Hannes Koch
02.07.2012 | 14:05 13

Ein Manöver in eigener Sache

Panzerdeal Burkhart Braunbehrens ist Linker und Mitbesitzer einer Rüstungsschmiede. Überaus heikle Waffengeschäfte mit Saudi-Arabien belasten sein Gewissen

Ein Manöver in eigener Sache

Saudi-Arabien würde gern mehr Kampfpanzer aus Deutschland beziehen

Foto: Eric Piermont / AFP / Getty Images

Burkhart Braunbehrens ist ein fortschrittlich denkender Mensch. Im Spannungsverhältnis zu seiner „linken Sozialisation“ steht sein Lebensunterhalt. Als Miteigentümer von Krauss-Maffei Wegmann lebt er unter anderem davon, Kampfpanzer zu verkaufen. Bisher ist er mit diesem Konflikt zwischen Ethik und Ökonomie einigermaßen zurechtgekommen. Jetzt aber weiß Braunbehrens sich nicht mehr zu helfen und ruft deshalb die Öffentlichkeit zu Hilfe. Diese Geschichte liefert nicht nur Einblicke in die Praxis deutscher Rüstungsexporte, sondern auch in das schwierige Seelenleben eines Teils der deutschen Linken.

Die Rüstungsfirma Krauss-Maffei Wegmann (KMW) stellt unter anderem den Panzer Leopard 2 her – ein deutsches Qualitäts- und Exportprodukt, das sich bei ausländischen Militärs großer Beliebtheit erfreut. Seit Jahren will auch Saudi-Arabien Leopard-Panzer erwerben, bisher erfolglos. Nun aber kann KMW mit einer positiven Entscheidung des Bundessicherheitsrates über die Lieferung von bis zu 800 Leos rechnen.

Geld oder Moral

Deshalb gibt Braunbehrens derzeit ein Interview nach dem anderen. Er will das Geschäft mit dem arabischen Königshaus unbedingt verhindern. Allerdings geht er nicht ganz freiwillig an die Öffentlichkeit. Um die Rüstungsgeschäfte zu skandalisieren, hatten linke Künstler und Aktivisten des Berliner „Zentrums für politische Schönheit“ die Eigentümer persönlich an den Pranger gestellt. Darauf reagiert Braunbehrens jetzt mit seinem öffentlichen Protest gegen das eigene Unternehmen.

Wie bei anderen Firmenerben auch zeugt Braunbehrens Biografie vom Zwiespalt zwischen dem persönlichen Weltbild und dem Besitz an einer Firma. Früher versuchte er den Konflikt dadurch zu lösen, dass er das Erbe seiner Großmutter, wie er sagte, „beim Kommunistischen Bund Westdeutschlands versenkte“. In den siebziger Jahren war Braunbehrens Chefredakteur der „Kommunistischen Volkszeitung“ und finanzierte den Aufbau der KBW-Druckerei in Frankfurt am Main, in der heute noch die Taz gedruckt wird. Später erhielt Braunbehrens einen zweiten Erbteil, den ihm sein Vater vermachte. Seinen gegenwärtigen Lebensunterhalt bestreitet der Künstler vornehmlich aus diesem Aktienanteil. Insofern steckt Braunbehrens in einem latenten Konflikt zwischen Geld und Moral: Einerseits lebt er von den Gewinnen der Firma, sieht aber andererseits, dass sie mit teilweise fragwürdiger Unternehmenspolitik erwirtschaftet werden.

Dabei entsteht die Frage, ob ein linkes Weltbild überhaupt mit Krieg und Rüstungsproduktion vereinbar ist. Die Geschichte des 20. Jahrhunderts zeigt, dass fortschrittliche Politik nicht notwendigerweise eine pazifistische ist. Man muss gar nicht auf das theoretische Topos der „Diktatur des Proletariats“ und seine mörderischen Ausprägungen in den sozialistischen Staaten zu sprechen kommen. Auch für viele westdeutsche Linke nach dem Zweiten Weltkrieg war und ist klar, dass Gewalt und Krieg in bestimmten historischen Situationen gerechtfertigt erscheinen.

