Ein Präsident gegen sein Hinterland

USA Viele Bundesstaaten, Städte und Unternehmen engagieren sich längst für saubere Energien. Sie machen nicht mit beim Ausstieg aus dem Pariser Vertrag

Präsident Trump ist raus aus dem Klimaabkommen. Doch weite Teile der USA setzen auf grüne Energie: zahlreiche Bundesstaaten, Bürgermeister, Initiativen und selbst Unternehmen. Trump bremst die Klimabemühungen, ganz anhalten kann er sie nicht. Bürgermeister von mehr als 200 Städten mit gut 55 Millionen Einwohnern haben eine Erklärung unterzeichnet und mitgeteilt, sie würden sich an die Vorgaben des Klimaabkommens halten. Die Stadtverwaltung von Los Angeles rüstet auf Elektrofahrzeuge um. Houston hat nach eigenen Angaben seit 2007 die Treibhausgasemissionen um 35 Prozent reduziert. Mehr als die Hälfte der 50 Bundesstaaten setzt sich eigene Reduktionsziele für Kohlendioxid. In Kalifornien und im Staat New York soll bis 2030 rund die Hälfte des Stroms aus erneuerbaren Energien kommen. Kalifornien ist heute bereits bei 27 Prozent. Und ausgerechnet im konservativen Kansas (Trump erhielt dort zur Wahl 56 Prozent) wird etwa ein Viertel des Stromes durch Windenergie gewonnen. Fortschritt beim Klimaschutz werde es „mit oder ohne Donald Trump“ geben, kommentiert die Exekutivdirektorin von Greenpeace USA, Annie Leonard.

Grüner Strom bringt Geld

Eine Mehrheit der US-Bürger erkennt den Klimawandel an – und hat ihn zum Teil sogar schon selbst erfahren. Angesichts der günstigen Marktlage nutzen immer mehr Städte erneuerbare Energien. Und im flachen Kansas weht nun einmal fast pausenlos starker Wind, der früher nur klapprige Windmühlen für die Wasserpumpen der Farmer angetrieben hat. Mit grüner Energie lässt sich Geld verdienen. Das ist beim Geschäftsmann Trump untergegangen. In einer Anzeige im Wall Street Journal hatten Wirtschaftsführer den Präsidenten noch aufgefordert, das Klimaprotokoll fortzuführen. Es erweitere globale Märkte für saubere Energie. Die Unterzeichner seien keine Umweltapostel, kommentierte das Harvard Business Review. Dazu gehörten Goldman Sachs, die Bank of America, Dow Chemical, General Electric und Dupont. Die Größen im Silicon Valley sind Realisten genug, um die Erwärmung anzuerkennen.

Beim Klima irritiert Trump viele Unternehmer und Banker. Historiker Douglas Brinkley sprach bei CNN angesichts der starken unternehmerischen Opposition zu Trumps Ausstieg von einem „noch nie dagewesenen Augenblick in der amerikanischen Geschichte“. Jeff Immelt, CEO des Mischkonzerns General Electric, erklärte bei einer Ansprache in Washington, die Business Community habe sich „bewegt“ bei der Klimafrage. „Als Unternehmen denken wir, dass Klimawandel real ist.“

Der wirtschaftsfreundliche Präsident, von dem Unternehmer sich Großes erhoffen bei Steuererleichterungen und Deregulierung auf dem Arbeitsmarkt, orientiert sich beim Klima an seinen America-First-Kernwählern, die es gern sehen, wenn Trump der vermeintlichen Elite eins auswischt. Und an seinen Freunden in der fossilen Industrie. Das Magazin Politico mutmaßte kürzlich, nach einer „Parade von Meetings und Fototerminen“ mit Trump im Weißen Haus sei die Beziehung der CEOs zum Präsidenten abgekühlt. Medienkommentatoren klassifizierten Trumps Ausstieg als Sieg der „nationalistischen Fraktion“ in der Regierung. Der Rundfunksender NPR bezeichnete den Ausstieg als „eine Art amerikanischer Brexit“.

