Ein Schmerz und eine Wut

Kreativitätsschübe Der psychisch krank gemachte Künstler Michael R. malt nur nachts

Einmal habe ich ihn lachend gesehen. Das war vor wenigen Wochen, am Ende der Eröffnung der 4. Biennale geistig behinderter oder kranker Künstler und Künstlerinnen in Frankfurt/ Oder. Kunst, darum war es gegangen. Nicht um Sozialarbeit. Und ich schwöre und wette meine Buntstifte darauf: Es war die schönste Ausstellung weit und breit. Sie umfasste ausgewählte Arbeiten von im Wortsinn verrückten, außerordentlichen bildenden Künstlern aus Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Die nächste, die 5. Biennale (2005), wird die putzmunteren oder todtraurigen »Art Brut« - Kollegen aus dem ganzen Land umfassen. Indes muss man in Frankfurt/Oder schon Kanaken klatschen, wenn die Weltpresse Notiz nehmen soll.

Da also habe ich ihn lachen gesehen, und er hielt verwegen zwei Frauen im Arm. Die Künstler, die vor lauter Aufregung mit Mühe die einfühlenden und einführenden Worte der Offiziellen überstanden hatten, zappelten oder schlichen vor ihren Werken herum, oder standen verschraubt und strahlend stumm, und endlich bemächtigten sie sich der Schlagwerke der klöppelnden Eröffnungsband und begannen zu tanzen. Michael R. stand mit den Frauen stolz vor seinen 38 Bildern, 38 Kartonagen, 60 mal 48 Zentimeter groß, satt und lückenlos gefüllt mit den Farben der Colli-Marker, Filzer aus Berliner Produktion, ein ganzes Kabinett praktisch für ihn, den Dominator. Bei seiner ersten »richtigen« Ausstellung, jenseits der Gänge oder Wartezimmern von Psychiatrie- und Betreuungseinrichtungen.

Versuchen wir es: Heute, 14 Tage später, ist Michael R. wieder düster. Düster wie sein ebenerdiger Wohnraum, aus dem das Sonnenlicht ausgesperrt ist von dunklen Vorhängen. Altes Braun, verstaubtes Schwarz. Sein Teint, wie Gras, das zu lange unterm Stein lag. Seine Züge zerquält. Sein Sprechen sehr schnell. Ein Berliner Wa-Wa-Nichwa-Sprechen. Er trägt ein orangefarbenes T-Shirt mit einem kleinen Che auf der Brust, Lederstrumpfhosen, die an der Seite geschnürten, und rote Hosenträger. Er könnte ein Trapper sein oder ein Biker, mit seinem im Nacken längeren Haar, wenn der Teint nicht so ungegerbt nudelte. Er raucht viel, sein Tee erkaltet überm Erzählen. Michael R. ist jetzt 40. Seine Zukunft trübe wie die Gegend, in der er hier lebt, am Rande von Spandaus Industrieverwüstungen.

So könnte es stimmen: Mit 25 kam er in die Psychiatrische Anstalt. Eine Folge der Scheidung seiner Eltern, sagt er, erst eher im Oberflächlichen verbleibend. Dann aber doch andeutend ein gewisses sexuelles Vaterverlangen am Nachwuchskörper. Ein Hallodri, der Vater, der das Geld durchbrachte mit zwielichtigen Geschäften und Zuckerstückerln aus dem Osten. Die redliche Mutter dagegen schwer arbeitend. Ein Riss, dergestalt gar nicht blöd bebildert: Beide kamen sie einmal in die Zeitung. Der Vater als Hochzeiter der Woche, halbseidener Aufriss mit frischer Polin. Die Mutter als freundlichste Taxifahrerin Berlins, die bis zur Selbstaufopferung eine vergessene Geldbörse einer Kundin hinterher trug beziehungsweise fuhr.

Zum Familiendrama dampften die Lösungsmittel, unausweichlich für den Lehrling des Maler- und Lackiererhandwerks. Die Lösungsmittel, die Dämpfe, die ihm in den Kopf drangen, ätzten und ihn ängstigten, den Druck im Kopf aufs Unerträglichste verstärkten. Resultierend die Arbeitslosigkeit, der Kampf ums Arbeitslosengeld, um Unabhängigkeit. Die Verlockungen vielleicht am Bahnhof Zoo, das Herz, das bei den Hausbesetzern hing, einerseits, aber er zu brav, andererseits. Keine Lust auf Knüppelbearbeitung durch gestandene Bullen. Mit 25 dann, wie gesagt, in die Psychiatrie. Zu alten, stinkenden und lallenden Leuten auf die Verrottungs-Station, ein Grauen bis heute.

So ist es wohl weiter gegangen: Zum kurzen Glück Versetzung in eine Abteilung mit Beschäftigungstherapie, mit Wohngruppen und Clubraum, mit Patienten, Kumpels, die sich beschäftigten und kifften. Da begann er zu malen. 1000 Bilder und mehr. Mit Colli - Markern. Mit den Rätseln der I-Ging-Orakel und den Wundern ihrer Interpretation als großem, zusammenhaltenden Rahmen, »mit Asterix und Obelix als Ausgangspunkt, die mir die Welt offen halten für meine Themen. Wenn ich jetzt Christ wäre, müsste ich mich wie Wilhelm II. gebärden. Rein in den Irak! Müsste ich schreien. Macht sie nieder. Kreuzzug. Grausamkeit bis zum Gehtnichtmehr! Asterix und Obelix sind meine Basis, von dort zu den Göttern des Olymp und dann Indien, Asien, die Mongolen, die Indianer, dann irgendwie alles, das nachdrängt ...« - Wenn er mal einen armen Christus malt, setzt er einen fetten Buddha darunter. Damit niemand vergisst, dass der lange vorher schon war. Als er die alten Mythor-Romane vom Pabel-Verlag studiert, fällt ihm auf, dass germanische Mythologie in unserem mythologiesatten Bildungskanon fehlt. Er besorgt sich Bücher aus seiner alten Schule. Lässt Odin reiten auf dem achtbeinigen Sleipnir, begleitet von den Raben Hugin und Munin, umheult von den Wölfen Geri und Freki. Er holt Loki vom Felsen. Wie er sich vom Vaterfelsen malen möchte.

