Ein Soldatenleben wiegt mehr

Israel Nach Enthüllungen der Gruppe „Breaking the Silence“, die über Verbrechen an der Zivilbevölkerung berichtet, rechtfertigt die Armee erneut ihr Vorgehen im Gaza-Krieg

Wie der Geist von Hamlets Vater lässt uns der böse Geist des Gaza-Krieges nicht zur Ruhe kommen und stört den Frieden des Staates und der Armee. Breaking the Silence („Das Schweigen brechen“), eine Gruppe mutiger früherer Frontsoldaten, hat einen Bericht veröffentlicht, der Zeugenaussagen von 30 Gaza-Kämpfern enthält. Ein schwer verdaulicher Report über Aktionen, die man Kriegsverbrechen nennen kann.

Die Generäle leugnen automatisch und sofort. Warum geben die Soldaten nicht ihre Identität preis, fragen sie unschuldig. Warum verstecken sie ihre Gesichter bei den Videozeugnissen? Wie können wir sicher sein, dass sie keine Schauspieler sind, die einen Text vorlesen, den Feinde Israels vorbereitet haben? Man kann mit einem hebräischen Sprichwort antworten: „Hier steckt das Gefühl der Wahrheit drin.“ Jeder, der einmal Soldat in einem Krieg – egal in welchem – war, erkennt sofort die Wahrheit in diesen Berichten. Jeder ist mindestens einem Soldaten begegnet, der nicht ohne ein X auf seinem Gewehr nach Hause kommen wollte, was bedeutete, dass er wenigstens einen Feind getötet hat.

Die Zeugenaussagen über weißen Phosphor, über massive Bombardierungen, über die „Nachbar-Prozedur“, bei der Zivilisten als menschliche Schutzschilde missbraucht werden, über das Töten von „allem, was sich bewegt“ – all dies stimmt mit früheren Berichten über den Gaza-Krieg überein. Es gibt keinen vernünftigen Zweifel an ihrer Authentizität. Durch Breaking the ­Silence erfuhr ich, dass die „Nachbar-Prozedur“ jetzt „Johnny-Prozedur“ genannt wird. Warum nicht „Ahmed-Prozedur“?

Zeugen werden zu Verrätern

Der Gipfel an Heuchelei wird mit der Forderung unserer Generäle erreicht, die Soldaten sollten sich melden und ihre Beschwerden den Armeebehörden vortragen, die Streitkräfte würden die Vorwürfe dann untersuchen. Zunächst einmal kennen wir die Farce, wenn sich eine Armee selbst untersucht. Zweitens – und das ist der Hauptpunkt –, nur jemand, der zum Märtyrer werden will, wird sich damit gegenüber Vorgesetzten offenbaren. Wer Verbrechen enthüllt, deren Augenzeuge er war, wird als Verräter angesehen. Sein Leben wird zur Hölle. Der Aufruf, über „offizielle Kanäle“ zu gehen, ist eine abscheuliche Methode, um die Debatte von den Anklagen auf die Identität der Zeugen umzulenken. Bevor man aber Soldaten anklagt, denen die von Zeugen beschriebenen Taten zur Last gelegt werden, sollte man fragen, ob die Entscheidung, den Krieg zu beginnen, nicht unvermeidlich zu diesen Verbrechen führen musste.

Professor Assa Kasher, der Vater des Ethik-Kodex’ der Armee, schreibt, ein Staat habe das Recht zum Krieg, wenn dieser ein „letzter Ausweg“ sei. Aber waren tatsächlich alle Mittel ausgeschöpft, diesen Krieg nicht zu führen? Kasher antwortet mit einem klaren „Ja“, weil „es keine Rechtfertigung gibt, von Israel zu verlangen, mit einer Terrororganisation direkt zu verhandeln, von der es nicht anerkannt wird“.

