Ein Storch müsste man sein!

Corona-Diaries Eine Einladung von Leila Slimani, Tagträume aus der Normandie und der Lüneburger Heide: Aufzeichnungen unseres erblindeten Tagebuchschreibers – Teil 4
Ein Storch müsste man sein!
Traumhaft

Fot: imago images/Shotshop

Den ersten Teil des Tagebuchs von Hans-Willi Weis lesen Sie hier, den zweiten und dritten hier und hier

Erste Juniwoche

Trostspender Drosten beruhigt die Hörer seines Podcasts hinsichtlich der von den „Superspreadern“ ausgehenden Gefahren. Alles im grünen Bereich. Passend zum Grün der Jahreszeit, bevor auch dieses Jahr das Wüstenklima wieder Einzug hält und alles Land unter der sengenden Sonne verbrennt.

Aber bis dahin werden die Grenzen im Schengenraum wieder geöffnet sein. Wir sind dann schon am Meer, am Ärmelkanal, Silvia und ich. Wie das? Ganz einfach, ein verspätetes Pfingstwunder! In Gestalt einer vollkommen unerwarteten Mail, die uns gestern erreicht hat. Eine Einladung in die Normandie. Freunde von Martine, die uns eingeladen haben? Viel verrückter! Leila Slimani lädt mich ein, in ihr Landhaus, in der Normandie. Sie kehrt mit ihrem Mann und den beiden Kindern noch im Juni nach Paris zurück, auf alle Fälle den ganzen Juli über sei das Anwesen frei und stehe uns also zur Verfügung, mir, dem blinden Autor und „votre assistance d´aveugle“.

Ja, richtig, Leila Slimani ist die mit dem Buch von der kindermordenden Nanny, das auch bei der hiesigen Literaturkritik einige Beachtung gefunden hat. Seit den ersten Lockdown-Tagen im März, nachdem sie mit ihrem Mann und den Kindern Paris in Richtung Norden verlassen hat, schreibt sie von ihrem Landhaus in der Normandie aus für Le Monde ein Corona-Tagebuch. Und in diesem Zusammenhang hat sie ein Kollege aus dem Literaturbetrieb, der von Frankreich aus die Coronadebatte in Deutschland verfolgt, auf meine diesbezüglichen Ausführungen in der Online-Ausgabe der Wochenzeitung Der Freitag aufmerksam gemacht. Sie sei schockiert, „horrifiée“ unter welch widrigen Umständen ich an meinem Tagebuch arbeite, von behördlicher und zivilgesellschaftlicher Seite im Stich gelassen und ohne ein Zeichen der Solidarität aus dem Intellektuellenmilieu. Dies habe sie spontan dazu bewogen, mir in einem Akt grenzüberschreitenden intellektuellen Beistands ihr für mich sicherlich überraschendes Angebot zu machen.

Oh, der "normannische Himmel"!

Klar, man kann jetzt einwenden, Slimani plage ein schlechtes Gewissen, französische Schriftstellerkolleginnen und -kollegen haben ihr lange genug öffentlich die komfortablen Landhausbedingungen vorgehalten, unter denen sie ihr Tagebuch schreibt. Aber ich wäre ja schön blöd, sollte ich deswegen ihre großzügige Einladung in den Wind schlagen. Der oben in der Normandie immer angenehm weht, was besonders in der Julihitze nicht nur fürs Tagebuchschreiben von Vorteil ist. – Juli 1968, zwei Monate nach den französischen Maiunruhen, dem legendären Mai 68, bin ich als siebzehnjähriger Schüler auf einer Busreise das erste Mal in der Normandie gewesen.Während der langen Busfahrt durchs flache Marschland des sich endlos in die Weite dehnenden Küstenstreifens, „above us only sky“, sah man von Zeit zu Zeit schwarzweiß gescheckte Kühe, bis irgendwann auf der Seite zum Meer hin am Horizont, zuerst klein und schemenhaft und dann allmählich größer werdend und mehr und mehr Kontur gewinnend, der Mont Saint Michel wie eine Fata Morgana aus dem Nichts hervortrat. Heute gelingt es mir beim besten Willen nicht mehr, das so eindrückliche Bild des Felsens mit dem in der markanten Turmspitze auslaufenden Bauwerk mir auch bloß halbwegs modellgetreu vors innere Auge zu rufen, was ich einzig zustande bringe, ist etwas wie der Schemen einer preußischen Pickelhaube, die verloren auf der Horizontlinie schwimmt.

Silvia hat bereits das Haus der Slimanis auf GoogleMaps in Augenschein genommen, ein herrschaftliches Anwesen und landschaftlich ausgesprochen schön gelegen, könne man nicht anders sagen. Hoher, alter Baumbestand, unter dessen Schattendach ich auf geraden Wegen mit Blindenstock bequem und unbehelligt ein paar Schritte werde gehen können, ohne gleich mit abgestellten Fahrrädern oder einer Mülltonne zusammenzustoßen. Ich muss an das Gespräch von Jochen Rack mit Karl Heinz Bohrer denken, wo dieser schwärmerisch einen „normannischen Himmel“ beschwört, dessen er ansichtig geworden sei in einer jähen „Plötzlichkeit“, als ein Beispiel der von ihm gepriesenen ästhetischen Augenblicke profaner Erleuchtung. Sind das nicht himmlische Aussichten, gerade für einen Blinden? – Es gibt, so stand in der Mail, eine Hausangestellte oder Zugehfrau und eine Nanny ist wohl auch da, die Silvia hin und wieder bei der Blindenbegleitung ablösen und entlasten könnte. Ich denke nicht, dass uns die Nanny gleich wird ermorden wollen, wir sind Erwachsene, keine Kinder. Falls die Concierge gerade beim Einkauf sei und die Nanny ihren freien Tag habe, läge bei unserer Ankunft der Haustürschlüssel unter der Fußmatte. Total unkompliziert.

