Ein paar versprengte Marxisten

Weltbilder deutscher Ökonomen Bei einer landesweiten Befragung bekennt eine Mehrheit, sie wolle von einer gelb-grünen Koalition der Besserverdiener regiert werden

Wenn es heute eine ideologische Weltmacht gibt, dann ist das nicht die Religion, sondern die Ökonomie. Ökonomen beherrschen unser Alltagsdenken, die Politik wird ganz und gar von ökonomischen Sachzwängen beherrscht und in der Sprache der Ökonomie verhandelt. Also haben diejenigen, die sich von Berufs wegen mit Ökonomie befassen, eine Machtposition, zugleich eine politische und soziale Verantwortung ohnegleichen. Die Frage ist, ob sie ihr gerecht werden, ob sie ihr unerhörtes Expertenmandat sinnvoll gebrauchen oder missbrauchen - korrupt, naiv, ahnungslos oder auch zynisch.

Nach 25 Jahren sind die Ökonomen in Deutschland deshalb wieder über ihr Selbstverständnis befragt worden - eine Recherche, die jüngst per Internet unter den Mitgliedern des Vereins für Sozialpolitik veranstaltet wurde. Rund 2.400 Ökonomen wurden angeschrieben, knapp ein Viertel (551) haben die 40 Fragen beantwortet. 36 Prozent der Respondenten sind Professoren, 44 Prozent arbeiten an wirtschaftswissenschaftlichen Instituten, sieben Prozent in der öffentlichen Verwaltung und 13 in der Privatwirtschaft. Nur 13 Prozent waren Frauen, etwas mehr als die Hälfte gab an, zwischen 35 und 54 Jahre alt sein.

Das überraschendste Ergebnis: Ginge es nach den deutschen Ökonomen, würde die Bundesrepublik von einer gelb-grünen Koalition aus den Parteien der Besserverdiener regiert - als Anhänger der marktradikalen FDP geben sich 27,8 Prozent der Befragten zu erkennen - 22,7 Prozent outen sich als Sympathisanten der inzwischen gründlich zur Wirtschaftsliberalität bekehrten Grünen. CDU/CSU sowie SPD sind hingegen unterrepräsentiert - nur eine Minderheit von 13,9 beziehungsweise 13,7 Prozent äußert eine Vorliebe für die beiden neoliberalen "Volksparteien". Mit den Stimmen der deutschen Ökonomen wäre die Linkspartei nie in den Bundestag gekommen - gerade einmal 0,6 Prozent bevorzugen die einzige Partei, die offen gegen die herrschenden neoliberalen Glaubenslehren auftritt.

Auffallend viele Ökonomen hüten nach wie vor das Selbstbild des vermeintlich unparteiischen Wissenschaftlers; 20,7 Prozent wollen keinerlei politische Präferenzen haben. Dazu passt es nun ganz und gar nicht, dass 42 Prozent angaben, dass sich die Ökonomen in "grundsätzlichen Fragen" völlig uneinig seien; noch einmal fast 42 Prozent zweifelten an der gegenüber Außenseitern so gern demonstrierten prinzipiellen Einigkeit des Fachs. Mehr als 80 Prozent gaben also zu, dass die zentralen Fragen der Ökonomie so umstritten sind wie eh und je. Die Mehrheit müsste also wissen, das es mit dem unpolitischen Expertentum der Ökonomie so weit nicht her sein kann. Den größten politischen Einfluss schreibt diese Klientel übrigens zwei Kollegen zu, die eher als Medienzampanos denn als Leuchten der Wissenschaft auffällig geworden sind: Bernd Rürup und Hans-Werner Sinn.

