Ein Proto-Relotius par excellence

Sachlich richtig Erhard Schütz über fuchspfiffige Bücher, so manche Spiegelfechterei und den Erfinder der Cultural Studies
Ein Proto-Relotius par excellence
„Nahrungsgeneralisten“ wie dieser Wüstenfuchs sollen sogar gut schmecken – wer traut sich?

Foto: Fox Photos/Getty Images

Vor zwanzig Jahren führte das Medienmagazin Message eine Rubrik „Highlights des Journalismus“ ein. Ein löbliches Unterfangen angesichts der notorischen Kurzatmigkeit des Journalismus und permanenter Wiedererfindung von längst Bewährtem. Auf den Beiträgen dort basiert die Sammlung von Porträts solcher AutorInnen, gelegentlich auch Medien, die man mit Fug als Schrittmacher von freier Presse und Demokratieverteidigung apostrophieren kann.

Es beginnt mit Daniel Defoe, an dessen Berichter-Rolle in der seinerzeitigen Pest-Epidemie aus gegebenem Anlass hier und da wieder erinnert wurde, und endet mit dem „Meister des Politikerporträts“ Jürgen Leinemann. Dazwischen Dutzende wackerer Verfolgter und schlitzohriger Verfolgerverfolger jedweden Geschlechts, mit deutlicherem Akzent auf deutschen Vorbildfiguren. Besonders erfreulich die Erinnerungen an Heinz Knobloch und Niklaus Meienberg. Zu letzterem von Margrit Sprecher durchaus auch kritisch, was seinen zum Teil relotiusnahen Umgang mit Fakten betrifft. Eine solch kritische Sicht hätte man sich auch für Egon Erwin Kisch gewünscht, der keineswegs der hehre Märtyrer der Faktenlage war, sondern ein Proto-Relotius par excellence. Dazu passt allerdings, dass man ihn hier statt ins Romanische ins Romantische Café gehen lässt. Doch ist das eine Ausnahme im ansonsten rundum empfehlenswerten Band.

Als Knabe habe ich Svend Fleurons Die rote Koppel von 1922 innig geliebt. Seither konnten auch Tollwut und Bandwurm mich von der Faszination an Füchsen nicht abschrecken. Nun hat Katrin Schumacher im inzwischen 60. Band der „Naturen“ ein Konzentrat des Füchsischen geliefert, das in Text und Bild kaum zu wünschen übrig lässt. Die „Nahrungsgeneralisten“ (wie wir) sollen sogar gut schmecken. Doch hat sich deren Verzehr nicht so durchgesetzt wie der Verbrauch ihrer Pelze und Schwänze. Sie haben sich nie domestizieren lassen, sind aber gerne in der Nähe. In der Stadt leben inzwischen zehnmal mehr als im Wald. Dort beziehen sie am liebsten Bauten, die Dachse gegraben haben, werden aber notfalls auch selbst aktiv. Bis zu 70 Jahre alt sind die Höhlen, die selbst zum Mythos geworden sind. Da Füchse so ziemlich überall zu Hause sind, verfolgt das Bändchen sie quer durch die Kulturen. Zumal durch Literatur, von Goethes Reinecke über den Fuchs, der nur mit dem Herzen gut sah und deshalb abstürzte, bis hin zu Saša Stanišić. Besonders apart David Garnetts weibliche Auswilderung in Dame zu Fuchs, auch 1922. Ein fuchspfiffiges Buch!

„Manchmal kommt es mir vor, als wäre ich das letzte koloniale Subjekt […] und große Teile meines Lebens bestanden daraus, mich an den Normen abzuarbeiten.“ So Stuart Hall, 1932 auf Jamaika in eine Mittelschichtfamilie „of Colour“ hineingeboren, 1951 ins vielfarbige London und zum Studium nach Oxford gegangen, in England geblieben, als politischer Aktivist und vor allem als Wissenschaftler, ohne den es die Cultural Studies so nicht gegeben hätte. Schon in der Familie wie überhaupt auf Jamaika mit seinem Herkunfts- und Kulturenmix trainiert aufs Lesen zweier Diasporas in der „Endphase des Kolonialismus“ – so erzählte er kurz vor seinem Tod 2014 sein Leben, ruhig, behutsam einordnend, aber nie für alle zu sprechen beanspruchend. Er erinnert an das Problematische im altlinken Universalismus, im Gegenüber nicht zugleich auch vom Kolonialismus und Rassismus betroffene Subjekte zu sehen. Daraus aber folgt kein Rückzug auf eine abgrenzend-einklagende Identitätskonstruktion, sondern die Überzeugung, dass die Sehnsucht nach Garantien der Gewissheit und Unangreifbarkeit so nicht befriedigt werden kann. Dieser Lebens-, Erfahrungs- und Wissensrückblick bringt eine von Weisheit durchdrungene Reichhaltigkeit persönlicher, politischer, theoretischer Erinnerung an jene Epoche, die zu verstehen nötig ist, um die Gegenwart zu verstehen und ihr zu widerstehen, gerade dort, wo sie allzu einverständig scheint.

Selbst das Unförmige hat verschiedene Formen. Jeder Gang über eine Einkaufsstraße zeigt es. Dem nachzugehen ist zwar nicht sehr attraktiv, wäre aber hilfreich, um die Kultivierung der Form näherhin bestimmen zu können. Zur kultivierten Form gehört eine doppelte Anstrengung, die der Eleganz und die der Höflichkeit, diese Anstrengung nicht zu zeigen. Da ist man gespannt, wenn die Macht der Form erklärt werden und es offensichtlich um höhere Weihen gehen soll. Der Titel attachiert sich ja schon Quintilians Forderung, mit scharfen und blitzenden Waffen zu kämpfen. Robert Pfaller lässt seine Waffen, mal Florett, mal Nudelholz, in vielen Feldern blitzen, dem der Kunst voran, der er vorhält, in einem weichgespülten „Konsensmoralismus“ formvergessen zu sein, dazu Umgangsformen der Mode, Urbanität – und insbesondere der Sprache. Insgesamt mäandriert das gefällig durchs feuilletonkommune Meinen. Um im Bildfeld zu bleiben: Meist Spiegelfechtereien, mal auch ein Paukbodentreffer.

Info

„Ich lass mir den Mund nicht verbieten!“ Journalisten als Wegbereiter der Pressefreiheit und Demokratie Michael Haller und Walter Hömberg (Hrsg.), Reclam 2020, 286 S., 24 €

Füchse. Ein Portrait Katrin Schumacher Matthes & Seitz Naturkunden 2020, 160 S., 20 €

Vertrauter Fremder. Ein Leben zwischen zwei Inseln Stuart Hall Argument 2020, 303 S., 36 €

Die blitzenden Waffen. Über die Macht der Form Robert Pfaller S. Fischer 2020, 283 S., 22 €

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06:00 22.11.2020

Ausgabe 48/2020

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