Ein Satz wie ein Peitschenhieb

Biografie Der Journalist Georg Diez erzählt vom Tod seiner Mutter. Die Professionalität, mit der er das tut, lässt frösteln

Alle Menschen werden geboren und alle Menschen müssen sterben. Das haben sie gemeinsam. Aber es trennt sie auch.

Hannelore Diez kam 1935 in Bremen zur Welt. Der Vater prügelte oft und gern, die Mutter war kalt und selbstsüchtig. Ein Elternhaus, das man, sofern man die Kraft dazu hat, so früh wie möglich verlässt. Als Hannelore ging, war sie noch keine 20. Doch es sollte noch Jahre dauern, bis sie da angekommen war, wo sie hinwollte.

Ihr Sohn, Georg, dem wir diese Auskünfte verdanken, wurde 1969 geboren. Als er sechs Jahre alt war, ließen seine Eltern sich scheiden. „Ich kann mich an wenig erinnern aus der Zeit vor der Scheidung und auch an wenig aus der Zeit direkt danach“, schreibt er. Aber was ihm einfällt, klingt gut. Mit dem Vater fuhr er in die Ferien, „nach Istrien, Irland und Südtirol“. Die Mutter finanzierte ihm Ski- und Surfkurse. Als Schüler verbrachte er ein Jahr in den USA. Eine fast perfekte, gutbürgerliche Jugend. Heute ist Georg Diez Journalist. Einer von denen, deren Geschichten man gerne liest, auch wenn sie von unerfreulichen Dingen handeln. Hannelore Diez ist tot. Sie starb im Dezember 2006 an Krebs. Zu früh, wie in solchen Fällen oft gesagt wird, und es ist wahrscheinlich, dass sie es genauso empfunden hat. Schließlich gehörte sie zu einer Generation von Frauen, denen der Anspruch auf Selbstverwirklichung nicht bloße Phrase war. Einer tückischen todbringenden Krankheit ausgeliefert zu sein, passt nicht zu einem solchen Lebensentwurf.

Mit letzter Kraft

Diez hat ein Buch über das Sterben seiner Mutter geschrieben. Es handelt aber auch von ihm selbst, dem Sohn, der versucht, seiner eigenen Ohnmacht und Hilflosigkeit auf den Grund zu gehen. Denn der Umgang mit der schwerkranken Frau, die familiäre Strukturen seit langem mit größtem Misstrauen betrachtet, ist nicht einfach. „Sie schwang diesen Satz wie einen Peitschenhieb und mit letzter Kraft“, wird eine der nicht seltenen Zurückweisungen beschrieben, die es auszuhalten gilt.

Mit 58 Jahren erkrankt Hannelore Diez an Brustkrebs. Sie nimmt die Diagnose als Herausforderung und beginnt ein neues Leben. Es ist nicht das erste Mal. Ihre Biografie ist reich an solchen Brüchen, die sich natürlich auch als Stationen auf dem Weg zur Selbstverwirklichung deuten lassen, von der Flucht aus dem lieblosen Elternhaus über die als Zwang empfundene Ehe hin zum Emanzipationsprozess seit den frühen siebziger Jahren.

Und man bekommt den Eindruck, erst jetzt kann sie ein Leben führen, wie sie es schon immer wollte. Sie kündigt ihren Job und macht sich selbständig. Sie schreibt ein Buch. Sie beginnt zu reisen. Fast zwölf Jahre dauert diese Zeit, in der Hannelore Diez lebt, „als habe ihr die Krankheit eine Welt eröffnet“. Aber das macht diese nicht weniger tödlich.

Unmittelbar im Anschluss an die zitierte Passage holt einen der Autor zurück in die elende Alltäglichkeit des Siechtums. Seine Mutter klagt über Schmerzen – die Chemotherapie hat ihre Mundschleimhaut angegriffen – und geht ihm damit auf die Nerven, obwohl er weiß, dass es ihr gut tut, „jemanden zum Jammern zu haben“. Die Distanz bleibt, trotz aller Fürsorge.

Ein kurzer Druck

Georg Diez ist ein sehr guter Erzähler, einer, der weiß, wie er seine Worte setzen muss, um seine Leser gefangen zu nehmen. Winzige Situationen schildert er auf eine Weise, dass es scheint, als spiegele sich in ihnen der Gehalt der ganzen Geschichte wider. „Ich kippte den Rollstuhl an der Tür etwas an“, heißt es etwa zu Anfang des Buches, „und wie jedes Mal, wenn ich das tat, fühlte ich mich erwachsen und fürsorglich und gut, der ganze Ernst der Situation lag in diesem Kippen, das ein paar Monate später das Kippen des Kinderwagens war, den Fuß an die Hinterräder gestemmt, ein kurzer Druck auf den Griff, eine Autorität, die ich bis dahin nicht gekannt hatte.“

In dieser Parallelisierung – kaum einen Monat nach dem Tod der Mutter wird Diez selbst zum ersten Mal Vater – erschließt sich für den Erzähler ein Sinn von Familie, der ihm früher offenbar fremd gewesen ist. Erst nach und nach habe er sich von der „Kälte“, die seine Mutter „aus ihrer Familie, aus ihrem Elternhaus mitgebracht hatte“, frei machen können.

Es ist die Kunst, ambivalente Gefühle in eine im besten Sinne anrührende Prosa zu verwandeln, für die man Diez bewundern kann. Aber eben diese Könnerschaft sorgt auch für ein leises Unbehagen, das ausbliebe, handelte es sich um fiktionale Literatur. Es ist aber der tatsächliche Tod seiner wirklichen Mutter, deren Bild auf dem Schutzumschlag zu sehen ist und deren Kurzbiografie man unter der des Sohnes als Klappentext lesen kann, von dem der Autor unter Aufbietung all seiner professionellen Fähigkeiten erzählt. Und man beendet das Buch mit einem leichten Frösteln.

Der Tod meiner Mutter Georg Diez. KiepenheuerWitsch. Köln 2009, 200 S., 16, 95

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19:21 19.11.2009

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