Einziger Schönheitsfehler, die Info ist ein Fake, die Einladung existiert nur in meiner Imagination. Mit der wirklichen Einladung verhält es sich etwas schlichter, weniger verrückt. Nicht in ein normannisches Landhaus, auf ein Gehöft in der Lüneburger Heide, ein reetgedecktes Bauernhaus mit Nebengebäude, sind wir eingeladen. Jemand von der Feuilletonredaktion eines Hamburger Wochenblatts bietet uns das an. Wir sind uns persönlich nie begegnet, seit langem interessiert er sich aber stets für das, was ich so schreibe, auch wenn es dann für sein Blatt entweder zu umfangreich oder nicht passend erscheint. Er ist mit der Inhaberin des Gehöfts, einer Malerin und Töpferin, die nebenher auch ein paar Schafe hält, befreundet und selber des öfteren dort untergebracht in dem kleinen, für Gäste hergerichteten Gesindehäuschen. Mit unserer Unterbringung in dem niedlichen Häuschen wäre die coronagerechte Abstandswahrung zum Domizil der Hausherrin und Gastgeberin gewährleistet. „Erschüttert“ sei er gewesen, als er in meinem Coronatagebuch gelesen hat, was bei uns vor sich geht und wie wir von aller Welt verlassen da hängen, eine Schande.

Selbstverständlich nehmen wir die Einladung an, derlei Einfühlungsvermögen, Zugewandtheit, Gastfreundschaft unter persönlich nicht näher bekannten Kollegen im Intellektuellenmilieu ist ganz und gar ungewöhnlich. – In meinem Leben war ich erst einmal „in der Heide“, 1981 anlässlich einer vom „Sozialistischen Büro“ veranstalteten „Sommerschule“, die der „antiimperialistischen Solidarität mit den bedrohten Ureinwohnern Nord-und Südamerikas“ gewidmet war. Das Tagungshaus lag inmitten der idyllischen Heidelandschaft. Ich begegnete Hanna, einer großen Liebe für die Dauer einer Woche, wir schwammen in Teichen und kleinen Seen, es war im August, das Heidekraut, zwischen dem wir uns nackt im warmen Sand ausstreckten, nahm eben seine charakteristische Färbung an. Was beim heutigen physical und social distancing so ohne weiteres gar nicht möglich wäre, oder?

1983, zwei Jahre später, traf ich Hanna noch einmal, an der kalifornischen Steilküste von Big Sur, in Esalen bei den heißen Quellen, wo Fritz Perls und andere ein Zentrum des „human potential movement“ gegründet hatten. Zusammen mit meiner Schwester reiste ich damals durch den amerikanischen Südwesten, Monterey, San Francisco, Yosemite Nationalpark, Abstieg in den Grand Canyon bis – weiter nach unten schafften wir es nicht – „Indian Garden“, Besuch im Navayo Reservat mit Lunchpaket vor der Kulisse von Monument Valley. Einmal in einem Motel im Fernsehen ein Verrückter, der sich dabei filmen lässt, wie er bei über 50 Grad Hitze mit einer Wasserflasche in der Hand und einem nassen Handtuch über dem Kopf durchs Death Valley, das Tal des Todes, joggt. – Hanna wohnte mit ihrem amerikanischen Freund am Rand des Zentrums in einem silbergrauen busartigen Hippiegefährt. Ich hielt mich schadlos bei den Ganzkörpermassagen auf der offenen Terrasse über den Klippen sowie mit einem quasi überirdisch schönen Blick in den Sonnenuntergang über dem Pazifik, dessen Brandung auf der anderen Seite des Ozeans an die Küste Ostasiens spült, jene Weltgegend mit dem direkteren Zugang zum Nirwana.

Dann doch wenigstens in die Lüneburger Heide

Jetzt nach so vielen Jahren endlich eine Wiederbegegnung mit der Lüneburger Heide, meiner und Hannas Heide von einst? Die Wahrheit zu sagen, auch die Reetdachhaus- und Heideversion unseres verspäteten Pfingstwunders trifft nicht zu, ist reine Erfindung. In Wirklichkeit verhält es sich nochmals prosaischer, es geht um ein Angebot aus dem Oberfränkischen. Ein langjähriger Bekannter von mir, wir telefonieren in längeren Intervallen immer wieder miteinander – er hat vor vielen Jahren meine frühen Bücher über Therapie und Spiritualität gelesen und daraufhin Kontakt mit mir aufgenommen, wenige Male haben wir und auch persönlich getroffen – bietet mir und Silvia an, für eine Weile in der Souterrainwohnung seines Hauses zu wohnen, ein anderthalb Zimmerappartement mit Küchenzeile. Das Haus besitzt er zusammen mit seiner Frau, während einer Ehekrise hat er selber eine Zeit lang in dem Appartement logiert, momentan sei es unbewohnt. Weder er noch seine Frau seien zur Zeit „Corona positiv“ und einem vorübergehenden Aufenthalt stünde somit nichts im Weg. Das könne man ja nicht mit ansehen oder auch nur mitanhören, was über unsere Lage im Tagebuch zu lesen sei und was ich ihm auch vorher schon am Telefon berichtet habe, mir jedes Mal von seiner Seite darauf nur „haltet die Ohren steif“ zu sagen und „ich drücke Euch die Daumen, dass ihr bald eine andere Wohnung findet“, da komme er sich ohnmächtig vor – so ohnmächtig, wie er dann tatsächlich doch auch wieder nicht sei.

Natürlich überlegen wir ernsthaft das Angebot anzunehmen, auch wenn ich mich dazu für eine Weile an einem mir unvertrauten Ort aufhalten und zurecht finden muss, auf engstem Raum zusammen mit Silvia. Ich war auch bereits einmal im Oberfränkischen an der Grenze zum Hohenlohischen. Auf einer Klassenfahrt in der Obertertia oder Untersekunda. Wir waren seinerzeit in unserer Schule die letzte reine Jungenklasse und gebärdeten uns dementsprechend. Die Fahrt ging nach Rothenburg ob der Tauber, wo wir in der Jugendherberge untergebracht waren. Bis spät in der Dunkelheit trieben wir uns auf den Wehrgängen der mittelalterlichen Stadtmauer umher. Einmal bestiegen wir mit dem Lehrer den hohen Rathausturm, von wo aus man einen adlergleichen Blick über das Dächergewirr, die verwinkelten Gassen und schmalen Gänge zwischen Gemäuer hat. Ich hatte mich bis dahin noch nie so weit vom Erdboden entfernt und erinnere mich, wie mich beim Anblick die zu Spielzeugfiguren geschrumpften Männlein und Weiblein tief unter mir auf dem Rathausplatz ein leichtes bis mittleres Schwindelgefühl erfasste. – Wie mich auch jetzt wieder ein leichtes bis mittleres Schwindelgefühl erfasst, wenn ich einräumen muss, dass auch diese oberfränkische Einladungsgeschichte nicht wahr ist. Wahr ist vielmehr, dass sich der Ehekonflikt meines Bekannten verschärft hat, so dass er fluchtartig das gemeinsame Haus verlassen hat, um sich in einer noch weiter draußen auf dem Land gelegenen Ferienwohnung auf unbestimmte Zeit einzuquartieren, wo er in einem der letzten Funklöcher gelandet ist, also nicht einmal eine vernünftige Netzverbindung zur Außenwelt zustande bringt. So sieht sie aus, die ungeschminkte Wahrheit, es braucht erst gar nicht Corona, damit sie so richtig trübsinnig aus der Wäsche schaut.



