Ein Mosaik zärtlicher Erinnerungen an einen verhungerten Terroristen

DER MORALISCHE RIGORISMUS Holger Meins - eine deutsche Biografie

"Allen sog. Gewohnheiten, gedankenlosen Selbstverständlichkeiten, einfachen Regeln und Wahrheiten, aller äußeren Ordnung, aller Selbstzufriedenheit und der gesamten Überlieferung stehe ich skeptisch gegenüber."

(Holger Meins 1961, "Bildungsbericht" vor dem Abitur)

Er war als Schüler ein begeisterter christlicher Pfadfinder. Mit zwanzig wuchsen die Zweifel. Er formuliert sie in dem Bildungsbericht mit erstaunlicher Offenheit: "Es gibt für mich - jedenfalls im Augenblick - kein größeres Problem und keine größere Qual als Gott; denn ich weiß nicht, ob Gott ist..." Doch man müsse "weiter fragen, bis zur letzten Frage, bis in den Bereich, in dem es um Sein oder Nicht-Sein geht, auch auf die Gefahr hin, dass man daran zerbricht. Ich glaube, dass ich mich im Augenblick in einer solchen Situation befinde."

Wie ist Holger Meins zehn Jahre später zum Terrorismus gekommen?

In diesem Buch stellen sich rund 30 Leute diese Frage. Der Filmemacher Gerd Conradt, Autor des Buchs, fand seine Gesprächspartner auf Fotos von Holger Meins oder in anderen Dokumente, die mit ihm zu tun hatten. Davon ging er jeweils aus, die Bilder waren der Gesprächsbeginn: Erinnerst du dich an die Situation? Conradt begann beim Vater, der in allen schwierigen Situationen zu seinem Sohn hielt, fragte Freundinnen, Filmstudenten, politische Aktivisten aus verschiedenen Phasen und Szenen, Regisseure wie Wim Wenders und das Paar Danièle Huillet und Jean-Marie Straub, deren Film "Moses und Aron" 1974 nicht gesendet wurde, weil sie ihm eine Widmung für Holger Meins vorangestellt hatten.

Niemand in diesem Buch ist in Versuchung, sich von der RAF mit der heute erwarteten moralischen Empörung oder Verachtung abzugrenzen, obwohl die Blicke von fast allen Erzählerinnen und Erzählern kritisch sind, damals schon kritisch waren. Niemand will sich nachträglich reinwaschen, sich eine Legitimation für seine Nähe zum militanten Widerstand verschaffen oder sich entschuldigen für die Freundschaft mit einem Terroristen. Auch will niemand Holger Meins verklären oder stilisieren. Es gibt kein Heldenlied. Es gibt ein so gründliches, manchmal trauriges, manchmal freudiges Erinnern und Nachdenken über die Zeit, die Person, über den Tod im Hungerstreik, über sich selbst, wie es heute kaum noch möglich schien.

Gerd Conradts Fragen kommen aus einem beträchtlichen Grundwissen über Holger Meins, den er am ersten Studientag in Berlin kennen lernte, mit dem er sich befreundete, den er aber aus den Augen verlor, als er sich in den Untergrund begab. Die Lücken seines Wissens will er schließen. Gab es ein Verhängnis? War der Weg zur RAF und auch der Weg in den Tod bewusst gewählt, war es ganz und gar seiner, als Antwort auf die Verbrechen der Gesellschaft, die sich vor allem im Vietnamkrieg kristallisierten? Conradt kennt auch die meisten Leute, die er befragt. Er stellt keine Suggestivfragen, um sich etwas beweisen zu lassen, was er schon denkt. Er nähert sich dieser Biografie, indem er das Beziehungsgeflecht der Menschen um Holger Meins ergründet.

Peter Lilienthal war an der Filmakademie ein Jahr lang Lehrer von Holger Meins, auch von Gerd Conradts, Harun Farocki und anderen, die im Buch auftauchen. Dieses Jahr mit ihm erelebten alle intensiv. An Holger Meins erinnert er sich gut: "Er hat genau beobachtet und seine Arbeit mit Leidenschaft gemacht - aber auch verwirrt. Ich hatte das Gefühl, er müsse sich immer behaupten ... Seine eigenwillige Art, sich Dingen zu nähern, hat mein Interesse für ihn geweckt."