Republikanische Politiker waren nicht immer gegen Klimaschutz. Richard Nixon hat 1970 die Umweltschutzbehörde ins Leben gerufen. Zur UN-Klimakonferenz in Kopenhagen unterzeichnete ausgerechnet Donald Trump 2009 einen Aufruf von Unternehmern für mehr Klimaschutz: Die US-Wirtschaft könne auch mit sauberer Energie Weltführer sein. In einem bemerkenswerten Artikel zählte die New York Times Gründe für diese Wende in der republikanischen Klimapolitik auf: viel Lobbygeld von der fossilen Industrie, eine gewisse Überheblichkeit demokratischer Politiker und rechtspopulistische Agitationen gegen Wissenschaft und Experten.

Der Wahlkämpfer Trump hat den Kohlearbeiter sehr effektiv hochstilisiert zum Repräsentanten des einfachen Mannes, der bedroht sei von Washington und der Elite. Der Leiter der Umweltbehörde, Scott Pruitt, verkündet, Trumps Ausstieg werde „der Arbeiterklasse nützen“. Nach Regierungsangaben sind etwa 51.000 Menschen im Kohleabbau beschäftigt. Tendenz fallend.

Wenn Reporter nach Statements suchen, die Trump Beifall spenden für sein Festhalten an Kohle und fossilen Energiequellen, können sie im Staat Wyoming nachfragen. Da kommen Stimmen wie die der republikanischen Abgeordneten Liz Cheney, der zufolge Trumps Beschluss positive Folgen haben werde für ihren Staat „in Gestalt von Energieentwicklung und neuen Arbeitsplätzen“. Das Klimaabkommen von Paris gründe auf falschen Daten und wolle „unsere Kohleindustrie zerstören“.

Tatsächlich werden 40 Prozent der US-Kohle in Wyoming gefördert, ausschließlich im Tagebau. Doch selbst hier wackelt die Vorherrschaft dieser Industrie. Die Star-Tribune, Tageszeitung in Casper, der zweitgrößten Stadt in Wyoming, vermeldet Ende Mai, im Vorjahr seien mehr Menschen aus Wyoming weg- als zugezogen. Ein Grund sei der schwächelnde Energiesektor, vor allem bei der Kohle, die Abnehmer verliert. Nach Angaben der Behörde Energy Information Administration wurden in den USA 2016 739 Millionen Tonnen Kohle gefördert, weniger als jemals zuvor seit 1978. Robert Godby, Direktor des Zentrums für Energiewirtschaft und Politik an der Universität von Wyoming, macht denn auch in einem Interview den Kohlearbeitern wenig Hoffnung. Das Problem der Kohle seien nicht Regierungsvorschriften. Derzeit sei es einfach billiger, Strom mit Erdgas zu produzieren, vielfach gewonnen durch Fracking. Zudem, so Godby, gebe es beim Gas nur halb so viel Kohlendioxidausstoß wie bei Kohle. Darüber hinaus geht der Preis für Wind- wie Sonnenenergie landesweit zurück.

59 Prozent für das Abkommen

Nick Akins ist Chef von American Electric Power, einem der größten Stromproduzenten Nordamerikas. Trumps Vorstellung vom Revival der Kohle sei nicht realistisch, sagt er Anfang Juni im Wirtschaftsmagazin Fortune. Neue Technologien überholten die Kohle, große Kunden wie der Online-Versandhändler Amazon und der größte US-Einzelhandelskonzern Walmart erwarteten, „dass man ihnen saubere Energielösungen anbietet, besonders Wind und Solar“.

Jobs gibt es bei klimafreundlicher Energie, auch wenn Trump lobt, in Kürze würden „an vielen Orten“ Bergwerke eröffnet. In der US-Solarindustrie ist die Zahl der Arbeitsplätze zwischen 2013 und 2016 von 143.000 auf mehr als 260.000 gestiegen, berichtet der Informationsdienst InsideClimate News. Nur bleiben Klimaschutzmaßnahmen ohne Vorgaben aus Washington ein Flickenteppich. Und ohne nationalstaatliche Investitionen geschieht in den USA weniger als mit. Geld wird fehlen beim Green Climate Fund für Projekte in Schwellen- und Entwicklungsländern. Laut Washington Post lehnen 59 Prozent der Amerikaner den Ausstieg ab, 28 Prozent sind dafür. Trumps Nein bremst, auch wenn seine alternativen Fakten nicht ankommen gegen die wirklichen auf dem Energiemarkt.

06:00 12.06.2017

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