Zweite Juniwoche.

Bislang noch keinen Zusammenstoß mit einem Junikäfer gehabt, diese mit dem Maikäfer verglichen noch plumperen, hubschrauberartigen Brummer, die einem manchmal wie aus dem Nichts auf den Kopf fallen und, wenn sie sich dann in einem Haarbüschel verheddern, einen riesen Rabatz auf der Schädeldecke veranstalten.Von der Tierwelt in Coronazeiten wird noch das eine oder andere zu notieren sein.Zunächst die Auflösung des Rätsels vom verspäteten Pfingstwunder. Wobei eigentlich von Verspätung dann doch nicht die Rede sein kann, insofern wir freitags in der Frühe – zu dieser Stunde gewöhnlich noch unbelästigt von nachbarschaftlichen Nachstellungen – die Wohnung mit leichtem Reisegepäck verlassen haben und über Titisee und Donaueschingen ins Bodenseehinterland aufgebrochen sind. Zu einem anthroposophischen Seminarhaus, dessen bescheidener Seminarbetrieb nach dem Lockdown noch nicht wieder angelaufen ist und das wir nun für zwei Wochen als alleinige Gäste zu einem reduzierten Preis bewohnen dürfen, nicht einmal eine Herbergsmutter oder ein Herbergsvater mit uns im Haus, nur das kleine zum Hofgelände gehörende Cafe hat stundenweise geöffnet. – Vierzehn Tage weg vom Alltag in einer Nachbarschaft und Umgebung, die zwischen Feindseligkeit und Gleichgültigkeit aufgespannt ist, vierzehn Tage Tapetenwechsel und Luftveränderung, aus diesen schlichten Elementen ist es gewirkt, unser selbstgemachtes Pfingstwunder. Chapeau, das nenn ich mir Selbstwirksamkeit, da zieh ich vor mir selber den Hut.

Aber andererseits soll man sich auch nicht in die Tasche lügen. Wenn wir mit letzter Kraft in die Einsiedelei flüchten – „Eremitage“ steht auf einem Holzschild am Eingang zum Seminarhaus –, um uns eine Verschnaufpause im Abwehrkampf gegen die umgebende Feindseligkeit und Gleichgültigkeit zu verschaffen, was ist das für eine Selbstwirksamkeit? Umso mehr als Silvias Alltag in Hinsicht auf die Funktion der Blindenassistenz unverändert ist, in ihrer Rolle der „Bediensteten“, wie sie sagt, der „Dienerin“ für den Blinden, der an unvertrauter Örtlichkeit noch größeren Unterstützungsbedarf als üblich hat. „Und wer bedient mich?“ fragt sie, während sie mir das Ferienwohnungsmenü serviert, „ich würde mich auch gern einmal bedienen lassen“, habe ich regelmäßig ihren Stoßseufzer im Ohr. Und im Imbiss zu Mittag essen bedeutet für sie ebenfalls, das meiste arrangieren zu müssen, Sitzplatz auswählen, mich zwischen Tischen und Stuhllehnen hindurch bugsieren, die Sachen so ablegen, dass sie nicht im Weg liegen oder niemanden stören, die Tagesgerichte oder die Speisekarte vorlesen, derzeit die persönliche Datenabfrage wegen Corona ausfüllen und so fort, ad infinitum. Was heißt, bis zur Erschöpfung und darüber hinaus. Unlust, schlechte Laune, Gereiztheit, Missstimmung sind die Epiphänomene des unvermeidlichen Burnout, der innere unzugängliche Kern ist die Depression.

Bewerbung bei Buddhisten

Auch nach Wohnungen – „wo wir uns doch in der schönen Bodenseeregion aufhalten“ – meint Silvia sich dauernd umschauen zu müssen, eine ganz besonders auf Frustration programmierte Beschäftigung. Obwohl wir uns nach drei Umzügen in etwas mehr als einem Jahrzehnt und demoralisiert und körperlich erschöpft, wie wir augenblicklich sind, kaum vorstellen können, auf uns allein gestellt nochmals einen Umzug zu stemmen. Ein gemeinschaftliches Wohnprojekt böte noch am ehesten eine uns beide entlastende „inklusive Perspektive“, aber finde mal ein Wohnprojekt oder eine Hausgemeinschaft, die auf einen „Vollblinden“ erpicht sind, der demnächst die siebzig überschreitet, überall sind jüngere „Bewerber“ gefragt, die mit anpacken können.

Als wir um die Jahreswende schon einmal hier gewesen sind, besuchten wir ein buddhistisches Zentrum in der Nähe, um dort Wohnmöglichkeiten zu sondieren. Es nennt sich „Quelle des Friedens“, ein Name, der allein schon eine gewisse Anziehungskraft ausstrahlt für geprügelte Hunde wie Silvia und mich. Die Leiterin und Besitzerin des Anwesens, eine freundliche Amerikanerin zeigte sich mitfühlend offen – „compassion“ ist auch im tibetischen Buddhismus eine der Kardinaltugenden –, der Ort verstehe sich als interreligiöse Begegnungsstätte, auch wenn sie selber dem Lamaismus verpflichtet sei und in ihren Räumlichkeiten das Jahr über immer wieder tibetische Lamas beherberge, die zu Zeremonien auf dem Gelände anreisten, wovon auch die Gebetsfahnen kündeten. Als sie in unserem Gespräch einfließen lässt, sie treffe alle das Zentrum angehenden Entscheidungen in Absprache mit den Tibetern, wie sie auch in persönlichen Dingen alles befolge, was ihr von ihrem Meister angeraten werde, geht in meinem Innern der Daumen endgültig nach unten, der zuvor eine Weile unschlüssig auf und ab pendelt. Ich sage mir, wir können unser Wohlergehen schließlich nicht in die Hände von Mönchsgesandten der lamaistischen Theokratie legen. Tibet ist das Dach der Welt, wer von dort oben abstürzt, fällt tief und schlägt hart auf, egal wie viele Sutras er oder sie davor auch rezitiert, wie viele Gebetsmühlen auch zum Rotieren gebracht hat.