Lilienthal verließ die Hochschule bald wieder, ihn befriedigte das Lehren nicht. Gerade waren Konflikte zwischen Direktion und Studenten wegen Prüfungsfragen aufgekommen. 18 Studenten, unter ihnen Holger Meins, wurden relegiert. Per Gericht wurde später das Recht auf eine Abschlussarbeit an der Filmhochschule für sie erstritten. Lilienthal fragt sich nachträglich: "Wie sehr hat mein Verhalten Holger verletzt und beeinflusst?"

Hinter der Kamera, als Tonmann, auch als Beleuchter, so mit Wim Wenders bei der Arbeit am Film Summer in the City erlebten ihn alle als einen präzisen, verlässlichen Mitarbeiter. Jean-Marie Straub und Danièle Huillet sagen: "Er hätte eine große Karriere vor sich gehabt, weil er zu den besten jungen Kameraleuten der Bundesrepublik gehörte." Immer wieder wird er als guter Beobachter beschrieben, als empfindsam, scheu sogar, als jemand, der sich in der Gruppe zurücknehmen konnte, aber für sie da war. Claudia von Alemann hat Holger als Tonmann kennen gelernt. "Er war ein zarter Mensch, der genau beobachtete und wenig redete ... Wie nicht von dieser Welt, ein bisschen ungelenk - mit skurrilem Humor, wenn er lachte oder was erzählte ... Ich sehe noch die schlenkernden Bewegungen, wenn Holger mit seinem dünnen Körper durch die Gegend lief ... Er schaute die Menschen liebevoll an, ging nicht zynisch mit ihnen um - wie viele andere Filmstudenten."

Und dann entstand ein Film, der zu einem Wendepunkt für Holger Meins wurde, zumindest in der Außenwahrnehmung: Herstellung eines Molotow-Cocktails. Er dauerte nur drei Minuten und lief ohne Ankündigung beim berühmten Springer-Tribunal an der TU nennen, zu dem am 1.Februar 1968 einige Tausend Teilnehmer angereist waren. Der Schriftsteller Peter Schneider, einer der Organisatoren oder "Rädelsführer", wie die Presse ihn sah, erzählt: Gerade als er seine Rede beendet hatte, schien plötzlich hinter ihm der Film auf einer Leinwand an. Das war nicht verabredet. Es wurde im Film sachlich eine technischen Anleitung geboten, wie und womit eine Flasche zu füllen und zu verschließen sei. Zum Schluss wird die Flasche auf ein Autowrack geworfen, im Hintergrund liegt wie zufällig das Springerhochhaus im Bild. "Diese Vorführung hat meine Arbeit ruiniert. Ich fühlte mich betrogen", erinnert sich Peter Schneider. Denn die Prominenten, die er mit großem Energieaufwand dafür gewonnen hatte, die Aufklärung gegen Springer mit Namen und Geld zu unterstützten, sprangen daraufhin ab.

Doch sogar er, der sich direkt beschädigt sah, kann hier ohne Verdammungsurteil darüber reden: "Die Idee von der Stadtguerilla und vom bewaffneten Kampf in den Metropolen ist keineswegs in den Hirnen von ein paar isolierten Einzelkämpfern entstanden. Sie schwamm von Anfang an mit im Gedanken- und Gefühlsstrom der 68er Generation und wurde mit einer heute unvorstellbaren Offenheit auf Teach-ins diskutiert, an denen Tausende teilnahmen."

Der Film Herstellung eines Molotow-Cocktails ist nicht mehr auffindbar. Das gehört zu den Rätseln, die aus jener Zeit geblieben sind. Er ist zu einem Mythos geworden und ist nur noch rekonstruierbar aus den Erinnerungen: Es waren Nahaufnahmen der Hände und dramatische Lichteffekte. Der Film war eine symbolische Drohung, eine Herausforderung. Niemand hat wohl nach diesem Muster Molotow-Cocktails gebaut. "Doch kurze Zeit später - nach dem Attentat auf Rudi - haben tatsächlich die Autos vor dem Springerhaus gebrannt", überlegt der Filmemacher Thomas Giefer. Für ihn hatte der Film etwas von "einem Satz, den man hinwirft und der Wirklichkeit wird."