Wie Braunbehrens nicht unerwähnt lässt, sammelte die Studentenbewegung Geld für die nordvietnamesischen Truppen, die gegen die Amerikaner kämpften. Noch in den achtziger und neunziger Jahren lief die linke Kollekte „Waffen für El Salvador“, um der mittelamerikanischen Guerilla den Widerstand gegen die Diktatur zu finanzieren. Und die Grünen bereiteten 1999 den Weg für die Bombardierung Belgrads. Die Menschenrechte der Kosovaren, so das Argument, sollten gegen die serbischen Aggressoren verteidigt werden.

In einer solchen Traditionslinie stehend findet Braunbehrens die Tätigkeit von KMW und seine eigene Beteiligung daran grundsätzlich in Ordnung. Seine politische Position sieht so aus: „Deutschland und Europa müssen die Fähigkeit haben, sich an legitimierten internationalen Militäreinsätzen im Rahmen der Vereinten Nationen zu beteiligen. Ich halte es dabei für sinnvoll, deutsche und europäische technologische Fähigkeiten im Rüstungssektor zu erhalten und zu nutzen.“

Arabischer Frühling in Gefahr

Die einzelnen Geschäfte dürften dabei aber nicht gegen die Exportrichtlinien demokratischer Staaten verstoßen, der Schutz der Menschenrechte müsse oberste Priorität haben, sagt Braunbehrens. Damit versucht er, einen moralischen Konflikt einzudämmen, der sich freilich niemals vollständig auflösen lässt. Entgegen den möglicherweise guten Absichten des Verkäufers können Waffen immer für schwerste Verstöße gegen Menschenrechte benutzt werden.

Gegen das aktuelle Geschäft argumentiert der KMW-Miteigentümer nun: Die Bundesregierung verstoße mit der möglichen Exportgenehmigung gegen den Geist ihrer bisherigen Politik. Im Falle Saudi-Arabiens sei der Schutz der Menschenrechte nicht gewährleistet. Es bestehe die Gefahr, dass die deutschen Panzer dem saudischen Militär dazu dienen könnten, gegen die demokratischen Bewegungen des „arabischen Frühlings“ in den Nachbarländern vorzugehen. Angesichts dieser latenten Bedrohung dürfe es auch keine Rolle spielen, dass Israel im Gegensatz zu früher jetzt offenbar nicht mehr gegen die Lieferung interveniere, sagt Braunbehrens.

Der KMW-Aktionär wählt nun den Weg über die Öffentlichkeit, weil er sich mit seiner Haltung intern offenbar nicht gegen die Mehrheit der anderen Gesellschafter durchsetzen kann. Seinen Posten in einem Aufsichtsgremium der Firma hat er bereits verloren. Wenn es überhaupt eine Chance gebe, das Panzergeschäft zu verhindern, sagt Braunbehrens, liege sie in einer öffentlichen Auseinandersetzung.

Hannes Koch ist Journalist und Autor. Er schreibt vor allem über Wirtschafts- und Umweltthemen

Kommentare (13)

M.O.I. 02.07.2012 | 16:03

Ist der Mann mit unserm Kriegsminister a.d. Joschka Fischer verwand oder bekannt, die beiden könnten bestimmt bestens miteinander :D

Aber diese "linken fortschrittlichen Denker" findet man ja bei aSozialdemokraten und Grünen fast nur noch an. Zum Glück hat er ja im Autor jemand der ihn in den Arm nimmt, übers Haar streichelt und Trost spendet in diesen schweren Zeiten :D

schizophrene Grüße

PACEFUZY 02.07.2012 | 18:17

Die "linken fortschrittlichen Denker" wie Braunbehrens sind noch immer linksliberal bis rechts- konservative Vermitler eines höchst aggressiven Erwirtschaften. Ihr auf Eigennutz orientierter Lebensentwurf macht sie zu Kriegsgewinnler. Sie sind keine fortschrittlichen Denker, sondern Gewalt- und Angriffkriegsvorbereiter. Nicht nur Soldaten sind Mörder, vor allem sind es die an der Rüstung profitierenden.

