Ein Schlag ins Gesicht

Pakistan Diktator Pervez Musharraf hat gegen die eigenen Taleban bestenfalls eine Schlacht gewonnen. Mehr nicht

Die islamistischen Geister, die Pakistans Militär einst zum Kampf gegen die Sowjets im benachbarten Afghanistan rief, wird es nicht mehr los. Aus den autonomen paschtunischen Regionen an der Ostgrenze steigen sie hinab in die Machtzentren des Landes, um den Mullahs der Lal Masjid, der Roten Moschee von Islamabad, und ihren radikalisierten Koran-Studenten (also Taleban im eigentlichen Wortsinne) gegen die Armee beizustehen. Auch wenn die Bastion nun gestürmt ist, der pakistanische Staat bleibt herausgefordert wie selten zuvor. Keinen Kilometer von Islamabads prachtvoller Constitution Avenue entfernt, an der sich wie Perlen einer Kette der Sitz des Präsidenten und des Premiers, des Parlaments und Obersten Gerichts sowie die hermetisch abgeschottete Diplomatic Enclave mit ihren Botschaften aneinander reihen, liegt weiter die Parole von der "islamischen Revolution" in der Luft - ein Schlag ins Gesicht für Generalspräsident Pervez Musharraf.

Seit sie im Oktober 2001 ihren afghanischen Brüdern gegen die US-Intervention zu Hilfe eilten und dabei zu Tausenden getötet wurden, sind Pakistans Taleban ein Machtfaktor. Erfolgreich wehren sie sich seit drei Jahren dagegen, dass 80.000 pakistanische Soldaten - wie von den USA gewünscht - eingesetzt werden, um mit Nachschubbasen und Ausbildungscamps von al-Qaida aufzuräumen, von denen aus der Aufstand in Afghanistan versorgt wird. In den Provinzen Nord- und Süd-Waziristan existieren Kopien des gestürzten afghanischen Taleban-Regimes von Mulla Omar, den auch Pakistans Gottesschüler als Galionsfigur verehren. Wozu das führt, zeigt ein Film, der jüngst dem Middle East Report zugespielt wurde. Das Blatt schreibt darüber: "Ein abgetrennter Kopf wird vor eine Menschenmenge geschwenkt. Die Kamera zoomt auf eine zweite blutige Leiche, die an einem Pfahl hängt, die Augen heraus gerissen und ein Bündel Geldscheine in den Mund gestopft. Dies sei einer von 29 ›Kriminellen, Drogenabhängigen, Schnapsbrennern und Schutzgelderpressern‹, die ›Lasterhöhlen‹ betrieben hätten, so der Unterbildsprecher. Die letzte Szene zeigt Leichen, einige geköpft, die von Pick-Ups durch eine schlammige Straße geschleift werden. Junge Männer mit wirrem schwarzen Haar und über die Schultern gehängten Waffen sehen dem Lynchen zu. ›Die Taleban haben den Job erledigt, den die aufgeklärten Moderaten‹ - eine Anspielung auf Musharrafs Credo - ›nicht ausführen wollen. Möge Gott uns Führer geben wie Mulla Omar‹, schließt der Filmkommentar."

Im September 2006 musste Musharraf gar ein Friedensabkommen für Nord-Waziristan mit den lokalen Taleban schließen - zum Entsetzen der US-Regierung. Ähnliche Agreements in Bajaur und Süd-Waziristan konnten die Amerikaner nur mit Luftangriffen auf Madrassas, die Dutzende Zivilisten das Leben kosteten, verhindern.

Man erntet die späten Früchte der Talebanisierung seit den frühen achtziger Jahren. Während der sowjetischen Besatzung Afghanistans (1979- 89) baute Pakistans Militärregime mit westlichen und saudischen Geldern das Madrassa-System zum Rekrutierungsnetz afghanischer Mudschahedin aus. In jener Zeit verdoppelte sich die Zahl der Gottesschulen auf fast 4.000 - der pakistanische Historiker Fazal-ur-Rahim Marwat spricht von einer halben Million junger Männer, die dort sozialisiert worden seien. Nachdem sich General Musharraf im Oktober 1999 an die Macht geputscht hatte, kamen noch einmal etwa 3.000 Madrassas hinzu, so dass die Zahl der Schüler auf über eine Million stieg.

Der bedrängten Karzai-Regierung in Kabul wie auch ihren internationalen Helfern könnte nun allerdings die Lal-Masjid-Krise von Nutzen sein. Es lässt sich kaum länger ignorieren, welche Gefahr die vom pakistanischen Geheimdienst ISI für Stellvertreter-Aufstände in Afghanistan und Kaschmir gehätschelten Islamisten auch für das Regime in Islamabad darstellen. Zwar wäre es übertrieben, von einer "Talebanisierung" Pakistans zu sprechen - in den bevölkerungsreichsten Provinzen Punjab und Sindh schließen sich nur Minderheiten an -, aber Staatschef Musharraf wird nicht umhin können, jetzt gegen die eigenen Taleban vorzugehen. Das wiederum könnte den Konflikt zwischen den zwei Lagern des militanten Islam offen ausbrechen lassen: Zwischen denen, die sich nur auf das eigene Land konzentrieren wollen, und den "internationalistischen Jihadis", die der Bin-Laden-Agenda eines globalen Feldzuges folgen, um gegen die westlichen Kreuzfahrer im Irak und in Afghanistan zu kämpfen. Zu ersteren gehören die afghanischen Taleban, die Hamid Karzai stürzen und alle fremden Truppen aus dem Land treiben wollen. Sie nehmen zwar gern Bin Ladens Geld, können mit dessen Zielen aber wenig anfangen. Musharrafs Eroberung der Lal Masjid sowie seine Bereitschaft, für US-Luftangriffe auf Madrassas im Grenzgebiet die Verantwortung zu übernehmen, dürfte die pakistanischen Taleban in die gleiche Richtung treiben - und so den grenzüberschreitenden Beistand für die afghanischen Brüder schwächen.

Al-Qaida wird gegensteuern, insofern kann die Ernennung ihres neuen Residenten für Afghanistan, des Ägypters Mustafa Abu al-Yazid, die Ende Juni über den Fernsehkanal al-Jazeera verkündet wurde, als Wink mit dem Geldbeutel gedeutet werden: Michael Scheuer, früher Leiter der "Osama-bin-Laden-Zelle" der CIA, beschreibt al-Yazid als "talentierten Finanz- und Logistik-Manager". Der hat denn auch sofort Mulla Omar den Gefolgschaftseid geleistet, um nicht den Fehler wie im Irak zu wiederholen, als der Ausländer al-Zarqawi offiziell an die Spitze des Jihad gestellt und die Einheimischen verärgert wurden. Zudem dürften die anti-arabischen Vorurteile der Afghanen auch al-Qaida bekannt sein.

Die Strategie der Amerikaner, unter ihren Gegnern Zwietracht zu säen, könnte zunächst aufgehen. Ob sich damit der Krieg gewinnen lässt, bleibt zweifelhaft.


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00:00 20.07.2007

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