Ein Samurai

Porträt Woody Allen ist fast 80 Jahre alt, aber hat noch immer den Elan eines eiskalten Schwertkämpfers. Sein neuer Film „Blue Jasmine“ ist ein Meisterwerk
Catherine Shoard | Ausgabe 43/2013

Woody Allen sieht nicht aus wie ein Samurai. Mit 77 Jahren wirkt er eher wie eine Spielzeugfigur seiner selbst. Man muss aufpassen, dass man ihn nicht aus Versehen nimmt und auf das Fenstersims stellt. Sein grünes Hemd wirft Blasen, die Hosen sind weit hochgekrempelt. Es sei gut, dass er morgens eine Pause habe, sagt er, um vier müsse er schon wieder ein Nickerchen machen. Er lächelt milde, das linke Auge zusammengedrückt, in einem Ohr das Hörgerät. Die Welt kennt Woody Allen als Liebhaber, nicht als Kämpfer. Daran hat sich nichts geändert, auch wenn er auf die 80 zugeht.

Und dennoch vergleichen ihn zwei Schauspieler, mit denen er jüngst zusammengearbeitet hat, mit einem eiskalten japanischen Schwertkämpfer. Da wäre John Turturro, der Regie in Fading Gigolo führte, in dem Allen einen ungewöhnlichen Zuhälter spielt: „Sicher, ein Samurai.“ Er zuckt mit den Schultern. „Er ist einer der zähesten Menschen, die mir je begegnet sind.“ Und dann ist da Cate Blanchett, die bei Allen die Hauptrolle in Blue Jasmine spielt, seinem neuesten Film. Blanchett greift das Wort auf und ist beinahe erleichtert: „Ja! Ein sehr kleiner Samurai mit Brille. Ich denke, ihm würde diese Beschreibung gefallen.“

Sie gefällt ihm nicht. Oder zumindest versteht er sie nicht. Ich muss das Wort dreimal aussprechen, bevor er begreift, was ich sage. „Ein Samurai?“, fragt er. „Wohl kaum.“ Er lacht, fassungslos. Aber sie haben recht. Woody Allen ist ein Krieger. Er weiß es nur nicht.

Der Fall Bernie Madoff

Das Erste, was an seinem neuen Film überrascht, ist die Qualität. Dem Fan, der sich mit der Zeit an die abnehmende Qualität von Allens Filmen gewöhnt hat, kommt Blue Jasmine nicht so sehr wie die in solchen Momenten oft behauptete „Rückkehr zu alter Form“ vor – sondern wie ein kleines Wunder.

Die zweite Überraschung besteht in Allens Bösartigkeit. Nach seinem kommerziell bislang erfolgreichsten Film, Midnight in Paris, hätte man vermuten können, Allen fabriziere auf seine alten Tage nur noch verschnarchte Harmlosigkeiten. Aber Blue Jasmine schlägt um sich, kratzt und macht gewaltig Radau: eine griechische Tragödie über eine Park-Avenue-Prinzessin mit einer gewaltigen Klatsche.

Die Idee stammt von Allens Frau Soon-Yi. Die erzählte ihm von der Freundin einer Freundin – einer Bankiersgattin, die einen Zusammenbruch erlitt, als sie erfuhr, dass ihr Mann sie betrügt und in eine Schneeball-System-Betrügerei verwickelt ist. Kritiker haben auf die Aktualität des Themas hingewiesen und wollen in Jasmine eine Aufarbeitung des Falles Madoff sehen. Allen überzeugt das nicht. „Daran habe ich nicht gedacht“, sagt er, „ich greife öffentliche Ereignisse nicht stärker auf als früher. Im wirklichen Leben gehe ich natürlich wählen und mache Werbung für Leute, die ich mag. Ich interessiere mich für Politik. Aber wenn ich schreibe, ist mir das egal. Und das war in diesem Fall auch so. Das ist reiner Zufall.“

Jasmine ist pleite und völlig verunsichert, als sie bei ihrer Adoptivschwester Ginger (Sally Hawkins) in San Francisco einzieht. Ihr Schicksal ist noch nicht ausgemacht. Sie besorgt sich einen Job als Empfangsdame in einer Zahnarztpraxis und erweckt das Interesse eines strahlenden Verehrers (Peter Sarsgaard). In Rückblenden erfahren wir Details dessen, was zuvor alles schiefgegangen ist. Und die Versuche Gingers, unter dem Einfluss Jasmines ihren Verlobten, den Automechaniker Chili, gegen ein Modell aus der Mittelschicht einzutauschen.

Besonders aktuell ist das nicht. Und Allen ist ebenfalls skeptisch in Bezug auf die Theorie, bei Blue Jasmine handle es sich um eine moderne Version von Endstation Sehnsucht. Was aber dann? Eine Warnung für Zwillinge, sich nicht gegenseitig in den Abgrund zu stürzen? (Allen und Soon-Yi haben selbst zwei Adoptivtöchter im Teenageralter.) Allen schließt höflich die Augen. „Eine warnende Fabel?“ „Nein. Ich dachte mir lediglich, dass das eine interessante Situation für eine Frau sein könnte. Eine solche Figur hätte ich vor vierzig Jahren nicht entworfen. Ich frage mich, ob ich das damals gekonnt hätte. Ich glaube, mir hätten die Fertigkeiten gefehlt, und ich habe diese Art von Frau erst später kennengelernt.“

Allens Karriere kann anhand seiner Frauenfiguren beschrieben werden. In den „frühen Filmen fungierten sie als sexy Accessoires. Dann kamen die Jahre mit Diane Keaton und die Ära Mia Farrows und mit beiden eine Reihe weiblicher Charaktere, die zu den interessantesten aller Zeiten gehören. Auf die Trennung von Farrow 1992 folgte ein Rückfall ins Klischee. Und nun, aus dem Nichts, ein Meisterwerk.

