Ein Prinz vom Prenzlauer Berg

Theater als deutschnationale Wasserschlacht Armin Petras inszeniert Kleists "Prinz von Homburg" in Frankfurt

Das Beruhigende und Verlässliche an dem Regisseur Armin Petras ist (und wird wohl ewig bleiben), dass er das Publikum nie überfordert: Eine einzige Idee pro Inszenierung scheint ihm völlig ausreichend, und die hämmert er uns dann einen ganzen Abend lang ein. Im Fall seiner Frankfurter Einrichtung des Prinzen von Homburg ist die Idee ein Song der ehemals als rechtsradikal verschrieenen Böhsen Onkelz, die den Zusammenhang von Herz und Schmerz besingen. Das passt immer, also auch auf Kleist. Der Tontechniker legt eine CD ein, dreht schön weit auf, und im bombastischen Sound deutschen Dumpfrocks "trinken" die Onkelz nun nicht nur "Tränen", sondern auch "schwarzen Wein", sie steigen "betrunken und blind" "in den Abgrund deiner Seele" und suchen den "Weg aus der Leere". "Bin ich nur glücklich, wenn es schmerzt", fragt scheinheilig der Leadsänger-Leidensmann, während er sich schmerzhafte Glückszustände schon durch pure Lautstärke verschafft - aber dann will er gleich sein "gefrorenes Herz" herschenken, das man wärmen möge undsofort.

Ein feines Lied, ein Dieter-Thomas-Heck-taugliches Lied für die sich subversiv dünkende Szene, musikalisch nicht auf dem neuesten Materialstand, aber doch ausreichend einfältig, um Armin Petras als Motto für den ganzen Abend zu dienen. Die Frage ist nur: Hat der Prinz von Homburg tatsächlich ein gefrorenes Herz? Leidet er nicht, ganz im Gegenteil, am Gefühlsüberschwang, der ihn gerade nicht den Schmerz, sondern die Liebe in Gestalt der Prinzessin Natalie suchen lässt? Und der ihn dem preußischen Drill weitgehend entfremdet hat? Bislang kannte man den Prinzen von Homburg als Stück über einen Träumer, der sich in die Armee verirrt hat und da leicht ungestüm und zu früh seine Leute ins Gefecht schickt, ein militärischer Versager also, dem das Gemeingefährliche seines Tuns nicht recht in den Kopf will, weil er mit ganz anderen, mit Liebesgedanken beschäftigt ist.

Bei Petras wird nun ein völlig anderes Stück daraus, weil er sich mit diesem - der Inszenierung aufgepfropften - Song identifiziert, und daran lässt sich schön zeigen, dass dieser Regisseur sich gar nicht mit Stücken beschäftigt, sondern mit sich selbst oder irgendwelchen Einfalls-Fragmenten, die dann - man legt eine CD ein, das wirkt immer - das Staats- oder Stadttheater schon bezahlen wird. Seit Petras Intendant am Gorki ist, muss er da noch weniger Hemmungen haben; auch die Arbeiten, die er letzthin im Rhein-Main-Gebiet abgeliefert hat, zeigen ihn auf der Höhe eines dunkel raunenden Transpositions-Könnens. 2005 verlegte er (in Mannheim) Gerhart Hauptmanns frühindustrielles Vor Sonnenaufgang vom schlesischen Kohlerevier in eine erbärmlich alkoholisierte, abgewickelte, wende-geschädigte Nach-DDR, die zur postmodern kleingehäckselten Freakshow wurde. Vor einem Jahr ließ er, in Frankfurt, ebenfalls kurz vor Weihnachten, den Ajax des Sophokles (in einer eigenen Bearbeitung) als den von allen verhöhnten Kriegs-Verlierer seine Wutorgien aufführen - und natürlich war es nicht der Trojanische, sondern ein sehr moderner, der Irak-Krieg, in dem Ajax seine Wunden empfangen hatte. Seltsam nur, dass dabei immer nur statisches, manieriertes Stadttheater herauskommt - wie jetzt auch beim Frankfurter Homburg im großen Haus.

Die Premiere findet zwei Tage vor Heiligabend statt: leise rieselt - nicht der Schnee, sondern der Regen. Auf die ganz leere Bühne. Zwei Stunden lang. Denn im Song der Böhsen Onkelz heißt es ja: "Ich lass es Tränen regnen". Man weint über Deutschland, wieder mal, und die ersten Reihen sitzen schön im Feuchten: Es ist sicher eines der hehrsten Ziele des Petras-Theaters, das Publikum einmal richtig nass zu machen. Im Hintergrund werden Videofilme mit kleinen Kindern und Pferdchen an die Wand geworfen. Und die Bühnenbildnerin Katrin Brack spielt schwer mit den Muskeln der Bühnenmaschinerie: Der seidige Firnis aus Wasserschwaden, den sie über die Bühne sprüht, wird immer wieder neu designt - viel Beleuchtungskunst, wenig Theater.