Auch die Kommune1 gehört in dieses Buch. Holger lebte 1969 eine Zeitlang in ihr. Auf einem bekannten Stern-Foto ist auch er zu sehen, lachend, in einer dunklen Jacke zwischen den Halbnackten. Rainer Langhans interpretiert auf seine heutige esoterische Weise Holgers Lebensweg. Eine Facette der politischen Kultur in Westberlin war auch die Wochenzeitung "883", die vor allem Peter Paul Zahl herausbrachte, in basisdemokratischem Stil mit öffentlichen Redaktionssitzungen. Holger Meins engagierte sich hier. Ein, zwei Jahre lang wurde die Zeitung den Verkäufern, die nachts mit der neuen Nummer ausschwärmten, aus den Händen gerissen. Es war eine Zeit vieler Verabredungen mit Freunden, Treffen der Kommunen, der politischen Camps in der ganzen Bundesrepublik. Begehrte Rock-Konzerte gab es, Drogenerfahrungen wurden gemacht, Holger Meins kiffte gern. Er filmte mit einer Super-8-Kamera.

Der Drehbuchautor Matthias Weiss traf Holger Meins zum letzten Mal 1970 bei den Kurzfilmtagen in Oberhausen. Weiss zeigte seinen Film "Blue Velvet". Sie diskutierten lange darüber, aber Holger schien sich vom Film verabschiedet zu haben. Von Weiss wollte er im Grunde nur die Zustimmung zu seiner Auffassung hören, dass "was anderes wichtiger wäre".

Am 10. Mai 1970 fand die Befreiung von Andreas Baader statt. Holger Meins setzte durch, dass der Gründungsaufruf der RAF in der "883" abgedruckt wurde: "Um die Konflikte auf die Spitze treiben zu können, bauen wir die Rote Armee auf. Ohne gleichzeitig die Rote Armee aufzubauen, verkommt jeder Konflikt, jede politische Arbeit zum Reformismus." Thomas Giefer erinnert sich: "Es wurde nicht die Frage gestellt, hat militärischer Kampf in diesem Land überhaupt Sinn? Es ging nur darum: Bist du konsequent, bist du radikal oder findest du dich damit ab, dass die Welt ist wie sie ist ..."

Die RAF-Gründer fahren zur militärischen Ausbildung zur El-Fatah. Holger lebt noch zivil in Berlin. Plötzlich taucht sein Fahndungsfoto auf dem Bildschirm auf: aus seinem Auto war ein Molotowcocktail geworfen worden. Ralf Reinders von der Bewegung 2. Juni hatte es ausgeliehen, ohne Informationen. Holger stellt sich mit seinem Anwalt Schily der Polizei. Ein Monat U-Haft. Gerade die Haft schockiert und beeindruckt ihn, so erinnert sich Anwalt Ströbele. Haft erlebt er als unakzeptable staatliche Gewalt. Zu seiner damaligen Freundin Susanne Beyeler, die sehr anrührend von ihm erzählt, sagte er, er habe "am meisten Angst vor Knast und vor dem Tod". Vielleicht, so meint sie heute, habe er gerade deshalb diese Erfahrung gesucht.

Ab Frühjahr 1971 steht er auf den Fahndungsplakaten ("Anarchistische Gewalttäter"), die die Westdeutschen nun über Jahre auf Bahnhöfen und in öffentlichen Gebäuden begleiten. Die ersten Schüsse fallen bei Polizeikontrollen. Immer wird Holger Meins verdächtigt, sogar angeblich erkannt, was sich stets als falsch erweist. Er wird als Killertyp dargestellt. Ob er je in Schießereien verwickelt war, ist nie nachgewiesen worden. Aber er war Beschaffer von Bomben und Sprengstoff.

Als im Mai 1972, schon während der Friedensverhandlungen, die USA eine Seeblockade gegen Nordvietnam verhängen, reagiert die RAF mit einer Serie von Anschlägen, so auf das US-Hauptquartier in Frankfurt, dann Heidelberg. Westdeutschland soll "kein sicheres Hinterland mehr sein". Damit lösen sie eine zentralgesteuerte Jagd aus. Mehr als 130.000 Beamte, unterstützt von deutschem und amerikanischem Militär, ist beteiligt. Am 1. Juni 1972 werden Holger Meins, Andreas Baader und Jan-Carl Raspe an ihrem Waffendepot festgenommen.