Eignen sich frühsommerliche Lüfte und Düfte zum Antidepressivum? Betäubend zwar, aber doch auch wieder belebend, das Erinnern speziell. Die Erinnerung an bessere Zeiten, an selige Sommersonnentage der Kindheit. Seit wir hier sind, umfangen uns nämlich aller Orten auf dem Hofgelände die herrlichsten Düfte, oft von einer Intensität, als habe man soeben ein olfaktorisches Arkadien betreten, wo die Luft mit himmlischen Aromen geschwängert ist. Schon morgens beim Erwachen wehen einem durchs offene Fenster über die Bettdecke die ersten Jasminduftwölklein in die Nase. Draußen wetteifern ganze Schwärme von Duftwolken miteinander um die Lufthoheit. Vor allem Jasmin und Linde, ich übe mich darin, den feinen Unterschied zwischen den beiden Duftnoten riechend zu erkennen, Jasmin duftet eine Spur intensiver, strenger, kräftiger als die liebliche Lindenblüte. Mischt sich indes ein „Jelänger Jelieber“ ein, bricht die ganze Unterscheidungssicherheit meines Riechorgans bereits wieder in sich zusammen, ich gebe mich geschlagen, sinke zurück in die narkotische Indifferenz und überlasse mich ihren berauschenden Glücksempfindungen. Prousts in lauwarmen Lindenblütentee getunkte mickrige Madeleine, habe ich das Gefühl, ist nichts dagegen. Wie Proust überhaupt ja nicht einmal den blassesten Schimmer hat von der hochstehenden Agrikultur des biodynamischen Landbaus, der hier betrieben wird. – Wie das Juwel dieser elysischen Gefilde liegt in ihrer Mitte eingebettet der Rosengarten. Ich lasse mich jedes Mal im Labyrinth der Pfade zu der einen Stelle hinführen, wo ein vom Wind stets sachte in Bewegung versetztes Klangspiel in den Zweigen aufgehängt ist. Die sanft klöppelnden Klänge im Ohr und den betörenden Rosenduft in der Nase fühle ich mich dann wie der Apostel Paulus in den siebten Himmel entrückt.

„Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein“ – so schlimm nicht mit uns, mit Silvias Depression und ihrem Burnout, mit meiner Verzweiflung über eine Welt, die uns nicht braucht und die uns zu verstehen gibt, ihr eine Last zu sein und ihr mit unseren Problemen und Hilfeersuchen auf den Wecker zu gehen. Besonders ich, der ich als ein älterer Erblindeter nicht die digitale Smartness und die Anpassungsfähigkeit und -bereitschaft Jüngerer besitze, die sich auch blind durchwursteln und für ihre Selbstständigkeit, ihre Autonomie und Pflegeleichtigkeit belobigt werden. – Gestern Abend hörten Silvia und ich im Radio die Hörspielfassung von Benjamin Maacks autobiographischem Report Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein, seiner Innenansicht einer Depression (Hörspiel des Monats 2020). Silvia findet eine ihrer Erfahrungen widergespiegelt, in dem, was der Protagonist und eine Mitpatientin in der Psychiatrie von der Wirkung des Psychopharmakas Quetiapin berichten. Dass es selbst niedrig dosiert einen sogleich in einen Dämmerzustand versetzt, der Kopf fällt in den Nacken oder sackt nach vorn auf die Brust, heißt es im Hörspiel, man fühlt sich in ein künstliches Koma versetzt, beschreibt es Silvia. Morgens trockener Mund und gerötete Augen und ein Taubheitsempfinden im ganzen Körper. Ihre Hausärztin, die ihr das Quetiapin als Schlafmittel verschrieben hat, hält es bei niedriger Dosierung für harmlos oder jedenfalls unbedenklich. Und was ist mit den Selbsttötungsphantasien, die sich bei allen, die das Zeug, ob niedrig oder höher dosiert, einnehmen, regelmäßig und hartnäckig einstellen, auch Maacks Protagonist wird davon heimgesucht – gleichfalls „harmlos oder jedenfalls unbedenklich“?

Benjamin Maack ist Anfang vierzig und arbeitet als Journalist und Schriftsteller. Ich frage mich – als einer, dem die bald ein halbes Jahrhundert zurückliegenden Psychiatrie-Bestseller und Kinoerfolge „Einer flog übers Kuckucksnest“ und „Ich habe Dir nie einen Rosengarten versprochen“ noch lebhaft in Erinnerung sind –, womit die beachtliche Resonanz zusammenhängt, die das im Suhrkamp-Verlag erschienene Buch mit Maacks eher unspektakulärer Psychiatriegeschichte zur Zeit in den Medien und beim Lesepublikum findet. Damit, dass heutzutage – und dies würde auch die überwiegend trivialen Verlaufsumstände der Krankheitsgeschichte und ihre streckenweise banale Anmutungsqualität erklären und literarisch rechtfertigen – die Depression eine Volkskrankheit ist, die seelische Volksseuche Nr.1 im Klartext gesprochen, bei der anders als im Fall der Corona-Pandemie keineswegs die Licht am Ende des Tunnels verheißende Herdenimmunität oder auch nur eine zeitgenössische Schluckimpfung in Anschlag gebracht werden kann. – Sollte es sich mit der breiten Aufmerksamkeit der lesenden Öffentlichkeit für eine alles in allem doch gewöhnliche Depressionserzählung wirklich so verhalten, dann erklärt dies für mich auch die Schwierigkeit, mediales Interesse zu wecken für meinen Bericht über unsere eigene Leidensgeschichte, für meine „Aufzeichnungen einer Gewalterfahrung“. Sollte der Aufmerksamkeit für unsere Fallgeschichte also mangelnde Verallgemeinerbarkeit im Wege stehen? Es ist ja richtig: Eine Erblindung und alles damit zusammenhängende Leid erscheint, ganz anders als die Depression, wie ein höchst selten vorkommender biographischer Verkehrsunfall, ein kontingentes Ereignis, von dem getroffen zu werden für den Normal- bzw. Durchschnittsbürger ungefähr so wahrscheinlich ist, wie bei einem Flugzeugabsturz ums Leben zu kommen oder vom Blitz erschlagen zu werden. Aber muss daraus schon ein verlegerisches Desinteresse an einem derartigen Erzählplot folgen? Nur eine verschwindend geringe Zahl von Leuten steht in Gefahr, ermordet zu werden und dennoch finden Krimis reißenden Absatz!



