Ein Schlüssel, nicht der einzige: Geschichte

Marx-Begriffe: Geschichte Marx´ Modell von Geschichte muss man als offenes begreifen. Historische Konstellationen sind Ergebnisse von Kämpfen, deren Akteure sich im Prozess selbst erst bilden

Karl Marx, dessen können wir uns immer noch sicher sein, hat die Art und Weise, wie wir an Fragen der Geschichte herangehen, von Grund auf verändert. Nur müssen wir uns offenbar, nachdem die "offiziellen Marxismen" gescheitert sind, erneut fragen, worin diese Umwälzung bestanden hat. Dass es darum geht, die Welt zu verändern, ist keine Einsicht, für die Marx ein Copyright zusteht. Damit steht er vielmehr in der philosophischen Tradition. Der Gedanke, dass die geschichtliche Welt schon so vollkommen sei, dass wir besser daran nichts mehr verändern sollten, ist erst mit den konterrevolutionären Neigungen der Bourgeoisie seit der Französischen Revolution aufgekommen, wie sie von Burke bis Hayek artikuliert worden sind. Dass wir materialistisch an die zu klärenden Fragen herangehen müssen und uns dabei nichts vormachen dürfen, ist spätestens seit Vico und Montesquieu ausgemacht. Daran hat Marx nur im Angesicht des ideologisierten Idealismus in den deutschen Verhältnissen erinnert. All das hat heute keine besondere welthistorische Bedeutung mehr.

Viele haben sich inzwischen überzeugen lassen, dass Marx´ Beitrag darin liege, eine bestimmte Konzeption der menschlichen Natur entworfen zu haben, die durch den historischen Prozess der gesamten Menschheitsentwicklung von einer ursprünglichen Einheit (dem Urkommunismus) über die wachsende Entfremdung (in den Klassengesellschaften) bis zu ihrer Befreiung und eigenständigen Entfaltung fortschreite. Demnach wäre es seine Leistung gewesen, den theoretischen Humanismus Ludwig Feuerbachs unter Zuhilfenahme der Hegelschen Dialektik "auf die Geschichte" anzuwenden.

Gegen diese Art von Marxlektüre gibt es gute philologische und theoretische Argumente. Hier muss der Hinweis, genügen, dass der junge Marx, der Marx der Pariser Manuskripte von 1844, die Möglichkeiten politischen Handelns tatsächlich und ganz grundsätzlich reduziert. Da das Ziel des Geschichtsprozesses ohnehin feststeht, kann politisches Handeln nur daran arbeiten, diesen Prozess entweder zu beschleunigen oder zu bremsen. Rosa Luxemburg hat diese bis in das Manifest der Kommunistischen Partei (1848) wirksame geschichtsteleologische Konzeption relativiert. Sie tat das, indem sie den Gedanken des "gemeinsamen Unterganges der kämpfenden Klassen", den Marx und Engels auf die Übergangsprobleme vorbürgerlicher Gesellschaften beschränkten, auch auf die Überwindung des Kapitalismus bezog: In der Alternative "Sozialismus oder Barbarei" (Junius-Briefe) formuliert sie, dass es nicht sicher ist, ob das Ziel der Geschichte sich auch verwirklicht.

Diese Zuspitzung reicht aber noch nicht. Wir müssen vielmehr auch die andere Seite des Gedankens konsequenter entfalten, welcher in der Unterscheidung zwischen "Geschichte" und "Vorgeschichte" enthalten ist, derer sich Marx und Engels bedienen. Indem sie die eigentliche Geschichte der Menschheit in die Zukunft der "klassenlosen Gesellschaft" verlegen, berücksichtigen sie, dass menschliches Handeln immer wieder neue Konstellationen schaffen und ganz unterschiedliche Prioritäten setzen kann. So lange wie dies unter den Bedingungen einer Herrschaft von Menschen über Menschen geschieht, ist dieser Möglichkeitsraum beschränkt. Das gilt ganz besonders für die "sachlich vermittelte" Herrschaft des Kapitals über seinen Gegenpol, die "abhängige Arbeit" im weitesten Sinne, und für die Herrschaft der "kapitalistischen Produktionsweise" in unseren Gesellschaften. "Geschichte", wie sie aus wirksamem politischen Handeln resultiert, gibt es aber - allen strukturellen Beschränkungen zum Trotz - auch jetzt schon. Dabei sind immer wieder Optionen erkennbar, die sich nicht auf eine einfache Alternative reduzieren lassen.