Er vergleicht die Mythen der Völker in seinen Bildern, setzt sie zueinender ins Verhältnis, immer auf der Spur der Imperialisten, Kulturzertrümmerer und ihrer ideologischen und religiösen Voraustruppen. Ob Vernichtung durch Arbeit in Südamerika, ob Ausrottung der Indianer: »Sahen die heute einen Missionar, kamen morgen die Siedler, und kommen sie in ein paar Jahren auf ihren angestammten Grund und Boden vorbei, werden sie weggeschossen.« Von Little Big Horn bis Little Big Horno: Die Weißen, die Cowboys, die Christen. Das Geld, die Maschinen, die Waffen. »Erst alles ruinieren, dann aufhelfen zum eigenen Vorteil. Es ist erbärmlich!«

So, fast unstatthaft gerafft, Michael R. Und er entwickelt, etwa 14 Tage vor dem einschlägigen Artikel im Spiegel (9/2003) eine Rehabilitierung von Caligula und Nero als Kämpfer gegen Korruption und christliche Anmaßung. 1000 Bilder auf Station 17, wo sie im Clubraum sitzen, kiffen, fernsehen und malen.

Weitertasten: Unangekündigt das Unglück. Die neue Stationsärztin setzt auf Medikamente und Genesung durch Ungeselligkeit. Malen verboten. Kiffen nicht minder. Auf richterlichen Beschluss muss Michael R. zur Suchttherapie. Er wird kaputt und still gespritzt. Sein Gewicht von einst sportiven 72 Kilogramm erhöht sich schnell auf 120. Er reagiert mit autoaggressivem Trotz. Hat man nicht immer Beschäftigung von ihm verlangt? Kreativität? Und jetzt, wo er sich einnebelt und ausmalt, lässt ihn die Neue nicht! Er zerstört seinen Bilderschatz vollständig. Ab in den Orkus!

Dann entfalten die Medikamente ihren prekären Segen. Über eine Wohngruppe in der Psychiatrie findet er nach draußen in eine beschützte des »Brücke e.V.« Das war nebenan. Eine Tür weiter, wo er jetzt haust, als betreuter Einzelwohner. Beinahe hat er sein altes Kampfgewicht wieder. Alle 14 Tage holt er sich seine Spritze. Hier hat er mit dem ersten Golfkrieg wieder zu malen begonnen. Und die neuen Bilder stapeln sich am Boden, hängen und lehnen an den freien Wänden. Hunderte. In großen Schwüngen tobt er seine Schübe aus, nachts, wenn es ihm schlecht geht. Stimmungsstrudel und mythologische Malströme. Langsam detailreicher werdend, durchsetzt von den Symbolen versunkener Kulturen, versetzt mit den Ikonen unserer Zeit. Gestern Nacht, es ist wenige Wochen vor der Invasion der Alliierten im Irak, hat er einen grässlichen Onkel Dagobert gemalt, der sich mit schweren automatischen Waffen den Weg zum Öl frei schießt.

Versuchen wir es weiter: Sein Vater ist ihm nur noch ein Schmerz und eine Wut, die er manchmal nachts bekämpfen muss. Er malt nur nachts. In einem Aufwasch, bis ein Bild fertig ist. Er plant oder denkt seine Bilder nicht. Was sich des Tags in seinen Kopf schraubt, Nachrichten, Informationen, Gedanken, Gefühle, will hinaus. Manchmal fehlt das Geld für Kartonagen oder Marker. Immer wieder springt die Mutter ein. Gerne würde er da ein paar Bilder verkaufen. 50 Euro, denkt er, das Stück.

Mitten in seinem Zimmer liegt die Acht seiner elektrischen Eisenbahn, eine große Spur, altes Weihnachtsgeschenk der Mutter. Will er durch die 16 Quadratmeter, muss er über die Gleise steigen. In einer Kommode stehen kleine Spritzgussfiguren, die hat er bearbeitet, aus der Anonymität befreit und zu Meister Hildebrand, Attila oder König Witigis gemendelt. Er kommt kaum raus. 100 Euro hat er in der Woche. Zum Rauchen und zum Leben. Da keine Sprünge, wa? Kontakte zu andern Malern bestehen nicht. Nachts, wenn nicht die Marker über den Karton quietschen, hört er Radio und nimmt sich seine Musik auf: Hendrix, die Stones, »alles was gut ist«. Manchmal setzt ihm auch das Fernsehen ein Signal in den Kopf, das bearbeitet werden will. Gerne würde er seine Bilder ins Netz stellen und sie ein bisschen animieren, damit sie leichter verstanden werden. An Frauen traut er sich nicht heran. Ich hätte auch Angst, ihnen Schmerzen zu bereiten, sagt er. »Das ginge nicht gut.« In seinem Zimmer hat vor ihm eine Kollegin gewohnt, die war auf der 3. Biennale in Frankfurt/Oder bescheiden dabei. Die hat sich vom Hochhaus geschmissen. Michael Rs. Züge liegen in schweren Kummerschatten. Höchste Zeit, frischen Tee anzusetzen.

00:00 02.05.2003

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