Ein Präsident in Opposition

MOHAMMAD CHATAMI Ein zögerlicher Reformer aus Respekt vor dem Volk und Sorge um den Islam

Die Konservativen können keine Mauer um Iran herumbauen," erzählte mir Mohammad Chatami einmal, als es um das Verbot von Satellitenschüsseln ging. Von der Losung, der Westen plane die "kulturelle Invasion" hielt er nicht viel, wollte kulturellen Austausch und kulturelle Vielfalt. Damals, 1994, war er Leiter der Nationalbibliothek. Zwei Jahre zuvor war Chatami als Kulturminister zurückgetreten - wegen der Affäre um den großen Regisseur und Autor Mohsen Machmalbaf. Vielleicht ähneln sich die Biographien der beiden in einem Punkt. Beide waren Islamisten und Revolutionäre der ersten Stunde, beide änderten sich. Machmalbaf war eigentlich der islamische Intellektuelle par excellence. Huschang Golschiri, der alte Mann des iranischen Romans, bezeichnete ihn einst sogar als den Theoretiker der islamischen Literatur schlechthin. Aber als Machmalbaf dann mit seinem ebenso genialen wie brutalen Film, Der Straßenhändler, einem film noir, brillierte, bekam er seine besten Kritiken von den ihm verhassten, säkularen Intellektuellen. Sein angestammtes Publikum hingegen kritisierte ihn. Nur Chatami erhob sich zu seiner Verteidigung. Warum gerade zu seiner?

Auch in den Jahren zuvor als Chatami Kulturminister war, wurden Bücher verboten, Zeitschriften geschlossen, Intellektuelle verbal und physisch attackiert. Von Chatami kam keine Reaktion. Oder doch? Vielleicht erste verzagte Andeutungen der Opposition. Als Abbas Maarufi Literaturzeitschrift Gardun 1991 geschlossen werden sollte, setzte Chatami ihr weiteres Erscheinen durch.

Vielleicht begann seine Wandlung in diesen Jahren, Anfang der Neunziger. Der Krieg mit dem Irak war vorbei. Vielerlei Repression und all die nicht verwirklichten Ziele der Revolution hatte man immer mit dem Krieg begründen können. Aber nun setzte bei vielen religiösen Intellektuellen ein Umdenken ein. Sie stellten fest, dass mit einer strengen Auslegung des Islam das Land nicht zu regieren sei. Und sie sahen wie die Bevölkerung sich immer stärker vom Islam abwandte. "Wenn das der wahre Islam ist", hörte man viele Iraner sagen, "dann doch lieber kein Islam." Eine ganze Reihe der Leute, die heute für den Reformprozess maßgeblich sind, waren Revolutionäre der ersten Stunde und als solche nicht selten auch Hardliner. Aber diese Erfahrung läuterte sie. So auch Chatami. Ihn erbitterte, dass sich viele junge Leute ausgerechnet in einer Islamischen Republik, dem Staat, für den er gekämpft hatte, vom Islam abwandten. Weil sie die herrschende Lesart mit dem Islam an sich identifizierten.

In seinem Rücktrittsgesuch kritisierte Chatami jene, die gegen den "Kulturimperialismus" wetterten; sie würden die Kultur praktisch auslöschen und vernichten: "Die ehrwürdigen Verantwortlichen, die die Ordnung des Staates und seine Prinzipien hätten verteidigen müssen - und zwar mehr noch als ich -, nahmen die jüngsten Bedrohungen der Kultur und des Denkens nicht ernst. Aus welchem Grund auch immer hüllten sie sich ihnen gegenüber in Schweigen. Das führte dazu, dass die Missgünstigen noch vermessener wurden." Wer waren diese Missgünstigen? Fast erinnerte diese Ausdrucksweise an die Formulierungen der Konservativen, wenn sie von den säkularen Intellektuellen sprachen, die eine "kulturelle Invasion" planen würden. Aber sie waren nicht gemeint. Huschang Golschiri schrieb über das Rücktrittsgesuch Chatamis: "Wer es verstand, zwischen den Zeilen zu lesen, wusste, wer der Adressat dieser Rede ist; wusste, wer hier der Missgünstige ist. Wichtiger aber war, dass nun endlich ein Teil der Herrschenden die Sprache benutzte, die sich die Intellektuellen schon vor Jahren erwählt hatten: Eine Sprache, die nur andeutet, nichts direkt beschreibt."

Ja, ein Teil der Herrschenden, ein Teil des Systems, war zur Opposition geworden. Über Chatami erzählt man sich eine interessante Anekdote. Im Bekanntenkreis soll er gefragt worden sein, wie groß Iran sei. Er habe darauf geantwortet, so und so viel Kubikkilometer. Kubikkilometer? hätten ihn die Anwesenden erstaunt gefragt, die Größe eines Landes gibt man doch nicht im Volumen an. Doch, habe Chatami gesagt, in Iran schon, hier haben die Geistlichen so viel Mist gebaut, dass man das Land im Volumen vermessen muss. Zwar darf der Wahrheitsgehalt solcher Geschichten angezweifelt werden, aber wenn sie kursieren, ist das symptomatisch.

