Klaus Walter
Ausgabe 1214 | 19.03.2014 | 12:45

Ein Requiem für die De:Bug

Netzkultur Das Magazin für elektronische Lebensaspekte "De:Bug" gehörte zu den Pionieren seiner Art, nun ist es nach 17 Jahren dem digitalen Kapitalismus zum Opfer gefallen

Ein Requiem für die De:Bug

Bild: Cover

De:Bug wollte immer alles vereinen: Musik, Technik, Netz, Selbstbeherrschung. Wir wollten die Schnittstelle zum Glück sein. Das Glück aber liegt am Ende wohl nicht unbedingt zwischen gedruckten Seiten. An Ideen für alternative Modelle hat es uns nie gemangelt, allein die Um-setzung aus dem Flickenteppich der Unabhängigkeit heraus erwies sich aber immer als unmöglich. Die 181. wird die letzte Ausgabe eines Magazins sein, das 1997 tat, was sein kryptischer Name versprach: „Einen Fehler aufspüren und reparieren“, heißt to de:bug in Computersprech. Der Fehler, den die Gründergeneration gefunden hatte, war eher eine Lücke. Zwar gab es Ende der Neunziger Magazine wie Frontpage, die sich mit elektronischer Tanzmusik beschäftigten. Die ganze Tragweite der digitalen Revolution wurde jedoch erst von De:Bug erfasst, daher der längst sprichwörtliche Untertitel: Elektronische Lebensaspekte. Edward Snowden war 14, wir lasen The Face, nicht Facebook. Ausgerechnet jetzt, da auch Netzphobiker erkennen müssen, dass dieses Internetdingens unser Leben verändert, kapitulieren die Pioniere vor der Logik des digitalen Kapitalismus. Nach dieser ist mit avancierter Pop-Kritik im Netz kein Geld zu verdienen.

Abgesang

Um die Pionierleistungen von De:Bug angemessen zu würdigen, starten wir beim Internetradio ByteFM das Projekt De14181310Bug@ByteFM. Auftakt 1. April, 181 Ausgaben, 185 Sendungen, Ende am 3. Oktober. Am Tag der Deutschen Einheit diskutieren Veteranen der elektronischen Musik digitale Lebensaspekte vor und nach dem Fall der Mauer: Frank Bretschneider (AG. Geige) und Robert Lippok (To Rococo Rot), Ost. Hans-Joachim Roedelius (Cluster) und Ralf Hütter (Kraftwerk), West. Mercedes Bunz, Mitgründerin von De:Bug, später beim Guardian, heute Hochschuldozentin und freie Publizistin zu den Themen Digital Media und Philosophy of Technology, wird ihre Version der Geschichte erzählen. „How German is it“ ist der Titel einer Serie von Simon Reynolds für De14181310Bug@ByteFM. Darin analysiert der Retromania-Autor deutsche Techno-Mythen aus angloamerikanischer Sicht. Am Roundtable über Late Adopters und Genderdifferenzen in elektronischen Lebenswelten sitzen Gudrun Gut (Monika Entrprise), Michaela Melián (F.S.K.), Karl Bruckmaier (BR) und Diedrich Diederichsen (ADBK Wien). Zur Mode in De:Bug wird es eine Performance von Chicks on Speed geben. Sascha Kösch alias Bleed macht „Let it Bleed“, einen Rückblick auf die von ihm in 181 Heften besprochenen 10.542 Maxi-Singles. Chris Köver vom Missy Magazine betrachtet De:Bug aus feministischer Perspektive. De14181310Bug@ByteFM startet am 1. April.

Kein Aprilscherz, eher ein Treppenwitz. Wäre nämlich ein Laden wie ByteFM in der Lage, so eine Serie auf die Beine zu stellen, dann wäre der Ab-gesang auf De:Bug gar nicht nötig. Dann könnten sie sich weiter elaboriert elektronischen Lebensaspekten widmen. Dann hätten wir eine Ökonomie, die qualifizierte Pop-Kritik unter anderen als selbstausbeuterischen Bedingungen ermöglicht. Haben wir aber nicht, also gibt’s nur eine Stunde Radio zum Tod von De:Bug, ohne Gäste, nur Chris Köver von Missy wird zitiert: „De:Bug ist der Grund dafür, dass ich Journalistin geworden bin. Ohne De:Bug als Vorbild wären wir nicht davon ausgegangen, dass man ein Magazin ganz einfach selbst gründen kann. Ich kann schwer in Worte fassen, wie sich das gerade anfühlt.“

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 12/14.