Zweite Juniwoche im Coronajahr 2020.

Die „neue Normalität“ gleicht mancherorts schon wieder sehr der alten. Wenn gleich noch nicht aufs Haar, hauptsächlich wegen der Gepflogenheiten der „coronical correctness“, an welche sich die meisten pflichtschuldig oder ängstlich halten. Kalendarisch punktgenau hat sich die „Schafskälte“ eingestellt und die angenehme frühsommerliche Wetterlage kurzfristig „gedownlockt“ oder „gelockt downed“, keine Ahnung, welches die korrekte Eindeutschung wäre. Aber ich bin noch die Tiergeschichten schuldig, die ich oben versprochen habe. – Ich beginne mit dem Klapperstorch. Ja wirklich, unten im Dorf siedeln jede Menge Klapperstörche, auf jedem Schornstein nistet eine Storchenfamilie, wie mir Silvia versichert. Ich glaube es ihr gern, da ich höre, wie der Patriarch der Familie – oder ist es die Storchenmutter? – immer fort vor sich hin klappert, ein bisschen monoton zwar, aber für das Schlagzeugsolo eines Anfängers sicher nicht schlecht. Bei keinem einzigen der Störche aber entdeckt Silvia ein plärrendes und zappelndes Nackedei im Schnabel, das sind halt doch bloß Kindergeschichten.

Eine wahre Geschichte dagegen ist die vom Neststurz eines Storchenjungen, das diesen auf wundersame Weise überlebt hat, denn in der Regel sind solche Stürze aus luftiger Höhe tödlich. Zum Hergang: Ein Horst mit vier kürzlich geschlüpften Jungstörchen in einem Birnbaum, munteres Gepiepse, sobald die Elterntiere angeflogen sind und die hungrigen Mäuler füttern. Plötzlich vernimmt das beobachtende Ehepaar aus dem Nachbarhaus einen ganz anderen Ton, es schaut nach und entdeckt ein aus dem Nest gestürztes Jungtier, es kauert etwa fünf Meter unter dem Horst. Das beherzte Ehepaar bringt das anscheinend putzmuntere Jungtier zur Storchenstation auf dem Affenberg, wo es die dortige Storchenbeauftragte in Empfang nimmt und es wie ein Wunder nennt, dass das Tier gänzlich unverletzt und nur leicht unterkühlt und ein wenig unterernährt für sein Alter ist. Inzwischen ist der kleine Unglücksvogel auf dem Affenberg neu eingehorstet, hat drei neue Geschwister und ein Storchenelternpaar, das sich daran überhaupt nicht stört – und darf sich mithin zu guter Letzt als einen Glückspilz betrachten. (Quelle: „Jungstorch stürzt in Deisendorf aus einem Horst und lebt jetzt auf dem Affenberg“, in Die Seewoche,Wochenblatt aus der Bodenseeregion)

Ein Jungstorch müsste man sein

Storch müsste man sein, der freundlichen Aufmerksamkeit und Zuwendung halber am besten Jungstorch, hilfsbereite Nachbarn haben, ein beherztes Ehepaar beispielsweise, das einen im Falle von Ungemach in die Obhut der Storchenbeauftragten gibt, die einen wiederum neu einhorstet und einem damit die aussichtslose Wohnungssuche erspart… Störche haben uns Menschen im übrigen noch einiges andere voraus. Erst heute früh beschreibt mir Silvia, als wir auf unserem Rundgang unten durchs Dorf kommen, eine Storch, der, als balanciere er auf einer Rasierklinge, mit einem Bein auf dem Dachfirst steht. Yogi-Storch, denke ich unwillkürlich, sollte man da nicht eine Geschichte draus machen, eine wahre Kindergeschichte? Vielleicht könnte so ein Text, wäre er gut geschrieben, etwas vom literarischen Renommee des berühmten „Kalif-Storch“ Kunstmärchens von Wilhelm Hauff zu seinen Gunsten auf sich lenken.

Doch weitere Eindrücke von der hiesigen Fauna verdienen es festgehalten zu werden. So die folgenden an einem der ersten Abende, noch vor Einbruch der Schafskälte, auf dem Weg entlang der Binsen am Weiher. Vogelstimmen ringsum, von links und von rechts aus einiger Entfernung am Waldrand die Rufe eines Kuckucks, vom Weiher herüber der kehlige Schrei der Enten, dazwischen das Schmatzen und Schnalzen der Frösche, die sich zu späterer Stunde mit zahlreichen Artgenossen zum nächtlichen Paarungskonzert vereinen, man hört es in der an-und abschwellenden Lautstärke noch lange nach Mitternacht vom Zimmer und vom Bett aus. Wiederum ein paar Schritte weiter auf dem Uferweg, eine plötzliche und heftige Luftbewegung an der Teichoberfläche, das Rauschen der Schwäne, wenn sie gravitätisch abheben, ihr mächtiger Flügelschlag mit ausgebreiteten Schwingen, deren Klatschen aufs Wasser, wenn sie gleich darauf nach kaum begonnenem, ein wenig torkeligem Flug in niedriger Bahn über der spiegelnden Fläche wieder landen. „… Ihr holden Schwäne und trunken von Küssen/ tunkt ihr das Haupt ins heilig nüchterne Wasser“ – die passenden Verszeilen zur Abendstimmung am Weiher sind zitierbar auch noch für jemanden wie mich, der seine „Hälfte des Lebens“ schon lange überschritten hat, würde ich sagen.

