Ein Schiff wird kommen

Rumänien/Ukraine Zwischen Schlagbäumen und Freihäfen – auf der Suche nach der unerreichbaren moldawischen Donau

Mein Tagtraum von der moldawischen Donau begann damit, dass mich Theaterleute um einen Donau-Essay baten. Anlass war ein „Donau-Drama“, für das Dramatiker aus allen Donauländern jeweils eine Szene geschrieben hatten. An den Theaterleuten gefiel mir ihr Sinn für Gerechtigkeit. Sie hatten nicht nur die bekannten Donaustaaten aufgenommen, sondern auch das ärmste und vielleicht verrufenste Land Europas, das die Donau an seiner winzigen Südspitze auf wenigen hundert Metern berührt.

Die Szene des Dramas, die an der moldawischen Donau spielte, war mit Abstand die wüsteste. Der moldawische Journalist Pavel Paduraru ließ darin eine Ex-Prostituierte auftreten, die ihre Niere feilbietet und den etwaigen Einbau ihrer Niere in einen europäischen Körper als Beispiel „europäischer Integration“ beschreibt. Das war Moldawien-Kolportage, wie man es kennt. Ich wollte unbedingt selbst am Strand dieser Donau spazieren.

Der Bus fuhr nicht weiter

Ich träumte davon, an Bord eines moldawischen Schiffes an der moldawischen Donau einzulaufen. Der Traum war realistisch, in der Saison 2008/09 war ein solches Schiff namens Princess Elena von Giurgiulesti über das Schwarze Meer nach Istanbul gefahren. Ich rief dort an. Die Agentur-Mitarbeiterin schloss nicht aus, dass die Princess Elena 2010 wieder ablegen würde und legte mitten im Gespräch auf. Später rief ich wieder an. Niemand konnte mir sagen, ob das Schiff wieder fahren würde.

Dass die moldawische Donau so ungreifbar war, zog mich an. Aus allen Quellen ging hervor, dass beim Dorf Giurgiulesti Moldawiens einziger Donauhafen entstand. Aber schon über die Länge des moldawischen Donauzugangs war keine Klarheit zu erzielen. Die deutsche und rumänische Wikipedia behauptete, Moldawiens Donauzugang sei 600 Meter lang, die englische, russische und polnische Wikipedia gaben 480 Meter an. Die norwegische und italienische wussten von ursprünglich 340 oder 380 Metern zu berichten, welche durch eine 1999 geschlossene Vereinbarung auf 570 oder 590 Meter aufgestockt worden seien. Die ukrainische Wikipedia behauptete, Moldawien habe seine Donau von der Ukraine geschenkt bekommen. Ukrainische Zeitungen schrieben, die moldawisch gewordene Donau sei gegen ein moldawisch kontrolliertes Straßenstück im Dnjestr-Schilf eingetauscht worden, die Moldawier hätten ihren Teil der Tauschhandlung aber nicht umgesetzt. War die moldawische Donau Diebesgut?

Ich musste einsehen, dass die Princess Elena nicht fahren würde und nahm den Bus von der moldawischen Hauptstadt Kischinau nach Giurgiulesti. Der Bus durchfuhr Giurgiulesti und bog auf eine staubige Landstraße ab. Zwei Tankstellen, dann noch zwei einstöckige Gebäude mit Café-Läden, ein Schlagbaum, Ende. Der Bus fuhr nicht weiter, ich und noch ein letzter Fahrgast stiegen aus.


Links musste die ukrainische, rechts die rumänische, vorn die moldawische Donau sein. Der Hang war abfallend. Ich sah einen breiten Fluss. Ich wandte mich an den nächstbesten Schlagbaum und trug der Uniformierten mein Anliegen vor: „Ich möchte die moldawische Donau sehen.“ Sie runzelte die Stirn, überprüfte meine Papiere, rief einen Vorgesetzten an. Ich wurde abgeholt, ein paar hundert Meter die Straße hinunter geleitet, zu einer Art Grenzübergang. Dort wurde ich anderen Beamten übergeben. Einer geleitete mich über Bahngleise und abschüssiges Gelände. Man reagierte durchaus liebenswürdig auf meinen Wunsch und übergab mich jeweils einem weiteren Vorgesetzten. Der Vorgang wiederholte sich etwa sieben Mal. Ich drang so bis in das kleine Abfertigungsgebäude des Passagierhafens vor.

