Ein schlechter Dichter kann guter Christ sein

Sachlich richtig Erhard Schütz leidet an fremden Masern, rollt rasante Steine und besucht gleich zwei Timbuktus
Ein schlechter Dichter kann guter Christ sein
Der erste Präsident Senegals, Leopold Sedar Senghor

Foto: Keystone/Hulton Archive/Getty Images

Afrika Die Marseillaise und die Trikolore als Leitsterne, unter denen die Kolonisierten formal französische Bürger, faktisch aber solche zweiter Klasse waren: Léopold Sédar Senghor, geboren 1906, hat das im Senegal am eigenen Leib und Hirn erfahren – eine Erziehung zur französischen Kultur wie in Frankreich, eine aufgedrängte Identität, unter der man aber verachtet blieb. Er warb seit den 1930ern für eine Abkehr vom französischen kulturellen Imperialismus, blieb freilich bei der französischen Sprache noch im Schlagwort: Négritude. Ein Begriff, den auch schon der Dichter Aimé Césaire auf Martinique geprägt hatte und der für Senghor „die Summe aller Eigenschaften“ bezeichnen sollte, „welche Schwarze besitzen, wo immer sie auch leben“. Das Konzept wurde später – zu Unrecht – seinerseits des Rassismus geziehen; Frantz Fanon hat es als „unglücklichen Romantizismus“ zurückgewiesen. Doch in Senghor wirkte nicht nur ein panafrikanischer Enthusiasmus, sondern der einer Zivilisation des Universellen – statt einer westlichen, die Universalität beanspruchte. Von all den heutigen identitären Abgrenzungen und kulturellen Stammesbildungen her mag man darüber spotten, es bleibt, dass Senghors „Romantizismus“ ungeheuer viel für das Selbstbewusstsein afrikanischer Kultur getan hat. Bewundernswert gebildet, ein veritabler Künstler, bewandert in Literatur, Theater, Tanz und Skulptur, förderte er als Senegals Präsident diese Künste. Als er 2001 starb, wurde ein Staatsbegräbnis ausgerichtet, bei dem auch seine Kritiker sich respektvoll verneigten. Hans Belting und Andrea Buddensieg haben dies beeindruckende Leben für ein modernes Afrika in einer modernen Welt beeindruckend rekonstruiert.

Vatertage Theodor Wolff (1868 – 1943), der brillante literarische Stilist und politische Analytiker, nach dem der renommierteste deutsche Preis für Journalisten benannt ist, hat sich bemüht, ein guter Vater zu sein. Was fällt einem passionierten Schreiber dazu ein? Ein Vater-Tagebuch. Zwei Tage nach der Geburt des ersten Sohnes beginnt er im Sommer 1906 damit. Er hält eine Weile durch; man lebt in Paris, aus dem die Familie zu ihrem großen Leidwesen zurück nach Berlin muss. Beim Tagebuch pausiert Wolff weit über ein Jahr – „Ich war ein wenig überhäuft mit Arbeit und das Vergnügen mußte darunter leiden“, schreibt er um Verzeihung bittend. Nach jedem Kind, dem nächsten Sohn und dann der Tochter, nimmt er neu Anlauf. Im Sommer 1913 ist dann endgültig Schluss. Was er notiert, ist naturgemäß viel Familiales, mal rührend, mal banal, wie das halt so ist – Urlaub, Masern, Besuch. Dazwischen kluge Bemerkungen zu den Zeitläuften. Herausgeber Bernd Sösemann hat das Tagebuch um eine ausführliche biografische Skizze und um Briefe und Fotos aus jener Zeit ergänzt.

Bücheroase Als 2012 nach einem Staatsstreich Timbuktu unter das Terrorregime von Islamisten fiel, begannen diese mit der Zerstörung der dortigen Mausoleen von Sufi-Heiligen. Bald erreichten uns Schreckensnachrichten über die Vernichtung jener sagenumwobenen, jahrhundertealten Manuskripte, deren Zahl nach Schätzungen in die Hunderttausende ging. Später stellte sich heraus, dass örtliche Bibliothekare unter Lebensgefahr das Allermeiste gerettet hatten. Die Manuskripte waren – neben dem Gold, mit dem Timbuktus Dächer gedeckt sein sollten – seit dem 18. Jahrhundert mythischer Antrieb für Expeditionen, deren Scheitern Spekulationen nur antrieb. So die des englischen Offiziers Park, dessen militärische Leistungen noch schlechter als seine Gedichte gewesen sein sollen, der 1826 als „erster Christ“ in Timbuktu eintraf, von reichlich vorhandenen Aufzeichnungen berichtete und spurlos verschwand. Bruce Chatwin sprach von zwei Timbuktus, einer florierenden Karawanenstadt und einem Ort für Legenden. Guardian-Redakteur Charlie English hat über beide ein sehr lesbares Buch geschrieben.

#stickyfingers Mit der ersten Ausgabe am 9. November 1967 wurde der Rolling Stone zum Leitmedium der internationalen Jugendkultur. Musik, Literatur, Drogenkult und Politik, die Cover so legendär, dass Dr. Hook & the Medicine Show 1972 davon sangen, es auf ebendieses Cover zu schaffen. Joe Hagan, Autor des Rolling Stone, hat die Geschichte von Jann Wenner geschrieben, der die Zeitschrift mit 21 Jahren gründete. Krawallig, klatschplauderhaft, schwindelerregend rasant – wie seinerzeit die besten Texte der Zeitschrift – erzählt er von einem größenwahnsinnigen Allesumschlinger, Dompteur der besten Autoren wie Freund und Schrecken der größten Bands. Der den Titel von Dylan geliehen hatte, aber Mick Jagger in dem Glauben ließ, er sei eine Hommage an seine Stones. Wie die sich beim Bekenntnis zu den Schwarzen, denen sie fast alles verdankten, bedeckt hielten, war der Rolling Stone zunächst Medium weißer, männlicher Stars. Was man Frauen wie Janis Joplin oder Joni Mitchell verbal antat, wäre heute eine Hashtag-Angelegenheit.

Info

Ein Afrikaner in Paris. Léopold Sédar Senghor und die Zukunft der Moderne Hans Belting, Andrea Buddensieg C. H. Beck 2018, 287 S., 28 €

„Es ist im Grunde eine schöne Zeit“. Vater-Tagebuch 1906 – 1913 Theodor Wolff Bernd Sösemann (Hrsg.), Wallstein 2018, 240 S., 19,80 €

Die Bücherschmuggler von Timbuktu. Von der Suche nach der sagenumwobenen Stadt und der Rettung ihres Schatzes Charlie English Hoffmann und Campe 2018, 432 S., 24 €

Sticky Fingers. Wie Jann Wenner und der Rolling Stone Musikgeschichte geschrieben haben Joe Hagan Rowohlt 2018, 672 S., 28 €

06:00 08.12.2018

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