Ein Mensch fehlte

Warten Ursula Krechels anrührender Roman "Shanghai fern von wo" erzählt vom deutschen Exil

Nirgendwo zu sein, das war die Parole“ für Juden seit Ende der dreißiger Jahre in Berlin, in Wien und bald fast überall in Europa. Das letzte Schlupfloch der Fliehenden: Shanghai, eine chinesische Millionenstadt unter japanischer Besatzung, eine Hafenstadt mit kolonialer Vergangenheit und ein Objekt westeuropäischer Interessen, ein Moloch voller Gewalt und schmutziger Geschäfte.

Im Sommer, so porträtiert es Ursula Krechel in ihrem Roman Shanghai fern von wo eindrucksvoll, ist die südchinesische Metropole in den Weltkriegsjahren ein Glutofen, unter dessen Dunstglocke die Reichen in ihren klimatisierten Räumen die Weichen für die Geldvermehrung stellten, während die Mehrheit im Elend versank.

Ein brodelnder Kessel, von dem der britische Schriftsteller Aldous Huxley 1926 sagte, keine Stadt gleiche diesem dichten Morast üppig verflochtenen Lebens wie Shanghai. In diesem Morast nicht unterzugehen, darum kämpften in den Jahren zwischen 1938 und 1945 rund 18.000 aus Deutschland und Mitteleuropa geflohene Juden. Kein Visum wurde hier verlangt, aber auch kein Überleben garantiert.

Shanghai – ein vergessener Ort deutscher und österreichischer Geschichte. Die 1947 geborene Berliner Autorin, die sich vor allen Dingen als Lyrikerin einen Namen gemacht hat, erzählt von dieser Geschichte, indem sie das Schicksal von ein paar Menschen herauslöst.

Verlorener Glaube

Da ist der Kunsthistoriker Lothar Brieger aus Berlin, dessen Ehefrau sich auf ihren arischen Stammbaum besann und die Reise ins ungewisse Exil verweigerte. Mit Kunstpostkarten versucht der immerhin schon 60-jährige sein Dasein zu fristen.

Und da ist der österreichische Rechtsanwalt Taussig, der in seiner feucht-dumpfen Unterkunft jeglichen Glauben an das Recht verliert, während seine Frau Franziska mit dem Backen von Wiener Apfelstrudel ums Überleben kämpft.

Die Rede ist auch von Max und Amy Rosenbaum, die sich mit einer Nähstube für Lederhandschuhe über Wasser halten, ihren im Exil geborenen Sohn Peter aber schließlich als Waisen zurücklassen. Der Berliner Heinz Kronheim versucht seine Familie mit Uhren-Reparaturen durchzubringen. Und mit dem Ehepaar Genia und Günter Nobel – Genia Nobel arbeitet in Shanghai für die russische Nachrichtenagentur TASS – flicht Krechel auch noch das kommunistische Exil-Dasein ein. Eine Existenz, die sie hier kritisch als ein heikles Manövrieren zwischen ideologischem Zweifel, Wagemut und Selbstverleugnung charakterisiert.

Im Mittelpunkt steht Ludwig Lazarus, ein Buchhändler. In Berlin gehörte er zum Widerstandsnetz „Neu Beginnen“, einer marxistischen Organisation, der auch Fritz Erler und Leo Löwenthal angehörten. Von den Nazis nach Dachau und Buchenwald verschleppt, wurde Lazarus, so die nationalsozialistische Beamtensprache, „zwecks Auswanderung aus dem KZ beurlaubt“. So kam er nach Shanghai.

„Nobel und Lazarus“, heißt es an einer Stelle, „Namen wie große Marionetten“, die eine umheimliche Macht herumreißt: der eine steht von den Toten auf, ein Ruf ertönt: ‚Lazarus, steht auf!, es ist der Ruf einer anderen Religion ... Der andere schlägt sich tapfer (nobel?)“. Und Lazarus steht immer wieder auf und – erzählt.

Dieser Lazarus ist Krechels Chronist. Bei ihm laufen alle Fäden zusammen. Er ist das Bindeglied zwischen Menschen, die tatsächlich existiert haben. In ihrem Buch hat Krechel sie jedoch in literarische Figuren verwandelt, um sie dem historischen Gedächtnis umso deutlicher einzuschreiben.

