als Max auf dem Weg zum Discounter ist, um den Selbstmord-Sekt zu kaufen, sieht er plötzlich Silvias Auto am Straßenrand stehen. Er hält und beschließt, auf sie zu warten, um ein letztes Mal mit ihr zu reden. Er will sich von ihr verabschieden und ihr sagen, dass er es heute tun wird und sie dann die Prämie von der Lebensversicherung bekommt, wie ausgemacht und versprochen. Sie hat ihn in den letzten Wochen verschiedentlich an sein Versprechen erinnert und zynisch gefragt, wann er es denn nun endlich tun würde. Sie brauche das Geld. So ein „Versager und Schlappschwanz“ wie er schaffe es noch nicht einmal, sich umzubringen. Es fehle ihm garantiert an Mut und Entschlossenheit.

Die Polizei kommt näher

Als sie kommt, geht Max auf sie zu. Sie weist ihn ab, hat es eilig und will weitergehen. Er hält sie fest. Sie reißt sich los und beginnt ihn zu beschimpfen, nennt ihn wieder einen Feigling und Schlappschwanz. Sie schlägt ihm zwei, drei Mal ins Gesicht. Da stürzt er zum Auto und holt die Pistole aus dem Handschuhfach. Er läuft ihr nach, sie dreht sich zu ihm um und er schießt aus kurzer Distanz zwei Mal auf sie. Sie bricht auf dem Gehweg zusammen. Er sieht, wie Blut aus ihrem Körper fließt, und flieht. Im Rückspiegel bemerkt er noch, dass ein Auto hält, eine Frau aussteigt und sich um die Verletzte kümmert.

Panik flackert auf, Bilder lösen sich in Fragmente auf, wirbeln in seinem Innern durcheinander. Wie durch ein Steigrohr tauchen versunkene Erinnerungen an vergangene Demütigungen auf, die sich wie Verstärker an die gegenwärtigen anschließen. Als er noch ein kleiner Junge war, hat sein ältester Bruder im Wohnort der Eltern einen Mann erschlagen, und plötzlich klingt ihm das „Mörderbruder, Mörderbruder“ wieder in den Ohren, das ihm seine Schulkameraden und die Nachbarskinder damals nachgerufen haben.

Jetzt ist sowieso alles egal, jetzt gehst du in die Firma und ziehst deinen ehemaligen Chef zur Rechenschaft, durchzuckt es Max. Er fährt auf das Firmengelände, stößt auf dem Flur ehemalige Kollegen zur Seite und stürmt in sein Büro. Als er den Mann vor sich sieht, der ihm das alles angetan hat, schießt er auf ihn. Der erste Schuss streift ihn, der zweite verfehlt sein Ziel. Sein ehemaliger Chef hat sich hinter dem Schreibtisch in Sicherheit gebracht und schlägt Alarm. Max wendet sich ab und flieht. Er verlässt das Firmengebäude, wechselt auf dem Parkplatz ein paar Worte mit einem Kollegen, besteigt sein Auto und will es nun endlich zu Ende bringen. In der Ferne hört er Polizeisirenen. Was jetzt? Er fährt erst einmal los. Er setzt die Pistole an die Schläfe und drückt ab. Die Waffe klemmt, hat Ladehemmung. Wieder und wieder drückt er ab, aber kein Schuss löst sich. Die Polizei hat die Verfolgung aufgenommen. Dann sollen sie ihn töten, denkt er und gibt Gas. Er will nur noch, dass Ruhe einkehrt und das verkorkste Leben vorbei ist. Wieder und wieder drückt er ab, vergeblich. Kurz hinter dem Ortsende holen sie ihn ein und drängen ihn von der Straße ab. Das Auto rutscht eine Böschung hinunter, überschlägt sich, kommt wieder auf den Rädern zum Stehen. Max steigt ein wenig benommen aus und geht mit der Waffe in der Hand auf die Polizisten zu. Sie eröffnen das Feuer, treffen ihn aber nicht. Sie warten in Deckung ab und als sie merken, dass seine Waffe nicht funktioniert, nehmen sie ihn fest.

Beide Opfer haben überlebt, und Max wird wegen zweifachen versuchten Mordes angeklagt. Das Gericht geht davon aus, dass er mit Tötungsabsicht gehandelt hat. Die befragten Sachverständigen halten ihn zwar für persönlichkeitsgestört, aber dennoch für schuldfähig: 12 Jahre. Im Gefängnis will er anfangs den gescheiterten letzten Akt der Inszenierung nachholen und sich umbringen. Dann arrangiert er sich mit der Situation. Schon der Mutter wegen will er weiterleben. Sie ist alt, er möchte nicht, dass sie sich Sorgen macht. Nach der Haft wird er sich um sie kümmern. Sie ist der einzige Mensch, der zu ihm hält und ihn regelmäßig besucht. Sie haben nur noch sich.

Die Serie Berichte aus dem Dunkeln versammelt Porträts von Menschen, die ein Verbrechen begangen haben. Die Geschichten versuchen zeitgenössische Antworten auf die alte Frage Büchners zu geben: Was ist das, was in uns lügt, mordet, stiehlt? Unser Autor arbeitet beim psychologischen Dienst der JVA Butzbach. Die porträtierten Gefangenen haben ihm ihre Geschichten erzählt, kennen die schriftliche Fassung, sind mit der Veröffentlichung einverstanden. Namen, Orte und Jahreszahlen wurden anonymisiert und verändert. Der Erlös der Artikel wird zur Finanzierung von Kulturprojekten im Butzbacher Gefängnis verwendet. Dieser Beitrag entstammt dem neuen Buch von Götz Eisenberg, das damit mich kein Mensch mehr vergisst. Warum Amok und Gewalt kein Zufall sind heißt und im April im Münchner Pattloch-Verlag herauskommt. Bereits erschienen: Ein liebenswerter Junge (Der Freitag vom 10. Dezember) und Ein zeitgenössischer Woyzeck (25. Februar 2010).

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21:20 23.03.2010

Ausgabe 42/2021

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