Harzer 02.07.2012 | 21:01

Noch dazu, wo der betreffende Leopard 2 A7 +, gerade der, den die Saudis kaufen wollen, für den Kampf in "urbanem Gelände" optimiert ist. Er hat ein verkürztes Kanonenrohr (besser schwenkbar in schmalen Straßen), einen Räumschild und einen verstärkten Schutz gegen Minen, Sprengsätze, Panzerfäuste und Brandsätze. Er eignet sich also besonders zur Bekämpfung von Aufständischen, Freiheitskämpfern und (Originalton Werbevideo) "besonders agressiven Demonstranten" . Wofür könne/wollen die Saudis den wohl einsetzen ... ... ???!!

Popkontext 03.07.2012 | 00:44

Offenbar hat der Mann ja keine Kontrolle darüber, was die Firma macht, sonste würde es jetzt nicht das Geschäft mit Saudi-Arabien geben. Also fällt doch seine eigene Rechtfertigung zu "guten" Waffenlieferungen wie ein Kartenhaus in sich zusammen, denn es wurden dann ganz sicher auch schon zuvor zumeist unmoralische Geschäfte getätigt, aus denen er profitiert hat. Waffenhandel ist zu 90% zumindest ein unmoralisches Geschäft, von dem nicht nur wirkliche "fortschrittliche Linke", sondern auch ehrliche Konservative Abstand nehmen würden.

mikerol 03.07.2012 | 01:13

So weit ich mich erinnere, auch Horkheimer Adorno' http://www.ifs.uni-frankfurt.de/

wurde 1923 als Stiftung in Frankfurt am Main gegründet. Der Stifter Felix Weil fühlte sich politisch und intellektuell der sozialistischen Bewegung verbunden.

In diesem Zusammenhang koennte auch folgendes von Interesse sein

Weapons Builders Bank on Proliferation of Drones

Lobbyists for military contractors complain about export restrictions on surveillance and drone technology

http://www.commondreams.org/headline/2012/07/02

Aryana 03.07.2012 | 09:08

mir kommen die Tränen!

So ein Guter, Edler...

Dann soll er seine Millionen mal nehmen,aussteigen, und Projekte für diejenigen aufziehen, die seien waffen nur verletzt abe rnicht getötet haben - dieser Gutmensch.

Stattdessen mimt er den innerlich Zerrissenen.. und lacht sich schlapp über diejenigen, die drauf reinfallen!

Dieser Beitrag ist dermassen widerlich, dass ich kotzen müsste, würde ich heute nicht fasten.

Aryana 03.07.2012 | 09:12

Nachtrag: ich hab grad noch mal die Tag gelesen - INTERESSANT - da steht doch tatsächlich: "Arabischer Frühling"

ja, liebe Freitagler, seid ihr besoffen, stoned, oder nur dummdreist?

Die Panzer dieses Mannes haben im vergangenen Jahr auf friedlich demonstrierende Zivilisten in Bahrain geschossen!

Es ist nachgerade unanständig (also typisch für Euch), dass Ihr solche Menschen verbindet mit denen, die Opfer seiner Kunden waren und sind.

Ihr seid entweder nur dumm oder nur pervers - sucht's Euch aus.

rioges 03.07.2012 | 10:44

Es gab und gibt schon immer im sog. linksradikalen Teil der Linken Menschen, die mir immer sehr akademisch, sehr Marxengelsleninkenntnishaft die Welt erklärten und mich weit links zu überholen schienen. Den wenigsten habe ich je so richtig geglaubt, sind doch auch die meisten inzwischen längst ausgeschieden. Einige kommen mir aber immer mal wieder, oft eher rechts entgegen. Dieser Braunbehrends auch.

