Ein scheuer Verdacht

Der Pisser Ich bin der Einzige im Haus ohne Gegensprechanlage. Ich finde, man kann gut ohne leben. Wenn es klingelt, sind es oft die drei kleinen Albanerinnen ...

Ich bin der Einzige im Haus ohne Gegensprechanlage. Ich finde, man kann gut ohne leben. Wenn es klingelt, sind es oft die drei kleinen Albanerinnen vom dritten Stock. Ich weiß bis heute nicht, warum sie es immer bei mir versuchen. Manchmal nervt es natürlich. Doch dann lächeln sie immer so süß.
Meine Nachbarn sehen es nicht gern, wenn ich einfach aufmache. Man weiß ja nie. Vor einem Jahr haben sich einmal zwei junge Russen auf dem ersten Treppenabsatz eine Nadel gesetzt. Oder waren es Kirgisen? Meine Nachbarin wollte schon die Polizei holen. Aber die beiden waren sehr freundlich und ich habe sie einfach gebeten, wieder zu gehen. Natürlich war es nicht schön anzusehen, wie ihnen immer wieder die Augenlider über die Pupillen rutschten und der Oberkörper langsam in die Knie absackte. Aber sie kamen wohlbehalten die Treppe runter.
Am brutalsten klingeln die Werbefritzen. Und wenn sie ihre Propaganda in die Briefkästen pfeffern, schallt es durchs ganze Treppenhaus. "Keine Werbung" steht auf meinem Kasten, und meistens wird das auch respektiert. Wenn die anderen im Haus sich ebenso verweigerten, würde das Sturmgeklingel irgendwann von selbst aufhören. Überhaupt ein Scheißjob. Warum werfen die Verteiler das Zeug nicht einfach in die Tonne. Kann das wirklich jemand kontrollieren?
Ich werde nie zu denen gehören, die erst öffnen, wenn sie genau wissen, wer rein will. Natürlich kommt immer wieder mal was vor. Es gibt ja auch Leute, die öffnen überhaupt keine Tür mehr. Aus Angst, dass was passiert. Wer meint, eine Gegensprechanlage würde irgendwas verhindern, hat keine Ahnung. Wenn jemand wirklich rein will, kommt er auch so rein.
Der Pisser zum Beispiel. Dieser ekelhafte Typ. Seit Monaten pisst jemand ins Treppenhaus. Immer wieder. Wenn es noch frisch ist, riecht es kaum. Aber am Tag darauf wird es unerträglich. Die Lache zieht in die Fliesen und bildet weiße stinkende Ränder. Er macht es immer ganz unten, immer vor den Briefkästen.
Du lässt ja auch jeden rein, sagen meine Nachbarn. Und sie wissen nicht, was sie sagen. Klingelt einer regelmäßig irgendwo an, um dann ins Treppenhaus zu pissen?
Erst hab ich mir gedacht, es ist der Scheue von ganz oben. Lange blonde Haare, riesige bunte Hemden, immer allein und husch an dir vorbei, mit angstvollem Blick ganz aus dem Winkel. Wenn man ihn anspricht, zuckt er zusammen und zieht noch halb im Schock die Stöpsel aus den Ohren. Er hat immer welche drin. Dann redet er auf einmal im Stakkato los und will schier nicht mehr aufhören. Ob der im Treppenhaus seine Marke setzt, einfach so?
Nee, der Scheue ist es nicht. Auch wenn es jemand sein muss, der Zugang zum Haus hat. Ich habe mit ihm darüber geredet. Er war weitschweifig, wirkte aber nicht erschrockener als sonst. Ich bin so gut wie sicher, dass es der Scheue nicht ist.
Und die Kinder? Die drei Mädchen haben zwei Brüder. Der Kleine ist noch ein Baby, aber der Große wäre schon groß genug für eine solche Schweinerei. Ich habe auch mit ihnen geredet und sie waren ganz locker.
Bleibt noch die Frau vom ersten Stock, die vor gut sechzig Jahren im Hinterhaus geboren wurde. Ach, die ist es auf keinen Fall. Die restlichen Wohnungen stehen leer. Und meine Nachbarn? So etwas würden die nie tun.
Ist es ein Hund? Hier hat niemand einen. Müsste schon eine Töle sein, die regelmäßig zu Besuch kommt. Die Frau, die den Hausflur putzt, zum Beispiel, die hat immer ihren struppigen kleinen Beißer dabei. Eines Tages überwinde ich mich und spreche sie ganz vorsichtig an. Habe höchsten Respekt vor denen, die anderer Leute Dreck wegmachen. Das ist ja widerlich, sage ich zu ihr, und Sie werden ja auch nicht dafür bezahlt, Fäkalien aufzuwischen. Aber sagen Sie mal: könnte es vielleicht sein, dass Ihr Hund ...? - Das ist vom Menschen, ich weiß wie das riecht, sagt sie. Und außerdem, mein Hund? - Nie und nimmer. Sie hat Recht. Auch von der Menge her würde es nicht passen.
Nach Schrubber und Essig kann man erst mal wieder halbwegs atmen im Treppenhaus.
Als ich vor ein paar Tagen aus dem Fenster sehe, schiebt der Postbote gerade seinen gelben Wagen von unserem Haus weg. Ich gehe runter, um in den Briefkasten zu schauen und blicke auf eine riesige Pfütze. Ganz frisch, noch dabei sich auszubreiten. Zuerst glaube ich nicht, was ich vermute. Der Postbote ist doch immer so nett. Aber er hat einen Schlüssel. Und er kommt regelmäßig. Vielleicht macht er´s einfach, während er die Briefe einwirft. So ein Schwein. Dass der sich das traut. Vielleicht denkt er sich noch nicht mal was dabei? Draußen ist es warm und der Gestank nimmt täglich zu.
Ich rede noch mal mit dem Scheuen. Vor ein paar Monaten, als vor unserem Haus ein Bauwagen stand, habe er vom Fenster aus beobachtet, wie der Postbote immer wieder da hingemacht hat. Der Scheue zieht die Nase hoch und zeigt ein bisschen die Zähne.
Hier hat der Postbote also seine Ecke, und wenn gerade niemand guckt, ist der Hausflur dran. Jetzt geht es nur noch darum, ihn dabei zu erwischen. Und dann ist für die Putzfrau eine Wiedergutmachung fällig, soviel steht fest.
Als ich dem Scheuen gestern im Hausflur begegne, fängt er plötzlich von selbst an zu reden. Also den Bauwagen habe er gar nicht richtig sehen können und von einer Pisslache wisse er überhaupt nichts. Und riechen könne er erst recht nichts ...

00:00 23.08.2002

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