Die JVA Wittlich in Rheinland Pfalz. Keine anderen Gefangenen in Nachbarzellen. Holger Meins weigert sich, mit Handschellen den Hofgang zu absolvieren, verzichtet lieber, monatelang. Im Mai 1973 treten vierzig Gefangene zum ersten Mal in den Hungerstreik. Ohne Ergebnis. Mit achtzig Gefangenen wird der zweite Hungerstreik begonnen, der sieben Wochen dauert. Die unmenschlichen Haftbedingungen für die RAF-Gefangenen werden allmählich zu einem öffentlichen Thema. Doch die Bundesanwaltschaft verschärft die Isolation, entzieht den Hungernden das Trinkwasser und zwingt sie so zum Abbruch des Streiks. Beim dritten Hungerstreik ab September 1974 sprechen sie es aus, dass es mit dem Tod enden kann.

Holger Meins muss als erster künstlich ernährt werden. Erst durch Strafanzeige gegen den Gefängnisarzt wird eine dünnere Sonde durchgesetzt. Der Arzt ist zu nachlässig, um die richtige Kalorienmenge auszurechnen. Holger bemerkt es, schreibt es im Kassiber mit Genugtuung auf. Über das sogenannte INFO halten die Gefangenen mit Hilfe der Verteidiger Briefkontakt. Holger Meins schreibt viele Briefe, aufmunternde an Mitgefangene, die ins Schweigen verfallen sind, auch rigorose Ermahnungen: "kein Wort zu den pigs, in welcher verkleidung sie auch immer ankommen, vor allem: ärzte. kein einzel-hof, einzel-bad, kein besuch unter bullenbewachung ..., natürlich auch keine einzige handreichung, nichts, nur feindschaft und verachtung. keine provokationen, ... cool gelassen heiter, aber sich unversöhnlich unerbittlich BIS ZUM ÄUSSERSTEN VERTEIDIGEN mit der methode MENSCH."

Margrit Schiller, die heute in Kuba lebt und ihren Sohn mit zweitem Namen Holger genannt hat, meint: "So wie ich ihn verstanden habe, so wie ich ihn vorher erlebt habe - er wusste, worauf er sich einlässt und hat das bewusst in Kauf genommen. Nicht dass er sterben wollte, aber das war der Preis, den er zu zahlen bereit war."

Otto Schily schreibt nach dem Tod von Holger Meins im Spiegel: "Wird die soziale Kommunikation in der Haft vollständig unterbunden ..., geht der Gefangene zugrunde, nicht anders, als wenn ihm die Nahrung verweigert wird." Nachdem er die Gesetze aufzählt, gegen die die Isolationshaft verstößt und Beispiele für die Willkürentscheidungen der Haftanstalten, Richter und anonymen Sicherheitsbeauftragten nennt, fragt er: "Sollen die die Oberhand behalten, die in zynischer Weise vom 'süßen Leben hinter Gittern' (Bild-Zeitung) und vom 'Hungern als Hobby' (Berliner Morgenpost) sprechen?" Heute will Otto Schily nicht mehr befragt werden zu Holger Meins.

Der junge Anwalt Siegfried Haag war der letzte Besucher bei Holger Meins, einige Stunden vor seinem Tod. Das Gespräch, das Conradt mit ihm führte, ist ein verzweifelter Text über die damalige Schwierigkeit, die Situation zu erkennen, richtig zu handeln, über Verdrängung, Panik und über schlechtes Gewissen. Vor der Beerdigung wurde der Vater mit Drohungen überhäuft: Wir werden den Toten aus dem Grab holen und am nächsten Baum aufknüpfen. In den redlichen Auskünften, die er nun zusammen mit dem Fotomaterial dem Autor gab, erwähnt er erstmals, dass er insgeheim eine Betonplatte über den Sarg seines Sohnes legen ließ.

Gerd Conradt: Starbuck Holger Meins. Ein Porträt als Zeitbild. Espresso Verlag, Berlin 2001. 192 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 39,90 DM

RAF-Mitglieder, die noch in Haft sind:

Christian Klar seit 18 Jahren in Bruchsal; Brigitte Mohnhaupt seit 18 Jahren in Aichach; Rolf-Clemens Wagner seit 21 Jahren in Schwalmstadt; Rolf Heissler seit 21 Jahren in Frankenthal; Eva Haule seit 14 Jahren in Frankfurt; Birgit Hogefeld seit 7 Jahren in Frankfurt; Andrea Klump steht zur Zeit vor Gericht in Stammheim

00:00 23.03.2001

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