Ein Ritter von sinnlicher Gestalt: „Don Quijote“

Hörspiel Klaus Buhlert hat gemeinsam mit der DLF-Dramaturgin Elisabeth Panknin den Klassiker "Don Quijote" für das Radio eingerichtet

Seit Jahrhunderten gilt Don Quijote als Beispiel des tragischen Irrtums und der absurden Komik scheiternder Weltverbesserer. Der gebildete Ritter von trauriger Gestalt glaubt, er müsse handeln mit allem Mut und aller Hingabe, um eine verrückte Welt wieder zurechtzurücken. In den Augen dieser Welt ist er der ­Verrückte: Bildungs­niveau und mora­lische Forderungen des Ritters siedeln in Höhen, aus denen sie von der ehrlichen Sicht, nicht seines Knechtes, ­sondern Freundes Sancho Pansa, heruntergeholt werden. Das ist der Abstand zwischen Ideal und Wirklichkeit. Und weil man meint, den ­Roman zu kennen, ohne ihn wirklich gelesen zu haben, werden immer ­wieder leidenschaftliche Verteidiger ­ihrer ­Ideale, die sich von den Windmühlenflügeln einer grausamen Realität ­zerschmettert lassen, mit Don ­Quijote identifiziert.

In einer Dramatisierung, also in ­Filmen oder Theateraufführungen, ist das große Werk bisher schwer fassbar gewesen. Ein Versuch von Orson Welles blieb eher Fragment, die Anstrengung, die Terry Gilliam Jahrzehnte später ­unternahm, produzierte den Dokumentarfilm Lost in La Mancha, der das ­Scheitern des Projekts beschreibt. Ist der Don Quijote also kein Stoff, der fürs ­Drama taugt?

Fürs Erste liegt eine neue Bearbeitung als Hörspiel vor. Hörspiele und Lesungen im Radio erfreuen sich eines wachsenden Publikums, die Bearbeitungen von Moby Dick oder der Ilias, beide unter Regie von Klaus ­Buhlert im Deutschlandfunk (DLF), wurden von den Hörern begeistert aufgenommen.

Buhlert hat gemeinsam mit der DLF-Dramaturgin Elisabeth Panknin jetzt Don Quijote für das Radio eingerichtet, in einer Koproduktion mit dem Hessischen Rundfunk. Die zugrundeliegende Übersetzung stammt von Susanne ­Lange und aus dem Jahre 2008. In der Übertragung der barocken Sprache ist sie verständlicher, nüchterner als ­vorhergehende; dennoch ist viel alter Wortschatz und viel von Sanchos ­Volkswitz erhalten geblieben: „Es ist nicht ­alles Butter, was auf den Markt kommt.“

Quijote und Sancho führen ihren ­Dialog reitend durch ödes Land. Sie erfahren kaum etwas, das man Heldentat oder Abenteuer nennen könnte, ihre Reden und Deutungen des Erlebten ­bilden den eigentlichen Kern des Werks. Was womöglich erklärt, warum sich eine auf action angewiesene Dramatisierung im Bild so schwer tut. Buhlert und Panknin, die mit glücklicher Hand des unvermeidlichen Rufus Beck als Quijote, Thomas Thieme als Sancho und Anna Thalbach als helle Zwischenruferin engagiert haben, sehen das Werk nicht nur als satirischen Zeitspiegel und pralles Lebenspanorama, ­sondern begreifen ihn als immer währenden Dialog über Literatur, über das Erzählen und Überliefern von ­Geschichten, deren Poesie und deren Wahrheit.

Das Hörspiel hat die Texte ganz und gar in eine Wechselrede verwandelt; so sind Beck und Thieme Erzähler und Figur in einem. Das schöne Hin-und-Her zwischen beiden Stimmen ist eingebettet in die Räume, die Perkussion und Fandangoklänge ihnen schaffen. Dabei kommen die beiden dem Hörer emotional näher, als Cervantes es in seinen selbstironischen Brechungen erlaubt. Die Verehrung der Bäuerin etwa, die Don Quijote zu seiner Dame Dulcinea del Toboso erhoben hat, sein ganzer Liebeswahn also wirkt entschieden ernsthafter und sinnlicher als in der Lektüre.

Sendetermine im DLF: 9., 16. und 23. Oktober 2010, jeweils 20.05 Uhr. Das Hörbuch Don Quijote de la Mancha erscheint im Hörverlag Mitte Oktober, sechs CDs, 29,95

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12:35 12.10.2010

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