Chatami war unzufrieden mit seinem Staat. Ganz eindeutig. Als er damals die iranische Nationalbibliothek leitete, hatte er jedoch nicht im Entferntesten vor, daran als Politiker jemals wieder etwas zu ändern. Er war zufrieden damit, eine jüngere Generation unterrichten zu können. Er hielt Vorlesungen über die religiösen Reformbewegungen in der islamischen Welt. Seine Studenten schilderten ihn als einen umsichtigen, offenen Lehrer. Mein Ansinnen, über theologische Hochschulen zu forschen, hielt er für spannend. Er verschaffte mir Zugang zu den Schulen in Ghom. Aber meinem Wunsch, seine Äußerungen über die Reformierbarkeit dieser Institution auf Band aufzunehmen, verweigerte er sich. Dabei hatte ich gar nicht die Absicht, das Interview zu veröffentlichen. Ich konnte nur nicht so schnell mitschreiben, wollte es später noch einmal abhören. Aber er blieb hart, nichts Offizielles. Und zu einem journalistischen Interview war er schon gar nicht bereit. Seine Sache sei die Politik nicht mehr, erzählte er damals. Er wolle sich aus allem heraushalten, habe dem Ausland schon gar nichts mitzuteilen.

Um so verwunderlicher war es daher, als er sich 1997 dann doch zum Kandidaten aufstellen ließ. Dass er die Macht nicht suchte, hatten ihm alle abgenommen. Und bis heute zweifeln die Wenigsten in Iran an seiner persönlichen Integrität. Oft hört man zwar, er wähle die falsche Taktik, müsse mehr handeln, weniger reden, endlich einsehen, dass dieses System nicht reformierbar sei. Viele haben ihm übel genommen, dass er sich beispielsweise im Sommer 1999 nicht eindeutig hinter die demonstrierenden Studenten gestellt hat, und auch für die Frauen hätte er nicht so viel getan, wie man sich versprochen hatte. Aber dass Mohammad Chatami sich von der Macht habe korrumpieren lassen, das denkt kaum jemand. Schnell kommt der Einwand, er würde doch auch wegreformiert, wenn der Reformprozess so weit geht, wie viele fordern. Und: Ob er davor keine Angst habe? Ich denke, er weiß, dass er wegreformiert würde, aber es ist ihm egal. Er geht dann eben wieder in seine Nationalbibliothek. Oder aber direkt ins stille Studierzimmerchen. Als Philosophen-Präsidenten haben ihn deutsche Zeitungen bezeichnet, als er im vergangenen Sommer die Bundesrepublik besuchte. Das mag ein wenig übertrieben gewesen sein, aber so ganz falsch ist es nicht.

Es war Verantwortungsbewusstsein. Deswegen ist er vor vier Jahren zur Wahl angetreten. Seine Freunde, religiöse Reformer aus dem Umfeld der Zeitschrift Kiyan, konnten ihn nach langem Zureden überzeugen, dass er gebraucht werde. Heute überlegt er ähnlich lange. Wahrscheinlich ist es die Suche nach der richtigen Taktik, die ihn zögern lässt. Vielleicht auch die Befürchtung, die Attacken gegen ihn und seine Unterstützer würden noch schärfer, wenn er bekannt gibt, dass er es mit den Konservativen aufzunehmen gedenkt. "Eine Krise alle neun Tage" würden die Konservativen für ihn produzieren, erklärte Chatami in einer Rede vor dem Parlament, die seine Amtszeit bilanzierte. Es war keine gute Bilanz, und Chatami machte keinen sehr kämpferischen Eindruck. Dennoch: Er wird wohl antreten. Aber was wäre, wenn nicht? Manche Reformer ziehen diese Variante sogar vor, denn sie würde einen Erdrutsch auslösen. Wenn er nicht antritt, dann gehen die Menschen vielleicht auf die Straße. Aber Chatami ist nicht der Mann, der die Gefahr eines bewaffneten Zusammenstoßes eingeht. Er hätte schon mehrfach die Möglichkeit gehabt, den Konflikt zwischen Konservativen und Reformern auf der Straße lösen zu lassen. Wenn er seine Anhänger gerufen hätte, wären sie gegangen. Damals beispielsweise als der Revolutionsführer Ajatollah Chamene´i mit einem Veto das liberale Pressegesetz zu Fall brachte. Oder als im April 2000 plötzlich die gesamte kritische Presse verboten wurde. Oder auch jetzt gerade, nachdem über 60 Mitglieder der national-religiösen Opposition verhaftete wurden. Aber Chatami würde diese Gefahr niemals eingehen. Er weiß genau, die Konservativen würden nicht zögern, in die Menge zu schießen. Und ein Blutbad zuzulassen, das passt einfach nicht zu seinem Naturell.

Abgesehen davon: Der Präsident ist nicht Iran. Es geht viel weniger um ihn, als es oft scheint. Die Bevölkerung will Reformen. Chatami hat lediglich verstanden, dass getan werden sollte, was das Volk will. Und dafür steht er ein.

Katajun Amirpur ist promovierte Iranistin. Sie lebte 1994/95 als DAAD-Stipendiatin im Iran und hält sich jährlich mehrere Monate zu journalistischen und Forschungszwecken in der Islamischen Republik auf.

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00:00 04.05.2001

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