Ein Pate von Rio

Brasilien Misha Glennys „König der Favelas“ ist ein Sachbuchkrimi erster Güte
Thomas Wörtche | Ausgabe 09/2016

Antônio Francisco Bonfim Lopes, genannt Nem, war jahrelang der informelle Herrscher von Rocinha, einer Favela in Rio de Janeiro. Die Favela hat ungefähr hunderttausend Einwohner, sie galt zu Nems Zeiten als eine – in schon fast perversem Sinn – der schicksten und angesagtesten Gegenden von Rio, war Location für Pop-Events, Shopping-Center für mittelständische Drogenkonsumenten, hatte eine für einen Slum niedrige Kleinkriminalitätsrate und eine blühende Kultur kleiner Shops, Lädchen und Straßenverkäufer. Rocinha war beinahe eine Mustersiedlung auf dem Planet of Slums (2011), wie ein berühmtes Buch des amerikanischen Stadtsoziologen Mike Davis heißt. Rocinha ist dennoch eine Favela, ein prototypisches Territorium der Gewaltökonomie – vom Staat einerseits infrastrukturell alleingelassen, andererseits als Ort permanenten Verbrechens ständig staatlicher Gewalt ausgesetzt. Nem war ein möglicherweise zwar wohltätiger Tyrannentypus, ein bandido bonzinho, ein guter Bandit also, aber eben ein Gangsterboss, dessen Macht sich auf bewaffnete Gewalt stützte und dessen Ökonomie auf dem Drogen- und Waffenhandel basierte.

Drogenboss mit Charisma

Nem regierte über seine Leute, allesamt in bitterer Armut oder am unteren Rande des Existenzminimums lebend, auch weil er sich mit Kleinkrediten für wenigstens rudimentäre Ansätze von Ordnung einsetzte. So gab es unter seiner Herrschaft kaum Vergewaltigungen oder Schusswaffen für Jugendliche unter 16 Jahren. Mit diesen und anderen sozialen Aktivitäten verschaffte sich Nem auch politischen Einfluss. Weil unter seinem Regime auch die Mordrate signifikant fiel, war Nem bei „seinem“ Volk einigermaßen beliebt, zumindest nicht allzu sehr verhasst.

Aufstieg und Fall dieses komplexen und cleveren Gangsters schildert der englische Journalist Misha Glenny als fast episches Narrativ, Der König der Favelas, wobei der Plural im deutschen Titel irreführend ist, denn Nems Macht beschränkte sich ausschließlich auf Rocinha, die „kleine Farm“.

Und genau das ist der entscheidende Punkt: Misha Glenny, bekannt geworden mit Reportagen und Studien zum Zerfall Jugoslawiens und den daraus entstandenen Konflikten, ist Spezialist für Großstrukturen des organisierten Verbrechens. Er interessiert sich dezidiert für die internationalen Geldflüsse, für die Verschränkungen von kriminellen Dienstleistungen, Geldwäsche, Finanzwirtschaft und politischer Einflussnahme. Seine Bücher McMafia (2008) und CyberCrime (2012) sind deswegen kapitale Standardwerke zum Thema, weil er die globalen Vernetzungen der ehemals eher als lokale, nationale oder kulturtypische Phänomene betrachteten Strukturen – Mafia, Yakuza, Triaden, Kartelle – des organisierten Verbrechens analysiert und damit jegliche „folklorisierende“ Sicht darauf naiv erscheinen lässt.

Hier nimmt sich Glenny einen begrenzten Mikrokosmos vor. Anhand der Biografie von Nem, der als Kreditnehmer bei einem früheren drono, einem Boss, den Einstieg ins lukrative Drogengeschäft eher zufällig und auf Grund seines organisatorischen Talents und seiner sozialen Kompetenz geschafft hat, dröselt Glenny geschickt und hoch spannend die ganze Komplexität dieser Welt auf. Er hat lange Interviews mit dem inzwischen inhaftierten Nem geführt, hat monatelang selbst in Rocinha gewohnt und mit allen möglichen Beteiligten gesprochen: mit Polizisten, Politikern, mit Nems Familie, mit Staatsanwälten und Anwälten und vor allem mit den Menschen aus der Favela.

Wie verlässlich diese unterschiedlichen Quellen und auch Nem selbst sind, kann auch Glenny manchmal nicht einschätzen, aber das Mosaik aus Stimmen und Positionen, wie interessengeleitet sie auch sein mögen, zeigt doch die Problemlagen sehr gut auf: Der „Verrat des Staats“ (Mike Davis), der keine vernünftigen sozialpolitischen Lösungen anbietet und damit ein Vakuum schafft, und die extreme soziale Ungerechtigkeit zwingen die Favela in eine drogenbasierte Untergrundökonomie, die wiederum mit dem verheerenden War on Drugs kollidiert, der sich gerade am Beispiel Rocinha in seinem ganzen Irrsinn offenbart.

Glenny unterstreicht mehrfach, dass es besonders der extrem korrupten Polizei keinesfalls darum geht, den Drogenhandel zu unterbinden. Schlicht weil sie selbst viel Geld damit verdient und weil damit politischer Einfluss zu kaufen ist. Polizei-Aktionen, die angesichts der komplizierten Struktur der verschiedenen Polizeien (mindestens drei Corps auf verschiedenen Ebenen, plus undurchsichtige geheimdienstliche und andere politische Strukturen) sowieso schwer zu koordinieren sind, zielen vornehmlich auf die Entwaffnung und politische Enthauptung der Favelas, weil man vor allem vor politischen Unruhen Angst hat, die von den Favelas ausgehen könnten und auch schon ausgegangen sind. Wobei auch da die Gemengelage zwischen oppositionellen politischen Aktivitäten und schierem Marodieren nicht immer trennscharf zu analysieren ist.

Teil des Weltalltags

Nem wurde als Mann mit politischem Einfluss im Zuge der sogenannten Pazifikation der Favelas abgeräumt. Was nichts anderes heißt, als dass Polizeieinheiten mit Gewalt die Kontrolle über die Favela übernehmen, die danach unsicherer als je wird, weil keine moderierende Instanz mehr da ist. Natürlich fanden und finden diese Pazifikationen im Vorfeld der Fußballweltmeisterschaft 2014 und der Olympischen Spiele 2016 statt, weil Favelas und ihr sozialer Sprengstoff das Sonne-und-Samba-Image von Rio stören könnten. Insofern greift Glennys kleinteilige Fallstudie eines charismatischen und machiavellistisch begabten Gangsters dann doch in zwei große Diskurslinien unseres Planeten ein: In die Kritik des massiv Menschenleben vernichtenden, hochideologischen War on Drugs und in die für alle urbanen Metropolen essenziellen Debatten, wem die Stadt, wem die Straßen gehören. So gesehen sind Nem und Rocinha Teil des Weltalltags und Glenny sein brillanter Chronist.

Info

Der König der Favelas. Brasilien zwischen Koks, Killern und Korruption Misha Glenny Dieter Fuchs (Übers.), Tropen 2016, 409 S., 22,95 €

Thomas Wörtche ist Stammautor des zweimal jährlich erscheinenden Freitag-Krimi-Spezials

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06:00 16.03.2016

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