Es ließ sich alles gut an, mein Begehren zauberte ein weiches Lächeln auf das harte Antlitz der Diensthabenden unten. Dann war plötzlich Schluss, ein weiterer Vorgesetzter ließ mir sein Njet ausrichten. Ich versuchte mir den Anblick des Flusses gut einzuprägen, da begriff ich endlich, dass es sich um den rumänisch-moldawischen Grenzfluss Pruth handelte und dass die Princess Elena auch vom Pruth abgelegt hatte. Ich befand mich am Grenzübergang zu Rumänien. Die moldawischen Grenzer hatten selbst keinen Zugang zur Donau und waren wohl einfach zu stolz, mir das zu sagen.

Ich wurde an einen anderen Schlagbaum geschickt, zum Free Economic Port, weiter oben. Ein hochprofessioneller, vier Meter hoher Metallzaun mit Stacheldrahtaufsatz hegte ein Gelände ein, das weiter hinten noch einmal von einer strahlend weißen Mauer umschlossen war. Dahinter strahlten blitzsaubere Gebäude und silbrig schimmernde Kornspeicher. Diese außerirdisch perfekte Anlage verdeckte den Blick auf die moldawische Donau.

Ich ging zum Schlagbaum jenes Free Economic Port. Der Wächter war ein großer geschorener Bär und ließ mich nicht ein. „Der Direktor ist sowieso ein Ausländer. Er wohnt wie die ganze Führung in Rumänien drüben, wegen der besseren Bedingungen. Rufen Sie seine Sekretärin an!“ Weder die Sekretärin noch der englische Direktor stellten mir fernmündlich die Erlaubnis zum Betreten des Freihafens aus.

Es waren schwarze Schafe

Ich wanderte um den Stacheldraht herum, stieß nur auf die Wachtürme der ukrainischen Grenze und näherte mich lieber einer Gruppe von Bauern. Sie lagerten müßig auf einem weiten Feld, ein kleines Mädchen saß an einen sitzenden Mann gelehnt. Eine Schafherde, es waren schwarze Schafe drunter, wurde gerade über die Wiese getrieben. Die Bauern von Giurgiulesti fanden es gut, dass Moldawien nun einen Hafen habe, jetzt könnten die Ukrainer nicht mehr für die moldawische Fracht kassieren. Über den von einer niederländischen Firma betriebenen Freihafen sagten sie: „Die betrügen uns“. Aus den versprochenen Arbeitsplätzen sei nichts geworden.

Ich wanderte den ganzen Tag herum und hörte mir die Geschichten von Giurgiulesti an, düstere Geschichten. „Uns braucht niemand“, „wir sind bloß billige Arbeitskraft“, „wir sind Sklavinnen“, „wir sprechen das reinste Rumänisch Moldawiens“, „Rumänien ist uns um 50 Jahre voraus“, „der rumänische Lokalbesitzer behandelt uns auch wie Sklavinnen.“

Eine Frau sagte, an der moldawischen Donau habe es Krebse gegeben. Eine andere erzählte, dass der Zugang zur Donau unter der Sowjetmacht verboten war, wegen der nahen Grenze zu Rumänien, aber nach der moldawischen Unabhängigkeit habe sie in der moldawischen Donau gebadet. Seit dem Bau des Freihafens war das wieder verboten. Eine Hochzeitsgesellschaft zog durchs Dorf, ließ mich aus einer Karaffe selbstgemachten Rotwein der Sorte Saperavi trinken. Der Wein war nicht gut, aber die Leute herzlich.

"Die müssen hier weg"

Als ich wieder am Schlagbaum des Freihafens vorbeikam, winkte mich der Wächter zu sich. Er war plötzlich sehr nett, er wollte reden. Über seine Arbeitgeber sagte er: „Moldawier sind für sie Menschen zweiter Klasse.“ Er sagte, er verdiene im Freihafen 150 Dollar, das reiche gerade für seine Fixkosten, er müsse also während der Arbeitszeit überlegen, wie er mit einem zweiten und einem dritten Job an Geld komme. „Meine zweijährige Tochter wird eine Schönheit“, sagte er mit aufgerissenen Augen. Er formte seine Hände zu einer überdeutlichen Geste, zu großen Frauenbrüsten. „Sie wird Kleidung brauchen.“ Er habe deswegen dafür gesorgt, dass seine Tochter im benachbarten rumänischen Galati auf die Welt kam, „so wird sie mit 14 den rumänischen Pass kriegen. Ich denke nicht mehr an mich, ich denke nur mehr an meine Kinder. Die müssen weg hier.“

Der Wächter war früher Polizist und erklärte mir an einem Beispiel die moldawische Korruption: „Ich hatte bei der Polizei nicht einmal Benzin fürs Polizeiauto. Du fängst also an, dass du Strafen ohne Strafzettel kassierst oder eine Strafe gegen Schmiergeld erlässt. Nur damit du das Polizeiauto betanken kannst, nur damit du fahren kannst. Dann muss der Chef auch noch tanken, und dann hat der Chef auch noch eine Familie zu ernähren. So kommen die Leute auf schlechte Gedanken, obwohl sie das eigentlich gar nicht wollen.“

