Ein richtiger Roman

Kehrseite "Ich dachte, ich komme da nicht mehr lebend raus." ...

"Ich dachte, ich komme da nicht mehr lebend raus."

"Unsinn! Was soll bei einer Schilddrüsenoperation passieren?"

"Sie hätten mir die Stimmbänder durchschneiden können."

"Rein, wir hätten Gebärdensprache gelernt."

"Das hättest du für mich gemacht?"

"Klar!"

Nachdem Wolf mich vom Krankenhaus abgeholt hat, esse ich zum ersten Mal in der Cantina. Wir kommen ins Lokal, Magda verdreht genervt die Augen. "Ich will dir Rein vorstellen", sagt Wolf, "er hat gerade eine OP überlebt." "Hallo Rein!" "Schwierig heute?" "Ach was, nehmt den! Sie knallt zwei Speisekarten auf einen Tisch mit einem Reservierungsschild.

Kurz darauf betritt der amtierende Außenminister das Lokal. "Buona Sera!" Er setzt sich mit seiner weiblichen Begleitung an den Tisch neben uns. Wegen uns müssen sich die Kerle vom Personenschutz um einen Tisch zusammendrängen.

Ob ich auch bald als Bodyguard für einen Politiker oder Medienfritzen arbeite? Nach ein paar Wochen, die ich mit dem gebrauchten Laptop, das mir Wolf von der Universität mitgebracht hat, in meiner Wohnung verbringen werde, muss ich mich nach einem neuen Job umsehen.

Ein Außenminister am Nebentisch verursacht eine gewisse Beklemmung. Also sprechen Wolf und ich kaum etwas. Ich beobachte Magda. Sie gefällt mir. Ihre Art zu gehen? Nein. Ihre Art zu sprechen? Nein. Auch in den folgenden Monaten, in denen Wolf und ich uns von Montag bis Freitag zur Mittagszeit in der Cantina treffen, können wir uns nicht einigen, warum sie so faszinierend ist.

Kaum ist der Minister und sein Anhang abgeschwirrt, zerreißen Wolf und ich uns das Maul. Eine Frau, mit der er nicht fünf Sätze wechselt? Seine Tochter? "Schlechter Tipp", sagt Wolf, der Außenminister hat sich schon als junger Mann seinen Samenstrang durchschneiden lassen. Eine von deinen Geschichten? Wie diese: In den Tiroler Bergen gibt es noch vorzivilisatorisches Leben. Letzte Woche wurde ein Dorf auf viereinhalbtausend Meter Höhe entdeckt. Dort sind Frauen am ganzen Körper behaart und in der Schamgegend tragen sie mit getrockneten Erbsen gefüllte Säckchen, Kunstpenisse, mit denen Sie ihre Söhne in den Arsch ficken.

Nichts daran ist wahr, nicht einmal, dass es in Tirol Viertausender gibt. Wolf kann solche Geschichten erzählen, ohne mit der Wimper zu zucken. Und ich glaube ihm jedesmal für einen Augenblick.

Magda ist eigentlich Schauspielerin. Immerhin hatte sie drei kleine Auftritte in Fassbinderfilmen. Da hört es aber auch schon auf. Liebt sie es, im Regen spazieren zu gehen? Hat sie jemanden, bei dem sie nachts die Hand zwischen Rücken und Matratze schiebt? Geht sie, die Fassbinderschauspielerin, manchmal ins Kino? "Die macht diesen Job, um zu leben und lebt in der Vergangenheit." "Hast du diese Filme eigentlich jemals gesehen?" Wolf hat. Sie kommt da insgesamt ganze zwei Minuten vor. Warum sollte Magda ihren Job in der Cantina, das seit 20 Jahren ihre Bühne ist, aufgeben? Um wieder auf die Leinwand zurückzukehren, auf der sie dann eigentlich nicht zu sehen ist? Das wäre verrückt. Aber Magda bringt sowas. "Es ist ihr zu wünschen, dass sie sich nicht immer noch nach der großen Karriere sehnt", sagt Wolf. "So was frisst einen auf. Nicht zu wünschen ist ihr hingegen, nach so vielen Jahren, nochmals von vorne anfangen zu müssen. Viel schlimmer, als zu müssen, ist es zu wollen, ohne irgendwelche Aussichten zu haben." Mag sein, Wolf recht hat.

Vor kurzem noch war ich sicher, daß sich die Rahmenbedingungen meines Lebens nicht mehr wesentlich ändern werden. Dann passierte mir eine Dummheit, ein unentschuldbarer Verstoß gegen die Dienstvorschrift. Und raus war ich. So schnell geht das. So gesehen kann ich auch, was Magdas Leben betrifft, nicht sicher sein. Und wenn ich in ein paar Wochen in die Cantina zurückkomme, ist sie möglicherweise weg, und ich sehe sie vielleicht für ein paar Sekunden auf der Mattscheibe.

Magda stellt die Teller mit den Tagliatelle auf den Tisch. "Wollt ihr auch Parmesan?" Ich starre sie an, als hätte ich diesen Satz noch nie von ihr gehört. "Und frischen Pfeffer!", sagt Wolf wie immer. "Wenn bei Fassbinder kein Pfeffer am Tisch stand, war die Hölle los! Und verdammt nochmal, ich war zuständig für den Pfeffer!" Das ist Magdas Text, den wir fast bei jedem Mittagessen wiederholen. Ich starre Magda hinterher. Und plötzlich ist mir klar, was so faszinierend an ihr ist: Obwohl ich kaum etwas über sie weiß, habe ich das Gefühl, alles über sie zu wissen. Sie hat keinerlei Geheimnis. "Quatsch", sagt Wolf, "du willst die vögeln." Ich will nicht. Ehrlich! Wenn ich was von ihr will, dann was anderes. Und was?