Allen hat schon früher von seiner Vorliebe für „Kamikaze-Frauen“ gesprochen, die einen nach einer Trennung zerstören. Jasmine ist aus solchem Holz geschnitzt. Man hofft, im Laufe des Films etwas zu erfahren, das einen für sie einnehmen würde, bekommt aber nur weitere belastende Hinweise. Eine Charakterstudie – und gleichzeitig die Vernichtung einer Figur.

Jasmine besiegelt ihr Schicksal, weil sie ihren Gefühlen nachgibt. In einem entscheidenden Augenblick erliegt sie einem „Tobsuchtsanfall“, wie Allen das nennt. Da ist es dann mit seiner Toleranz vorbei. „Sie hätte sich scheiden lassen können, ihm verzeihen, mit ihm reden, ausziehen. Aber sie schlägt nur blind gegen die Wand und läuft Amok, ohne an die Folgen zu denken. Man erlebt solche Wutanfälle bei Erwachsenen ständig. Du fährst auf dem Highway, ein Wagen touchiert dich, der Fahrer steigt aus und ist bereit, dir den Kopf abzureißen!“ Allen mag so etwas schon erlebt haben. Ihn selbst scheint aber nichts mehr aus der Ruhe bringen zu können. Gewiss spielt er den Neurotiker, aber hinter der unruhigen Oberfläche verbergen sich ein klarer Kopf, ein unbeugsames Herz und – Diane Keaton zufolge – „Eier aus Stahl“. Er schätzt Gelassenheit, besonders bei sich selbst.

„Ich glaube, dass er unheimlich diszipliniert ist“, sagt Cate Blanchett, um die Samurai-Theorie zu untermauern. „Es ist immer davon die Rede, wie locker er doch sei und dass der den Schauspielern freie Hand lasse. Aber er weiß ganz genau, was er nicht will. Er isst jeden Tag das gleiche zum Frühstück und trägt jeden Tag die gleichen Sachen. Ich meine, er wäscht sie. Aber er hat 20 Mal dieselben Ralph-Lauren-Klamotten.“ Das passt gut zu Allens selbstironischer Bemerkung, 80 Prozent des Erfolgs bestünden darin, aufzutauchen.

Männer in der Krise

Die Tugenden des Handwerks wurden ihm von seinen Eltern eingetrichtert. Mutter Nettie war Buchhalterin, Vater Martin Kupferstecher. Sie waren damit so erfolgreich, dass Allen mit 17 als Gagschreiber für Comedians und Kolumnisten bereits mehr verdiente als die beiden zusammen. Mit 19 war er bei 1.500 Dollar pro Woche angekommen und arbeitete für Sid Caesar. Noch heute dreht er einen Film pro Jahr, hält sich an jeden Zeitplan und an jedes Budget – wie ein Uhrwerk.

Als ich mich an einem Punkt verächtlich über Jasmines Versuche äußere, durch einen Beziehung sozial aufzusteigen, widerspricht Allen: „Ich halte die Hoffnung für vernünftig, jemanden zu treffen, der einem im Leben ein Maß an Sicherheit und Vergnügen bieten kann.“ Männer hätten es da schon immer einfacher gehabt. „Sie glauben, sie hätten mehr Kontrolle. Sie kriegen einen Job, klauen sich das Geld oder tun irgendetwas, um ihre Situation zu verbessern. Sie sind nicht auf ihre Gattinnen angewiesen, um sich zu verbessern.“

Wie fühlen sich Männer dabei? „Ich glaube nicht, dass Männer sich mit dem Fortschritt des Feminismus besonders wohl fühlen“, sagt er völlig ungerührt. „Sie sind in einer Gesellschaft aufgewachsen, in der Frauen eine Rolle zu spielen hatten und Männer auch. Einige aufgeklärte Männer begrüßen und unterstützten die Entwicklung. Aber ich bin mir nicht so sicher, ob es nicht auch sie eine gewisse Anstrengung gekostet hat, Frauen in Funktionen zu akzeptieren, auf die sie Anspruch haben.“

Können die Menschen also nicht mit den gesellschaftlichen Strukturen Schritt halten? Allen runzelt die Stirn. „Es ist eine Frage, welcher Schicht man angehört.“ Er lebe in einem Umfeld, das es ihm leicht mache, liberal zu sein. „Ich musste nie in die Fabrik und brauchte nie jemanden, der sich um die Kinder kümmert.“ Mit zunehmendem Alter nehme sein Mitgefühl zu. „Im Laufe der Jahre bekommt man mit, wie sehr die meisten Menschen in ihrem Leben kämpfen müssen und wie leicht es ist, von außen zu urteilen und zu kritisieren. Ich bin gegenüber menschlichen Fehlern toleranter geworden. Jeder versucht sein Bestes. Das ist nicht immer leicht zu erreichen.“

Woody Allens neuer Film Blue Jasmine startet am 7. November hierzulande Catherine Shoard ist Filmredakteurin beim Guardian

Übersetzung: Holger Hutt

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06:00 06.11.2013

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