Vor einer Weile diskutierten die Biologen Josef Reichholf und Andreas Weber in SWR2 Forum über das Thema „Die Tierwelt in Coronazeiten“. Über Gewinn und Verlust, Mitnahmeeffekte wie auch Kollateralschäden für dieselbe aus tierischer Sicht gewissermaßen, als Folge menschlicher Verhaltensumstellung im Zuge der Pandemieeindämmungs und -abwehrmaßnahmen. Der feinfühlige Mensch- und Tierversteher Andreas Weber hält die derzeitigen Vorgänge an der Schnittstelle zwischen Menschenwelt und Tierreich für ausgesprochen günstig, „die Verwandtschaft mit dem Tier“ in uns von neuem wachzurufen und „neu das Tier in uns zu entdecken“. Etwa in Anbetracht der Meldung, aus einer Stadt im Norden Kanadas, wo während des Lockdown eines Morgens ein Rudel Rotwild, Hirsche glaube ich, die Main Street hinuntertrabt, wie in normalen Zeiten sonst nur der Pulk der Touristen, der Shopper und Schnäppchenjäger. Aber auch vor Webers Haustür sei Ungewöhnliches zu beobachten, wenn er den Pudel Gassi führt, lugt auf einmal ein Waschbär hinter einem Baumstamm hervor und tauscht zunächst taxierende und dann vertraute Blicke mit dem Pudel. Bevor er jedoch ins Naturidyll abdriftet und seine Begeisterung sämtliche Tierfreunde mitreißt, schreitet der bodenständige Reichholf ein und gießt ihm ordentlich Wasser in seinen überzuckerten Wein. Mit meinen Worten: Wenn in den Lockdown-Tagen, weil die urbanen Freizeit-und Vergnügungsstätten geschlossen ist, nicht nur die grünalternativen Umweltschützer und Naturliebhaber aus der zahlungskräftigen Mittelschicht Kind und Kegel und Sack und Pack in ihre SUVs laden, um nicht nur wochenends die Naherholungsgebiete heimzusuchen, sondern Kreti und Pleti es ihnen gleichtun und wie die Heuschrecken über Wald und Flur herfallen, dann hat die in der heimischen Natur ansässige Tierwelt nicht mehr viel zu lachen, vielmehr alle Hände oder Pfoten voll zu tun, das Weite zu suchen, um nicht überrannt oder platt getrampelt zu werden.

Und so, logisch weitergedacht, schließt sich der Kreis, der Teufelskreis: Von Menschen verursachter Stress in der Tierwelt – und das Ende vom Lied? Zoonose, alias „die animalische Natur schlägt zurück“. Und trifft nicht selten prompt die Falschen. Zum Beispiel in der deutschen Fleischindustrie die rumänischen Sklavenarbeiter, Wanderarbeiter, „Ostarbeiter und -arbeiterinnen“, das schwächste Glied der Kette innerhalb der fleischverarbeitenden Industrie, diese bemitleidenswerten Kreaturen, die sich auch ohne Virusinfektion schon entweder krumm und bucklig oder zu Tode schuften. Welcher politische Herkules mistet den Augiasstall der Fleischindustrie aus, die nun zu allem Überfluss auch noch zur Corona-Brutstätte geworden ist? Wie viel nitrathaltige Gülle muss noch über Deutschlands Äcker fließen, ehe eine nicht nur dem Lippenbekenntnis nach tierfreundliche Bevölkerung, ehe eine auch aus Vegetariern und Veganern zusammengesetzte Nation sich eines Tages dazu entschließen wird, für die Minderheit der übrig gebliebenen Fleischesser, damit diesen einmal wöchentlich ihr Schnitzel oder Steak auf dem Teller gestattet sei, einen Fleischtag einzurichten, so wie es unter umgekehrtem Vorzeichen vor Jahren mit dem „Veggieday“ angedacht war? – Utopisch diese Idee mit dem Fleischtag? Ich halte mich nur an das, was Carolin Ehmcke bereits Mitte April im Tagesspiegel geschrieben hat. „Es wäre politisch fatal, immer von vorn herein jede gesellschaftliche Veränderung für unmöglich zu erklären, das ist autodestruktiv, damit amputiert man sich seine politischen Utopien. Es braucht immer beides, den politischen Unmut, die öffentliche Kritik, aber auch eine politische, soziale, kulturelle Sehnsucht.“



Bald Mitte Juni, die Sommersonnenwende mit dem längsten Tag und der kürzesten Nacht des Jahres rückt heran.

Von jetzt an geht´s bergab, aber hoffentlich bloß dem Kalenderblatt nach. Zunächst jedoch kommt noch Fronleichnam, „froher Leichnam“, alberten wir als Kinder, was jetzt allerdings despektierlich oder pietätlos wäre angesichts der „Übersterblichkeit“ in den Städten. Besonders in Zeiten der Pandemie lernt man, was Fachausdrücke, termini technici, angeht, auch als älterer Mensch mit stetig abnehmender Restlaufzeit niemals aus. „Tracing App“ ist noch so einer, sie soll um den 15. Juni herum endlich serienreif auf dem Markt sein, von der Politik herbeigesehnt wie das Christkind. Von einigen Datenschützern und allen Paranoikern gefürchtet wie vom Teufel das Weihwasser. Mir geht sie schon deswegen, wie man so sagt am Arsch vorbei, weil mir das nötige Laufwerk fehlt und ich auch gar kein Smartphone bedienen kann. Ein Defizit, das ich, wie ich gelesen habe, mit dem Literaturnobelpreisträger Peter Handke gemein habe. – Ein Wort noch zur Tracing App. Markus Gabriel sieht in ihr den möglichen Einstieg in eine „softe Cyberdiktatur“, noch mehr Daten an die amerikanischen Tech-Monopole etc. Aber ich möchte seine Warnung vor dem Fehlalarm, dem „false positive“ insbesondere ergänzen. Wenn jemand ein Stockwerk über mir ebenfalls die App installiert hat und bei ihm über Bluetooth Signale ein Kontaktalarm eingeht, sei nicht auszuschließen, dass auch meine App darauf anspringt und mich fehl alarmiert. Woraufhin ich mich eventuell, so Gabriel, zum Arzt begebe, um mich auf das Virus testen zu lassen und mir dabei womöglich tatsächlich eine Ansteckung einfange. Doch wäre es bloß das, es kann viel schlimmer kommen: Auf dem Weg zur Arztpraxis kann mich ein von einem Fenstersims kippender Blumentopf (vielleicht auch ein vom bösen Nachbarn geschmissener Aschenbecher, ergänzt Silvia) erschlagen. Oder es kann mich in der Fußgängerzone ein Raser umnieten, der sich mit einem anderen Raser ein Wettrennen liefert in der irrigen Annahme, in der Fußgängerzone sei noch nicht wieder so viel los… Will sagen, wir überschätzen oder unterschätzen generell das Risiko von Risiken.