Dabei hat sich die Ökonomenzunft hierzulande der weltweit herrschenden Neoklassik stark angenähert. Man hat es mit Spätbekehrten zu tun, vor 25 Jahren lehnte über die Hälfte der damals Interviewten den homo oeconomicus, das Idealbild eines allzeit rationalen, seinen Nutzen maximierenden Agenten als völlig unrealistisch ab - heute trifft das noch auf weniger als ein Drittel zu. Mehr als zwei Drittel der Ökonomen halten den homo oeconomicus für kein Zerrbild der Wirklichkeit mehr. Die Neoklassik hat sich offenbar auch in Deutschland mittlerweile durchgesetzt. Mehr als 40 Prozent der Befragten erklären offen, deren Anhänger zu sein, und noch einmal 37 Prozent bekennen sich zur Schule des "public choice" beziehungsweise der "institutionellen Ökonomie". Da Mehrfachnennungen möglich waren, tauchen noch ein paar Versprengte auf, die dem Keynesianismus oder Marxismus etwas abgewinnen können. Spezifisch deutsch ist die nach wie vor große Zahl von Anhängern des "Ordoliberalismus" mit seiner Vorliebe für den "starken Staat" (24 Prozent).

Recht aufschlussreich erscheint der Umstand, dass nicht einmal die Hälfte der Ökonomen die genaue Kenntnis der aktuellen Wirtschaftsentwicklung für "sehr wichtig" hält. An die "reine Theorie" glauben und nach persönlichen Vorlieben urteilen, scheint noch immer ein passables Verfahren. Auf jeden Fall sind die Ökonomen weit weniger auf einer Linie als die politische Klasse, die sich ständig zu Unrecht auf angeblich gesicherte Erkenntnisse der Ökonomie zu berufen pflegt. Mag sein, dass die meisten Politiker selbst nicht begreifen, was sie im schönsten "Ökonomesisch" daher reden.

Deutschland braucht nach wie vor eingreifende Strukturreformen, darin ist sich die überwältigende Mehrheit einig. In der Rentenreform plädieren fast 40 Prozent für ein schärferes Tempo - eine raschere Anhebung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre und schnellere Rentenkürzungen. In der Gesundheitsreform plädiert eine kleine Mehrheit von über 50 Prozent für eine Bürgerpauschale. Als leuchtendes Vorbild gelten nicht etwa die USA, sondern Schweden (an der Spitze mit 19,4 Prozent), die Niederlande (16,9), Dänemark (14,3) und Großbritannien (14,0). Über die Hälfte der Ökonomen sehen also ihre Reformvorbilder in Ländern, die allesamt höhere Steuern sowie einen umfassenderen und teureren Wohlfahrtsstaat haben als die Bundesrepublik. Leider ist nach den Gründen für die Erfolge dieser Länder, des skandinavischen oder niederländischen "Jobwunders" (etwa im Vergleich zum britischen), nicht gefragt worden. Zwei Drittel der Ökonomen würden die Macht der Gewerkschaften gern einschränken (vor 25 Jahren waren noch 44 Prozent strikt dagegen), aber kaum einer scheint den Sozialstaat radikal in Frage stellen zu wollen.

Eine Mehrheit hält die Löhne in Deutschland keineswegs für zu hoch, nicht einmal jeder Zehnte plädiert für generelle Lohnsenkungen. Über 90 Prozent quittieren die propagierten Rezepte für einen expandierenden Niedriglohnsektor mit Skepsis, fast 80 Prozent jedoch wollen weg von Flächen- und Branchentarifverträgen. Fast 90 Prozent der befragten Ökonomen halten die Senkung der berühmten Lohnnebenkosten für wichtig bis sehr wichtig; über das Wie wurden sie leider nicht befragt. Andere Allheilmittel - Lockerung des Kündigungsschutzes, verlängerte Arbeitszeiten - hält nur eine Minderheit für tauglich.

In der Geldpolitik sind die deutschen Ökonomen erfahrungsresistent. Sie glauben daran, dass flexible Wechselkurse eine "wirksame Regelung" der internationalen Wirtschaftsbeziehungen seien. Der einst heilige Glaube, wonach eine Notenbank zuvörderst die Geldmenge und nicht die Zinsen zu manipulieren habe, wird nicht mehr vehement vertreten. Hier herrscht große Unsicherheit. Aber weit mehr Ökonomen als vor 25 Jahren halten Inflation für ein rein monetäres Phänomen, die zu bekämpfen nach wie vor Hauptaufgabe der Zentralbank sein müsse.


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00:00 09.03.2007

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