Dieses Argument besteht den Test der Logik nicht. Das Ziel von Verhandlungen war mutmaßlich nicht die Anerkennung des Staates Israel durch die Hamas, sondern diese zu veranlassen, keine Raketen mehr auf israelische Bürger abzufeuern. Bei solchen Verhandlungen hätte die andere Seite vermutlich ein Ende der Gaza-Blockade und die Öffnung von Versorgungspassagen verlangt. Es erscheint denkbar, dass mit ägyptischer Hilfe ein entsprechendes Abkommen zustande gekommen wäre. Deshalb war die Entscheidung, den Krieg gegen Gaza mit einer zivilen Bevölkerung von 1,5 Millionen zu beginnen, nicht gerechtfertigt, auch nach den Kriterien von Assa Kasher nicht. Alternative Vorgehensweisen waren nicht versucht worden. Und wir wissen alle, dass es abgesehen von der offiziellen Begründung noch eine inoffizielle gab: die Hamas-Regierung zu stürzen.

Das Verteidigungsestablishment macht es sich nun leicht. Es bewertet alle internationalen Berichte über Tod und Zerstörung als „grundlos und falsch“, es hat entschieden, die UN-Kommission zu boykottieren, die den Gaza-Einmarsch untersucht, obwohl sie durch den respektablen südafrikanischen Richter Goldstone geleitet wird, der Jude und Zionist ist.

Wessen Leben ist zu schützen?

Weshalb das geschieht, liegt auf der Hand: Bei einem Krieg zwischen einer mächtigen, mit den raffiniertesten Waffen der Welt ausgerüsteten Armee und einer Guerilla erheben sich grundlegende Fragen. Wie sollten sich Soldaten verhalten, wenn sie mit einem Ziel konfrontiert sind, das nicht nur aus feindlichen Kämpfern besteht, die sie töten „dürfen“, sondern auch aus unbewaffneten Zivilisten, die zu töten ihnen „verboten“ ist?

Assa Kasher nennt als Beispiel ein Gebäude, in dem sich „Terroristen“ und Nicht-Kämpfer befinden: Sollte man es bombardieren, bis alle getötet sind, oder sollten Soldaten hineingehen, die nur Hamas-Kämpfer töten, aber so ihr Leben riskieren? Seine Antwort: Das Leben unserer Soldaten darf nicht gefährdet werden. Ein Luftangriff ist zu bevorzugen. Das beantwortet nicht die Frage über den Einsatz der Luftwaffe, die Hunderte von Häusern zerstört hat, die weit entfernt von unseren Soldaten standen. Es beantwortet auch nicht die Frage über das Töten von Rekruten der palästinensischen Polizei, die gerade vereidigt werden sollten. Auch nicht über das Töten von UN-Personal bei einem Lebensmittel-Konvoi, wie in den Aussagen von Breaking the Silence beschrieben.

Wir sollten der schwierigsten moralischen Frage nicht ausweichen: Ist es erlaubt, das Leben unserer Soldaten zu riskieren, um das Leben von Frauen und Kindern des „Feindes“ zu retten? Kasher, der Ideologe der „moralischsten Armee der Welt“, antwortet eindeutig: Es ist absolut verboten, das Leben der Soldaten zu riskieren. „Deshalb muss der Staat dem Leben der Soldaten gegenüber dem Leben der Nachbarn eines Terroristen den Vorzug geben.“

Diese Worte sollte man zwei- oder dreimal lesen, um ganz zu verstehen, was hier gesagt wird: Um Todesfälle unter unseren Soldaten zu vermeiden, ist es besser, unbegrenzt feindliche Zivilisten zu töten. Da kann man im Rückblick froh sein, dass die britischen Soldaten, die einst gegen die jüdische Irgun-Guerilla kämpften, nicht einen Ethik-Guide wie Kasher hatten, der erklärt, es sei gerechtfertigt, ein palästinensisches Kind zu töten, das in der Gesellschaft von hundert „Terroristen“ ist, weil die „Terroristen“ Kinder in Sderot töten könnten. In der Realität ging es um das Töten von hundert Kindern, die in der Gesellschaft eines „Terroristen“ waren.

Übersetzung: Ellen Rohlfs

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