„No risk, no fun“, dem coolen Spruch Ulf Poschardts und anderer Yuppies aus den 1990-er Jahren und der beginnenden digitalen Ära und Start up-Goldgräber-und Gründerzeit lässt sich unter den veränderten Vorzeichen der gerade anhebenden Ära der Pandemien sogar eine gewisse Wahrheit nun mehr minder frivolen Charakters abgewinnen. Energetisierende Begegnung, intensiver Austausch, das Soziale als sinnliches Erlebnis und die unmittelbare kommunikative Erfahrung „face to face“ an realen Orten physischer Nähe und Dichte sind nicht unter Ausschluss jedweder Ansteckungsgefahr zu haben, man muss in verschiedensten Hinsichten „etwas riskieren“. Was dieser neue, pandemisch geschärfte Blick auf das Stadtleben, auf das Verhältnis von Urbanität und Kultur, an Aufschlussreichem zu erkennen gibt, ist einem klugen Essay von Kathrin Röggla zu entnehmen bzw. abzulauschen, den das Kulturjournal auf Bayern2 dieser Tage zu Gehör brachte. Die Stadt sei bereits von jeher ein „Ort der Anziehung“ und „ein Ort der Ansteckung“, das Ansteckende selbstredend doppeldeutig zu verstehen. Eine spannende soziokulturelle Genealogie der urbanen Anziehung und Ansteckung, was die individuellen Verträglichkeitstoleranzen für Widersprüchlichkeit, Zwiespältigkeit, Unwägbarkeiten, Ambiguität und kognitive Dissonanzen anlangt, für alte Stadthasen nicht weniger provozierend als für notorische Provinzler und intellektuelle Landeier wie unsereinen. Auch wenn wir nicht auf Facebook sind, erlaube ich mir die kleine Werbung für diesen rundum gelungenen Beitrag aus einer intellektuellen Feder. – Wie ansteckend anziehend solches Stadttheater, der städtische Eventkatalysator, der urbane Hexenkessel, sein kann, haben noch vor dem Lockdown zumindest die Münchner miterleben dürfen, als Dionysos – übrigens kein Städter, vielmehr Gebirgsbewohner und Waldschrat, mit städtischen Augen betrachtet – Einzug in den Kammerspielen hielt. Und das Spektakel „Dionysos Stadt“ nach seiner Einladung zum Berliner Theatertreffen auch noch zur „Inszenierung des Jahres“ gekürt wurde – ein allein schon wegen seiner zehnstündigen Dauer dem Exzessiven und Rauschhaften der antiken Dionysien nachempfundenes Antikenprojekt. Heute im Nachhinein dazu der scheidende Intendant Matthias Lilienthal in den DLF-Kulturfragen, „mir macht auch ne Coronakrise Spaß insofern, als dass ich dann Lust hätte, die blöden Theater auch mal ein bisschen da stehen zu lassen, wo sie sind und eigentlich mit anderen Formaten auf die Straße rauszuschwirren ...“

Für uns: nicht mal ein Konjunkturpäckchen

Da dürfte freilich mehr der Wunsch Vater des Gedankens sein, nach so einem Lockdown stellt sich das dionysische nicht gleich wieder ein, auch wenn es einer noch so sehr auf der Bühne oder der Straße inszenieren möchte, theatralisch voluntaristisch. Stadt- und Landbewohner gleichermaßen finden es fürs erste erfreulich genug, wenn im nationalen Rahmen – das Menetekel einer globalen Wirtschaftkrise ist dabei noch lange nicht gebannt – die Lockerungsmaßnahmen auf einem guten Weg erscheinen und je nachdem, wohin man sieht – beispielsweise nach Thüringen –, man sogar den Eindruck gewinnen kann, es ist alles schon wieder stinknormal. In Berlin erntet die Regierung Lob für ihr 130 Milliarden Corona-Konjunkturpaket. Wie kaum anders zu erwarten, ist für die Ärmsten im Land, die sogenannten Hartz IV-Bezieher, nichts mit dabei, nicht einmal ein Konjunkturpäckchen. Jedenfalls nicht für diejenigen unter ihnen, die keine Nachkommen gezeugt haben, die nicht wenigstens „prokreativ“ gewesen sind und sich fortgepflanzt bzw. vermehrt haben, wenn sie schon sonst nichts vermehrt haben, das volkswirtschaftliche Einkommen nicht, nicht die Vermögen, nicht das Kapital.

Auch Silvia und ich gehen leer aus, zählen zu denjenigen ohne Nachkommen, die sich im klassischen Sinne nicht einmal zu den „proles“ – das Wort Proletarier leitet sich von ihnen her – rechnen dürfen, wie sie im alten Rom hießen, nicht zu denen also, die nichts besitzen außer ihrer mehr oder weniger zahlreichen Nachkommenschaft. – Ginge es nur halbwegs gerecht zu, so müssten die Vermögenden mit den „Unvermögenden“ oder Mittellosen solidarisch sein, die Großverdiener und die Besserverdienenden, die kosmopolitischen Eliten, die Vielflieger der „anywheres“, die auf Kreuzfahrtschiffen ums Erdenrund Reisenden, deren aller Hypermobilität zudem im Nu das Virus in alle Weltwinkel verteilt, als „Hyperspreader“ müsste man sie pandemiologisch korrekt klassifizieren. Ginge es also gerecht zu ... Aber ja doch, sicher, nur tut es das leider nicht.