Ich habe sie so leid, diese Besserwisser oder Altersweisen oder sonst wie. Menschen die aufrecht mit weniger intellekt aber gradlinig ihre Ziele verfolgten sind mir da sehr viel lieber. Leider werden die nur selten belohnt und kommen in linken Diskursen nur selten vor.

Die superlinken Maulhelden aber haben sich oftmals bequem eingerichtet. Gerade das grüne Milieu beherbergt diese Leute ganz gut und verleiht ihm scheinbar eine Legitimation. Wie verlogen und/oder schizophren ist das doch alles!

schiel.ender 03.07.2012 | 11:16

Das ist schon ein Novum, von Unstimmigkeiten in einem Aufsichtsgremium in einem Haus oben beschriebenen Zuschnitts überhaupt zu lesen.

Man macht sich natürlich seine Gedanken, ob ein oder mehrere Panzer überhaupt etwas mit Menschenrechen zu tun haben können.

Andererseits wird so ein Panzer ja ausschließlich von Menschen benutzt und die Wirkungen die man sich von seinem Gebrauch verspricht laufen stets auf Zerstörung und/oder Tötung hinaus. Da ist und bleibt ein Panzer selbst insgesamt doch ziemlich ideologieneutral.

Ebenso verhält es sich ja mit anderen Exportschlagern aus deutschen Waffenproduktionen in alle Welt. Geschäftsgrundlage bleibt dabei nichtzuletzt, dass generell nicht in Krisengebiete geliefert werden darf. Wie die trotz alledem dahin gelangen können, das kann nur der Zwischenhandel wissen, der zumindest Bescheid wissen sollte, wie die jeweiligen Im- und Exportkonditionen aussehen. Dass der Zwischenhandel da recht genau Bescheid zu wissen scheint kann man immer wieder in den Nachrichtensendungen auf aller Welt, mitunter mehr mitunter weniger erstaunt, zur Kenntnis nehmen.

Und, was man auch nicht vergessen darf, das Rüstungsbusiness ist ein Konkurrenzgeschäft, verkaufen die Deutschen nicht, tuns vielleicht die Amerikaner, die Russen oder die Chinesen, die Franzosen oder die Italiener alles eine Frage des Preises und der Konditionen. Wobei: so rein als Mensch ist es mir offengestanden ziemlich egal von welchem Produkt welcher Provenienz ich gemeuchelt werden sollte, sollte es darauf ankommen. Da würde ich vermutlich anderes zu bedenken haben als: ah, sieh an, ein Hochleistungsgewehr soundso Baujahr soundso aus da und da.

Denn: Menschen benutzen die Waffen, wobei es natürlich für einen Deutschen nicht einer gewissen Ironie entbehrte, würde er bei seinem Jahresurlaub, sagen wir mal in Somalia, immer schon ein Urlaubsparadies, ausgerechnet mit einem HKG4 aus Deutschland hingestreckt. Tröstlich dabei wenigstens, dass es die Heimat mit einem letzten Gruß bewenden läßt.

Aber 800 Panzer an die Saudis: das sind deutsche Arbeitsplätze mit deutschen Betriebsräten und deutschen Rentenansprüchen und, ginge dieser Deal an eine US-Firma, ggf. vielleicht auch deutschen Hartz IV Ansprüchen.

Alles Dinge die man sich so überlegen muß, bevor man selbstgerecht die Welt beschimpft. Und Dinge, die selbst einen geschassten Mitinhaber eines zu Teilen noch eignermitbeaufsichtigten Betriebes, der nicht so will wie die anderen, irgendwie marginalisieren.

Man mag als Feige und verantwortungslos hingestellt werden: eines wird kein Mensch schaffen: die eigenen Hände frei von Blut zu halten, gleich ob er es weiß an der Zapfsäule oder in der winterwarmen Wohnung oder nicht.

Stanislaw Lem wußte über Gott jedenfalls soviel, dass Gott auch über ironische Seiten verfügt als er von betenden Außerirdischen in einer fernen intergalaktischen Zivilisation schrieb, die tränenüberströmt kurz darauf ihresgleichen vernichtete.