Ein Sommermorgen

Kehrseite I Eine alte Frau im schwarzen Kleid ließ sich in der klapprigen Straßenbahn mit den holzverkleideten Wänden durchschaukeln. Ihre kleinen dürren Hände ...

Eine alte Frau im schwarzen Kleid ließ sich in der klapprigen Straßenbahn mit den holzverkleideten Wänden durchschaukeln. Ihre kleinen dürren Hände hatte sie in ihrem Schoß ordentlich aufeinander gelegt. Die dünnen, blassen Lippen waren fest geschlossen. Ihre Augen, die geradeaus schauten, standen still. Sie saß inmitten einer langgestreckten Sitzreihe, die sich in Fahrtrichtung durchzog. Neben ihr saßen auf der einen Seite ein Mann mittleren Alters im hellblauen kurzärmeligen Hemd, der in einer Zeitung las, und eine junge Frau im zitronenfarbigen T-Shirt, die sich mit ihrem Handy beschäftigte. Auf der anderen Seite hockten zwei Jungen und ein Mädchen in ihren weißen Schuluniformen, die miteinander plauderten, kicherten und lachten.

Durch die Fenster hinter ihren Schultern strahlte stechend der Sonnenschein. Der Metallrahmen des Fensters blitzte. Die Fliege, die auf dem Rahmen kroch, glänzte hell. Der Staub in der Luft strahlte silbern.

"Es war ein genauso sonniger Sommermorgen."

In der Sitzreihe ihr gegenüber hatte eine junge Frau in einer schlichten weißen Bluse und einer ebenso schlichten blauen Hose Platz genommen.

"Ich war an jenem Morgen auf dem Weg zu Großvater, der in der Stadtmitte wohnte. Ich hatte ihn schon lange nicht mehr besucht, da mir in den letzten Monaten immer wieder übel wurde, seit ich guter Hoffnung war."

Die junge Frau streichelte lächelnd über ihren Bauch, der ein wenig hervorstand.

"Aber da die Übelkeit seit ein paar Tagen nicht mehr wiedergekommen war, hatte ich frühmorgens einen festlichen Kuchen gemacht, um ihn Großvater zu schenken."

Auf dem Schoß der jungen Frau lag ein Päckchen in einem rosa Tuch.

"Von meinem Haus auf dem Land war ich morgens mit dem ersten Zug losgefahren. Aber als ich im Vorort in die Straßenbahn umstieg, strahlte die Sonne schon ziemlich stark."

Die junge Frau wandte ihren Kopf und schaute aus dem Fenster.

"Und doch, so hell war die Sonne gar nicht. Nicht so hell wie das andere Licht."

Die Straßenbahn hielt an. Die junge Frau stand auf. Vorsichtig ging sie an ein paar Fahrgästen vorüber, setzte gerade ihren Fuß auf die erste Stufe hinter einem Mann, der wegen seiner großen Gepäckstücke nur langsam die Stufen hinunterstieg, als es plötzlich gleißend hell wurde.

Die Frau blieb auf der Treppe stehen. Im nächsten Moment donnerte die Erde, alles bebte heftig. Sie fiel zu Boden und verlor das Bewusstsein.

Als sie aufwachte, sah sie nichts. Alles lag in dichtem Staub und Rauch. Sie wusste nicht, wo sie war. Sie spürte nur, daß etwas Schweres auf ihrem Körper lag. Schwer und warm. Es roch, wie es noch nie in ihrem Leben gerochen hatte. Es war unheimlich still und heiß. Langsam erinnerte sie sich daran, dass sie in der Straßenbahn war. Entsetzliche Angst packte sie. Zitternd und schwitzend stützte sie ihren Oberkörper auf die Ellbogen, kroch unter der schweren Last auf ihrem Körper hervor und blickte in eine Welt, die man nur als Hölle bezeichnen konnte. Sie konnte nicht einmal schreien. Benommen blieb sie auf der Stelle stehen, und erst nach einer Weile warf sie ihren leeren Blick auf das Ding, unter dem sie gerade hervorgekrochen war - ein Mensch, dessen Gesicht völlig verbrannt war.

"Neun Tage später war der Krieg zu Ende. Ein halbes Jahr später habe ich ein Kind geboren."

Eine junge Frau in einem grauen Mantel nahm in der gegenüberliegenden Sitzreihe Platz, auf ihren Knien ein Baby.

"Das Kind wurde ein Jahr, zwei Jahre, drei Jahre ..."

Neben der jungen Frau, die ein hellgrünes Frühlingskleid trug, saß ein kleines Mädchen in einem weiß-roten Kleid. "Sie wurde immer größer, ging zur Schule."

Ein Mädchen mit Pferdeschwanz in einer marineblauen Schuluniform mit einem schwarzen Lederranzen saß der alten Frau gegenüber.

"Sie wurde groß und hübsch."

Eine junge Frau mit langen offenen Haaren in einer orangen Bluse saß ihr gegenüber und blätterte in einer Zeitschrift.

"Auch sie bekam ein Kind."

Die junge Frau gegenüber spielte mit einem Baby.

"Das Kind wuchs heran."

Statt des Babys saß dort nun ein kleines Mädchen in einem gelben Kleid und lächelte der alten Frau zu.

"Es wurde immer größer."

Ein Mädchen mit rot gefärbten Haaren in einem bunten kurzen T-Shirt und verwaschenen, breiten Jeans saß der alten Frau gegenüber und sprach kichernd in sein rosa Handy. Nach dem Gespräch tippte es noch etwas auf dem Handy, dann schaute es mit einem etwas trotzigen Gesicht aus dem Fenster.

"Sie schloss die Schule ab, fing eine Ausbildung an. Aber sie schaffte es nicht bis zum Ende. Denn sie starb noch vor ihrem neunzehnten Geburtstag. Ihre Mutter war in meinem Bauch von dem Licht gestrahlt worden."

Niemand saß mehr in der Sitzreihe gegenüber der alten Frau.

"Denn ich war an jenem Morgen mit dieser Straßenbahn in die Stadt gefahren ..."

Sie starrte geradeaus; durch das Fenster gegenüber glänzte im Sonnenlicht der Asphalt.

"Weil ich damals in dieser Straßenbahn saß, musste mein liebes Enkelkind so früh sterben - so lange Zeit nach dem Krieg ..."

Ihre Hände zitterten.

"Verzeih mir." Sie schloss die Augen. "Verzeih mir, dass ich an jenem Morgen mit dieser Straßenbahn in die Stadt gefahren bin." Sie krümmte ihren Nacken tief. "Verzeih mir. Dass ich nichts getan habe, um deinen Tod zu verhindern ..."

Die Straßenbahn war mittlerweile überfüllt. Viele Leute waren für die große staatliche Gedenkveranstaltung in der Stadtmitte zugestiegen. Sie war so überfüllt, dass es niemandem auffiel, dass die alte Frau, die mit ihren dürren Händen ihr Gesicht fest bedeckte, irgendwann ganz still und steif wurde.


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00:00 19.08.2005

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