Die Tage unserer bodenseenahen Zweisiedelei waren von vornherein gezählt, die Ebbe in unserer Reisekasse zeigt an, es ist soweit, der Abschied naht. „Die schönen Tage von Aranjuez sind nun vorbei.“ Doppelt traurig, wenn man weder Storch, ich meine Jungstorch sein kann, noch ein junger Prinz ist, wie Don Carlos, dem immerhin die „Unsterblichkeit“ winkt, um die er sich gleich anschließend kümmert. Auch kein auskömmlicher Rentner ist, wenn man vielmehr über den Besitzlosigkeitstatus hinaus noch ein „ nonproles“ ist, einer ohne Nachkommen. Auf letzteres komme ich, nachdem ich vor einigen Tagen auf Bayern2 die Corona-Kolumne des in die Jahre gekommenen Josef von Westfalen gehört habe (nicht mit dem Joseph der Weihnachtsgeschichte zu verwechseln, von dem in Bayern gebürtigen, westfälisch uradligem Geblüt entstammenden Schriftsteller und Frauenheld ist die Rede). Speziell seine Beobachtungen des Verhaltens zwischen den Generationen. Der „Beschützerinstinkt“, die rührende Fürsorglichkeit, mit der die Jungen den Alten, die eben noch deren Zukunft verjubelt haben, stapelweise Kartons voller teurer Biolebensmittel vor die Tür oder auf den Balkon stellten. – Auch hier frage ich mich wieder, wo und in welchem sozialen Umfeld der gute Josef seine Beobachtungen wohl angestellt hat, ich selber kenne mich nicht aus im vermutlich saturierten Altenmilieu der Schwabinger Boheme oder unter den Pensionären der Nobelquartiere um den Münchner Viktualienmarkt. Ich kenne mich lediglich so weit im medial unausgeleuchteten Staufener Hinterstädtchen aus, dass ich mit Gewissheit sagen kann, weder vor unserer Haustür noch auf unserem Balkon seit Coronabeginn auch nur eine einzige Pappschachtel mit Essbarem vorgefunden zu haben. Josef von Westfalen hat also offenbar von einem Wohlstandsphänomen gesprochen, das noch nicht überall angekommen ist.

Auch erwartet Silvia und mich zuhause nicht das neue Ferienparadies Balkonien. Es sei denn, die Polizei hätte zwischenzeitlich den uns nachstellenden Nachbarschaftstäter und erklärten Corona-Attentäter verhaftet und hinter Schloss und Riegel gesetzt, was allerdings äußerst unwahrscheinlich ist. Hier in der Eremitage konnten wir auf die Terrasse bei der Küche, wo ich manchmal in der Sonne gesessen bin und Silvia der Katze das Schälchen mit Wasser und einem Schuss Sahne hingestellt hat. Die beiden haben sich angefreundet, ein Beispiel für das „zärtliche Verwandtschaftsgefühl mit dem Tier“, von dem der Tier- und Menschenfreund Andreas Weber in dem Gespräch mit seinem Wissenschaftskollegen geschwärmt hat. Zurück in unserem Staufener Wohnungsgefängnis wird Silvia gewiss mit Wehmut an diesen Ferienjob der Katzenkellnerin denken, den sie sich zusätzlich aufhalste zu der Aufgabe, bereits mich die ganze Zeit über bedienen zu müssen. So wie ich mich an dem Geschmack, der frisch vom Baum weg gegessenen Kirschen wehmütig erinnern werde, von dem kleinen ein wenig verwachsenen Kirschbaum direkt beim Hauseingang, man braucht bloß den Arm ausstrecken …

Ein Antidot gegen den Weltschmerz im allgemeinen und den „Corona-Cafard“ im besonderen ist der Humor. Was für ein schöner Satz, könnte so bei Wilhelm Busch stehen, „Humor das Antidott macht die Seele wieder flott“. Nicht gekannt haben dürfte freilich Wilhelm Busch den Begriff „Präventionsparadox“. Den ich zur Abrundung den Enkeln und Urenkeln, die ich nicht habe, auf anschauliche und eindrückliche Weise mit einer Tiergeschichte erklären möchte. Das Präventionsparadox leitet sich deswegen nicht aus der Zoologie oder der Zoonosologie ab, es beansprucht über das Tierreich hinaus prinzipielle Gültigkeit. – Eine Löwengeschichte, sie ist kurz und bündig. Ein älteres Ehepaar reist in die Arktis mit einer All Inclusive-Pauschalreise. Angekommen im Ressort wird dennoch am Frühstückstisch des Paares ein Löwenjäger vorstellig, um von ihnen die Löwenabwehrgebühr zu kassieren. „Aber hier gibt es doch gar keine Löwen“, sagt der Mann. Worauf der Löwenjäger erwidert: „Da können Sie mal sehen! Und was glauben Sie, wem Sie das zu verdanken haben?“

Ach ja, beinahe hätte ich es vergessen, weil vorhin in den Radionachrichten jetzt auch aus dem nordrheinwestfälischen Gütersloh Coronainfektionen in einer Fleischfabrik gemeldet wurden. John Lennons „Imagine“ geht mir nicht aus dem Kopf. Ich versuche mich an einer zugegeben etwas eigenwilligen Coverversion. Am Leitfaden der Frage, wie Lennon heuer das Stück wohl komponieren würde, ich meine den Text. Nachstehend wie weit ich bis jetzt gekommen bin: „ Imagine there`s no slaughter house, no meat at all, only vegetable/ No animal bones and bodies below us, above us all the singing birds/ Between man and animal no more hostility, only hospitality/ Since long the world is one, when will we start living life in peace ...“ Na ja, holpert und stolpert noch ganz schön, gut Ding braucht Weile, wie alle Utopie. Das nächste Mal mehr.

Hans-Willi Weis, geb. 1951, ist Philosoph und Kulturwissenschaftler. Er lebt und arbeitet als freier Publizist in Staufen bei Freiburg im Breisgau. 2012 erschien seine Studie zu Wittgenstein, Heidegger, Adorno und Benjamin als Grenzgänger zwischen Denken und kontemplativer Versenkung unter dem Titel Denken, Schweigen, Übung – eine Philosophie des Geringfügigen

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12:47 09.07.2020

Ausgabe 31/2020

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