Ein olympischer Schock

Hamburg Alle Bemühungen um eine rationale Erklärung der Olympia-Pleite gehen an der Sache vorbei. Vielmehr haben Politik und Medien ein Glaubwürdigkeitsproblem
Ein olympischer Schock
Feuer und Flamme lassen sich nicht so einfach herbeiwerben

Foto: Oliver Hardt/Bongarts/Getty Images

Bei der Volksbefragung in Hamburg über die Bewerbung um die Olympischen Sommerspiele 2024 meldete das ZDF am 29. November um 19 Uhr, es habe einen klaren Sieg der Befürworter gegeben. Grundlage dieser Meldung war eine auf Demoskopie beruhende Prognose. Drei Stunden später war klar, dass die Gegner der Spiele gewonnen hatten, wenn auch knapp. Sofort begann die analytische Aufarbeitung des Geschehenen, allerdings nicht auf dem Feld der Demoskopie, obgleich das dazugehört.

Aber alle Bemühungen um eine rationale Bedeckung der Pleite – Kosten, Sicherheit, Inkompetenz der Exekutive etc. – gehen an der Sache vorbei. Um die in den Blick zu bekommen, muss man beachten, dass dies die dritte Niederlage mächtiger Planer war, die kein Mittel gegen diverse Bürgerinitiativen fanden. Zuerst scheiterte die Bewerbung für die Olympischen Winterspiele in München. Dann scheiterte der Berliner Senat mit einer Bebauung des ehemaligen Tempelhofer Flughafengeländes. Zumal in Berlin und Hamburg erfreuten sich die Offiziellen einer massiven Unterstützung der Presse, des Rundfunks, des Fernsehens. Umso größer war der Schock, als das nicht reichte. Was kann die Erklärung sein?

In der Wahrnehmung eines großen und größer werdenden Teils der Bevölkerung hat sich den Bürgern gegenüber ein parteipolitisch-journalistischer Komplex herausgebildet, dessen Wirken erkennen lässt, dass er die Öffentlichkeit für beliebig manipulierbar hält. Die Politik will die Unterstützung der Presse, die Presse will gutes Einvernehmen mit der Politik. Wenn beide kriegen, was sie wollen, scheint die Welt in Ordnung. In Berlin und jetzt in Hamburg war das eben nicht der Fall.

Man braucht nicht von „Lügenpresse“ zu reden, um zu konstatieren, dass Journalisten in den vergangenen Jahren gewaltig an Glaubwürdigkeit verloren haben. Die meisten von ihnen wissen, was ihre Gesprächspartner in der Politik von ihnen erwarten. Aber sie wissen nicht, was die Leute am Stammtisch in der Kneipe nebenan über sie denken. Und sie wissen nicht, was diese Leute über die Dinge denken, über die sie schreiben oder Filme machen.

In diese Defizitwelt gehört auch die Demoskopie. Umfragen im Rohzustand werden gewertet. Die Einschätzung dazu beruht auf Analysen der Journalisten. Diese wiederum richten ihre Einschätzungen an den Behauptungen der Demoskopen aus. Da werden Gesetzesvorhaben, Maßregeln oder der Verzicht auf solche, da wird die Popularität von Politikern wie aus einer Parallelwelt heraus bewertet. Die Journalisten müssen aus diesem Komplex herauskommen.

Der Autor und Journalist Jürgen Busche schreibt in seiner Kolumne Unter der Woche regelmäßig über Politik und Gesellschaft

06:00 16.12.2015
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