Der Wächter hatte sich in Fahrt geredet, da kam auf einem schäbigen rostzerfressenen Fahrrad ein mittelalter Dörfler herbei. Seine Kleidung konnte man nicht anders denn als Lumpen bezeichnen. Er war kein Bettler, sondern einer von denen, die der Freihafen tageweise für die Kornverladung anheuert. Er hatte, was mir fehlte, eine Genehmigung zum Betreten der moldawischen Donau. Ich sah diesem kaputt geschundenen Moldawier nach, wie er rostächzend in die keimfreie Plastik-Logistik-Welt des Free Economic Port einrollte. Das wird das Bild in meinem Kopf von der moldawischen Donau gewesen sein.

Etwas lag in der Luft

Mein Tag an der moldawischen Donau endete damit, dass ich beinahe zusammengeschlagen worden wäre. Ich setzte mich in ein Grenzcafé, um die Beobachtungen des Tages zu Papier zu bringen. Wie schon früher am Tag hatte sich die Dorfjugend an einer Holztafel versammelt, alles junge Männer, kurzhaarig bis geschoren, sieben oder acht. Sie sprachen Rumänisch, manchmal war ein russischer Satz oder ein russisches Schimpfwort eingestreut. Hinzugekommene wurden immer mit Handschlag begrüßt. Man beachtete mich nicht.

Das änderte sich, als ein junger Einheimischer eintrat. Wie so viele in Giurgiulesti ein Migrant, gerade aus Bukarest eingefahren. Er war in Begleitung einer derb sinnlichen Frau, deren üppige Rundungen sich in einen engen grauen Adidas zwängten. Er sah gut aus, schneidig. Ich saß allein an meinem Tisch und schrieb. Das gefiel ihm nicht, von Anfang an gefiel ihm das nicht.

Er rief mir zu, dass ich ein Agent wäre. Ich versicherte ihn des Gegenteils. Er glaubte mir nicht. Ich zeigte ihm meinen Presseausweis. Den nahm er an sich, kehrte an seinen Tisch zurück und verlangte 100 Euro für die Herausgabe. Er ließ provozierende Statements auf mich los, äußerte sich abwertend über die Barfrau und bot sie mir zum Kaufsex in seinem Jacuzzi an. Die Barfrau verschwand in die Küche.

In kurzer Zeit versammelte sich die anwesende Dorfjugend am Tisch des schneidigen Migranten. Oder sie blieb sitzen und drehte sich zu ihm hin. Sie quittierte jede seiner Anzüglichkeiten mit Lachen, keiner machte eine Ausnahme. Ich antwortete knapp und neutral. Der Wortführer sprach mit ruhiger Stimme, seine Hände verrieten aber Unruhe, fortwährend zerfetzten sie den Plastikbecher seines ausgetrunkenen Kaffees in kleine Stücke. Die Erwartung einer Aggression lag in der Luft.

Die Sozialordnung von Giurgiulesti

In der unglücklichen Absicht, mir zu Hilfe zu kommen, setzte sich ein mittelalter Säufer mit Baseballmütze zu mir. Er bot mir von seinem Wodka an und begann von seiner Wertschätzung für mich zu sprechen. Der Wortführer herrschte ihn an, das Maul zu halten. Der Säufer brabbelte weiter, von der Kameradschaft im Afghanistan-Krieg und anderes Unzusammenhängendes. Plötzlich sprang der schneidige Rückkehrer aus Bukarest auf, rannte an meinen Tisch, riss dem Säufer die Mütze vom Kopf und schlug ihm damit ins Gesicht. Der Sohn des Geschlagenen saß dabei, er war einer von den Jugendlichen. Er sah zu, wie sein Vater eine Züchtigung nach der anderen empfing. Ich starrte den Sohn an, irgendeine Reaktion auf die Demütigung des Vaters musste doch zu erkennen sein. Nichts dergleichen, der Sohn sah gleichgültig und unbewegt zu. Er sagte nichts und tat nichts.

Kurz nach diesem Einblick in die Sozialordnung von Giurgiulesti entspannte sich die Situation. Ein noch coolerer Migrant betrat das Café. Die Blicke der Feiglinge hingen nicht mehr an dem einen. Die derb sinnliche Adidas-Frau gab mir den Ausweis zurück – ich verzog mich und ging ins Bett. Die Moldawische Donau ist eine holländische Firma, das habe ich gelernt.

Martin Leidenfrost lebt in Devínska Nová Ves, Slowakei. Zuletzt erschien im Wiener Picus Verlag sein Buch Brüssel zartherb

11:00 26.09.2010

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