„Ein Statement“

Interview Das Start-up „mimycri“ macht aus Fluchtbooten schicke Taschen. Hier erklären die Berliner Gründerinnen die Idee

Sie kommen beide nicht aus der Modebranche, sondern aus der Politik. Dennoch beschäftigen sich Nora Azzaoui und Vera Günther derzeit tagein, tagaus mit einem Thema: Designer-Taschen. Gemeinsam mit Geflüchteten gestalten sie unter dem Markennamen „mimycri“ modische Beutel und Rucksäcke. Der Erlös soll es Geflüchteten ermöglichen, sich hier eine Existenz aufzubauen – Menschen wie dem syrischen Architekten Hassan Abou Saada, der eine lebensgefährliche Flucht übers Mittelmeer hinter sich hat und nun zum Berliner Mimycri-Team gehört, so wie Modedesigner, Schneider, Innovationsberater und Umweltökonomen aus verschiedenen anderen Ländern.

Info

Bis Anfang Mai sammelte das Berliner Projekt Unterstützergelder mit einer Crowdfunding-Aktion auf startnext.com. Online wurden schon knapp 300 Taschen verkauft, über die Projektseite mimycri.de.

An mimycri ist derzeit eine gute Handvoll Menschen beteiligt, sie alle arbeiten in einer Coworking-Werkstatt am Prenzlauer Berg. Fast 400 Kilo wog die erste Tranche Schlauchbootmaterial, die die Gründerinnen mit kirchlicher Unterstützung nach Deutschland brachten

Das Besondere – für manche auch das Schockierende – an den Taschen: Sie sind aus Schlauchbooten gemacht, mit denen Geflüchtete unterwegs waren. Dafür bekamen die Gründerinnen einige Kritik zu hören. Doch sie verteidigen ihre Idee. Beide Frauen haben das internationale Fach „Public Policy“ studiert. Vera Günther, 30, beschäftigt sich in ihrem Hauptjob bei den UN mit Lösungen für den Ressourcenmangel, die Innovationsberaterin Nora Azzaoui, 29, findet, man müsse die Kenntnisse und Tricks aus dem Feld der Unternehmensberatung viel öfter auch auf soziale Themen übertragen.

der Freitag: Wenn aus Müll neue Gebrauchsgegenstände produziert werden, nennt man das „Upcycling“. Nicht selten haben solche Produkte einen stolzen Preis. Ein Mimycri-Rucksack kostet 100 Euro. Was unterscheidet ihn von anderen Upcycling-Waren?

Vera Günther (VG): Der größte Unterschied ist das Material. Es gibt zum Beispiel schon Taschen aus LKW-Planen, ein Schweizer Fabrikat. Aber uns geht es um mehr, um etwas anderes als die Ökologie: Wir arbeiten nach dem Konzept „Saving History“ – „Geschichte bewahren“. Die Geschichte steckt im Material, in den Schlauchbootresten, die von sich aus schon eine sehr besondere Geschichte erzählen. Deshalb haben wir auch ein minimalistisches Design gewählt. Es ist bewegend, wenn Leute zum ersten Mal eine unserer Taschen in der Hand halten, es entstehen Gespräche daraus. Das macht mimycri so einzigartig.

Welche Geschichte wird erzählt?

Nora Azzaoui (NA): Es geht um das aktuelle Zeitgeschehen, um Kriege und Konflike. Und damit hängen sehr persönliche Geschichten zusammen: Die Überfahrt auf einem solchen Boot kann traumatisch gewesen sein, die Hoffnungen und Wünsche derjenigen, die die Überfahrt geschafft haben, sind sehr individuell. Genauso offen und vielfältig ist es, wie die Leute hier in Deutschland mit dem Thema umgehen, was sie dabei fühlen oder dazu denken. „Was macht dieses Produkt mit dir?“: Das können und wollen wir nicht steuern. Deshalb ist unser Projekt so spannend.

Woher kommt das Bootsmaterial, wie kommen Sie da dran?

VG: Im Herbst 2015 hat mir ein Freund gesagt: „Wenn du wirklich helfen willst, fahr nach Griechenland“ Es war krass, als ich auf Chios ankam: In den ersten Wochen dort gab es kein Essen für die Menschen, keine Unterkünfte, zu viel zu wenige Helfer. Nora hat spontan auch einen Flug gebucht. Die Zeit dort hat uns verändert.

