Ein neues Ei

Elektronik Markus Popp tüftelt in seiner Wohnung in Berlin-Wilmersdorf am Sound der Zukunft. Seine Musik vergleicht er gern mit der Molekularküche
Jürgen Ziemer | Ausgabe 42/2016

Im Pop ist die Zukunft schon aus Prinzip ein Thema. Aber wenn sie tatsächlich mal um die Ecke lugt, mit ein paar schwer zu kategorisierenden Klängen und Rhythmen, kriegen die Leute sofort einen Schreck. Dann greift man doch lieber zum Altbekannten. Und die vielgepriesene Zukunft verkümmert zu einer weiteren ungenutzten Option.

Markus Popp kann das nicht verstehen. In einer minimalistisch-eleganten Altbauwohnung in Berlin-Wilmersdorf tüftelt der 48-Jährige an einer Musik, die er gern mit der Molekularküche des spanischen Kochs Ferran Adrià vergleicht. Adrià erschafft mit hohem Hightech-Aufwand Gerichte, etwa einen Tomatensalat, der intensiver und besser schmeckt als das im Biogarten geerntete Original. Popp arbeitet am Computer mit virtuellen Instrumenten, die ihre akustischen Vorbilder angeblich ebenfalls in vielen Bereichen überbieten. Technik ist für ihn der Schlüssel zu einer neuen Soundästhetik, die nicht auf bekannten Hörmustern und Bedeutungen aufbaut, sondern weit nach vorn schaut. Sehr emotional geht es dabei nicht zu.

Um neun ins Bett

„Ich habe zu Musik ein eher sachliches Verhältnis“, sagt Markus Popp. „Manchmal komme ich mir vor wie ein Veganer, der in ein Barbecue-Seminar hineinstolpert.“ Im Moment sitzt er an einem langen leeren Esstisch vor einer winzigen Tasse Tee. Man würde ihn ja gern als asketischen Hightech-Mönch beschreiben, weil das so gut zu seiner kristallklar durchdachten Musik passt. Doch Popp, der in einem ländlichen Ort an der Bergstraße aufgewachsen ist, lässt sich nicht so leicht in eine Schublade stecken. Er liebt Fußball, sportliche Kleidung und – Parfüm. Hunderte von Düften hortet er in einem Hängeschrank. Nicht so sehr, um sich damit einzusprühen, sondern eher aus wissenschaftlichem Interesse. „Parfüm ist eine alte Leidenschaft, die ich sehr intensiv betreibe. Ich stelle Beobachtungen an, wie ich das auch im Musikbereich tue.“

Die Alben, die Popp unter dem Namen Oval veröffentlicht, haben meist ein Thema oder einen Schwerpunkt. Das 1995 erschienene Album 94diskont erschuf aus den Rutsch- und Ruckelgeräuschen hängender CDs eine meditative Poesie des bewussten Fehlers. Das US-amerikanische Online-Musikmagazin pitchfork.com setzte den Oval-Klassiker deshalb kürzlich auf Platz sieben der besten Ambient-Alben aller Zeiten. Das britische Magazin The Wire nahm ihn in die Top „100 Records That Set The World On Fire (While No One Was Listening)“ auf. Calidostópia! war 2013 das Ergebnis einer Zusammenarbeit mit verschiedenen südamerikanischen Vokalisten. „Die sangen über diese sehr komplexen Strukturen, als wäre das ein Folksong, den sie schon ewig kennen“, sagt Popp, der auch schon mit Björk, Ryuichi Sakamoto und Tortoise gearbeitet hat. Für Tetsuya Mizuguchis Videospiel REZ hat der begeisterte Gamer sogar ein Bonuslevel entwickelt, das die Spielkonsole in eine Oval-Klanginstallation verwandelt.

Nun ist wieder ein neues Album fertig. Popp ist ein spielerischer Versuch, Dance- und Clubmusic auf Oval-Art neu zu erfinden. Also all das Pumpen, Reiben und Klöppeln zwischen House, Electro und David Guetta. Kann das gutgehen? Mit seiner Musik hat Popp zwar auch die feierwütige Techno-Szene beeinflusst, trotzdem kokettiert er bis heute mit dem Image des spröden Partyverweigerers: „Abends um neun ins Bett und morgens um sechs wieder am Computer“, twitterte er vor einiger Zeit – das hat sich nicht geändert.

Markus Popps Interesse gilt nicht dem Balzverhalten paarungswilliger Großstädter, sondern allein dem dazugehörigen Soundtrack: „Die aktuelle Clubmusik ist ein standardisierter, ergonomisch komplett durchdesignter Bereich, der längst nicht mehr hinterfragt wird“, lautet seine Einschätzung. „Diese Musik effektiv zu produzieren, ist nicht viel anders, als einen Witz zu erzählen – es geht um eine auf den Punkt gebrachte Ökonomie der Mittel.“ Das ist sicher richtig, trifft aber eher auf die Chart-Topper unter den Dance-Tracks zu als auf das, woran Künstler wie FKA twigs oder Flying Lotus arbeiten.