Zu der Geschichte, die zu meiner Suspendierung führte, habe ich Wolf nur Stichworte geliefert: "Ewig keinen Sex gehabt. Mit einer Hauptverdächtigen gevögelt. Ihr ein falsches Alibi gegeben. Und das war schon zuviel." Seitdem glaubt Wolf, ich sei ständig notgeil. Stimmt einfach nicht.

"Du musst das aufschreiben. Immerhin hat dir diese Frau den Kopf gekostet. Alle Geschichtsschreibung basiert auf diesem Prinzip. Man sondert Geschehenes schreibend ab. Danach kannst du ein neues Leben beginnen!" Jawohl, Herr Professor!

Ich bin Reinhold Springer, Kommissar a.D. Alle nennen mich Rein. Wozu sollte ich mir einen anderen Namen geben?

Roswitha hat bei einem Fernsehinterview gesagt: "Beim Schreiben hilft es mir, an wirkliche Menschen zu denken." Zufällig wohne ich unter einer großen literarischen Hoffnung unseres Landes. Über Roswithas neuesten Roman sagt die Journalistin: "Eine Kostbarkeit."

Roswitha klopfte vor fünf Jahren zum ersten Mal an meine Tür. "Hi! Ich kenne Sie vom Flur. Ich hab´s rausgekriegt. Sie sind im Morddezernat, stimmts? Finde ich total spannend. Hier hab ich was für Sie. Vielleicht haben Sie Lust, mein Zeugs zu lesen."

Erst sind es einzelne Geschichten in Anthologien, ein Erzählband, schließlich ein Roman. Noch einer. Ein dritter. Abgesehen von den Titeln, lese ich kein Wort davon. Später, als wir ab und zu ins Kino gehen, fürchte ich ihre Frage, wie ich ihr Zeugs finde. Sie fragt nicht. Das nehme ich als sicheren Beweis für meinen Verdacht, den ich von Anfang an habe: Die verwurstet mich in ihrem Zeugs. Ein vorzeitig gealterter Nachbar, aus dessen Wohnung man nie eindeutige Geräusche hört.

Roswitha rauft sich während des Films die Haare und gähnt die ganze Zeit. Alle Figuren, die einmal auftauchen, kommen ein zweites Mal vor. Mir gefällt das. "Ach was! Solche Geschichten gaukeln dir vor, die Welt hat eine Ordnung, die man nur finden muss", sagt Roswitha. "Diese Ordnung gibt es aber in Wirklichkeit nicht. Also ist sie künstlich. Die Kunst ist nicht, diese Ordnung herzustellen." "Sondern?" "Das Chaos mit all seinen Facetten darzustellen. Diese kleinen Filmwahrheiten sind zwar hübsch, wollen dir aber eigentlich weismachen, daß du keinen Spielraum hast. Man muss höllisch aufpassen, nicht darauf reinzufallen."

In der Woche vor diesem Kinobesuch fixiert sich die Idee. Ich würde um eine Arbeit als Bodyguard herumkommen, wenn das Ganze nicht nur eine private Niederschrift für Wolf, sondern ein richtiger Roman werden würde. Ein Kriminalroman.

"Und wenn du alles aufgeschrieben hast", sagt Wolf, "sehen wir uns das nächste Mal in der Cantina." "Das kann Wochen dauern. Ich habe keine Übung. Du wirst mir fehlen. Und Magda auch."

"Dann hau rein in die Tasten!"

Wolf hat mich auf die Idee gebracht. Von Roswitha will ich eine Formel. Worum geht es in richtigen Romanen eigentlich? Auf einen Satz gebracht! Roswitha überlegt. Als wir an einer Ampelkreuzung stehen bleiben, sagt sie: "Wenn er erfolgreich sein soll, handelt ein Roman von Sehnsüchten. Erfüllten und unerfüllten." Das ist alles?

Ich sitze den ganzen Vormittag vor dem Laptop und schreibe. Mittags löffle ich eine Dosensuppe. Magda fehlt mir. Obwohl ich jetzt weiß, was mich an Magda fasziniert, gibt sie mir ein neues Rätsel auf: Was eigentlich genau ist es, was mir fehlt? Ich wüsste es, wenn ich Wolf eine Antwort auf seine Frage geben könnte, was ich von ihr will. Ist es das Essen, das sie auf den Tisch stellt? Oder, dass sie mir das Essen auf den Tisch stellt? Dass jemand da ist, der es tut? Und dabei immer dieselben Sätze sagt? Also eine Art Automat? Der aber bei Bedarf auch Gefühle zeigt? Also doch was Menschliches? Also fehlt mir nicht eigentlich Magda, sondern jemand. Aber dieses Jemand könnte auch Magda sein. Muss aber nicht. Sehne ich mich einfach nach jemandem, der da ist? Der so geheimnislos ist, dass er alles ist, was ich möchte? Verdammte Sehnsucht. Sie macht einen verführbar. Das kann, wie ich selbst erfahren habe, den Rahmen sprengen. Aber Sehnsüchte wird man nicht los, indem man den Kopf schüttelt. Vielleicht, indem man darüber schreibt.

Ich nehme den Teller, gehe damit ins Bad und kippe die Dosensuppe ins Klo. Ich gehe zurück an den Schreibtisch. Ich lese, was ich bisher geschrieben habe.

Wenn Roswitha recht hat, schreibe ich gerade an einem richtigen Roman.

00:00 04.02.2005

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