Wie konnten Sie den Menschen auf Chios helfen?

NA: Außer die Geflüchteten direkt zu betreuen, etwa mit ihnen zu sprechen, war eine der Aufgaben, die Strände sauber zu halten. Das ist auch der lokalen Bevölkerung sehr wichtig. Da liegen nicht nur Plastikflaschen und Rettungswesten herum, sondern auch kaputte Schlauchboote. Nach ein paar Wochen sind die Boote manchmal richtig im Sand begraben. Oder es hängen Überreste davon an den Felsen der Steilküste. Es ist eine befriedigende, aber auch ganz schön anstrengende Arbeit, das Material zu bergen. Auf Chios haben wir wenig geschlafen, es war ein konstanter Ausnahmezustand. Erst zu Hause konnte ich reflektieren: Was habe ich da überhaupt erlebt? Wie geht es jetzt weiter? Daraus ist dann die Projektidee entstanden.

Ist es nicht eine absurde Vorstellung, mit einer Tasche durch die Stadt zu laufen, an der Erinnerung von Krieg und Tod klebt?

NA: Ich glaube, das ist einer der wichtigsten Aspekte von mimycri: Es geht um das Erinnern. Wenn wir diese Taschen nicht nähen würden, würde sich ja auch nichts daran ändern, dass Krieg in Syrien herrscht. Uns ist wichtig, zu zeigen, dass man aus allem etwas Gutes machen kann. Die Boote müssen nicht immer negativ behaftet bleiben. Wenn wir sie wieder aufwerten, vollenden wir auf eine Art die Reise der Leute. Auch, indem wir ihnen in ihrer neuen Heimat durch das Nähen wirtschaftliche Perspektiven bieten.

Jemand, der unterwegs ein Familienmitglied verloren hat, wird wahrscheinlich nicht sagen, dass die Flucht durch die Taschen zu etwas Positivem geworden ist.

VG: Nein, auf keinen Fall. Genau das ist ja ein Statement, wenn man unsere Taschen trägt: Wir wollen damit zeigen, dass wir mit der politischen Situation nicht einverstanden sind. Wir setzen ein Zeichen, dass wir uns nicht damit zufriedengeben, dass tagtäglich Menschen an Europas Grenzen sterben. Ich glaube, viele Leute sind total überfordert von der Situation. Die Taschen sind eine Möglichkeit, trotz der Betroffenheit mit der Lage umzugehen.

NA: Wir könnten es auch einfach lassen und keine Taschen nähen. Aber dann sind die Menschen trotzdem gestorben. Mimycri ist unsere Art und Weise, zum Nachdenken anzuregen. Und vielleicht spornt es auch jemanden an, sich selbst zu engagieren. Es gab Überfahrten, die waren schrecklich. Und es gab Überfahrten, bei denen Leute angekommen sind, die gelacht, gebetet und uns umarmt haben. Es war sehr berührend, dann gemeinsam ihre Familien anzurufen, um zu erzählen, dass es ihnen gut geht. Ja, unser Projekt ist eine zweischneidige Sache – aber nichts ist nur gut oder nur schlecht. Wir suchen Wege, mit einer schwierigen Situation umzugehen.

Wäre es nicht effektiver, direkt Geld an eine andere Flüchtlingsinitiative zu spenden?

NA: Effektivität ist hier vielleicht der falsche Ansatz. Unsere Hypothese ist: Wir müssen anders über Flucht und Migration kommunizieren. Wenn die Menchen über ein solches Produkt damit in Berührung kommen, machen sie sich Gedanken: Was bedeutet das für unsere Gesellschaft?

VG: Ich denke auch, dass es vielen hilft, selbst aktiv zu werden, auch den Geflüchteten. Das Gefühl der Ohnmacht führt bei so vielen dazu, dass sie einfach gar nichts machen, in Agonie verfallen. Unser Projekt zeigt, dass man sich auf ganz unterschiedliche Arten engagieren kann. Es gibt kreative Möglichkeiten, sich für das einzusetzen, woran man glaubt.

06:00 03.05.2017

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