Was mit den Leidensgenossen geschah, hat Lazarus einem Tonband anvertraut: „Er erzählte, was an den Rändern war, und die Ränder uferten aus“. Die Tonbandstimme aber weiß nicht alles und so greift im geschickten, weil nahezu unauffälligem Wechsel immer wieder eine Art dokumentarischer Erzähler ein, der über Lazarus hinausschaut und die Dinge historisch einordnet.

Lazarus’ Erzählstimme aber ist das Herzstück dieser literarischen Konstruktion, einer Darstellungsform zwischen der Dokumentation historischer Fakten und der Fiktion, also dem freien Erzählen, das das Gewesene als eine „reale“ Möglichkeit imaginiert, erweitert, vertieft.

Fast alle Figuren gehen – wie ihre authentischen Vorbilder – im Exil oder an den Folgen des Exils zugrunde. Es ist die große Leistung von Krechels 500-seitigem Prosawerk, diesem Drama ohne Sentimentalitäten, eher in einem nüchternen Erzählduktus, Gestalt verliehen zu haben. Gerade ihr zurückgenommener Gestus lässt manche anrührende Szene umso deutlicher hervortreten.Der Kunsthistoriker Brieger zeigt Lazarus in ihrer gemeinsamen Baracken-Unterkunft ein Foto von einem Mädchengesicht aus seinem einst in Deutschland erschienenen Band Frauengesichter der Gegenwart. Er lässt ihn bei geschlossen Augen mit dem Finger über die Stelle streichen, wo die Augenbraue ist.

Auf einmal hat Lazarus das Gefühl, dass die Fingerkuppe ein warmes Mädchengesicht berührt. Das Gefühl des Verlusts ist dann umso schmerzlicher: „Etwas fehlte, nicht nur der Fingerspitze, sondern dem ganzen Menschen, es fehlte Nähe, Freude, Vergnügen, es fehlte ein Mensch, um den sich ein Leben hätte gruppieren können.“

Mit wenigen Strichen werden hier literarische Bilder entworfen: Von der Einsamkeit, der Auflösung des Individuums, vom Brachliegen aller erworbenen Fähigkeiten, von der Sehnsucht nach dem einstigen Zuhause, vom vergeblichen Warten auf Lebenszeichen verlorener Menschen, vom Zugrundegehen, aber auch vom Lebenswillen und von der Stärke der Frauen im Exil.

Zerbrochene Existenzen

Dies macht die Größe des Buches aus. Und es ist deshalb zu verschmerzen, wenn immer mal wieder historische Einschübe viel zu langatmig und in ihrer manchmal geradezu didaktischen Beflissenheit eher sperrig und störend wirken.

Bleibt die Frage: Warum hat sich Krechel eigentlich ausgerechnet das Thema Exil als Romanstoff gewählt? Zwar hat sich vor zwei Jahren der Berliner Autor Michael Lenz mit seinem Roman Pazifik Exil diesem Thema gewidmet. Ansonsten ist es seit den achtziger Jahren mehr oder weniger von der literarischen Agenda verschwunden.

Krechels Anliegen tritt in ihrem dokumentarischen Roman gegen Ende deutlich hervor. Der Kunsthistoriker Lothar Brieger stirbt an den Schikanen und Demütigungen, die ihn auf dem Wege zurück nach Deutschland und in Deutschland selbst zugrunde richten.

Und Ludwig Lazarus, der in der Bundesrepublik jahrelang bis zur völligen Erschöpfung um sein Recht und seine Anerkennung als NS-Verfolgter streitet, wird schließlich mit ein wenig Geld abgespeist.

Die viel gelobte „Aufarbeitung“ der NS-Vergangenheit in der Bundesrepublik hat einen hässlichen Schönheitsfehler: Sie hat den Opfern, die mit knapper Not überlebten, nichts genutzt. Im Gegenteil. Sie wurden ein zweites Mal gedemütigt. Der rasch wieder erblühte Wohlstand hat die zerbrochenen Existenzen der einst Verjagten einfach beiseite geräumt. Das ist nicht wiedergutzumachen.

Aber davon muss eben erzählt werden. Ursula Krechel hat das in Shanghai fern von wo in anrührender Weise getan.

Shanghai fern von wo. Ursula Krechel. Roman. Jung und Jung, Salzburg 2008, 503 S., 29,90

01:00 19.02.2009

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