Auch die vielen außermusikalischen Aspekte und Einflüsse der Clubmusik interessieren Popp nicht – egal ob es sich um Entfremdung im postfordistischen Detroit handelt, die Entfaltung schwuler Subkulturen in den House-Clubs von New York und Chicago oder die düster grollende Wut in den Vororten Londons, die zu Grime und Dubstep führte.

Die elf Tracks seines Albums Popp – deren Titel alle nur aus zwei Buchstaben bestehen – klingen beim ersten Hören, als würden auf unterschiedlichen Levels mehrere Tracks gleichzeitig ablaufen. Es braucht etwas Zeit, bis sich aus dieser verwirrenden Komplexität erkennbare Muster und Beats herausbilden, die dann aber zunehmend wachsen, funkeln und mitreißen. Es ist ein Gefühl, als säße man in einem Raumschiff und bekäme über Kopfhörer Partytunes aus dem Sonnensystem des Orion vorgespielt. Manchmal muss man allerdings auch an Künstler wie Aphex Twin oder Autechre denken. „Normalerweise wird Dance-Music zweidimensional arrangiert: Aufbau, Kurve, Break, dann der große Push nach vorn – und der ganze Dancefloor geht ab“, sagt Popp. „Ich dagegen habe alle Elemente räumlich angeordnet, in 3-D. Deshalb sind meine Tracks weniger effizient, aber ich wollte eben etwas machen, das es noch nicht gibt.“

Mutig, aber keine guten Voraussetzungen für einen vollen Dancefloor. Werden DJs diese komplizierte 3-D-Musik überhaupt auflegen? „Das steht nicht in meiner Macht, aber ich würde die Stücke von Popp sehr gerne live spielen. Oval war schon immer so ein Ding zwischen Roskilde-Festival und der Geburtstagsfeier eines Freunds, wo man einfach mal seinen Laptop aufbaut und loslegt.“

Einfach mal loslegen und machen. Das klingt fast nach den frühen 90ern. Der britische Autor Hakim Bey erkannte damals in illegalen Techno-Raves „Temporäre Autonome Zonen“, utopische Freiräume, in denen Gesetz und Ordnung vorübergehend außer Kraft gesetzt sind. Heute ist der Graben zwischen radikalem Dance-Underground und der kommerziellen Club- und Partyszene tiefer denn je.

Super-DJs wie David Guetta, Skrillex oder Steve Aoki erschaffen für sechsstellige Gagen perfekt genormte Cluberlebnisse – ob auf Ibiza, in Shanghai oder irgendwo in den Arabischen Emiraten. Statt Plattenspielern laufen Playlists auf Notebooks, während in den VIP-Areas ein Vierertisch mit Getränken nicht unter 4.000 Euro zu haben ist. Noch gibt es die Berghains und Robert Johnsons – doch in der Masse ist der oft mythisch verklärte Club kein musikalisches, sondern ein gastronomisches Konzept. „Musik ist doch da kein Thema mehr“, empört sich Markus Popp. „Die meisten Künstler sind heute deshalb erfolgreich, weil sie auf Instagram eine gute Figur abgeben.“ Vielleicht weil Pop immer schon mehr ist als nur Musik?

Die eigene Firma

Trotzdem hat sich Markus Popp in diesem Sommer dazu entschlossen, das Spiel mitzuspielen und eine eigene Plattenfirma zu gründen. „Uovooo ist ein Pop-Label, das nicht experimentell oder akademisch kompliziert daherkommt“, behauptet er. Echt? Pop und Popp, das scheint auf den ersten Blick nicht so recht zu passen. Doch der frischgebackene Labelchef legt sich ins Zeug: „Auch die Musik von Oval war als Pop gedacht. Es ist nicht mein Problem, wenn der offizielle Pop-Begriff ganz woanders ist. In den frühen Tagen wurde man ja nur ausgelacht: Das ist doch keine Musik! Plattenlabels haben mir Demos wieder zurückgeschickt mit der Begründung, die CD sei kaputt.“

Die erste Veröffentlichung auf Uovooo, Partura von Mei, besaß dann tatsächlich einen elegant raffinierten Pop-Appeal. Die französische Produzentin und Sängerin Caroline Masson, die sich hinter dem japanischen Namen versteckt, klingt ein wenig nach Björk, nur sinnlicher und verspielter.

Es ist erstaunlich, mit welcher Leichtigkeit Markus Popp mit Klängen, Stilen und Begriffen hantiert, bis wieder ein neues Ei aus seinem Computer fällt. Popp ist vielleicht nicht die Neuerfindung der Clubmusik – dazu sind die Stücke zu komplex und zu wenig an den atavistischen Bedürfnissen einer wochenendlichen Party-Crowd interessiert. Eher ist das Album ein psychedelisch pulsierendes Mandala. Ein magisches Schaubild, das irgendwann vielleicht doch noch den Weg in die Clubs der Zukunft zeigt.

Info

Popp Oval (Uovooo/ Indigo)

06:00 02.11.2016

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