„Ein mittelmäßiger Mann reicht völlig aus!“

Chinesische Zeiten Finn Mayer-Kuckuk über Staatsinterventionismus auf dem Heiratsmarkt
„Ein mittelmäßiger Mann reicht völlig aus!“
Wenngleich der Heiratsmarkt besondere Konflikte hegt: Hochzeitsfotos machen die Chinesen ähnlich verrückt wie überall sonst auf der Welt

Foto: Johannes Eisele/AFP/Getty Images

Die Herren von der Propagandaabteilung haben auch in Bezug auf die Partnerwahl einiges zu sagen. „Ein Ehemann, der einigermaßen akzeptabel ist, reicht völlig aus“, schreibt die Volkszeitung in einer Ratgeberkolumne. Frauen seien selbst schuld, wenn sie „übrig bleiben“, das heißt: bis Mitte 20 noch unverheiratet sind. „Die Erwartungen sind heute einfach viel zu hoch!“ Der Rat des Zeitungsonkels: „Ändert eure Einstellung, seid realistisch. Kein Mann ist perfekt.“ Romantische Ideale brächten bloß Unglück.

Die chinesische Regierung sorgt sich um den mangelnden Heiratswillen der jungen Leute. Nachdem sie 30 Jahre lang die Geburtenrate mit brutalen Methoden niedrig gehalten hat, fehlen heute plötzlich die Kinder. Damit droht eine Lücke in der Rentenkasse, wie das auch in anderen Wohlstandsgesellschaften der Fall ist: Die Leute heiraten später und wollen zum Teil gar keine Kinder mehr – oder höchstens eines. Jetzt plant die Regierung dem Vernehmen nach sogar eine verpflichtende Zwei-Kind-Politik.

Die Schuld an der Misere sieht die Regierung vor allem bei Single-Frauen Ende 20, die als „übrig gebliebene Frauen“ stigmatisiert werden. Tatsächlich haben Frauen in China die Wahl: Wegen gezielter Abtreibung weiblicher Föten in den vergangenen Jahrzehnten gibt es derzeit 30 Millionen mehr Männer als Frauen. Letztere haben also völlig recht damit, wählerisch zu sein. Dass sie nicht heiraten, liegt oft daran, dass sie gar kein Interesse am Eheleben haben.

Zum Beispiel Zhou Yun: Sie ist 35 und denkt gar nicht ans Heiraten. Yun ist Polizistin. Sie trifft sich ab und zu auf Dates mit Männern, will aber nicht auf Teufel komm raus ihre Freiheit aufgeben. „Ein Mann muss mich schon wirklich überzeugen, damit ich eine Hochzeit in Erwägung ziehe“, sagt sie.

Damit fällt Yun genau in jene Gruppe von angeblich mäkeligen Frauen, die der Kolumnist der Volkszeitung als Problem identifiziert hat. Nur: Zhou Yun fühlt sich nicht angesprochen: „Es ist doch mein Recht, das Beste aus meinem Leben zu machen.“ Sie will sich vom Staat nicht in die Partnerwahl pfuschen lassen. Das Gerede von „übrig gebliebener“ oder „abgelaufener Ware“ hält sie für hochgradig diskriminierend und verletzend.

Das wahre Problem sind denn auch gar nicht die unverheirateten Frauen. Sondern die vielen unverheirateten Männer, die verzweifelt eine Partnerin suchen. Eigentlich handelt der Text in der Volkszeitung nämlich von ihnen. Denn chinesische Soziologen befürchten, dass eine Gesellschaft mit vielen unfreiwilligen Junggesellen anfälliger sei für Unruhe und Aufstände. Das will die Kommunistische Partei um jeden Preis vermeiden. Daher der dringende Appell an die Frauen, doch bitte „kompromissbereit zu sein und Großzügigkeit und Zufriedenheit zu kultivieren“, wie die Volkszeitung es ausdrückt.

Das Fernsehen zieht am gleichen Strang. Beliebte Serien wie das Illustrierte Lehrbuch für die Shanghaier Frau greifen den Druck zur Heirat immer wieder auf. Sie kommen modern daher und stellen die Frauen als selbstbewusst dar – und dennoch definieren sich die Figuren darüber, wie und ob sie sich den passenden Gatten angeln können. Das erwartet die Gesellschaft. Die Wirklichkeit aber enteilt.

Info

Finn Mayer-Kuckuk berichtet seit 2010 als Korrespondent aus China

06:00 16.01.2019

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