Allerdings: Wenn der Prinz nach übereiltem militärischem Praecox-Sieg wegen Befehls-Übertretung im Knast landet, ist der Kerker ein Zelt aus Licht und Regen, ein wunderbarer mystischer feuchter Lichtkegel. Auch wenn die Traumfiguren von ganz hinten ins Licht treten wie Lemuren, durch einen Wasser-Vorhang, sieht das unendlich bedrohlich aus, wie im Film.

Man könnte nun in ergriffenen Worten die immer neuen düsteren Bilder beschwören, die in dieser Wasser- und Materialschlacht erzeugt werden - allein: Sind es auch richtige, stimmige Bilder? Der Prinz von Homburg ist bei Petras zum Kleist-Punk mutiert, zum Szene-Rocker, der nicht mehr schlafwandelt, sondern ein bisschen in die Bierpulle guckt. Es ist ein Prinz aus Berlin-Mitte oder vom Prenzlauer Berg, der auf der Bühne ins Rutschen kommt, und man weiß nicht recht, welcher Subkultur er angehört, der ganz linken oder der ganz rechten. Deutschland ist ein dunkles, böses Land im Dauerregen, unheimlich preußisch, so dass unser glatzköpfiger Lederjacken-Homburg (Robert Kuchenbuch spielt ihn erstaunlich gefühlsarm) da nur mitmachen kann auf der nassen schiefen Ebene, als Kriegsheld und begeisterter Fahnenschwenker. Wahrscheinlich ist Kleist ein Deutschnationaler, und Homburg natürlich auch. Dass er träumt, dass er den Traum vom besseren Leben hat, ist für Petras Nebensache.

Auch die Frage des Stücks - Gefühl oder Vernunft, Chaos oder Gesetz - wird von Petras zwei Stunden lang lautstark umgangen. Dass Homburg sich einer immerhin abstrakten, "höheren" Einsicht beugt, ist nur ein Moment. Kein Wunder, dass bei diesem Konzept dann auch Kleists Sprache verwässert: sie ist bei Petras meist sauerstoffarm, mal so dahergesagt, oder sie ist gleich großkotzig-pathetisch, wie eine Sprach-Fontäne. Die Soldaten sehen natürlich aus wie die deutsche Wehrmacht und sprechen auch so: man brüllt den Schlachtbericht. Andererseits üben sie die edle Kunst des Ringkampfs wie eine Jugendgang. Sehr exaltiert, das Ganze.

Zudem: Der Regisseur findet keinerlei Psychologie für die Figuren. Die Prinzessin Natalie der Sandra Bayrhammer ist ein lautes, hopsendes, affektiertes, albernes Mädchen mit eingebautem Glücksanspruch. Der Kurfürst des Peter Kurth ein statuarischer, aufgeklärter alter Herr, der am liebsten seiner Nichte an die Wäsche geht. In der Tat, ein bisschen wärmendes Eros täte Not: Es ist - auf der Bühne und im Zuschauerraum - feuchtkalt wie in einer Gruft. Denn bei den Preußen ist das Leben ein Krieg, und man steht immer mit einem Bein im Grab.

Das hat man bald begriffen. Vor der Hinrichtung also schlottert der Prinz wie Espenlaub. Dann wird er begnadigt, und - Achtung, Publikum! - der Regen hört eine Minute lang auf. Dann geht der Krieg, das Leben weiter, und Armin Petras lässt seinen Hauptdarsteller 20 Minuten als trotzige, bauchbestimmte Rocker-Ikone im Regen stehen, um den längsten Schlussapplaus in der Geschichte des Frankfurter Schauspiels zu ziehen. Dazu dröhnt wieder der masochistische Kitsch der Böhsen Onkelz.

Wir gehen nach Hause mit mehreren Einsichten über das deutsche Theater. 1. Jugendliche unter 40 werden diese U-40-Homburg-Aufführung wegen der tränenseligen Bilder für ungeheuer politisch halten. Intellektuell hat sie eher wenig zu bieten, aber das liegt ja im Trend. 2. Pop-Musik und Regen sind noch keine Kleist-Inszenierung. 3. Deutschland ist ein schlimmes Land, aber es ist vor allem so dunkel dort, weil Armin Petras zwecks Mythenbildung das Licht ausschaltet. Dabei ist er, im Grunde seines Herzens, nur ein effekthascherischer, konventioneller, ganz lieber Theater-Onkel.


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00:00 05.01.2007

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