Unter den jeweiligen Bedingungen eine Handlungsdynamik in Gang zu setzen, die mit struktureller Herrschaft zu brechen beginnt, erfordert politische Initiativen, die sich nicht auf das einfache Muster von Beschleunigen oder Bremsen reduzieren lassen. Nicht jedes Beschleunigen ist progressiv - die italienischen Futuristen landeten mit ihrem Beschleunigungswahn in den Armen des Faschismus. Nicht jedes Bremsen ist reaktionär - denken wir nur an die Entschleunigungsdebatten in der Umwelt- und Verkehrspolitik. Damit Emanzipation wieder gedacht werden kann, genügt es nicht, das utopische Denken wieder von jenen Tabus zu befreien, die sowohl der neoliberale Mainstream als auch die offiziellen Marxismen verhängt haben. Notwendig ist vielmehr, die gegenwärtige Situation als Ergebnis vergangener Kämpfe und die Zukunft als offene Auseinandersetzung zu begreifen.

Hier treffen wir wieder auf Marx, auf den reifen Marx als kritischen Wissenschaftler. Marx hat uns wohl so etwas wie einen Schlüssel zur wissenschaftlichen Untersuchung der gesamten Menschheitsgeschichte geliefert. Diesen Schlüssel aber werden wir nur dann auch praktisch nutzen können, wenn wir die anderen Schlüssel nicht vergessen, die später hinzugekommen sind, wie beispielsweise die Analyse der Geschlechterverhältnisse, die politische Ökologie und die Psychoanalyse. Die Umrisse eines wissenschaftlichen Begreifens hat Marx uns für diejenigen historischen Verhältnisse geliefert, in die er selbst verwickelt war und in denen wir uns immer noch bewegen - derjenigen "Gesellschaften, in welchen die kapitalistische Produktionsweise herrscht" (erster Satz im Kapital). Erst seit den sechziger Jahren haben wir gelernt, einigermaßen zuverlässig zu beschreiben, was der Gegenstand dieses "unvollendeten Projektes" gewesen ist, worum es in ihm ging, und in welchen historischen Praktiken es verankert war. Jedenfalls können wir es heute als kritische Zeitgenossen fortsetzen, ohne hinter die von ihm erreichte Problematik zurückzufallen, wie dies immer wieder geschehen ist. Wir können artikulieren, was die darin liegenden wissenschaftlichen Durchbrüche heute bedeuten - für andere wissenschaftliche Untersuchungen, für gesellschaftliche und politische Praxis und für die öffentliche Selbstverständigung unserer Gesellschaften.

Die kapitalistische Produktionsweise, die Marx analysiert, ist nichts außerhalb konkreter Gesellschaften existierendes und deshalb abstraktes Allgemeines, sondern eine Anordnung von Formen beziehungsweise von Verhältnissen, deren jeweiliges Gewicht in konkreten Situationen immer wieder bestimmt werden muss. Die Widersprüche, die im Zeitverlauf zu Tage treten, tragen ihre Lösungsform nicht immer schon in sich. Unter dem Damoklesschwert des drohenden Untergangs wird immer wider aufs Neue ausgefochten, inwieweit sich Herrschaftsverhältnisse reproduzieren, einschränken und überwinden lassen. Das Ergebnis solcher Kämpfe ist nichts ein für alle Mal Vorgegebenes. Vorherbestimmt ist auch nicht, welche Rolle die kollektiven Akteure dabei spielen, oft bilden sie sich erst in den Auseinandersetzungen. Geschichte mit Marx wieder als einen offenen Prozess zu verstehen, wäre selbst schon ein Stück Befreiung angesichts eines zu Marxens Zeiten noch kaum vorstellbaren Zynismus der ökonomischen "Eliten".

Frieder Otto Wolf ist Privatdozent für Philosophie in Berlin. Er arbeitete als grüner Europapolitiker. Zuletzt erschien von ihm Radikale Philosophie. Aufklärung und Befreiung in der neuen Zeit (2002) und Die Tätigkeit der PhilosophInnen. Beiträge zur radikalen Philosophie (2003).


00:00 20.02.2004

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